Großunternehmen und ihre Supply-Chain-Management-Projekten (SCM)

SCM-Projekte und RFID-Technologie

Interview mit Ralph Tröger, Projektmanager bei GS1 Germany und RFID-Experte

Ralph Tröger, GS1

„Bislang ist die Erfolgsgeschichte von RFID eher eine Evolution als eine Revolution“, betont Ralph Tröger, Projektmanager bei GS1 Germany und RFID-Experte.

IT-DIRECTOR: Herr Tröger, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse von Großunternehmen an Supply-Chain-Management-Projekten (SCM)?
R. Tröger:
Große Unternehmen der Konsumgüterbranche, wie z.B. der Handelskonzern Metro, arbeiten seit Jahren intensiv an der systematischen Beschleunigung und Optimierung der Supply Chain – zum Beispiel mithilfe der Radiofrequenzidentifikation. Aber auch der Mittelstand profitiert verstärkt von den Vorteilen von Auto-ID-Technologien. Kürzlich hat sich etwa der Schirmhersteller Schneider Schirme als Lieferant am EPC/RFID-Rollout der Metro Group beteiligt, um eine reibungslose Zusammenarbeit mit dem Handelspartner zu gewährleisten und so seine Position im Wettbewerb zu festigen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit kommt in aktuellen SCM-Projekten die RFID-Technologie (Radio Frequency Identification) zum Einsatz? Wie groß ist die Nachfrage?
R. Tröger:
Von einer großflächigen Verbreitung der Technologie kann derzeit noch keine Rede sein, die Nachfrage wächst jedoch stetig. Die lückenlose Verfolgung und Rückverfolgung von Waren, Sendungen bzw. Transporteinheiten entlang der Supply Chain – das sogenannte Tracking & Tracing – ist dabei für viele Unternehmen ein wichtiges Thema.

IT-DIRECTOR: In welchen Branchen ist RFID generell sinnvoll, wo ist sie nicht einsetzbar?
R. Tröger:
Generell ist RFID überall dort sinnvoll einsetzbar, wo die Margen groß genug sind. Das Aufbringen von RFID-Transpondern auf einzelne Joghurtbecher lohnt sich daher auf absehbare Zeit noch nicht. Einen Durchbruch erlebt RFID derzeit in der Bekleidungsbranche.

IT-DIRECTOR: Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet jene Technologie?
R. Tröger:
EPC/RFID gilt als Schlüssel zu mehr Effizienz und Kundenzufriedenheit – die Technologie kann viele Prozesse in der Lieferkette beschleunigen. Die wesentlichen Vorteile sind nach unseren Erfahrungen Umsatzsteigerungen (durch die Möglichkeit permanenter Inventuren und der damit einhergehenden höheren Warenverfügbarkeit), ein feingranularer  Informationsaustausch zwischen Industrie und Handel (was ist wann, wo und warum passiert?) sowie Kosteneinsparungen (beispielsweise durch die Verwendung von RFID als Warensicherung anstelle konventioneller Technologien).

IT-DIRECTOR: Was sind ihre Schwächen?
R. Tröger:
Beim vorherrschenden UHF-Frequenzband gibt es zum Teil noch Schwierigkeiten beim Auslesen der RFID-Transponder – etwa in Verbindung mit Metall und Flüssigkeiten. GS1 Germany unterstützt jedoch Initiativen, die technischen Möglichkeiten immer weiter zu verbessern. So haben wir gemeinsam mit Karstadt, Metro Group und Deutsche Post World Net eigens ein RFID-Testzentrum ins Leben gerufen, das European EPC Competence Center (EECC). Diese Einrichtung unterstützt Unternehmen aus Industrie und Handel sowie RFID-Dienstleister u.a. mit professionellen Messtests und einem Schulungsprogramm.

IT-DIRECTOR: Welche Bedenken äußern die Anwender gegenüber RFID und wie räumen Sie diese Bedenken aus?
R. Tröger:
Immer wieder äußern Unternehmen die Vermutung, der Einsatz der RFID-Technologie sei zu teuer und zu komplex. Hier empfehlen wir unseren Anwendern eine fundierte und vor allem ganzheitliche Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Zudem können wir bereits auf eine Vielzahl erfolgreicher Praxisprojekte verweisen, von deren Erfahrungen man profitieren kann. Unsicherheit gibt es darüber hinaus im Bezug auf den Datenschutz. Was dieses Thema betrifft, bietet GS1 Germany dazu ein neu entwickeltes Tool: Es hilft Unternehmen jeder Größe dabei, mögliche Risiken von RFID-Anwendungen zu bewerten und ein sogenanntes Privacy Impact Assessment (PIA) – eine Datenschutzfolgenabschätzung laut EU-Empfehlung – zu erstellen. Ein wichtiger Faktor ist zudem die Aufklärung der Verbraucher, um das Vertrauen in die Technologie zu stärken.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich die Einführung von RFID-Technologie bei einem Anwenderunternehmen i.d.R.? Mit welchem Aufwand ist zu rechnen?
R. Tröger:
Ganz wesentlich ist eine genaue Planung und Dokumentation des RFID-Projekts. Zu den wichtigsten Projektschritten gehören: 1. Zieldefinition: Was soll durch die RFID-Einführung erreicht werden? 2. Untersuchung der bestehenden Abläufe und der Soll-Prozesse. 3. Auswahl der Dienstleister für Hardware, Software und Consulting. 4. Kosten-/ Nutzenrechnung. Darauf folgt eine Test- bzw. Erprobungsphase in Form einer Pilotierung der Anwendung. Wichtig ist es, frühzeitig Forderungen von Datenschützern zu berücksichtigen und die Verwendung von RFID an Mitarbeiter und Kunden zu kommunizieren. Dann steht dem Rollout nichts mehr im Wege.

