Digitale Souveränität

Selbstbestimmt in eine digitale Welt

Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, ­erklärt im Interview, wie Unternehmen im Zuge der Digitalisierung ihre Souveränität wahren, welche Rolle die Cloud dabei spielt und wie die Auswirkungen der Corona-­Krise konstruktiv für eine nachhaltige Transformation genutzt werden können.

Selbstbestimmt in eine digitale Welt

Sabine Bendiek von Microsoft ist der Meinung, dass europäische Unternehmen stärker von europäischen Daten profitieren sollten.

ITD: Frau Bendiek, die Corona-Krise zwingt aktuell viele Unternehmen dazu, ihre Haltung zur Digitalisierung zu überdenken. Handelt es sich dabei um einen temporären Effekt oder eine nachhaltige Entwicklung?
Sabine Bendiek:
Das hängt ganz davon ab, was wir jetzt daraus machen! Ja, die Digitalisierung in Unternehmen hat erst einmal einen Schub bekommen. Damit es nicht bei einem temporären Effekt bleibt, muss der Ad-hoc-Transformation in der Krise eine strategische Transformation nach der Krise folgen. Viele Lösungen wurden jetzt im Eiltempo umgesetzt, um den Betrieb in Unternehmen am Laufen zu halten. Doch digitale Transformation ist natürlich viel mehr als die Einführung von Videokonferenzen und Home Office. Für eine nachhaltige Entwicklung muss digitales Arbeiten und Denken technologisch, organisatorisch und kulturell tief in Unternehmen verankert werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das gelingt – gerade in Sachen Kulturwandel gibt es im Moment eine unglaubliche Dynamik. In allen Teilen der Gesellschaft wird kreativ mit digitalen Lösungen experimentiert, in Schulen, Unternehmen, Behörden, in Kunst und Kultur. Das verändert unsere Haltung zur Digitalisierung. 

ITD: Was kann konkret dafür getan werden, um positive Effekte auch langfristig aufrechtzuerhalten?
Bendiek: Das ist eine klassische Führungsaufgabe: die richtigen strategischen Weichen stellen, Prioritäten setzen, Investitionen steuern, Mitarbeiter weiterentwickeln und befähigen. Unter technologischen Gesichtspunkten spielt die Cloud eine ganz entscheidende Rolle. Es ist kein Zufall, dass zu den am häufigsten genutzten Tools in der Pandemie zahlreiche Cloud-Lösungen zählen. Sie geben Unternehmen die Flexibilität, die sie benötigen, um auf äußere Einflüsse wie die Pandemie reagieren zu können. Gleichzeitig ist die Cloud eine elementare Infrastruktur für künftige Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Investitionen in die eigene Cloud-Infrastruktur und die Anpassung der Unternehmensprozesse daran helfen Unternehmen dabei, sich langfristig digital aufzustellen. 

ITD: Führungskräfte sind nun häufig dazu gezwungen, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen und die Digitalisierung proaktiv voranzutreiben. Ein Schritt in Richtung Selbstbestimmung? 
Bendiek: Die Herausforderungen der Digitalisierung sind viel zu groß, als dass sie einzelne Unternehmen alleine bewältigen könnten. Das gilt nicht nur für Mittelständler, sondern auch für internationale Konzerne – die Zeit der Alleingänge ist vorbei! In dieser Welt bedeutet Selbstbestimmung, die nötigen Qualifikationen aufzubauen, um unabhängig und selbstbestimmt entscheiden zu können, welche Lösungen ich in meinem Unternehmen einsetze und welche Partnerschaften ich mit wem eingehen möchte. Wenn Führungskräfte sich nicht treiben lassen vom Wettbewerb und von Innovationen anderer, sondern sich mit Technologie beschäftigen, Wissen sammeln und proaktiv die eigene Digitalisierung vorantreiben, dann werden sie selbstbestimmter in der digitalen Welt. 

ITD: Wie profitieren Unternehmen konkret von dieser neu gewonnenen digitalen Souveränität?
Bendiek: Souveränität bedeutet im Kern, frei entscheiden und handeln zu können. Die Pandemie hat gezeigt, wie die Digitalisierung die Handlungsfähigkeit von Unternehmen in Krisen stärkt. Je digitaler Unternehmen sind, desto flexibler können sie auf Krisen reagieren. Doch digitaler zu werden stärkt nicht nur die Fähigkeit zu reagieren. Eine Umfrage der KfW hat gerade gezeigt: Die Unternehmen, die schon vor der Pandemie besonders viele Innovationen hervorgebracht haben, konnten sich auch jetzt besonders gut auf die Herausforderungen der Pandemie einstellen. Proaktive Förderung von digitaler Technologie und Innovationskultur bringt Unternehmen mehr Handlungsfreiheit – das gilt in Krisen genauso wie im ganz normalen Wettbewerb. Resilienz, also die Fähigkeit zur Reaktion auf Krisen, und Innovation sind zwei Seiten derselben Medaille.  

