Digitaler Wandel

(R)evolution: Die neue Rolle des CIO

Die Rolle des Chief Information Officers (CIO) hat sich in den vergangenen Jahren gründlich gewandelt. Im Zuge des digitalen Wandels steht ein weiterer Evolutionssprung noch bevor.

Die Rolle des CIO bei der Digitalisierung

Chief Information Officers sollten bei Digitalisierungsbestrebungen aktiv ihre Schlüsselrolle behaupten.

C-Level-Positionen sind auf dem Vormarsch: Immer häufiger übertragen Unternehmen Verantwortlichkeiten im Digitalumfeld auf mittlere Führungskräfte wie den Chief Data Officer oder den Chief Digital Officer. Auf den ersten Blick eine schlüssige Entwicklung. Doch ignoriert diese, dass sich die meisten Unternehmen längst auf dem Weg zum vollständig digitalisierten und datengesteuerten Betrieb befinden. Verantwortlich für die entsprechenden Initiativen zeichnet der CIO.

Doch nach Jahren der Zentralisierung und Konsolidierung einer immer komplexeren IT-Landschaft sieht sich dieser in jüngster Zeit mit einem direkten internen Wettbewerb konfrontiert. Dies ist unter anderem den branchenspezifischen Schatten-IT-Praktiken geschuldet, getrieben von DevOps sowie der Forderung nach cloud-basierten Anwendungen und Services. Von daher müssen sich CIOs bei sämtlichen Digitalisierungsbestrebungen aktiv für ihre Schlüsselrolle einsetzen – sonst sind sie über kurz oder lang nur noch für den Betrieb von Altsystemen zuständig.

Ein Aufgabenfeld im Wandel

In der Vergangenheit trieb der CIO die Weiterentwicklung der IT von einer Kostenstelle zu einem Umsatz-Center voran. Er modernisierte das Rechenzentrum, konsolidierte die Unternehmens-IT und kümmerte sich um die Sicherheit, Business Continuity und Projekte zur Einhaltung gesetzlicher Vorschriften.

In jüngerer Zeit warnte er dann vor den Risiken einer Annäherung an den Verbraucher – der „Konsumerisierung“ – und vor den Auswirkungen der BYOD-Bestrebungen (Bring your own Device). Gleichzeitig kam vom CIO aber auch die Initialzündung zum Wechsel vom etwas eingestaubten Client/Server-Computing in die schöne neue Cloud- und Mobile-Welt.

Und heute ist man im Digitalisierungszeitalter angekommen. Technologien verändern praktisch jeden Geschäfts- und Produktionsprozess. Unternehmen agieren damit auf einer digital automatisierten, Daten- und Künstliche-Intelligenz-gesteuerten Basis. Die Rolle des modernen CIO gewinnt damit sprunghaft an Bedeutung – und wird in Zukunft weiter an Komplexität, Anspruch und Facettenreichtum zunehmen. Hier die wesentlichen Aspekte, die diese Entwicklung forcieren:

Der CIO als Business-Partner
Der CIO ist innerhalb des Unternehmens als Geschäftspartner zu betrachten. Dies wurde bereits mehrfach betont. Doch wächst die strategische Bedeutung der IT-Abteilungen weiter und sie rückt enger an den Kern der Wertschöpfungskette. Im Unternehmensbewusstsein muss daher fest verankert sein, dass die IT-Abteilung Nutzen stiftet und nicht nur Kosten produziert. Ihre Arbeit wirkt sich also unmittelbar auf das Geschäftsergebnis aus. Stimmen die Rahmenbedingungen, so liegt es am CIO, seine C-Riege an die digitale Front zu führen. Er wird nicht umhinkommen, die Relevanz der Digitalisierungsbestrebungen regelmäßig zu betonen – zum einen für den Umsatz und die Wettbewerbsfähigkeit und zum anderen als tragendes Fundament für künftige Geschäftsmodelle. „Business“ ist das Zauberwort: Denn auch wenn viele der notwendigen Maßnahmen technischer Natur sein werden, muss der CIO ihre Bedeutung in Geschäftssprache verständlich machen. Keine leichte Aufgabe, denn die digitale Transformation wird immer wieder Geschäftsmodelle und -prozesse hervorbringen, die bis dato nur wenige überhaupt in Betracht gezogen haben dürften.

