Blockchain von vielen Mythen umgeben

Schluss mit der Märchenstunde

Das Blockchain-Prinzip ist durch den globalen Handel mit Kryptowährung zum Lieblingsthema vieler Digitalisierungsenthusiasten geworden. In der Realität handelt es sich bei der Technologie aber nach wie vor um ein Nischenphänomen, das von vielen Mythen umgeben ist.

Ein aufgeschlagenes Märchenbuch

Die recht abstrakte und oft nur schwer zu vermittelnde Natur der Blockchain-Technologie fördert die Verbreitung von Missverständnissen und halb garen Mythen.

Geht es nach einem im September vorgelegten Positionspapier der Bundesregierung, dann handelt es sich bei der Blockchain um nicht weniger als einen Baustein für das Internet der Zukunft. Ein Puzzleteil, das ein breites Feld an innovativen Anwendungsmöglichkeiten bietet. Das mag zunächst verdächtig nach altbekannten Digitalisierungsphrasen klingen, tatsächlich wird das Ministerium mit der 24 Seiten starken Blockchain-Strategie aber erstaunlich konkret und stellt dabei gleich eine ganze Reihe an Fördermaßnahmen vor. Das gefiel auch den Verbänden – sowohl Bitkom als auch der BVDW lobten den Schritt und sprachen von einem wichtigen Signal. Ein zentraler Punkt der Agenda: Mehr Vertrauen in die digitalen Räume schaffen. Wo die Hürden für Täuschung und Manipulation drastisch erhöht werden, kann sich schließlich auch die Digitalisierung ganz anders entfalten – das leuchtet irgendwie ein.

Die Blockchain-Strategie der Bundesregierung

Am 18. September 2019 hat das Bundeskabinett die Blockchain-Strategie verabschiedet und damit auch Deutschland eindeutig im Rennen um die technologische Vorherrschaft auf dem noch jungen Sektor positioniert. Von dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) erarbeitet möchte die Regierung mit dem Positionspapier nicht nur die richtigen wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern auch klare Anreize für die Forschung und neue Innovationen schaffen. Eine wichtige Rolle auf der Agenda der Regierung spielt die Energiebranche, die durch konkrete Pilotprojekte schon früh von möglichen Anwendungsszenarien profitieren soll. Darüber hinaus wird auch der Finanzsektor früh in die Umsetzung der Strategie einbezogen, um neue Möglichkeiten zu eröffnen, aber auch eine gewisse Stabilität zu sichern.

Während die Bundesregierung inzwischen offenbar recht genau weiß, wie sie sich in Anbetracht der neuen Möglichkeiten positionieren möchte, scheint sich die hiesige Wirtschaft noch nicht so sicher zu sein. So sehen laut einer Bitkom-Studie ganze 88 Prozent der befragten Unternehmen bei sich selbst derzeit keine sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten für die Technologie. In nur einem von zehn Unternehmen werde überhaupt über den Einsatz einer Blockchain diskutiert. Dabei sind praxisorientierte Pilotprojekte inzwischen keine Seltenheit mehr. Überall dort, wo eine manipulationssichere Protokollierung von Informationen gefragt ist, kann die Blockchain spürbar Abläufe vereinfachen und die Sicherheit erhöhen. So lässt etwa Lufthansa Industry Solutions spezielle IoT-Datenströme in einer Blockchain sichern, die Auskunft über Fracht- und Transportschäden geben können. GS1 hat wiederum gemeinsam mit verschiedenen Partnern gezeigt, wie der Palettentausch im Logistikalltag mit der Technologie deutlich vereinfacht werden kann. Kurz: Ansätze gibt es, die oft beschworene große Disruption ist aber noch nicht in Sicht. In welchem Segment dieser nächste umfassende Schritt erfolgen könnte, ist nach wie vor umstritten.

Gemeinsame Vertrauensbasis

Katja Tietze, Blockchain Consultant bei T-Systems Multimedia Solutions, würde zunächst die Frage stellen, ob es das große und breit angelegte Anwendungsszenario für die Blockchain in der physischen Welt überhaupt gibt. Ihrer Meinung nach ist der spezielle Charakter eines Use Cases nicht zwingend ein Kriterium für dessen allgemeine Tragweite. Als Beispiel führt sie dafür das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und seine Bedeutung für das Internet an. Einen deutlichen Mehrwert sieht Tietze überall dort, wo eine gemeinsame Vertrauensbasis bei der Kollaboration zwischen verschiedenen Parteien gefragt ist. Dr. Sebastian Hallensleben, Portfolio-Manager Digitalisierung und KI im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), denkt an ähnliche Möglichkeiten: „Ich sehe die vielversprechendsten Anwendungen dort, wo eine Blockchain die Funktion eines Notars oder Vertrauensankers spielt, insbesondere in Jurisdiktionen, in denen das Vertrauen in den Staat fehlt“, so seine Einschätzung. Die entsprechenden Szenarien werden sich seiner Meinung nach über alle Bereiche erstrecken – darunter Industrieproduktion, Energiewirtschaft, Börsenhandel, die Verwaltung von Gesundheitsdaten, Grundbuchwesen oder Produktverifizierung.

Martin Kreitmair, Geschäftsführer und Mitgründer des Blockchain-Dienstleisters Tangany, misst wiederum der virtuellen Abbildung von Vermögenswerten eine große Bedeutung bei und nennt die von der Großen Koalition geplanten Blockchain-Anleihen als Positivbeispiel. Wie ernst es die Regierung mit diesen Plänen meint, zeigt sich nicht nur am straffen Zeitplan für die Umsetzung dieses Vorhabens, sondern auch an der Entschlossenheit, mit der in diesem Fall das geltende Recht angepasst werden soll. Dieses sah bisher nämlich vor, dass Wertpapiere tatsächlich auch in haptischer Form vorliegen müssen. Hier will die Bundesregierung in Zukunft Ausnahmen erlauben.

Die Ambitionen in der hiesigen Politik werden auch am Deloitte Blockchain Institute wohlwollend beobachtet: „In kaum einer anderen Technologie ist die Politik so aktiv und schnell dabei, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Adaption der Technologie zu schaffen“, stellt Jens Paulsen, Manager bei dem internationalen Beratungshaus, fest. Sowohl die Bundesregierung mit ihrer Blockchain-Strategie als auch die BaFin mit ihren Stellungnahmen bereiteten demnach gerade den Boden, um die neuen Möglichkeiten rechtssicher einsetzen zu können. „Deutschland befindet sich hier auf der Zielgraden, sich einen echten Standortvorteil zu erarbeiten“, so die Einschätzung des Experten.

Keine Allzweckwaffe

Die Beispiele aus der Praxis verdeutlichen schnell, dass entsprechende Projekte nur dort erfolgreich sein können, wo auch wirklich die Qualitäten der Technologie gefragt sind. „Für die Blockchain bedeutet das z.B., dass man die richtigen Partner im Boot haben muss“, betont Katja Tietze. Jeder könne sich eine Blockchain „in den Keller stellen“, aber der Mehrwert sei dann eben stark eingeschränkt, so ihr Urteil. Darüber hinaus müssten sich Blockchain-Projekte an den gleichen Erfolgskriterien messen wie alle anderen Software-Projekte: „Nur weil es eine neue Herangehensweise ist, sollte man nicht nachlässig oder knauserig sein in der Umsetzung. Mit zu wenig Budget oder schlecht ausgebildeten Leuten scheitert letztlich jedes Vorhaben.“

Sebastian Hallensleben plädiert ebenfalls dafür, sehr genau zu überlegen, ob die Blockchain das richtige Werkzeug für ein Projekt ist: „Eine Blockchain-basierte Lösung muss immer kritisch daraufhin hinterfragt werden, ob sich mit bereits etablierten technischen Mitteln nicht gleiche oder sogar bessere und günstigere Ergebnisse erzielen lassen“, so seine Einschätzung. Auch er sieht mangelnde Expertise als ein grundlegendes Problem: „Wie auch für viele andere digitale Technologien fehlen Fachkräfte. Es kommt erschwerend dazu, dass die Qualität der Blockchain-Expertise eines Bewerbers oder Freelancers für ein Unternehmen nur schwer einzuschätzen ist.“ Für Martin Kreitmair ist ein Markt für qualifizierte Fachkräfte in dem Segment „quasi nicht existent“. Um Entwickler zu finden, müsste man diese selbst ausbilden. Allerdings könne man positive Entwicklungen bei den Universitäten beobachten, die sich dem Thema langsam nähern würden.