ITD: Abstandsregeln und Kontakteinschränkungen bedeuteten für die Arbeitswelt bisher vor allem eines: Dezentralisierung. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf den Stellenwert von Cloud-Angeboten aus?
Bendiek:
Wir haben einen regelrechten Ansturm auf unsere Dienste wie Azure, Office 365 oder Teams erlebt. Die Cloud hilft natürlich beim dezentralen Arbeiten enorm, weil sie von jedem Ort aus erreichbar ist, an dem es Internet gibt. Mit der dezentralen Struktur und der Skalierbarkeit nach Bedarf ist Flexibilität in der Cloud von Grund auf angelegt. Der wichtigste langfristige Treiber von Cloud-Angeboten wird aber die Innovationsfähigkeit sein. Führende Angebote bei Künstlicher Intelligenz, für die große Datenmengen verarbeitet werden müssen, können Unternehmen nur mit Cloud-Rechenpower weltweit ausrollen. Das Zeitalter der vernetzten Maschinen beginnt gerade erst und wird die globale Datenmenge nochmals vervielfachen. Auch das werden Unternehmen ohne smarte Cloud-Lösungen nicht mehr managen können.  

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05-06/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Wie können Unternehmen beim Aufbau einer Cloud-Infrastruktur ihre digitale Selbstbestimmung wahren?
Bendiek: Die Basis jeder Selbstbestimmung ist immer eigenes Wissen und Kompetenzen. Nur eine Technologie, die ich verstehe, kann ich auch selbstbestimmt einsetzen. Und dieses Verständnis ist die Grundlage für eine kluge Planung der eigenen Cloud-Architektur. Die Wahlfreiheit zu haben zwischen verschiedenen Anbietern ist für Unternehmen strategisch relevant. Zudem sollte beim Aufbau das höchstmögliche Niveau an Datenschutz und Datensicherheit eine wichtige Rolle spielen. Darauf müssen Unternehmen bei jedem Anbieter Wert legen – egal wo er seinen Sitz hat. Und neben vertraglichen Regelungen zur Einhaltung der Datenschutz-Grundverordnung sind Unternehmen auch selbst gefordert: Ihre Datensouveränität müssen sie auch über technische Maßnahmen zur Verschlüsselung ihrer Daten in der Cloud sicherstellen.

ITD: Welche Vorteile bietet dabei eine „Connected Cloud“, die lokal verankert ist?
Bendiek: Sie ist ein wichtiger Baustein in der Cloud-Architektur eines Unternehmens. Mit Multi- und Hybrid-Clouds können sie ihre Wahlfreiheit erweitern oder regulatorischen Anforderungen genügen. Damit lassen sich etwa Cloud-Infrastrukturen bauen, bei denen global tätige Unternehmen eine weltweite Verfügbarkeit der Cloud haben, besonders sensible Daten aber gleichzeitig lokal auf eigenen Servern verarbeitet werden. Welche Daten auf solchen Servern verarbeitet werden sollten und wie eine Hybridarchitektur sinnvoll ausgestaltet ist, muss immer für jedes Unternehmen individuell beantwortet werden. Das Know-how zu haben, um solche Architekturfragen unabhängig beantworten zu können, ist eine Schlüsselfrage für digitale Selbstbestimmung.

ITD: Mit Gaia-X hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr ihre eigene Idee von digitaler Souveränität vorgestellt. Ein Schritt in die richtige Richtung?
Bendiek: Definitiv ist das ein Schritt in die richtige Richtung, welchen wir uneingeschränkt unterstützen. Sehr wichtig finde ich z.B. den Ansatz von Gaia-X, „Data Spaces“ für den Datenaustausch über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg zu schaffen. Das Teilen von Daten wird eine ganz wichtige Voraussetzung dafür sein, dass Europa im Zeitalter der vernetzten Maschinen an der Weltspitze dabei sein kann. Im April haben wir bei Microsoft eine Open-Data-Kampagne gestartet, die u. a. das Ziel verfolgt, im Rahmen von Datenpartnerschaften Organisationen jeder Größenordnung dabei zu helfen, das Potenzial von Daten und datengetriebenen Technologien bestmöglich auszuschöpfen. Europäische Unternehmen können und müssen stärker von europäischen Daten profitieren – das unterstützen wir gleichermaßen als industriepolitisches Ziel wie als technologischer Partner. 

Bildquelle: Microsoft

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