Digitalisierung vorantreiben

Transformation braucht Zeit

Eva Werle, Geschäftsführerin der Berliner Digitalagentur Basilicom, spricht im Interview über die richtige Strategie bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen, die damit einhergehende Verantwortung für Führungskräfte und den Vorteil von agilen Arbeitsmethoden.

Transformation braucht Zeit

Laut Eva Werle erfährt ein Wandel am einfachsten über die Wahrnehmung der eigenen Vorteile eine breite Akzeptanz.

ITD: Frau Werle, Sie unterstützen Unternehmen bei der Digitalen Transformation. Worauf liegt Ihr Fokus?
Eva Werle:
Generell wird zwischen zwei Arten der Digitalen Transformation unterschieden: der Digitalisierung von Geschäftsmodellen und der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Unser Schaffen liegt im Wesentlichen in der Transformation der Geschäftsprozesse und ist damit auf höhere Effizienz, Margen und Produktivität sowie auf eine Senkung von Kosten und eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit ausgerichtet. 

Etwa 51 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse fest in ihrer Strategie vorgesehen. Dennoch gibt es immer noch einen weiten Spalt zwischen einer vorgesehenen Strategie und der tatsächlichen Umsetzung. 

ITD: Weshalb muss die Digitale Transformation auch als Cultural Change gesehen werden?
Werle:
Wissen Sie, wenn wir Ihnen eine Rakete bauen, aber niemand sie steuern will oder kann, dann werden Sie damit nicht zum Mond fliegen. Nicht allen Unternehmen scheint bewusst zu sein, wie viel daran hängt, dass die Veränderung nachhaltig und überwiegend bei ihren Mitarbeitern umgesetzt werden muss und deutlich weniger in der Chefetage. Aktuell sind laut dem Digitalisierungsindex rund 63 Prozent der Mitarbeiter davon überzeugt, dass Digitalisierung automatisch auch Chefsache sein muss. Diejenigen Chefs, die aber verstehen, dass ihre Idee der Digitalisierung später im Unternehmen gelebt und nicht nur auf Papier dokumentiert werden muss, bereuen es auch nach Projektabschluss nicht, in den Wandel investiert zu haben. Mein Tipp an die Chefetage: Sagen Sie den Wandel nicht nur an, sondern leben Sie ihn vor und führen Sie ihn.

ITD: Wo setzt man dabei am besten an?
Werle: Mit der Digitalisierung hat sich schon jetzt global ein kultureller Wandel vollzogen. Nicht nur die Welt hat sich geändert, sondern auch die Menschen. Die Vorteile der vielen digitalen Anwendungen und Helferlein sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Hätte man uns vor vielen Jahren diese Zukunftsvision eröffnet, dass wir unsere Reisen selbst buchen, online unsere Lebensmittel kaufen oder Arztbesuche und Diagnosen per Video bekommen, dann bin ich mir nicht sicher, ob wir zu allem wirklich auch gleich „Ja“ gesagt hätten. In gewisser Weise hätte uns das sicherlich verunsichert oder gar verängstigt. Die Erfahrung zeigt uns also: Kultur ist beständig. Transformation braucht Zeit. Und vor allem lernen wir, dass so ein Wandel immer noch am einfachsten über die Wahrnehmung der eigenen Vorteile Akzeptanz erreicht. 

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 04/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Warum werden die Mitarbeiter so oft bei der Digitalen Transformation vergessen?
Werle: Viele wollen eine schnelle Pille, brauchen aber eigentlich eine Therapie. Zu Beginn steht beispielsweise die Idee, effizienter zu arbeiten, Kosten zu sparen und Prozesse zu optimieren. Das kann mit der Digitalisierung, z.B. der Einführung eines neuen Systems, erreicht werden. Der Schwerpunkt ist damit auf die Einführung eines neuen Systems gerichtet, was der schnellen Pille entspricht. Erkannt werden muss jedoch, dass viele Menschen bereits eingefahrene und gewohnte Arbeitsprozesse, durchaus sogar gut laufende Arbeitsprozesse, verändern müssen, um das Gesamtziel zu erreichen. Letztlich greifen wir mit einer Systemeinführung, die sich auf die Prozesse niederschlägt, in den Arbeitsalltag vieler Mitarbeiter ein. Wenn die Transformation gelingen soll, ist es wichtig, dass Mitarbeiter sich auf Neuerungen einlassen, auch wenn sie kurzfristig unbequem sind. Aufgabe des Managements ist es, Mitarbeiter so zu führen, dass sie die Vorteile des Gesamtziels und so den Wert ihrer eigenen Veränderung erkennen.

ITD: Welche Ansätze haben sich in der Praxis bewährt?
Werle: Ich bin großer Fan des agilen Vorgehensmodells Scrum. Wir arbeiten beispielsweise in zweiwöchigen Sprints. Das Überprüfen der Ergebnisse am Ende eines jeden Sprints sorgt dabei für Transparenz und die Möglichkeit für den Kunden, mitzubestimmen und auf Geschehnisse Einfluss zu nehmen. Alle zwei Wochen Ergebnisse zu sehen, zu prüfen und weiter ausprobieren zu können, sorgt für eine hohe Akzeptanz der technischen Lösung und tiefes Verständnis für die neuen Arbeitsprozesse. Für viele Kunden ist das bereits eine starke Änderung ihrer bisherigen Arbeitsweise. Auch hier haben wir Methoden, Vorbehalte in Überzeugung zu verwandeln. Aus der Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Kunden nach fünf Sprints von der Vorgehensweise überzeugt sind. Ein bisschen Mut und Offenheit für einen Wandel müssen die Kunden selbstverständlich mitbringen. 

Bildquelle: Basilicom

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