Open-Source-Betriebssysteme

ReactOS - der quelloffene XP-Nachbau

Ein kostenloses, zu Windows XP kompatibles System, das den Microsoft-Klassiker von 2001 ersetzen kann? Einige Leute versuchen gerade, so etwas auf die Beine zu stellen.

Guter alter Bekannter: XP bald geklont?

Wann wird wohl der letzte Windows-XP-Rechner abgeschaltet? 2051, wenn das Microsoft-Betriebssystem seinen Fünfzigsten feiert? Im Moment sieht es wirklich ein wenig so aus, denn gerade kommen viele Beweise für die unglaubliche Hartnäckigkeit des Uraltsystems an das Tageslicht.

Ein paar Beispiele: Die meisten Geldautomaten, 48.000 Arbeitsplätze der Berliner Verwaltung und 7.200 Arbeitsplätze der Bundestagsverwaltung nutzen XP. Man arbeite daran, die Systeme so schnell wie möglich zu upgraden, heißt es.

Wenn sich der Rollout wegen der hohen Kosten noch weiter verzögert, können die Unternehmen und Verwaltungen eigentlich gleich auf den quelloffenen Windows-Clone ReactOS umsteigen. Der ist zwar noch nicht fertig, aber zeitlich könnte das hinkommen.

Laufzeitumgebung für Windows-Anwendungen

ReactOS ist ein Open-Source-Betriebssystem auf der Grundlage der Architektur von Windows NT und seinem Win32-Subsystem. Ziel des Projekts ist die Entwicklung eines binärkompatiblen Betriebssystems, dass die Ausführung 32-bittiger Treiber und Anwendungen erlaubt. Dabei ist die Referenz zunächst einmal Windows XP (NT 5.1) und Windows Server 2003 (NT 5.2).

Anders ausgedrückt: Auf dem System sollen ohne jede Änderung an Datenträgern und Dateiformaten 32-Bit-Programme laufen, die auch unter Windows XP arbeiten. Dies betrifft jede Menge ältere Programme, die unter neueren Windows-Versionen nicht mehr korrekt arbeiten. Auch in Sachen Hardware gibt es ein Riesenangebot, da die meisten Hersteller immer noch XP-Treiber bereithalten.

Das System wird von Grund auf neu programmiert und soll nach seiner Fertigstellung eine schlanke und flexible Laufzeitumgebung für Windows-Anwendungen sein. Um die Entwicklung zu beschleunigen und die Qualität zu erhöhen, haben einige Leute aus dem ReactOS-Team die Idee einer kommerziellen Variante gehabt.

Kurz vor Weihnachten starteten Aleksey Bragin und Steven Edwards eine Spendenaktion auf Kickstarter für „Thorium Core“. Das neue Produkt ist die Systembasis für einen Cloud-Desktop, auf den mit Smartphones, Tablets und Notebooks zugegriffen werden kann. Er soll außerdem als Zwischenschicht die Geräte der Endanwender von Diensten wie Dropbox abschirmen. Alle für dieses System notwendigen Weiterentwicklungen von ReactOS sollen dabei wieder als Open Source in das Ursprungssystem zurückfließen.

Notorische XP-Nutzer in großer Zahl

Die wechselhafte Entwicklung von ReactOS und das verhaltene Interesse an der Kickstarter-Kampagne zeigen recht deutlich, dass dem Projekt noch ausreichend Schub fehlt. Dies liegt sicher daran, dass Windows in der Open-Source-Welt nicht unbedingt zu den beliebtesten Markennamen gehört. Vermutlich würde die x-te Linux-Distribution deutlich mehr Zuspruch finden als der XP-Klon.

Dabei gibt es tatsächlich den - zumindest theoretischen - Bedarf nach einem schlanken 32-Bit-Betriebssystem für weniger leistungsfähige Rechner mit X86-Prozessoren. Die hohe Zahl der notorischen XP-Benutzer weiß deutlich darauf hin, dass relativ viele Leute problemlos mit einer mehr als zehn Jahre alten Technologie klarkommen - auch in Unternehmen.

Eine Umfrage der Marktforscher von Tech Pro Research ergab, dass mehr als ein Drittel der XP-Nutzer in Unternehmen das System auf jeden Fall weiter nutzen werden. Dafür gibt es drei sehr wichtige Gründe: Die meisten Befragten fanden, dass ein Update sinnlos ist, wenn das bestehende System noch funktioniert. Ein zweiter häufig genannter Grund ist Altsoftware, die auf neueren Windows-Versionen nicht funktioniert und die hohen Kosten für den Umstieg sind ebenfalls für viele ein großes Hindernis.

Potentielle Nutzer gibt es also in großer Zahl, doch wie können ReactOS und Thorium Core von dieser unverschlossenen Zielgruppe profitieren? Vermutlich wird es nicht ohne die Unterstützung einer oder mehrerer großer IT-Unternehmen gehen. Das ist auch bei anderen Open-Source-Projekten so. In Berichten über Linux steht immer wieder, dass es ein von engagierten Entwicklern in ihrer Freizeit zusammengeschraubtes Betriebssystem ist. Doch das ist eher ein schöner Mythos. Ein deutlicher Teil des Entwicklungsaufwands wird von Unternehmen geleistet.

Bildquelle: Microsoft

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