Globaler Wettbewerb

Treiber für Industrie 4.0

Im Interview betont Kai Bergemann, EMEA Product Manager Software bei Rockwell ­Automation, dass die produzierenden Unternehmen sowie der globale Wettbewerb wichtige Treiber für Industrie 4.0 sind.

Kai Bergemann, Rockwell

Laut Kai Bergemann von Rockwell Automation geht es nicht darum, „ob Unternehmen auf den Indus­trie-4.0-Zug aufspringen, sondern darum, wie schnell sie (mit)fahren wollen.“

IT-DIRECTOR: Herr Bergemann, wird die Thematik „Industrie 4.0“ bereits global oder bisher nur regional angegangen? Wo steht hier Deutschland aktuell?
K. Bergemann:
Der Begriff „Industrie 4.0“ wurde von Deutschland geprägt, aber auch in anderen europäischen Ländern sowie in den USA gibt es vergleichbare Ansätze und Initiativen unter anderen Namen, z.B. die Themen „Big Data“ oder „Smart Manufacturing“. Wir sprechen hier von der Vision eines „Connected Enterprise“. Es geht dabei um das Fabrikmodell der Zukunft, die Vision, dass Informationstechnologie, Telekommunikation und Fertigung miteinander verschmelzen: In der „Smart Factory“ regulieren sich intelligente Produktionsprozesse zukünftig selbstständig, eine durchgängige Lieferkette ermöglicht größtmögliche Flexibilität und Anpassung bei kurzfristigen Veränderungen.

Die Diskussionen begannen im Grunde mit der Entwicklung und Einführung neuer Technologien wie Virtualisierung, Cloud Computing und der Einführung von Smartphone und Tablet. Sowohl in Europa als auch in Asien und den USA werden bereits seit Längerem Ideen und Konzepte entwickelt, die den Einsatz und Nutzen dieser neuen Möglichkeiten für die Industrie im Fokus haben.

IT-DIRECTOR: Wie gestaltet sich die Fachdiskussion hierzulande über die Zukunft der industriellen Produktion beispielsweise im Vergleich zu den Diskussionen in den USA?
K. Bergemann:
Sowohl Industrie 4.0 als auch die in USA forcierte Inititative „Advanced ­Manufacturing Partnership 2.0“ fußen auf derselben Technologie: der Vernetzung von Geräten in Alltag und Industrie – dem Internet der Dinge (IoT) – sowie der Erfassung und intelligenten Nutzung großer Datenmengen unter dem Stichwort „Big Data“. Beide Begriffe sind in den USA entstanden und dort auch maßgebliche Bestandteile aktueller Initiativen.

Letztlich verfolgen aber die deutschen wie auch die US-Initiativen dasselbe Ziel: die Schaffung der intelligenten Fabrik mit durchgängiger Steuerung und Datenbereitstellung von der Fertigungsebene bis hinauf zur Entscheiderebene. Für den Fabrikeigner heißt das konkret: Informationen müssen nicht mehr manuell zusammengestellt werden, sondern stehen in Echtzeit und ohne großes Fehlerrisiko zur Verfügung. Es kann energieeffizienter produziert werden. Ausschuss lässt sich durch reale und zeitnahe Informationen minimieren. Bei der Planung von Neuanlagen können die Erfahrungen mit bestehenden Anlagen hinzugezogen und Vermutungen mit realen Daten aus den Anlagen untermauert werden.

Weltweit sind die Regierungen zu der Erkenntnis gekommen, dass die fertigende Industrie für die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes von entscheidender Bedeutung ist. Sie beschleunigt Innovationen und treibt die nationale Wirtschaft an. Daraus resultieren Initiativen wie eben in Deutschland „Industrie 4.0“, der „Advanced Manufacturing Partnership 2.0“ in den USA, „Intelligent Manufacturing 2025“ in China oder auch „Manufacturing Innovation 3.0“ in Korea. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Länder folgen.

IT-DIRECTOR: Was ist heute grundsätzlich im Bereich „Industrie 4.0“ schon möglich? An welchen Stellen hakt es noch deutlich und warum?
K. Bergemann:
Mit den aktuell verfügbaren Technologien können bereits heute die Systeme miteinander kommunizieren und eigenständige Entscheidungen treffen. Auch eine intelligente und sichere Vernetzung innerhalb der Produktion, zwischen Produktion und Businessumgebungen sowie Vernetzung über mehrere Standorte sind realisierbar. Darauf aufbauend können Insellösungen integriert und so Synergien zur Performanceverbesserung genutzt werden.

