IT-Dienstleistungen

Sprudelnde Einnahmequellen?

Leere Auftragsbücher müssen SAP-Dienstleister ­momentan kaum befürchten. Denn über kurz oder lang steht bei vielen Anwenderunternehmen der Umstieg auf S/4 Hana an. Aufgrund der damit verbundenen ­Komplexität sind umfangreiche Beratungs- und Servicekapazitäten gefragt.

  • Wasserfall im Wald läuft in einen See

    Bei vielen Anwenderunternehmen steht ein Umstieg auf S/4 Hana an, weshalb SAP-Dienstleister gefragter denn je sind. ((Bild: Gettyimages/iStock))

  • Ralf Peters, DSAG-Fachvorstand (Bild:DSAG)

    Ralf Peters, DSAG Fachvorstand

  • Florian Sackmann, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Itelligence AG

    Florian Sackmann, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Itelligence AG ((Bild: Itelligence AG))

  • Michael Brecht, Business Development Manager bei Allgeier Enterprise Services

    Michael Brecht, Business Development Manager bei Allgeier Enterprise Services ((Bild: Allgeier))

  • Gerd Hagmaier, Global Vice President bei der Datavard AG

    Gerd Hagmaier, Global Vice President bei der Datavard AG ((Bild: Datavard AG))

  • Michael Straub, Head of SAP Portfolio and Strategy bei Fujitsu

    Michael Straub, Head of SAP Portfolio and Strategy bei Fujitsu ((Bild: Fujitsu))

Kaum ein SAP-Anwender kommt aktuell darum herum, sich mit S/4 Hana, der aktuellen ERP-Version der Walldorfer, zu beschäftigen. Einer Studie von IDC zufolge haben 73 Prozent der befragten Entscheidungsträger aus verschiedenen Branchen vor, S/4 Hana zu implementieren. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der DSAG-Investitionsreport 2019. Demnach haben drei Viertel der Firmen bereits eine klare Entscheidung für die Lösung getroffen. „Die Unternehmen besitzen weitreichende Pläne hinsichtlich der Umstellung auf S/4 Hana“, unterstreicht Ralf Peters, DSAG-Fachvorstand Digitalisierung, Finance and Value Chain, die Ergebnisse. Allerdings stagniere laut der Studie die Rate derer, die Projekte tatsächlich realisiert haben, bei drei Prozent. Die Erhebung von IDC liefert diesbezüglich hingegen etwas abweichende Zahlen: Glaubt man den Marktanalysten, dann führen derzeit schon 18 Prozent entsprechende Projekte durch und immerhin neun Prozent der Teilnehmer nutzen die Software bereits in ihrer Produktivumgebung. Im Rahmen der Untersuchung wurden die Kunden außerdem zu ihrem Zeitplan für die Umstellung auf das ERP-System befragt. 54 Prozent der SAP-Kunden haben demnach vor, innerhalb der nächsten drei Jahre umzusteigen. Dabei plane nahezu die Hälfte (43 Prozent) der Befragten die Konsolidierung mehrerer ERP-Systeme, so die Erhebung weiter.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Ein lachendes und ein weinendes Auge

Hört man sich unter Branchenvertretern um, trifft man oftmals auf Stimmen, die die in den Studien ermittelte Situation hinsichtlich der Verbreitung von S/4-Hana-Projekten bestätigen. So berichten nicht wenige Dienstleister von konkreten Projektanfragen rund um S/4 Hana, darunter Gerd Hagmaier, Global Vice President bei der Datavard AG: „Bei uns werden vor allem zwei Projektarten angefragt. Erstens die Vorbereitung auf die Migration auf S/4 Hana. Hier geht es vor allem um Datenbereinigung und -transformation, um dann einen schlanken und schnellen Umstieg durchführen zu können. Zweitens klassische S/4-Hana-Migrationen, bei denen die kurzen Downtime-Anforderungen herausfordernd sind und clevere Lösungen, die Abläufe automatisieren, gefragt sind.“

Von konkreten Vorbereitungen berichtet desweiteren Michael Brecht, Business Development Manager bei Allgeier Enterprise Services. Seiner Aussage nach wollen viele Unternehmen aktuell eine Vorstudie durchführen, ein Roadmap-Konzept erstellen oder sich eine S/4-Hana-Strategie zurechtlegen. Nimmt man diese Stimmen für bare Münze, könnte in den nächsten Jahren eine wahre Welle neuer SAP-Projekte anrollen. Dabei werden die meisten Anwenderunternehmen die Modernisierung ihres ERP-Systems wohl kaum in Eigenregie stemmen, sondern das Projekt externen Kräften in Form von Beratungsunternehmen, IT-Dienstleistern oder klassischen Systemhäusern – in Teilen oder in Gänze – anvertrauen.

Diese wohl für längere Zeit anhaltende gute Auftragslage sorgt naturgemäß für Begeisterungsstürme unter SAP-Dienstleistern und -Systemhäusern. Allerdings gibt es verschiedene Faktoren wie der vorherrschende Fachkräftemangel, der umfangreiche S/4-Hana-Projekte wiederum ausbremsen könnte. Ralf Peters schätzt die Lage wie folgt ein: „Gute Berater, die die strategische Entwicklung beherrschen und visionär denken, sind nicht so häufig. Einige Berater haben zwar einen Kurs zur S/4-Hana-Einführung gemacht, doch damit ist es nicht getan. Man darf nicht unterschätzen, was Erfahrung bedeutet.“

Von der grünen oder braunen Wiese starten?

