Umweltfreundliche RZ-Klimatisierung

Passender Standort für das Rechenzentrum

Im Interview gibt Karl-Heinrich Spiering, Geschäftsführer bei der Conect Kommunikationssysteme GmbH, nicht nur Orientierungshilfen für die Standortauswahl von Rechenzentren (RZ), sondern betont auch die große Bedeutung von umweltfreundlichen Energiequellen für eine effektive RZ-Klimatisierung.

Karl-Heinrich Spiering, Conect Kommunikationssysteme

Karl-Heinrich Spiering, Geschäftsführer bei der Conect Kommunikationssysteme GmbH

IT-DIRECTOR: Herr Spiering, ein Blick in die Praxis: Immer mehr Rechenzentren von Großunternehmen kommen in die Jahre. Wann sollten sich die Verantwortlichen für einen kompletten Neubau entscheiden? Und wann reicht die Modernisierung des Data Center aus?
K.-H. Spiering:
Um Entscheidungen hinsichtlich der Unternehmensstrategie und zur konkreten IT-Strategie zu treffen, sind in der Regel verschiedene Faktoren einflussgebend. Wichtigster Punkt ist dabei die Frage der IT-Verfügbarkeit als Faktor zur Sicherung des Unternehmenserfolges, und auch die Energiekosten spielen eine wichtige Rolle. Häufig wird bei unserer Klientel ein energetisch hocheffizientes Zwei-Standorte-IT-Konzept in fehlertoleranter Ausbildung realisiert. In den letzten Jahren sind einige Projekte durch Wirtschaftsprüfer oder die Vorgaben von Versicherern entstanden, weshalb eine proaktive Auseinandersetzung mit einem professionellen IT-Betrieb vorteilhaft ist.

IT-DIRECTOR: Wie lässt sich am besten ein passender Standort für einen Neubau ermitteln?
K.-H. Spiering:
Wenn Unternehmen selbst die Hoheit über ihre IT und ihre Daten innehaben, bietet sich auch hier eine Zwei-Standorte-Lösung an, da wir an vielen Unternehmensstandorten keine idealen Bedingungen vorfinden. Orientierungshilfen für die Standortauswahl sind die Stromversorgung, der Anschluss an das Netzwerk des Unternehmens, ein möglicher weiterer Internetzugang und Gefahrenquellen im Umkreis des potentiellen neuen Standorts. Zwei räumlich voneinander getrennte IT-Standorte in entsprechender Wertigkeit bilden in der Summe dann eine sehr sichere Gesamtlösung.

IT-DIRECTOR: Welche Begebenheiten sollten bei der Standortwahl unbedingt berücksichtigt werden?
K.-H. Spiering:
Bei der Betrachtung von Risikofaktoren sollten Gefahrenpotentiale wie Regalläger, Gastanks etc. identifiziert und in die Schutzzielbetrachtung einfließen. Hier sind Standardwerke wie etwa der BSI-Grundschutz empfehlenswert, um ein eigenes IT-Konzept zu formulieren. Zusätzlich zu diesen potentiellen Gefahrenquellen müssen die Kosten zur Erschließung des Standorts ermittelt und in die Entscheidung einbezogen werden. Umfassende Bauarbeiten oder Einschränkungen im Tagesgeschäft während der Erschließung können zur Einstellung des Projekts führen.

IT-DIRECTOR: Facebook baute ein Rechenzentrum in Luleå in Nordschweden, der RZ-Betreiber Verne Global bietet seit langem IT-Services aus Island an – warum bevorzugen immer mehr Unternehmen skandinavische Länder als Standort für ihre Rechenzentren?
K.-H. Spiering:
Zum einen sind klimatische Bedingungen für die direkte freie Kühlung gegeben, zum anderen ist umweltfreundliche Energie – etwa aus Wasserkraft – vorhanden. Da der Transport von Daten über große Entfernungen kostengünstig realisiert werden kann, stellt sich für diese Unternehmen der Standort Skandinavien vorteilig dar.

IT-DIRECTOR: Zwar fallen die Kosten für die RZ-Klimatisierung im hohen Norden geringer aus als anderswo, doch steigen stattdessen nicht die Heizkosten enorm an? Oder kann die Heizung allein mit der Abwärme der Serverhardware betrieben werden?
K.-H. Spiering:
Microsoft wendet etwa itpac an; dort wird in Luftmischern oberhalb der Racks warme IT-Abluft mit kühler Zuluft IT-gerecht gemischt. Prinzipiell sind zusätzliche Systeme hier nicht erforderlich.

IT-DIRECTOR: Unter welchen Minimaltemperaturen können Hardware und RZ-Komponenten (z.B. USV-Anlagen) noch sicher betrieben werden?
K.-H. Spiering:
Diese Frage ist für den Großteil aller IT-Standorte eher theoretischer Natur. Günstig sind für Standardanwendungen bei Batterien für USV-Systeme 20°C Umgebungstemperatur. IT-Systeme können bis zu einer Temperatur von etwa 27°C wirtschaftlich betrieben werden. Wichtig ist, dass die Herstellervorgaben von etwa 35°C nicht überschritten werden, um plötzliches Herunterfahren oder Defekte zu vermeiden.

IT-DIRECTOR: Welche Argumente können generell gegen die Etablierung von RZ-Standorten in nordischen Ländern sprechen?
K.-H. Spiering:
Aus Sicht von Unternehmen ist generell die Frage nach der Hoheit über ihre Daten etwa in einer Cloud-Umgebung zu stellen. Der Standort des Cloud-Anbieters wäre ein zweites Kriterium.

IT-DIRECTOR: Kritiker verweisen auf die teilweise unzureichenden Infrastrukturen in nordischen Ländern – wie kann man dennoch für hohe Performance und geringe Latenzzeiten bei der Datenübertragung sorgen?
K.-H. Spiering:
Unsere Auftraggeber betreiben ihre IT-Standorte im deutschsprachigen Raum, daher liegen uns zur Bewertung dieser Frage momentan nicht genug Erfahrungswerte vor. Aufgrund moderner Technologien sind sehr große Entfernungen auch kontinentübergreifend realisierbar. Ausschlaggebend für die Umsetzbarkeit sind die Anforderungen der genutzten Applikationen an Latenzen. Vor der Entscheidung über eine Auslagerung in ein weit entferntes Rechenzentrum müssen unter anderem diese Anforderungen aufgenommen und bewertet werden.

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