Breitbandausbau

Spezialdienste zur besseren Refinanzierung

Interview mit Patrick Quellmalz, Leiter Services beim Voice Bundesverband der IT-Anwender e.V., über das im Oktober 2015 verabschiedete EU-Telekom-Paket und dessen Folgen

Patrick Quellmalz, Voice

„Spezialdienste können zu einer besseren Refinanzierung der von Providern angebotenen Bandbreite führen“, meint Patrick Quellmalz, Leiter Services beim Voice Bundesverband der IT-Anwender e.V.

IT-DIRECTOR: Herr Quellmalz, im Oktober 2015 hat das EU-Parlament nach längeren Verhandlungen das so genannte „EU-Telekom-Paket“ verabschiedet. Die Gemüter sind gespalten. Wer sind Ihrer Ansicht nach die Gewinner, wer die Verlierer des Beschlusses?
P. Quellmalz:
Von dem Beschluss können alle betroffenen Gruppen profitieren: die Provider, die Unternehmen und auch die Konsumenten. Provider erhalten bessere Möglichkeiten, den Breitband- bzw. Service-Ausbau zu refinanzieren. Gelingt das, erhalten Unternehmen mehr Bandbreite, die sie dringend für ihre Anstrengungen in den Bereichen „Cloud Computing“ und „Digitalisierung“ benötigen. Aus der Sicht der IT-anwendenden Unternehmen, die wir als Bundesverband vertreten, funktionieren weder das viel beschworene Cloud Computing noch die angestrebte Digitalisierung der Gesamtwirtschaft ohne ausreichende Bandbreite. Deshalb ist der Ausbau der Breitbandkommunikation eine der wichtigsten Aufgaben in Europa. Ohne Anreize für die Provider wird das nicht funktionieren. Auch der private Endverbraucher profitiert von mehr Bandbreite. Allerdings muss dringend bei der Definition der „Spezialdienste“ darauf geachtet werden, dass kein Netz unterschiedlicher Geschwindigkeiten entsteht. Es darf nicht sein, dass nur die Internet-Services „ruckelfrei“ beim Konsumenten ankommen, für die er mehr bezahlt. Ebenfalls ist dringend darauf zu achten, dass die Möglichkeiten des freien Informationsaustausches und des freien Internetzugangs nicht eingeschränkt werden.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet der Beschluss konkret für die „Netzneutralität“ in Deutschland?
P. Quellmalz:
Wenn klare Definitionen getroffen werden, was als Spezialdienst betrachtet wird, bleibt sie im Prinzip erhalten. Wenn beispielsweise medizinische Informationen, Notfallkommunikation und die Bereiche „Security“ und „Safety“ privilegiert behandelt werden, sehen wir keine Beeinträchtigung der Netzneutralität.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Spezialdienste“: Der Text sieht vor, dass TK-Unternehmen „Spezialdienste“ anbieten dürfen – ausgelagert auf „bezahlten Überholspuren“. Warum braucht es überhaupt Spezialdienste im Netz? Und was könnten solche Spezialdienste konkret sein?
P. Quellmalz:
Wie schon gesagt, können Spezialdienste zu einer besseren Refinanzierung der von Providern angebotenen Bandbreite führen. Vorausgesetzt, dass ausreichend Bandbreite für alle zur Verfügung steht und Spezialdienste nicht dazu führen, dass der allgemeine Datenverkehr nur noch stockend funktioniert, können wir uns im B2B- und Cloud-Umfeld durchaus Lösungen vorstellen.

IT-DIRECTOR: Und welche Folgen hätte das Angebot an Spezialdiensten konkret für kleinere Internetdienstleister/Hoster/Start-ups mit geringen Budgets oder auch beispielsweise Video-/Webkonferenzanbieter?
P. Quellmalz:
Ich sehe da keine Auswirkungen.

IT-DIRECTOR: Wie könnten spezifische Regeln für jene Spezialdienste aussehen?
P. Quellmalz:
Es sollte definiert werden, in welchen Bereichen überhaupt Spezialdienste zulässig sind. Außerdem ist ein bestimmter Rahmen festzulegen, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen.

IT-DIRECTOR: Für wie wahrscheinlich halten Sie ein „Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür“?
P. Quellmalz:
Der Begriff „Zwei-Klassen-Netz“ suggeriert, dass die zweite Klasse schlecht ist, das heißt zu wenig Bandbreite aufweist und zu wenig Traffic zulässt. Allein durch den Begriff entsteht der Eindruck, dass Konsumenten und alle anderen Nicht-Klasse-1-Privilegierten länger warten müssen oder aus Mangel an Bandbreite von bestimmten Kommunikationssträngen ausgeschlossen werden Eine solche zweite Klasse muss unbedingt verhindert werden und das wird im Gesetz auch eindeutig formuliert. Natürlich ist nicht zu 100 Prozent auszuschließen, dass eine solche „schlechte“ 2. Klasse entsteht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Provider und Politiker so kurzfristig denken. Viele unserer zukünftigen Optionen als Volkswirtschaften, Unternehmen oder als Zivilgesellschaft hängen von funktionierende digitaler Kommunikation und ausreichender Bandbreite ab. Das wissen alle Beteiligten, und wenn sie diesem Wissen gemäß handeln, sehe ich keine Gefahr.

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