Kommentar

Ungenutztes Potenzial

Dr. Salima Douven, Director Open Innovation bei Henkel dx Ventures, erklärt, wieso die geringe Quote an Startup-Gründerinnen kein reines Frauenproblem ist, sondern auch Innovation und Wachstum bremst.

Salima Douven

Salima Douven ist seit 2008 bei Henkel und hat in verschiedenen Abteilungen die digitalen Transformationsprozesse begleitet, bis sie zuletzt die Innovationsplattform HenkelX Ventures aufbaute.

Ein eigenes Unternehmen zu gründen erfordert Mut und Ausdauer. Verantwortlich für andere sein zu wollen, bürokratische Hindernisse zu überwinden und sich proaktiv an der Entwicklung unserer Volkswirtschaft zu beteiligen, erfordert ein bestimmtes Mindset. Wer sich zu diesem Schritt entscheidet, sollte Rahmenbedingungen vorfinden, die eine Gründung möglichst einfach machen. Für Deutschland gilt das leider zu wenig und für Frauen noch viel weniger. Sie erhalten wesentlich weniger Kapital für ihre Gründungen, im Schnitt nur ein Drittel von dem, was männliche Gründer bekommen.

Neben soften Faktoren, wie Unterschieden im Auftreten, der Risikobereitschaft oder dem Produkt an sich, gibt es einen wichtigen Faktor, der diesen Umstand begünstigt: Die Investorenlandschaft ist größtenteils männlich geprägt und Frauen haben es schwer Fuß zu fassen. Denn Investoren bevorzugen bewusst oder unbewusst diejenigen, die ihnen ähnlich sind. Es wird ihnen mehr Vertrauen entgegengebracht, sie erhalten mehr Kapital, mehr Unterstützung.

Gedrosseltes Wachstum durch ungenutztes Potenzial

Ohne Finanzierung aber keine Gründung, keine Innovation. Das führt dazu, dass viele Ideen und potenzielle Unternehmen gar nicht erst entstehen können. Dabei liegt genau dort die ursprüngliche Stärke unserer Gesellschaft. Die deutsche Wirtschaft ist unter anderem deshalb so stark, weil wir einen großen, heimisch gewachsenen Mittelstand haben. Das Gründen, das Erfinden, es steckt in unserer DNA. Ohne den Mittelstand wären wir heute nicht da wo wir sind. Wir haben keine Rohstoffe, auf die wir im Zweifelsfall zurückgreifen könnten, wir sind auf unser Wissen, unsere Erfindungen, unsere Ideen und Innovationen angewiesen. Wie passt das zusammen mit einem Startup-Ökosystem, das Gründungen verkompliziert und für 50 Prozent der Bevölkerung noch weitere Hürden aufbaut? Wie passt es zusammen, dass Mädchen in der Schule deutlich besser abschneiden als Jungen, häufiger ein Studium beginnen und dann einen so geringen Anteil an den Gründungen hierzulande haben?

Eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds kommt zu dem Schluss, dass die Möglichkeiten für wirtschaftliches Wachstum signifikant steigen, wenn Frauen aktiv gefördert werden. Ein nachhaltig positiver Einfluss auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage eines Landes, der unter anderem am BIP abzulesen ist. Weiterhin ist ein Effekt bei der Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt der Anstieg von Investitionen in die Ausbildung von Mädchen. So entsteht ein positiver Kreislauf, der insgesamt auf den Wohlstand einzahlt. Das Gegenteil passiert, wenn diese Förderung ausbleibt.

Volle Brainpower für eigene Technologiestandards

Schon jetzt sind Deutschland und Europa nur kleine Flecken neben den USA oder vielen asiatischen Ländern, wenn es um Gründungen und Kapitalflüsse geht. Insbesondere über Pre-Seed und Seed-Funding hinaus, finden Investitionen oft außerhalb Europas statt. Wenn wir aber die Technologiehoheit, die uns unsere Vorfahren hinterlassen haben, hierbehalten wollen, müssen wir an diesem Zustand etwas ändern. Das ist keine Frage von Eitelkeit. Wenn wir hier nichts ändern, dann kommen die Standards bald woanders her und wir müssen uns unterordnen.

Wir sind gut beraten, unsere eigenen Standards und darauf aufbauende Technologien zu schaffen, die mit unserer Vorstellung von der Welt in Einklang stehen. Statt anderen dabei zuzusehen, müssen wir die Möglichkeiten schaffen auch hier an den Technologien der Zukunft zu forschen und aktiv in Ideen und Gründungen investieren.

Frauenförderung ist Zukunftsförderung

Wenn wir nicht abgeschlagen werden wollen, müssen wir unser gesellschaftliches Potenzial voll ausschöpfen. Als Unternehmen müssen wir Räume und Möglichkeiten schaffen, wir müssen Geld in die Hand nehmen und hier vor Ort investieren. Wir müssen Netzwerke schaffen, die es insbesondere Frauen ermöglichen, sich zu entfalten und neue Ideen in unsere Wirtschaft einfließen zu lassen. Für eine Zukunft, in der wir weiterhin an der Spitze der Technologieentwicklung stehen und in der gesehen wird, welchen signifikanten Beitrag Frauen in der Wirtschaft leisten. Wir haben alle Möglichkeiten einen Unterschied zu machen und unseren Motor, die Unternehmenslandschaft, zu „tunen“. Nehmen wir diese Verantwortung an!

Bildquelle: Henkel dx Ventures

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