IT-DIRECTOR: Inwiefern wird die Radiofrequenztechnologie umwelttechnischen Anforderungen gerecht? Wo gibt es noch Nachholbedarf?
R. Tröger:
Auf der Basis gemeinsamer Standards und moderner Technologien wie RFID können die individuellen Informations- und Warenströme sowohl ökologisch als auch ökonomisch effizienter gestaltet werden. So sorgt etwa die automatisierte Erfassung von Logistikdaten für wesentlich mehr Transparenz in der Lieferkette. Transport- und Lagerkapazitäten können auf diese Weise besser ausgelastet, Routen intelligenter geplant werden. Das spart Treibstoffkosten und entlastet das Klima.

IT-DIRECTOR: Welche Vor- und Nachteile bietet RFID gegenüber dem Barcode?
R. Tröger:
Der wesentliche Vorteil gegenüber Strichcodetechnologie besteht darin, die Dateninhalte eines RFID-Tags ohne Berührungs- oder Sichtkontakt per Funk auslesen zu können. Ein weiterer großer Vorteil ist die Pulkerfassung, also die schnelle Auslesung vieler Transponder auf einmal.

IT-DIRECTOR: Kann RFID auf Dauer den Barcode ersetzen?
R. Tröger:
RFID und der Barcode sind nicht als konkurrierende, sondern als sich ergänzende Systeme zu sehen. Warum nicht das Beste aus beiden Welten nutzen und miteinander kombinieren? GS1 Germany empfiehlt den Barcode beizubehalten: Falls ein RFID-Transponder nicht auslesbar ist oder ein Geschäftspartner die Technologie noch nicht eingeführt hat, kann der Barcode „einspringen“. Hierfür bieten sich je nach Einsatzszenario die GS1-Symbologien GS1 Databar, GS1-128 oder GS1 Datamatrix an.

IT-DIRECTOR: Welche Wirtschaftlichkeit schreiben Sie der RFID-Technologie zu? Wie lang ist die Amortisationsdauer?
R. Tröger:
Eine allgemeine Aussage zur Amortisationsdauer lässt sich kaum treffen. Unternehmen, die den Einsatz der Technologie planen, sollten frühzeitig ihren individuellen Bedarf analysieren und sich Investitionssicherheit verschaffen – beispielsweise durch den Einsatz von Technologien, die jeweils mit der nächsten Stufe kompatibel sind. Die Umstellung von Barcodes auf Transponder funktioniert relativ problemlos, weil der Elektronische Produktcode (EPC) auf den Nummernsystemen von GS1 basiert. Nicht nur die eigenen Prozesse, sondern die gesamte Wertschöpfungskette sollte in die Migrationsszenarien mit einbezogen werden – dann wird die RFID-Technologie schnell ihr Potential entfalten. Zahlreiche Anwenderbeispiele belegen schon heute: Unternehmen, die ihre Prozesse umstellen, erzielen enorme Kosten- und Effizienzvorteile.

IT-DIRECTOR: Welche Zukunft sagen Sie RFID voraus?
R. Tröger:
Bislang ist die Erfolgsgeschichte von RFID eher eine Evolution als eine Revolution – umso nachhaltiger wird sich die Technologie im Markt durchsetzen. In den nächsten zehn Jahren wird sich der Wachstumstrend stetig fortsetzen und die Radiofrequenzidentifikation wird in vielen neuen Bereichen Anwendung finden. Die deutlichsten Effekte erzielen Unternehmen, die RFID entlang der gesamten Wertschöpfungskette nutzen – und bei der Umsetzung auf offene, unternehmensübergreifende Standards setzen. Je mehr Marktteilnehmer die „gleiche Sprache“ sprechen, desto schneller und transparenter werden die Waren- und Datenströme insgesamt – und desto kostengünstiger wird der Einsatz der Technologie für alle. GS1 Germany wird sich weiter dafür stark machen, dass die deutsche Wirtschaft mithilfe von EPC/RFID mehr Transparenz und Wertschöpfung erzielt.

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