Netzinfrastruktur: Interview mit Oliver Tuszik, Cisco

Schneller Ausbau mit mehr Bandbreite

Interview mit Oliver Tuszik, Vice President und Vorsitzender der Geschäftsführung Cisco Deutschland, über die technologisch verfügbaren Optionen für eine flächendeckende Breitbandversorgung in Deutschland

Oliver Tuszik, Cisco Deutschland

Oliver Tuszik, Vice President und Vorsitzender der Geschäftsführung Cisco Deutschland

IT-DIRECTOR: Herr Tuszik, gemäß der Breitbandstrategie der Bundesregierung sollen flächendeckend allen Haushalten in Deutschland bis 2018 Bandbreiten von 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen. Wie schätzen Sie den momentanen Stand beim bundesweiten Breitbandausbau ein?
O. Tuszik:
Regional, insbesondere in den lukrativen stadtnahen Gebieten geht der Ausbau getrieben von öffentlichen und privaten Investitionen voran. Jedoch kann noch nicht von einem flächendeckenden Ausbau gesprochen werden. Insbesondere in den Ausbau mit Glasfasertechnologien, die dem Anwender die größte Bandbreite bietet, wird nur zögerlich investiert. Im Jahre 2018 werden 79 Prozent aller Daten Videodaten sein. Wenn wir das prognostizierte Wachstum von Internetusern auf vier Milliarden weltweit mit mehr als 21 Milliarden gekoppelter Endgeräte betrachten, brauchen wir einen schnelleren Ausbau mit mehr Bandbreite.

Einige interessante Zahlen aus der neuesten Studie Cisco Visual Networking Index 2014: In Deutschland beträgt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate für den IP-Datenverkehr 19 Prozent. 2018 wird jeder Deutsche über sieben vernetzte Geräte verfügen, im Vergleich zu vieren im vergangenen Jahr. Insbesondere die IP-Nutzung über tragbare Geräte steigt. Der Anteil von übertragenen Daten über das Mobilnetz wächst von zwei auf neun Prozent und über das WLAN von 47 auf 50 Prozent. Alleine der Traffic über Mobilnetze steigt von 2013 bis 2018 um das Zehnfache, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 59 Prozent. Vom gesamten IP-Traffic werden in vier Jahren 47 Prozent von PCs (2013: 77 Prozent), 23 Prozent von TV-Geräten, 25 Prozent von tragbaren Geräten wie Smartphones und Tablets sowie 4 Prozent von M2M-Modulen übertragen.

IT-DIRECTOR: Nach wie vor findet man hierzulande krasse Unterschiede bei der Internetversorgung in urbanen Ballungsräumen und ländlichen Gebieten vor – auf welche Weise können ITK-Anbieter dabei helfen, diese Kluft möglichst schnell zu überbrücken?
O. Tuszik:
Wir unterstützen mit unseren Architekturen mehrere Ansätze, um den Breitbandausbau voranzubringen:
– Ausbau der Netzwerkinfrastruktur der Kabelanbieter
– Ausbau der Netzwerkinfrastruktur der Mobile-Service-Provider
– Ausbau der Glasfaserinfrastruktur durch Service Provider
Standardisierte Technologien wie FTTx ermöglichen kostengünstige und zukunftssichere Anschaltungen bei höchster Bandbreite.

IT-DIRECTOR: Wie können Anwenderunternehmen, deren Standorte noch nicht von den Vorzügen des Breitbandausbaus profitieren können, dennoch für stabile und schnelle Netzverbindungen sorgen?
O. Tuszik:
Es gilt immer, alle technologisch verfügbaren Optionen zu prüfen. Eventuell ist es sinnvoll, sich an Investitionen zu beteiligen und auch gemeinschaftlich mit anderen Unternehmen über alternative Finanzierungsmodelle nachzudenken. Insbesondere sollten mögliche zukünftige Dienstleister eingebunden werden, die an den zusätzlichen Anschlüssen verdienen können.