Der CIO als Start-up-Mentor
Die Digitalisierung ruft meist firmenübergreifend eine Welle von individuellen Innovationsprojekten hervor. Damit setzt sich ein altbekanntes Thema aus der IT-Geschichte fort: Innovation muss nicht zwangsläufig von einem fest etablierten IT-Bollwerk ausgehen. Weder bei der PC-Revolution noch bei der Mobile- bzw. Cloud-Revolution war die IT die treibende Kraft. Der moderne CIO muss daher eine Start-up-Mentalität besitzen: Als Mentor nimmt er experimentierfreudige Mitarbeiter an die Hand und stärkt sie fortlaufend – ganz gleich ob in der IT-Abteilung oder den Fachbereichen. Es ist Aufgabe des CIO, agile Entwicklungsmethoden zu fördern. Nur so kann er Innovationen beschleunigen und sicherstellen, dass neue Lösungen auch den volatilen Anforderungen der Digital Natives entsprechen. Zudem muss der CIO, eine „Start-up-Kultur“ etablieren, die innovationsfreudige Mitarbeiter belohnt und sie im Fall des Scheiterns ermutigt, immer wieder neues zu versuchen.

Der CIO als Service-Aggregator
In vielen Unternehmen sind die Digitalisierungsbestrebungen weit verstreut und neue Services sowie Anwendungen über mehrere Cloud-Anbieter verteilt. Dadurch treten zerstückelte Aktivitäten auf Abteilungsebene an die Stelle einer konzertierten Transformationsstrategie. Hier muss der CIO als verbindende Kraft agieren und als Service-Aggregator eine konsolidierte Roadmap vorgeben, die jedem Unternehmenszweig die Digitalisierung ermöglicht. Dies vermeidet ein wildes Durcheinander individueller Innovationsbemühungen und bindet neue Ideen in eine stringente Geschäftsstrategie ein.

Der CIO ist gefordert, Technologien und Daten für alle Geschäftseinheiten zu integrieren und sich für eine einheitliche „Digital-First“-Strategie einzusetzen. Diese gilt es, mit geeigneten Technologien zu untermauern – darunter abteilungsübergreifende DevOps, eine auf Self-Service abgestellte Prozessautomatisierung, flexiblere Workflows und die strategische Nutzung von Multi-Cloud-Services.

Der CIO als Talente-Magnet
Durchgängige Self-Service-Prozesse, eine KI-basierte Entscheidungsfindung, die robotergestützte Prozessautomatisierung, autonome Langstreckentransporte – für viele Arbeitsplätze bedeutet die digitale Transformation das Aus. Gleichzeitig wird sie aber auch eine Vielzahl neuer Berufe hervorbringen. Schon heute suchen Unternehmen händeringend nach hochqualifizierten Fachkräften wie Data Scientists, KI-Spezialisten, Multi-Cloud-Softwarearchitekten, Entwickler für Mensch-Maschine-Schnittstellen, Robotik-Experten und so fort. Der geradezu sprichwörtliche „War for Talents” tobt seit Jahren und steht jetzt kurz vor der Eskalation. Aus diesem Grund muss der CIO seinen Fokus darauf legen, „High Potentials“ zu gewinnen und zu halten. Das bedeutet nicht nur, den IT-Mitarbeitern die neuesten und tollsten Gadgets und Funktionen zur Verfügung zu stellen. Das IT-Team benötigt auch flexible digitale Arbeitsbereiche, die ihm ermöglichen, je nach individueller Vorliebe und familiärer Situation überall und jederzeit zu arbeiten. Auch dieser Aufgabenbereich geht weit über die Technik hinaus.

Der CIO muss Fähigkeiten mitbringen, von Teambildung, Motivation, Mentoring und Karriereberatung über Konfliktlösung und Krisenmanagement – bis hin zur Kunst, der C-Riege begreifbar zu machen, warum langfristige IT-Investitionen über den künftigen Geschäftserfolg entscheiden.

Erneut steht die Existenz der IT auf dem Prüfstand und ihre Rolle ändert sich fundamental. Neue, kritische Aspekte machen die Rolle des CIO noch komplexer. Das IT-Team in diese neue Welt zu führen, ist anspruchsvoll, in vielen Fällen sogar geschäftskritisch. Doch führt der Weg für keinen CIO daran vorbei, sich dieser neuen Chance zu stellen.

* Der Autor Christian Reilly ist CTO bei Citrix.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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