Henry Göttler, Intershop Communications

Sind Facebook, Google und Co. unbezwingbar?

Kommentar von Henry Göttler, Mitglied des Vorstandes bei der Intershop ­Communications AG, darüber, ob sich „westliche“ Internetgiganten wie Amazon, ­Facebook oder Google auch international durchsetzen können

Henry Göttler, Intershop

Henry Göttler, Intershop AG

Angesichts der starken Marktdurchdringung von Facebook, Google, Amazon und Co. ist es nur schwer vorstellbar, dass die Tage ihres internationalen Erfolges gezählt sein sollten und sie langfristig global ihre herausragende Stellung verlieren könnten. Doch wie stabil sind diese Konstellationen wirklich?

US-amerikanische Internetriesen sind in der westlichen Welt – auch in der deutschen – omnipräsent. Facebook steht als soziales Netzwerk an der Spitze und hat andere Netzwerke wie StudiVZ oder Wer-kennt-wen bereits verdrängt. Google hat einen hohen Marktanteil im Suchbereich, dominiert das SEO- und SEM-Geschäft nach Belieben und hat längst andere Suchmaschinen aus dem Markt gedrängt – der Überlebenskampf von Yahoo spricht Bände.

Andererseits stellt sich die Frage, ob sich diese Platzhirsche dauerhaft und auch weltweit durchsetzen werden. China kann hier wie in vielen anderen Bereichen eine entscheidende Rolle spielen. Mit über 500 Millionen Webnutzern ist China heute als Internetnation doppelt so groß wie die USA. Angesichts der Infrastrukturmaßnahmen und des wirtschaftlichen Wachstums kann man davon ausgehen, dass in den nächsten fünf Jahren noch mal 200 bis 300 Millionen Nutzer dazukommen werden. In China wird das Internet mit Hilfe von Baidu durchsucht, Google ist nicht präsent. Renren ist dort das erfolgreichste soziale Netzwerk, Facebook eher eine Randerscheinung. Amazon konnte in China noch nicht Fuß fassen, hier prägt Taobao die Erwartung der chinesischen Online-Shopper. In Russland wird mit Hilfe von Yandex gesucht, auch hier spielt Google nur eine untergeordnete Rolle. Und der Internetmarkt in Indien ist heute in Relation zur Gesamtbevölkerung noch so klein, dass hier noch nichts entschieden ist und sich neue Giganten herausbilden können.

Global betrachtet, ist folglich das Rennen um die vorderen Plätze heute noch längst nicht entschieden. Ein Grund dafür ist sicherlich die chinesische Politik, ein anderer aber auch, dass Renren als soziales Netzwerk die chinesischen Gesellschaftsstrukturen besser erfasst als Facebook – und eine ähnliche Herausforderung wird sich auch für Indien stellen, dessen Gesellschaftsstruktur ebenfalls nicht durch die westlich geprägte Struktur in Facebook abgebildet wird. Baidu, die chinesische Suchmaschine, wurde zwar auch von der chinesischen Regierung unterstützt, steht aber auch im Ruf, bei chinesischen Zeichen bessere Suchergebnisse als Google zu liefern. Je mehr chinesische Nutzer sich bei Renren angemeldet haben, desto stärker kommt der Netzwerkeffekt zu tragen und umso schwieriger wird es für Facebook dort Fuß zu fassen – und gleiches gilt auch für Renren in der westlichen Welt.

Kultur, Mentalität und Sprache besser abbilden

Vor diesem Hintergrund besteht in der heutigen Lösungswelt für E-Commerce-Systeme die Notwendigkeit, verschiedenste Lösungen wie Google, Baidu oder Yandex bei Suchmaschinen oder Facebook und Renren bei sozialen Netzwerken einbinden zu können, um so eine Ansprache der Konsumenten in ihrer Erfahrungswelt zu ermöglichen oder sie überhaupt zu erreichen. Ob sich einer dieser Anbieter einmal wirklich weltweit durchsetzen wird, ist heute nicht zu entscheiden.

Dank der technischen Qualität und Ausgereiftheit der Systeme der Internetriesen, die vielfach von lokalen Anbietern kopiert wurden, setzt sich weltweit immer mehr ein gewisser Qualitätsstandard durch. Dies hat zur Folge, dass die technische Realisierbarkeit in den Hintergrund rückt und sekundäre Faktoren wie kultureller, sprachlicher oder sozialer Fit immer mehr Gewicht erhalten.

Ich gehe daher davon aus, dass – sollten keine Anpassungen an die sekundären Faktoren erfolgen – die westlich geprägten Lösungen von Facebook, Google und anderen, in Asien und anderen aufsteigenden Regionen der Welt, verdrängt werden können. Denn die enorme Nutzerzahl, die es in Asien heute schon gibt und die in den nächsten Jahren um eine weitere Milliarde ansteigen wird, könnte insbesondere den Konkurrenten von Facebook und Co., die die Mentalität, Sprache, Kultur und sozialen Strukturen besser abbilden, immenses Wachstum bescheren und sie dauerhaft zu ernsthaften Wettbewerbern für die heutigen Stars im Westen werden lassen.

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok