Abschied von alten Speichertechniken

Software-defined Storage im Fokus

Um dem wachsenden Datenvolumen Herr zu werden, müssen IT-Abteilungen derzeitige Storage-Strategien überdenken und neu ausrichten. Der Software-defined-Storage-Ansatz (SDS) soll vorhandene Speicher-kapazitäten sowie deren Nutzung optimieren.

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Abschied von alten Speichertechniken: Derzeit erfährt der SDS-Ansatz Aufwind.

Die Ergebnisse einer von Techconsult im Auftrag von Microsoft durchgeführten Studie besagen, dass etwa zwei von drei Unternehmen mit ständig steigenden Kosten für Speicherlösungen sowie dem Datenmanagement konfrontiert werden. Das durchschnittliche Wachstum der Speicherkosten beträgt über alle Branchen und Geräteklassen hinweg sieben Prozent jährlich. Verantwortlich für das hohe Datenaufkommen sind Trends wie Digitalisierung, Mobility und Cloud Computing.

Ferner ermittelte die Studie, dass fast jedes zweite Unternehmen über große Mengen an unstrukturierten Daten verfügt, auf die nur selten zugegriffen wird. Im Durchschnitt blockieren diese Datensätze dauerhaft fast ein Drittel der gesamten zur Verfügung stehenden Speicherkapazität. Mit der Größe des Unternehmens steigt entsprechend der erforderliche Speicherbedarf. Zudem nimmt allein das Backup der Daten rund ein Viertel des Speicherbedarfs ein, so dass für das Tagesgeschäft letztlich nur noch ca. 40 Prozent der Speicherkapazität übrig bleiben.

Längst werden Daten nicht mehr einfach nur gesammelt und archiviert, stattdessen definiert sich der Wert der vorgehaltenen Daten anhand der daraus zu gewinnenden Erkenntnisse. Diese können unmittelbaren Einfluss auf den Unternehmenserfolg haben.

Anders als in der Vergangenheit werden immer mehr Daten aus vielen unterschiedlichen Quellen etwa sozialen Netzwerken erhoben und zur späteren Verarbeitung und Auswertung gespeichert. Diese werden entsprechend aufbereitet und mittels Business Intelligence, Enterprise Content Management oder Enterprise Ressource Management-Lösungen für den Ausbau oder zur Entwicklung neuer Geschäftstätigkeiten nach Möglichkeit gewinnbringend eingesetzt. Bislang haben sich die IT-Abteilungen damit geholfen, immer neue Storage-Systeme anzuschaffen. Doch auf Dauer und infolge des immensen Anstiegs der Datenmenge ist die Lösung, vorhandene Systeme durch den Kauf neuer Festplatten zu erweitern, kostspielig und unüberschaubar. Außerdem führte diese Erweiterungsmethode meist zu einer ineffizienten Auslastung der Kapazitäten.

Einen Ausweg versprechen moderne Speicherlösungen: Neben Speichervirtualisierung und Flash-basierten Lösungen erfährt der Software-defined-Storage-Ansatz derzeit Aufwind. Dabei handelt es sich um das Konzept „die Intelligenz und Funktionalität einer Speicherarchitektur jenseits der Hardware anzusiedeln und auf eine übergeordnete Software-Ebene zu heben“, beschreibt es Stefan von Dreusche, Director Central Europe bei Datacore.

Ergänzt wird diese Beschreibung von Jürgen Waiblinger, Solutions Manager Infrastructure bei der Transtec AG: „Durch eine Abstrahierung der physikalischen Hardware-Ressourcen können letztlich auf Standard-Hardware Speicherdienste und Managementfeatures mittels Software implementiert werden, wie sie sonst nur in Enterprise-Storagesystemen vorhanden sind.“

Hersteller und Anbieter werben gleich mit einer ganzen Palette von Vorzügen. „Die Vorteile von SDS-Technologien liegen vor allem im Bereich der Flexibilität und der Unabhängigkeit von darunterliegender Hardware-Infrastruktur“, wie Benjamin Krebs, Sales Manager SDS Germany bei EMC Deutschland, betont. Hinzu kommen Argumente wie „Automatisierung, Reaktionsgeschwindigkeit, Offenheit und Standard-Schnittstellen für das Management sowie die Provisionierung der Speicher-Services“, zählt Dr. Georgios Rimikis, Senior Manager Solutions Strategy bei Hitachi Data Systems GmbH, auf.

Weil SDS in der Regel mit weniger Hardware als bisherige Systeme auskommt, kann sich dies positiv auf die in Verbindung stehenden Kosten für Wartung, Stromverbrauch, Kühlung oder Platzbedarf auswirken. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die Ersparnisse bei den Softwarelizenzgebühren. Denn wenn weniger Server betrieben werden, sind auch weniger Lizenzen für das Betriebssystem und die darauf installierten Applikationen notwendig.

SDS – mehr als Marketing?

Obwohl in jüngster Zeit viel über SDS berichtet wird, gibt es bis jetzt keine allgemeingültige Definition für die Alternative zur hardwaredefinierten Speicherinfrastruktur. Vielmehr umschreibt der Begriff eine Reihe von Fähigkeiten, die über offene Programmierschnittstellen verfügbar gemacht werden. Gegenwärtig ist es den Anbietern überlassen, was sie als softwaredefinierte Speicherlösung verkaufen. So scheint mancher Hersteller aus dem Hardware-Storage-Bereich lediglich bestehende Produktlinien und Strategien umgedeutet und ausgetauscht zu haben.