Blockchain as a Service (BaaS)

 

Mit BaaS können Teile der bestehenden Probleme gelöst werden, wie z. B. hohe anfängliche Implementierungskosten. Durch BaaS können Blockchain-Projekte mit wenig Aufwand aufgesetzt werden, da grundlegende Sicherheits- und Governance-Strukturen vorhanden sind. Allerdings sind individuelle Konfigurationen der Netzwerke meist nur begrenzt möglich. Es ist besonders wichtig, dass die Services richtig aufgesetzt sind. Dies beinhaltet u. a. eine sehr hohe Transparenz und vollständige Kontrolle durch die nutzende Firma, um die Dezentralität der Blockchain sicherzustellen. Es handelt sich um kein wahrhaftig verteiltes System, wenn alle Blockchain-Nodes in der Cloud des Betreibers gebündelt werden und dem Betreiber somit vertraut werden muss. Daher sollte beim Aufsetzen mittels BaaS immer darauf geachtet werden, die Dezentralität der Lösung nicht auszuhebeln und zentrale Angriffspunkte zu schaffen.

Quelle: Deloitte Blockchain Institute

Der Fachkräftemangel mag bei der Umsetzung von Blockchain-Projekten ein akutes Problem sein, Ambitionen scheitern aber oft auch an anderen Faktoren. Jens Paulsens Einschätzung zufolge können grundlegende Differenzen wie eine fehlende gemeinsame Vision oder Uneinigkeiten in der Kollaboration bereits in der Konzeptionsphase dazu führen, dass Blockchain-Projekte eingestellt werden. Laut Katja Tietze stellen sich häufig schon bei der Budgetvergabe erste Komplikationen ein. Doch selbst das richtige finanzielle Polster ist kein Erfolgsgarant. So liege das Scheitern von Projekten häufig auch daran, dass mit einem Vorhaben unbedingt einen Anwendungsfall demonstriert werden soll, der eigentlich gar nicht von den Qualitäten einer Blockchain profitiert. Die Folge: Es kann auch kein Nutzen nachgewiesen werden. Für Martin Kreitmair sind solche Probleme auch in der fehlenden Nutzerfreundlichkeit und der Komplexität der Technologie begründet. Hier müsse der Reifeprozess noch weiter voranschreiten.

Im Reich der Mythen

Die recht abstrakte und oft nur schwer zu vermittelnde Natur der Blockchain-Technologie erschwert allerdings nicht nur die Umsetzung von Vorzeigeprojekten, sondern fördert auch immer wieder die Verbreitung von Missverständnissen und halb garen Mythen. Solches Halbwissen verstellt wiederum den Blick auf eine neutrale Betrachtung der Möglichkeiten und Potenziale. Besonders verbreitet ist etwa die Annahme, dass Blockchain-Projekte extrem energiehungrig seien. Eine Erkenntnis, für die laut Katja Tietze oft irrtümlicherweise die Bitcoin-Blockchain herangezogen wird: „Bitcoin wurde bewusst so konzipiert, teuer zu sein und viel Energie zu verbrauchen. Das ist aber keine inhärente Eigenschaft aller Blockchains, was allerdings nur wenigen Leuten klar ist“, führt sie aus. Sebastian Hallensleben hält derweil den Mythos für besonders hartnäckig, dass es „die“ Blockchain gibt: „In Wirklichkeit sehen wir einen ganzen Zoo von Blockchains, die sich beispielsweise durch den Konsensmechanismus oder die Zugangsvoraussetzungen unterscheiden.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

So bleibt festzuhalten, dass nicht nur die Suche nach neuen Anwendungsszenarien eine große Herausforderung bleibt, sondern auch die wertfreie Betrachtung, Diskussion und Kommunikation entsprechender Projekte eine gewisse Entmystifizierung erfordern. „Es bedarf noch weiterer Aufklärung, damit die Blockchain als von Kryptowährungen unabhängige Technologie in der breiten Gesellschaft anerkannt wird“, stellt auch Jens Paulsen fest. Einen spürbaren Beitrag dazu dürften die Universitäten und Forschungseinrichtungen leisten, die mit passenden Angeboten und Projekten die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema voranbringen. Nur mit den Erkenntnissen aus dieser fortlaufenden und kritischen Auseinandersetzung kann die Technologie weiterwachsen und nachhaltige Impulse für die Digitalisierung setzen.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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