IT-DIRECTOR: Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmensverantwortliche, die vor dem Hintergrund solch weißer Flecken flexible Home-Office-Arbeitsplätze etablieren sollen (... sie können ihren Mitarbeitern wohl kaum verbieten, aufs Land zu ziehen)?
O. Tuszik:
Heimarbeitsplätze können unterschiedlich angebunden werden. Eine der Herausforderungen ist sicherlich eine passende Anbindung zu finden, die ausreichend Performance für effizientes Arbeiten im Home Office bietet.  Die Verfügbarkeit des Internets wird so immer mehr zu einem bestimmenden Standortfaktor für Gemeinden und Städte. Viele Wohnungssuchende berücksichtigen heute schon die Verfügbarkeit eines Breitbandanschlusses bei der Wohnungssuche.

IT-DIRECTOR: Wie können dabei netzabhängige Technologien wie Unified Communications oder Virtual Desktop Infrastructure (VDI) erfolgreich eingebunden werden?
O. Tuszik:
Heutige Collaboration-Technologien von Cisco arbeiten mit sicheren und Bandbreiten optimierten Lösungen. Mit Telepresence sind schon professionelle Videokonferenzen möglich, bei geringem Bandbreitenbedarf von 1 MB/s und darunter. IP-Telefonie kann schon erfolgreich mit wenigen KB/s Datenrate eingesetzt werden. Das ermöglicht den Einsatz von Unified Communications Technologien auch an Standorten, die noch nicht über höhere Bandbreiten verfügen.

IT-DIRECTOR: Ein Blick in die Praxis: Inwiefern bauen insbesondere Großunternehmen und Konzerne vor dem Hintergrund fehlender Bandbreiten ihre eigenen Netzinfrastrukturen auf?
O. Tuszik:
Letztlich stützen sich auch die Netzwerke der Unternehmen auf Service-Provider-Angebote ab. In jedem Fall ist es wichtig, dass wir in Deutschland weiter in Breitbandinfrastrukturen auf Glasfaserbasis investieren um den steigenden Unternehmensanforderungen Rechnung zu tragen.

IT-DIRECTOR: Aufgrund der aktuellen Trends hin zur mobilen Arbeitsweise, zum Internet of Things oder zur Industrie 4.0 werden Privathaushalte wie auch Unternehmen immer leistungsfähigere Netze benötigen, um die Daten schnell von A nach B zu senden. Inwieweit trägt die derzeitige Breitbandstrategie diesen Entwicklungen bereits Rechnung?
O. Tuszik:
Wir sehen in der aktuellen Breitbandstrategie einen Anfang, der konsequent in zwei Richtungen ausgebaut werden muss: 1. Erhöhen der Bandbreiten, 2. konsequente Flächenabdeckung. Die heute vorgegebenen Mindestbandbreiten werden nicht ausreichen, beispielsweise komplexe vernetzte Systeme im Rahmen von Smart Citys zu schaffen und weiter auszubauen. Ein konsequenter Ausbau in der Fläche ist wichtig, damit keine Region wirtschaftlich benachteiligt wird. Themen wie Smart Metering, Industrie 4.0 sind nur dann möglich, wenn eine Vernetzung auch in entlegene Regionen sichergestellt ist.

IT-DIRECTOR: Wie lautet Ihre persönliche Einschätzung: Kann der geplante Netzausbau diese zukünftig exorbitante Datenlast locker stemmen? Oder werden die Infrastrukturen über kurz oder lang darunter zusammenbrechen?
O. Tuszik:
Der Netzausbau in Deutschland ist die Basis für wirtschaftliches Wachstum und für die weltweite Wettbewerbsfähigkeit. Diese Aufgabe kann nicht alleine von der Politik, den Serviceprovidern oder der Wirtschaft realisiert werden, sondern bedarf eines gemeinschaftlichen übergreifenden Ansatzes. Die Breitbandstrategie geht in die richtige Richtung, Umsetzungsgeschwindigkeit und Zielsetzung müssen aber noch gesteigert werden, um mit der internationalen Entwicklung mithalten zu können.

Einen Zusammenbruch halte ich für eher unwahrscheinlich, negative Auswirkungen aber leider für sicher, wenn wir nicht schneller handeln. Wir bei Cisco arbeiten kontinuierlich an der Weiterentwicklung der Technologien und ermöglichen so die Evolution der Netzwerkinfrastrukturen.

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