Es geht darum, neue Ansätze und Technologien in organisch gewachsenen Strukturen zu etablieren. Dies setzt neben technischen Herausforderungen, vor allen Dingen ein Umdenken des Managements sowie der Mitarbeiter aller Ebenen voraus. Auch Lösungsanbieter und Berater müssen ihre Komfortzonen verlassen und über neue Wege nachdenken und diese dann auch umsetzen. Insbesondere die Festlegung von Standards spielt eine wichtige Rolle. Hier stehen sich Forderungen der produzierenden Industrie nach einheitlichen Standards und Interessen der Lieferanten einander gegenüber. Dies lässt sich auch auf den Maschinenbau übertragen. Produkte und Maschinen benötigen Alleinstellungsmerkmale, sollen aber auch einfach in eine bestehende Umgebung integrierbar sein. Diese Interessenkonflikte gilt es zu lösen.

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile bringt der Zugriff auf Echtzeitdaten in der industriellen Produktion eigentlich?
K. Bergemann:
Seit der Einführung PC-basierter Systeme in der Produktion werden auch Produktionsdaten erfasst und gespeichert. Dies erfolgt bisher in Visualisierungs- und Leitsystemen, Standarddatenbanken und in Historian-Servern zur Echtzeitdatenerfassung. Die meisten dieser Systeme sind Insellösungen, die ihre Daten meistens nur mit ihren eigenen Reporting-Tools auswerten. Eine Integration verschiedener Systeme innerhalb der Produktion findet bisher nur selten statt. Der direkte Zugriff auf Echtzeitdaten verschiedener Systeme innerhalb einer Produktion, oder vielleicht sogar auf Daten mehrere Standorte, ermöglicht eine Vielzahl von Verbesserungsmöglichkeiten. Schnelle Reaktionen auf kurzfristige Veränderungen werden möglich. Welche Ursachen hat ein Performanceeinbruch oder ein erhöhter Energieverbrauch? Findet sich der „Bottleneck“ an der Maschine oder Linie, an der es aktuell Verluste gibt, oder liegt die Ursache ganz woanders? Über eine Integration der Daten und einen direkten Zugriff kann die Situation sofort analysiert und Gegenmaßnahmen können kurzfristig eingeleitet werden. Eine Integration in die Geschäftssysteme schafft weitere Möglichkeiten, wie etwa schnelle und flexible Reaktionen auf neue oder geänderte Kundenaufträge.

Im Falle einer Reklamation muss ein Unternehmen schnell handeln. Kunden müssen informiert und Ursachen gefunden werden. Die Rückverfolgung eines Produktes kann hier großen Schaden vermeiden. Mit einer integrierten Lösung kann sofort auf alle relevanten Daten zugegriffen werden. Betroffene Produkte und Chargen sind in kürzester Zeit identifiziert und es müssen nur wenige betroffene Kunden informiert werden. Ein Imageschaden kann so vermieden werden. Auch für die Wartung und Instandhaltung ist ein Echtzeitzugriff auf integrierte Produktionsdaten sehr wertvoll.

Wartungsintervalle können optimiert werden und Zusammenhänge verschiedener Systeme werden erkannt und können berücksichtigt werden. Dies sind nur einige Beispiele für Bereiche, in denen ein Echtzeitdatenzugriff Vorteile bringen kann.

IT-DIRECTOR: Was hält das eine oder andere Großunternehmen noch davon ab, auf den Zug aufzuspringen? Welche Rolle spielt hier das Thema „Sicherheit“?
K. Bergemann:
Mobile Geräte sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wir sind auf den Zug aufgesprungen, ohne groß darüber nachzudenken und – wenn wir ganz ehrlich sind – ohne uns auch groß über die Risiken Gedanken zu machen. Diese Vorgehensweise können sich Unternehmen bei der Einführung neuer Technologien nicht leisten. Daher geht es nicht darum, ob Unternehmen auf den Zug aufspringen, sondern darum, wie schnell sie (mit)fahren wollen.

Das Thema „Sicherheit“ spielt bei diesen Überlegungen eine sehr wichtige Rolle. Es geht darum, neue Technologien zu verstehen und ihnen zu vertrauen. Hat meine lokale IT das Know-how, um Hackerangriffe abzuwehren? Sind Cloud-Anbieter vielleicht besser vorbereitet? Bei den meisten Unternehmen wird in den nächsten Jahren ein Umdenken stattfinden. Durchgängige Netzwerke werden organisch gewachsene Netzwerke ersetzen. Und auch das Cloud Computing wird sich etablieren. Mit diesen Veränderungen wird der Zug bei vielen Unternehmen Fahrt aufnehmen.

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok