Compliance-Anforderungen berücksichtigen

Umdenken bei Banken-CIOs?

Immer neue und zunehmend komplexe regulatorische und gesetzliche Anforderungen, sinkende Margen und geringere IT-Budgets zeigen an, dass Banken und Finanzdienstleister in ihrer IT-Strategie umdenken müssen.

Die Zeit monolithischer, schwer anpassbarer Systeme geht zu Ende, da sie für Anpassungen nicht die nötige Flexibilität bieten. Die IT-Strategie muss so aufgestellt sein, dass sie unter Berücksichtigung der Compliance-Anforderungen die Unternehmensstrategie unterstützt und dem Finanzinstitut dabei hilft, den Marktanforderungen gerecht zu werden. 2013 wird es in diesem Spannungsfeld zu einigen Umwälzungen kommen.

In der Vergangenheit haben die meisten Banken versucht, möglichst wenige Systeme im Haus zu betreuen – mit der Folge, dass insbesondere das Kernbankensystem sehr individuell an das eigene Haus angepasst wurde und auch Prozesse aus Frontoffice und Kundenbetreuung dort abgebildet wurden. Mit neuen Regularien stehen Banken jedoch einige signifikante Änderungen ins Haus.

Viele der gesetzlichen und regulatorischen Neuerungen nehmen jedoch genau solche kundenbezogenen Prozesse ins Visier. Dazu zählen etwa MiFID II und die entsprechende Verordnung MiFIR mit der Ausweitung des Transparenzregimes auf den Nicht-Aktienbereich (z.B. Renten, Derivate, strukturierte Produkte). Ebenso werden die überarbeiteten Mindestanforderungen an Compliance, bekannt als MaComp, der BaFin weitreichende Auswirkungen haben. Das neue Modul BT 7 „Prüfung der Geeignetheit nach § 31 Abs. 4 WpHG“ ist am 21.12.2012 in Kraft getreten Die Vorgaben des Moduls BT 1, das die organisatorischen Anforderungen und Aufgaben der Compliance-Funktion nach § 33 Abs. 1 WpHG regelt, gilt seit 27.01.2013. Interessant ist, dass nun ausdrücklich klargestellt wurde, dass die Dokumentation in elektronischer Form geführt werden kann.

Doch auch im Backoffice stellt der Gesetzgeber neue Anforderungen: Beispielsweise verpflichtet er die Handelsteilnehmer im Hochfrequenzhandelsgesetz zur Kennzeichnung der durch algorithmischen Handel erfolgten Aufträge und zur Kenntlichmachung der verwendeten Algorithmen. Nun stellen viele CIOs fest, dass aufgrund sinkender Margen im Kerngeschäft auch die IT-Budgets sinken, so dass kostspielige Anpassungen am Kernsystem womöglich nicht schnell genug umgesetzt werden können oder ihren Bewegungsspielraum für neue innovative Projekte aus den Fachbereichen einschränken.

Compliance, Innovation oder beides?

Gerade solche Projekte aus dem Fachbereich sind jedoch in der nächsten Zeit zu erwarten. So kommt z. B. die Boston Consulting Group (BCG) in ihrem Risk Report 2012 zu dem Schluss, dass Banken derzeit vor der Herausforderung stehen, ihre Geschäfts- und Betriebsmodelle zu überprüfen, und eine bankweite Transformation bevorsteht. Nachdem die meisten Budgets schon gekürzt und Stellen abgebaut wurden, bleibt sinnvollerweise nur die Verschlankung operativer Prozesse. Dieses Potential wird auch durch eine Umfrage der Börsenzeitung bestätigt: Laut dieser sehen 74 Prozent der Banken ihre Fachprozesse nur eingeschränkt IT-seitig abgebildet.

Damit wird die IT zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor und die Herausforderungen zeigen sich mittlerweile klar konturiert: Mit einer flexiblen Architektur müssen Banken-CIOs den aktuellen Forderungen von Markt und Gesetzgeber entgegentreten und in der Lage sein, Änderungen schnell und kostengünstig umsetzen.