So veröffentlichte beispielsweise IBM eine Broschüre mit dem Titel „Software-defined Storage for Dummies“, die sehr nahe an den eigenen, mitunter schon älteren Produkten entlanggeschrieben ist, aber auch neutrale Informationen enthält. Der Konzern liefert darin folgende Definition von SDS: „Grundsätzlich handelt es sich bei Software-defined Storage um Speicherlösungen für Unternehmen, die Standard-Hardware benutzen und alle wichtigen Speicher- und Management-Funktionen mittels intelligenter Software ausführen. SDS liefert automatisierte, regelbasierte und anwendungsorientierte Speicher-Services, indem die Speicherinfrastruktur von dem darüber liegenden Software-Layer orchestriert wird.“

Um der Vielzahl an Definitionen entgegen zu wirken, hat die Storage Networking Industry Association (SNIA) einen Entwurf für einen SDS-Standard vorgelegt, der unter anderem verschiedene Attribute und Funktionen vorschreibt. Ob und wann dieser Standard – in Deutschland – jedoch verabschiedet wird, steht derzeit in den Sternen. Allerdings ist es dem Anwender nur mit einer festen Definition von SDS möglich, verschiedene Systeme, die den eigenen Anforderungen entsprechen, miteinander zu vergleichen und das für ihn passende auszuwählen, so die Argumentation.

Oder handelt es sich bei SDS doch lediglich um einen Marketingzweck statt um ein neues Paradigma in der Speicherindustrie? „Sicherlich ist der Begriff SDS – momentan durch das Marketing fast aller Storage-Hersteller – instrumentalisiert. Allerdings ist es ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Software Defined Datacenter und somit auch sicher als Paradigma der Speicherindustrie zu sehen“, beurteilt Jürgen Waiblinger die aktuelle Marktsituation. Dieser Ansicht pflichtet Stefan von Dreusche bei, wenn er von einem momentanen Hype spricht, der zur Verwirrung der Anwender führt, weil Hardware-Anbieter nach wie vor Hardware verkaufen wollen, allerdings unter einem anderen Label. Dennoch betont er: „SDS ist weit mehr als ein Hype, es ist ein Paradigmenwechsel: endlich wird auch Speicher-Hardware zum austauschbaren Standard“.

Nachfrage noch gehemmt

Obwohl viele Unternehmen im Bereich Speicher das steigende Datenaufkommen als zentrale Herausforderung betrachten, spiegelt sich diese Sorge nicht in der Nachfrage nach passenden Lösungen wider. Laut den Marktforschern von Techconsult setzen erst vier Prozent der befragten Firmen SDS-Technologie ein.

Von den verbleibenden 96 Prozent plant im laufenden Jahr niemand umzusteigen. Ganze 60 Prozent gaben sogar zu, Software-definde Storage gar nicht zu kennen. Dennoch seien die Nachfrage und das Interesse an SDS groß, einzig die „Entscheidungsfreudigkeit ist noch nicht sehr ausgeprägt, da die Kunden durch die Vielfalt der Lösungen schlichtweg überfordert sind“, glaubt Hans Schramm, Field Product Manager Enterprise bei Dell.

Weil heutige Speicherinfrastrukturen gar nicht dafür ausgelegt sind, sich dem rapiden Datenwachstum dynamischer Unternehmen anzupassen, die einen unterbrechungsfreien Betrieb fordern und weil sich die Aufgabe der Speichersysteme grundlegend verändert hat, ist ein Umdenken im Unternehmen notwendig. Doch, „wenn Storage plötzlich vom Server-Admin bereitgestellt wird, gefällt das nicht unbedingt jedem in der vorhandenen IT-Struktur“, gibt Schramm zu bedenken.

Software-defined Storage kann die komplette traditionelle Hardware-orientierte Sichtweise von Speicher revolutionieren. Die Kontrollebene, also die Zuteilung und laufende Verteilung von Speicher, soll zu 100 Prozent von der physikalischen Ebene abgetrennt werden – entsprechend dem Vorbild der Server-Virtualisierung. An der Bedeutung der Storage-Infrastrukturen wird sich nichts ändern, allerdings soll dabei der Software-Anteil deutlich die Oberhand über den Hardware-Anteil gewinnen.

Ein eindeutiges Fazit zu ziehen, gestaltet sich zum jetzigen Stand noch schwierig. Obwohl die Vorteile aus Anbietersicht nicht von der Hand zu weisen sind, scheinen Anwender dem Trend zum sogenannten „Software-defined Everything“ skeptisch gegenüber eingestellt zu sein.

Sicher ist, dass der Bedarf an Storage nicht weniger werden wird. „Die Umsätze werden unserer Ansicht nach aber vermutlich nur einstellig wachsen. Das liegt an dem enormen Wachstum bei den Cloud Service Providern, die direkt über ODMs beliefert werden. Für den etablierten Hersteller bedeutet dies einen Verdrängungswettbewerb. Es wird in den nächsten Jahren auf alle Fälle spannend bleiben“, glaubt Herbert Bild, Senior Solutions Marketing Manager EMEA bei Net App.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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