So wird zukünftig archiviert

Storage: Mit ISO-Normen Wildwuchs vermeiden

Im Interview betont Ralf Colbus, Certified Storage Professional bei IBM, dass Archivierungssoftware offen sein muss, damit verschiedene Medien und Protokolle ansprechbar sind. „Ohne ISO-Normen hätten wir Wildwuchs im Markt. Sie sind Eckpfeiler für Betriebssicherheit und auch Wahlmöglichkeit.“

Ralf Colbus, IBM

„Die Festplatte hat ihre besten Zeiten hinter sich. Sie ist gerade 60 geworden, also seit 1956 im Einsatz“, weiß IBM-Storage-Experte Ralf Colbus.

IT-DIRECTOR: Herr Colbus, wie präsent sind in Großunternehmen noch Papierarchive, sprich Keller voller Akten?
R. Colbus:
Deutsche Unternehmen haben im Mittelstand sehr oft noch Papier im Einsatz, bei Großunternehmen ist die Digitalisierung – d.h. Dokumenten-Management, Workflows, digitale Archivierung etc. – faktisch abgeschlossen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sind die Unternehmen bereits mit der Digitalisierung ihrer Dokumente vorangeschritten bzw. haben die Digitalisierung überhaupt in Angriff genommen?
R. Colbus:
Im Mittelstand gibt es hier noch etwas Aufholbedarf. Bei Großunternehmen weitgehend nicht mehr.

IT-DIRECTOR: Sind die digitalisierten Dokumente besser in der Cloud oder auf einem physischen Speichermedium (Magnetband, optischer Datenträger, etc.) aufgehoben? Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile der jeweiligen Speichermethode?
R. Colbus:
Das hängt von verschiedenen Faktoren ab:

1) Ein physisches Medium (Magnetband) kann über 30 Jahre halten. Bei regelmäßigem Umkopieren – und Sicherungskopien – ist die Haltbarkeit daher unbegrenzt. Wer garantiert eine Langzeitarchivierungsverfügbarkeit in der Cloud, und in welcher Cloud? Cloud-Provider sind oft erst seit wenigen Jahren im Geschäft.

2) Wie kann man Daten, die in der Cloud bei einem Provider gesichert sind, auf einen anderen Provider „verschieben“ – Stichwort „Interoperabilität“? Was passiert, wenn der Cloud-Provider keinen Service mehr anbietet?

3) Darf man – rechtlich – überhaupt die betreffenden Daten in die Cloud legen?

4) Was passiert, wenn sich die Cloud-API (Schnittstellen) geändert haben?

IT-DIRECTOR: Welche Storage-Methoden eignen sich am besten für eine Langzeitarchivierung von Dokumenten und warum?
R. Colbus:
Vor allem das Magnetband – also Tape. Die Aufzeichnungsdichte im Labor liegt bei sagenhaften 220 TB pro Kassette. Die Haltbarkeit der Medien liegt deutlich über dem der Disk (Disk ca. vier bis fünf Jahre). Der lagernde Energiebedarf eines Bandes ist 0 Watt, elektrische Energie wird nur beim Kassettenhandling, Beschreiben und Lesen eines Bandes benötigt. Das macht sich gerade bei großen Datenmengen, die sehr lange gespeichert werden müssen, extrem bezahlt. In einigen Branchen müssen für bestimmte Daten bis zu 99 Jahre als Archivierungsdauer eingehalten werden.

IT-DIRECTOR: Welche Speichermethoden nutzen Großunternehmen tatsächlich anno 2016? Und welche Faktoren üben hierbei einen Einfluss aus?
R. Colbus:
Wir sehen oft eine Kombination aus Disk für schnelle Ablage und nachgelagert Tape. Kleinere Unternehmen nutzen auch reine Disklösungen, die dann aber ab einer bestimmten Größe teuer werden – trotz Deduplizierung und Kompression von Daten – sofern sich diese „kleiner machen“ lassen!

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt heute generell noch Magnetband in Großunternehmen?
R. Colbus:
Der vor Jahren eingeleitete Trend „weg vom Band“ hat sich aus handfesten Gründen umgekehrt. Tape mit Verschlüsselung und Worm-Funktionalität (Write Once, Read Many) ist gefragt. Inzwischen sind sogar Cloud-Provider an uns herangetreten, um Langzeitarchive in Tape anzubieten.

IT-DIRECTOR: Die Technik verändert sich bekanntlich rapide: Halten Sie es für möglich, dass es in zehn oder 20 Jahren bestimmte Speicherformate nicht mehr gibt?
R. Colbus:
Ja – das sogar mit hoher Wahrscheinlichkeit. Die Festplatte hat ihre besten Zeiten hinter sich. Sie ist gerade 60 geworden, also seit 1956 im Einsatz. An Flash-Technologienachfolgern wird ebenfalls bereits gearbeitet. Schlagworte sind hier Race-track, Phase Change Memory/PCM etc. Das einzige Medium, das noch genügend Potential für die nächsten Jahre im Bezug auf Aufzeichnungsdichten bietet, ist Tape.

IT-DIRECTOR: Inwieweit können sich Unternehmen sicher sein, dass ihre Dokumente in zehn oder 20 Jahren von ihren aktuell verwendeten Storage-Systemen überhaupt noch auslesbar sind?
R. Colbus:
Die Archivierungssoftware muss offen sein, damit verschiedene Medien und Protokolle ansprechbar sind, denn das ist die Voraussetzung der Migration der Archivdaten von einer Technologie auf eine neue. Eines der größten Probleme besteht darin, dass bei größeren Datenmengen dieser Migrationsaufwand Monate oder gar Jahre dauern kann! Deshalb empfehlen wir eine Entkopplung zwischen Archivsystem und Speicherverwaltung. Bei Migrationsaufgaben übergibt das Archivsystem die Aufgabe an die darunterliegende Speicherschicht und entkoppelt sich vom Migrationsaufwand. Ein permanentes Migrieren von Speichermedien auf jeweils aktuelle Versionen nach einigen Jahren ist in jedem Fall unumgänglich.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen an dieser Stelle Standards und ISO-Normen oder dergleichen?
R. Colbus:
Ohne ISO-Normen hätten wir Wildwuchs im Markt. Sie sind Eckpfeiler für Betriebssicherheit und auch Wahlmöglichkeit.

IT-DIRECTOR: Wie können Großunternehmen ihre Speicherinfrastruktur strategisch weiterentwickeln, um zukünftige Anforderungen abzudecken? Wie sollten Unternehmen hier vorgehen?
R. Colbus:
Big Data, kognitive Lösungen und Cloud-/Mobile-/Social-Anwendungen werden die Datenflut weiter erhöhen. Unternehmen sollten daher aktiv im Dialog zur technischen Entwicklung bleiben, um strategisch gut gerüstet zu sein, aber auch rechtzeitig Weichen zu stellen. Auch regulatorische Anforderungen müssen immer wieder überprüft werden.

IT-DIRECTOR: Welche Faktoren beeinflussen Ihrer Meinung nach die zukünftigen Entwicklungen am Storage-Markt?
R. Colbus:
Was wir derzeit sehen, sind die Trends Objekt-Storage, Tape-Aufzeichnungsdichten, Flash-Technologie und Metadatenanalysen (Cognitive Storage).

Bildquelle: IBM

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