Im Gesrpäch mit Karsten Glied, Techniklotsen

Robotik in der Medizinbranche: Die Pflege der Zukunft?

Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH, sieht das Potential des ­Einsatzes von Robotik sowie Digitalisierung in der Medizinbranche gerade darin, ­Pflegekräften mehr Zeit für ihre Patienten zu verschaffen. Die flächendeckende ­Umsetzung wäre „gewinnbringend für die Pflege der Zukunft“.

  • Intelligente, eigenständig arbeitende Roboter in der Medizinbranche sind noch Zukunftsmusik.

    Intelligente, eigenständig arbeitende Roboter in der Medizinbranche sind noch Zukunftsmusik.

  • Karsten Glied von der Techniklotsen GmbH.

    „Der Einsatz von Robotern soll vor allem den Pflegekräften zugutekommen und langfristig die Folgen des Pflegenotstands abmildern“, betont Karsten Glied von der Techniklotsen GmbH.

IT-DIRECTOR: Herr Glied, ist Robotik in der deutschen Gesundheitsbranche bisher nur Science-Fiction oder schon Realität?
K. Glied:
Sowohl als auch, denn in der Medizintechnik sind bereits unterstützende Roboter Realität geworden, die etwa bei komplizierten Operationen von Menschen gesteuert werden. Intelligente eigenständig arbeitende Roboter sind jedoch noch Zukunftsmusik. Dabei scheitert die Umsetzung weniger an der Technik als vielmehr an fehlenden Strukturen in Einrichtungen oder mangelnder Akzeptanz aufseiten des Personals.

IT-DIRECTOR: Welche Robotertypen sind möglich und wie können die smarten Helfer den Krankenhausalltag konkret verbessern?
K. Glied:
Geforscht wird an vielen Robotertypen und deren Anwendbarkeit für die Sozialbranche. Neben den erwähnten Robotern in der Medizintechnik stehen bereits autonom fahrende Reinigungsroboter zur Verfügung, die Flure in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen säubern könnten. Vor allem Asien treibt aufgrund des dortigen rasant steigenden Durchschnittsalters vermehrt die Entwicklung von intelligenten Pflegern an, die etwa den Patiententransport übernehmen oder Getränke servieren – ein paar dieser Serviceroboter kommen dort auch schon im Bereich der Pflege zum Einsatz. Interaktive Roboter (wie die intelligente Robbe Paro oder Androide) aus dem asiatischen Raum drängen langsam auf den deutschen Markt und werden bereits vereinzelt zu Therapiezwecken eingesetzt, sodass Pflegekräfte gezielt entlastet werden.

IT-DIRECTOR: Wie wird die Einbindung der Roboter in die Infrastrukturen der Gesundheitsbranche ermöglicht?
K. Glied:
Krankenhäuser und Pflegeheime benötigen für die Einbindung von Robotern vernetzte Infrastrukturen wie LAN und WLAN. Doch beim Ausbau der Digitalisierung liegt der Gesundheitssektor etwa zehn Jahre hinter den Industriebranchen zurück. Vorstellbar ist auch, dass Indoor-Navigationssysteme, sogenannte Beacons, für Roboter genutzt werden. Die gewonnene Autonomie der smarten Helfer, selbstständig zu bestimmten Standorten zu fahren, erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Hierfür notwendig sind jedoch bauliche Maßnahmen zur Barrierefreiheit für die autonomen Systeme. Meiner Meinung nach begehen viele Einrichtungen den Fehler, Ausgaben für die Digitalisierung isoliert zu betrachten, dabei lassen sich beispielsweise Sanierungsarbeiten mit Leitungsverlegungen verknüpfen und so Kosten gering halten. Allerdings braucht es eine gute Digitalisierungsstrategie, um diese Chancen auch zu nutzen.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Herausforderungen ist die Einbindung in den Pflege- und Krankenhausalltag verbunden?
K. Glied:
Der Mensch muss bereit sein: In erster Linie verantwortlich für die Digitalisierung oder den Einsatz von Robotik sind Management und Entscheider in Einrichtungen, auf dieser Ebene muss daher ein Umdenken stattfinden. Denn: Die Digitalisierung ermöglicht Entlastung und Einsparungen für Einrichtungen. Ohne die Akzeptanz des Krankenhaus- und Pflegepersonals sowie der Patienten und Angehörigen wird jedoch die Umsetzung technisch erprobter Systeme deutlich erschwert. Wichtig ist es also, dass bei der Einbindung der Technologien alle Beteiligten an einem Strang ziehen und das große Plus an Versorgung als den wichtigsten Vorteil von Robotik erkennen. In diesem Zusammenhang besteht eine weitere Herausforderung darin, die Systeme anwenderfreundlich zu gestalten, indem Oberflächen intuitiv bedienbar werden.

IT-DIRECTOR: Wie gestalten sich denn konkret die Reaktionen des Pflegepersonals und auch der Patienten hinsichtlich des Robotereinsatzes?
K. Glied:
Es gibt einerseits die Hoffnung auf Entlastung im Arbeitsalltag und andererseits besteht die unbestimmte Angst vor Verdrängung aus dem eigenen Arbeitsumfeld. Auch Patienten stehen dem Einsatz kritisch gegenüber, befürchten sie doch, auf menschliche Interaktionen vollständig verzichten zu müssen. Doch beide Annahmen sind gänzlich unbegründet, da es sich in erster Linie um die Angst vor dem Unbekannten handelt. Das Potential des Einsatzes von Robotik sowie Digitalisierung steckt gerade darin, Pflegekräften mehr Zeit am Patienten zu verschaffen. Die flächendeckende Umsetzung wäre daher gewinnbringend für die Pflege der Zukunft.

IT-DIRECTOR: Worin bestehen die Nachteile und Risiken von Robotereinsätzen in der Medizin bzw. Pflege?
K. Glied:
Meiner Meinung nach gibt es bei dem Einsatz von Robotik keine Nachteile. Kritisch betrachte ich eher, dass sich wichtige Akteure vor der Digitalisierung verschließen. Patienten sowie Pflegekräfte stehen den neuen Technologien leider skeptisch gegenüber. Dabei verzeichnen einige Roboter wie etwa die intelligente Robbe Paro bereits therapeutische Erfolge bei Demenzpatienten. Bei der Angst vor dem Unbekannten, in diesem Fall den Robotern, handelt es sich um ein kulturelles Phänomen, das jedoch in anderen Ländern deutlich ausgeprägter ist. In Japan ist beispielsweise die körperliche Nähe mit Fremden aufgrund der dort herrschenden tradierten Umgangsformen problematisch. Um die eigene Privatsphäre zu wahren, ziehen Patienten dort häufig Trageroboter zum Umbetten dem Pflegepersonal vor.

IT-DIRECTOR: Wie sehen die langfristigen Ziele des Einsatzes von Robotik in der Gesundheitsbranche aus?
K. Glied:
Der Einsatz von Robotern soll vor allem den Pflegekräften zugutekommen und langfristig die Folgen des Pflegenotstands abmildern. Durch die ständige Substitution von Routinetätigkeiten wie Staubsaugen oder Wischen wird Personal frei für weitere Aufgaben zur Unterstützung des Pflegealltags.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 04/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Langfristig ändert sich dabei auch der Arbeitsalltag, denn vor allem körperlich schwere Aufgaben können die intelligenten Maschinen übernehmen und zur Entlastung von Pflegekräften beitragen. Technologien, die jetzt schon zur Verfügung stehen, bieten zahlreiche Chancen zur Verbesserung der Gesundheitsbranche und sollten daher standardmäßig eingesetzt werden.

IT-DIRECTOR: Ab wann werden wohl humanoide Assistenzroboter über die Krankenhausflure „rollen“ und sich um das Wohl der Patienten kümmern?
K. Glied:
Dann, wenn Deutschland dafür bereit ist. Aus meiner Erfahrung mangelt es vor allem an der Akzeptanz sowie an IT-Infrastrukturen, wenig erprobten Systemen und gesetzlichen Auflagen, die den Einsatz der smarten Helfer regeln können. Die Technik jedoch ist bereits weit genug entwickelt.

Bildquelle: Techniklotsen

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