Der fachliche Prozess, der Vertrieb und Abwicklung unterstützt, steht künftig deutlich stärker im Mittelpunkt der Überlegungen bei Auf- und Ausbau der IT-Architektur. Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung ist das Kunden- und Partnermanagement. Hier zeichnet sich nach Jahren der Einbindung von vorgelagerten Prozessen ins Kernsystem nun eine Trennung ab. Wettbewerbsvorteile werden erzielt, wenn es gelingt, für die Abbildung von Fachprozessen eine durchgängige Fertigungstiefe zu definieren, die es ermöglicht, im Haus kurzfristig Änderungen durchzuführen, und die zugleich für Standardfunktionen und Spezialdienstleistungen ohne Wettbewerbsvorteil von außen offen ist.

Als erfolgreich erweisen sich vor allem Projekte, in denen kundenbezogene Prozesse mitsamt der zu beachtenden Vorgaben aus dem zentralen Kernbanksystem in ein flexibleres und damit kostengünstigeres System ausgelagert werden. Dies reduziert die Fertigungstiefe durch die Anwendung bewährter Standards.

Sicher und sparsam mit Standards

Grundsätzlich ließe sich diese Fertigungstiefe auch in der Umsetzung mit einem universellen System bewerkstelligen. Ein unternehmerisch denkendes IT-Management wird aber schnell erkennen, dass die hohen Anforderungen an ein Kernbanksystem nicht notwendigerweise die Kosten der Prozessabbildung der Konto- oder Depoteröffnung über den kompletten Prozess und über alle Systeme hinweg vervielfachen müssen. Heute bilden neue, hochintegrative Systeme in Spezialbereichen eine günstigere Alternative und vermeiden teure Individualentwicklungen.

So unterstützt z. B. im Kunden- und Partnermanagement die Lösung RelaGain – Acando CRM bereits im Standard die Prüfung von Geeignetheit und Angemessenheit nach § 31 Abs. 4 WpHG in ihrer neuesten Ausprägung. „Viele Prüfungen, die heute meist den Kundenberater involvieren, haben wir automatisiert, so dass Mitarbeiter der Compliance sich ihre Berichte auf Knopfdruck anzeigen lassen können. Prozessvorgaben, die die Organisations- und Arbeitsanweisungen des Wertpapierdienstleistungsunternehmens widerspiegeln, reduzieren das Risiko eines Fehlverhaltens in der Beratung signifikant.“ beschreibt Stefan Merchel, Produktmanager der Lösung RelaGain bei der Acando GmbH, die Vorteile einer Standardlösung. Sind über die Standardprozesse hinaus individuelle Anpassungen nötig, so gestalten sie sich kostengünstiger und weniger risikoreich, da das Kernbanksystem nicht betroffen ist.

Mit einer so flexiblen Architektur vermeiden Banken nicht alle Änderungen am Kernbanksystem, aber sie reduzieren sie deutlich. Wesentliche Risikofaktoren werden schneller und kostengünstiger entschärft und Prozesse verlaufen durchgängig und letztlich sicherer. Dies wird durch den Einsatz von Systemen gewährleistet, die exakt auf einzelne Prozessschritte ausgerichtet sind und regulatorische Anforderungen bereits im Standard erfüllen.

Glossar:
MiFID II
– Markets in Financial Instruments Directive, überarbeitete Version Finanzmarktrichtline (MiFID) der Europäischen Union zur Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt

MiFIR – Markets in Financial Instruments Regulation, Verordnung über Märkte für Finanzinstrumente und zur Änderung der Verordnung über OTC-Derivate, zentrale Gegenparteien und Transaktionsregister

BaFin – Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht

MaComp – Rundschreiben „Mindestanforderungen an Compliance und die weiteren Verhaltens-, Organisations- und Transparenzpflichten nach §§ 31 ff. WpHG“

WpHG – Wertpapierhandelsgesetz


* Der Autor, Stefan Merchel, ist Prinzipal Consultant bei der Acando GmbH

Bildquelle: Florentine/Pixelio.de

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