Neben fehlendem Personal könnten S/4-Hana-Projekte aufgrund ihrer Komplexität für Komplikationen sorgen. Allein die Modernisierung von ERP-Systemen und damit der Umstieg von SAP-Altsystemen auf S/4 Hana kann schnell zur Mammutaufgabe mutieren. Von der Einführung eines komplett neuen ERP-Systems ganz zu schweigen. Damit weder Migrationsprojekte noch Neueinführungen aus dem Ruder laufen, sollten etwaige Stolpersteine früh genug aus dem Weg geräumt werden.

Gehen die Verantwortlichen beim Ein- oder Umstieg auf S/4 Hana klug vor, kommt dies Projektdauer und -budget durchaus zu gute. „Viele Unternehmen starten die Migration mit einem Roadmap-Workshop, in dem sie zunächst die technische Umsetzung evaluieren“, berichtet Florian Sackmann. Laut dem Mitglied der Geschäftsleitung bei der Bielefelder Itelligence AG steht hier zum einen der sogenannte „Greenfield-Ansatz“ bereit, bei dem das System komplett neu aufgesetzt wird. Zum anderen gibt es den „Brownfield-Ansatz“, in dessen Rahmen bewährte Abläufe weiter zum Einsatz kommen.

On-Premises-Installationen sind gefragt

Weiterhin würden die Verantwortlichen funktionale Erweiterungen ihres Systems evaluieren. Hierzu gehören nach Ansicht von Florian Sackmann die Transformation von einem klassischen SAP Warehouse Management hin zu einem Extended Warehouse Management oder auch die Integration von Feinplanungsszenarien in das Kernsystem S/4 Hana. Im nächsten Schritt nehmen Unternehmen, die die Reise in Richtung S/4 Hana vorbereiten, etwa die Harmonisierung ihrer Stammdaten vor oder sie lösen die Debitoren und Kreditoren durch Business-Partner ab.

Gleich mehrere mögliche Knackpunkte hinsichtlich der Migration auf S/4 Hana hebt Michael Straub, Head of SAP Portfolio and Strategy bei Fujitsu, hervor: Erstens sollte ein solches Projekt niemals als reine IT-Angelegenheit (miss-)verstanden werden. Zweitens sollten erfahrene eigene Mitarbeiter oder externe Berater hinzugezogen werden, da die Komplexität und der tatsächliche Zeitbedarf häufig unterschätzt werden. Nicht zuletzt sollten Unternehmen, die SAP seit Längerem einsetzen, bereits im Vorfeld „ausmisten“ und die Migration nutzen, um auf Standards zu setzen.

An dieser Stelle ergänzt Michael Brecht, dass es auf lange Sicht recht aufwendig und teuer werden könnte, wenn man sich nicht mit dem SAP-Standard arrangieren kann. „Denn entwickeln die Kunden mal irgendetwas, ohne die SAP-Roadmap zu kennen, kann dies schnell zur Kostenfalle werden“, so Brecht. In diesem Sinne sollten die Verantwortlichen laut Gerd Hagmaier auf jeden Fall „Maß halten“. Denn viele wollen zu schnell zu viel auf einmal. Das heißt, zig große Bereiche in nur einem S/4-Hana-Projekt abdecken: neue Prozesse einführen, umfangreiche Datenbereinigungen realisieren und eine komplexe Datentransformation vornehmen. „Technisch ist dies zwar alles machbar, jedoch empfehle ich zuerst zu überprüfen, inwieweit die eigene IT und Fachbereiche dies alles neben ihrem Tagesgeschäft leisten können“, betont Hagmaier. Daneben hat Michael Brecht weitere Tipps für einen erfolgreichen S/4-Hana-Umstieg in petto: „Es sollten alle verfügbaren SAP-Services genutzt werden. Dazu zählen der Readiness-Check, der Pathfinder und die Business Scenario Recommendations. Die Tools sind ausgereift und geben exzellente Hinweise zur Migration“, so Brecht.

Bleibt noch die Frage nach dem Betriebsmodell zu klären. Die Walldorfer stellen ihre aktuelle ERP-Software sowohl als klassische On-Premises- als auch Cloud-Variante zur Verfügung. Die Resonanz darauf gestaltet sich seitens der Kunden derzeit recht unterschiedlich. „Die Nachfragen konzentrieren sich bei uns aktuell nahezu ausschließlich auf die On-Premises-Lösung – und zwar unabhängig davon, ob die Software im eigenen oder in einem externen Rechenzentrum betrieben wird“, berichtet Gerd Hagmaier. Eine ähnliche Einschätzung nimmt Florian Sackmann vor: Manche Unternehmen würden die Cloud-First-Strategie der SAP mit Blick auf die funktionalen Anforderungen hinterfragen. In komplexen Fertigungs- und Montageszenarien im Anlagenbau reiche heute der Funktionsumfang von S/4 Hana Public Cloud jedoch noch nicht aus, um ein Projekt gesichert umzusetzen. Firmen aus dieser Branche entschieden sich daher für die On-Premise-Variante. Dennoch existieren auch sinnvolle Cloud-Konstellationen: Spreche aus betriebswirtschaftlicher Sicht einiges dafür und decke die S/4 Hana Public Cloud alle benötigten Anforderungen an Unternehmensprozesse ab, dann empfinden die Verantwortlichen, so Sackmann weiter, die Geschwindigkeit bei der Implementierung und das vollständige Auslagern der Infrastruktur als großen Vorteil.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok