27.12.2017

„Unis müssen die Digitalisierung vorantreiben“

Von: Stefanie Köhr

Gegen alle Widerstände haben die IT-Verantwortlichen André Kreft, Dirk Schwarze und Sebastian Troche der Universität Duisburg-Essen den Wandel in der IT in ihren jeweiligen Fakultäten auf den Weg gebracht und eine hochmoderne, flexible IT-Infrastruktur geschaffen. Ihr dabei ins Leben gerufenes IT-Service-Center „Competence Cluster Virtual Systems“ (CViS), mittlerweile ein akademisches Vorzeigeprojekt fakultätsübergreifender IT-Kooperation, machte sie bundesweit bekannt.

  • Dirk Schwarze, Leiter IT-Service-Center, Wirtschaftswissenschaften

    Dirk Schwarze, Leiter IT-Service-Center, Wirtschaftswissenschaften

  • André Kreft, CIO und Geschäftsführer Dekanat Biologie

    André Kreft, CIO und Geschäftsführer Dekanat Biologie

  • Sebastian Troche, Mitarbeiter IT-Service-Center, Wirtschaftswissenschaften

    Sebastian Troche, Mitarbeiter IT-Service-Center, Wirtschaftswissenschaften

IT-DIRECTOR: Sie haben nicht nur bei den Studenten und Professoren Ihrer Fakultäten – Wirtschaftswissenschaften, Biologie und Bauwissenschaften als Teil der Ingenieurwissenschaften – eine große Fangemeinde, sondern auch über die Grenzen der Universität Duisburg-Essen hinaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und das nur durch die Einführung einer neuen Technologie?
D. Schwarze:
Das liegt daran, dass es sich hier eben nicht nur um die Einführung einer bloßen Technologie, sondern um die Umsetzung eines komplett neuen IT-Konzepts handelt. Dessen Ziel ist es, im Bereich der Lehre die Entwicklung innovativer, didaktisch wirkungsvoller Lehrformate, die Stärkung des Theorie-Praxis-Transfers sowie die Inter- bzw. Transdisziplinarität zu fördern. Die Einrichtung eines virtuellen PC- und Software-Pools auf der Basis von Cloud Computing ist ein evidentes Beispiel für die Entwicklung neuer IT-gestützter Services für Forschung und Lehre. Dank Virtualisierung können wir, die IT, auf Knopfdruck leistungsfähige und flexible Infrastruktur zur Verfügung stellen, die den Studierenden unabhängig von Ort, Uhrzeit und eigener technischer Ausstattung die Möglichkeit bietet, studienbezogene Software einzusetzen. Das war früher nicht möglich. Da konnten Dozenten nicht einfach spontan für die Übung nächste Woche eine Demo aufsetzen, da das technisch nicht umsetzbar war. Das hat mehrere Monate Vorbereitung benötigt. Heute geht das aufgrund unserer VMware-Technologie mit einem Mausklick.

IT-DIRECTOR: Was hat Sie dazu bewogen, neue Pfade einzuschlagen?
D. Schwarze:
Die initiale Idee gründete auf der Fragestellung, wie man Studierenden und Mitarbeitern Software für Studium und Lehre zur Verfügung stellen kann, ohne dass diese auf eigene Ressourcen zurückgreifen müssen.

A. Kreft: Das waren mehrere Gründe. Zum einen natürlich der angesprochene Punkt der Flexibilität, aber auch Faktoren wie Effizienz, Kostenersparnis, Umwelt, Energie sowie der für eine moderne Hochschule wichtige Image-Faktor der Innovation.

IT-DIRECTOR: Aber von der Idee bis zur Umsetzung war es ein weiter Weg...
S. Troche:
Sie sagen es! Wir von den Wirtschaftswissenschaften haben mit diesem Projekt angefangen und konnten uns auf keinerlei Erfolgsgeschichte referenzieren. Außerdem gab es durchaus Vorbehalte gegenüber der neuen Technologie. Das Killerargument war: „Sowas hatten wir schon, hat sich alles nicht durchgesetzt etc.“. Einfache PCs kaufen ist billiger. Die finanziellen Einsparungen wurden nicht gesehen, zumal bei einer Universität die Stromkosten nicht verbrauchsbasierend umgelegt werden. So konnten wir quasi „nur“ auf die Punkte Flexibilität und Innovation setzen. Wir haben das Motto der Uni „Offen im Denken“ wörtlich genommen und in die Tat umgesetzt. Denn das ist es auch, was es braucht, um neue Projekte umzusetzen: Offenheit, kein „Das haben wir schon immer so gemacht“.

A. Kreft: Als wir an der Fakultät für Biologie schließlich auf der Suche nach einer Desktopvirtualisierungslösung waren, haben wir nur rein zufällig über Kollegen von der bereits bestehenden VMware-Umgebung an der Universität erfahren. Wir hatten also sehr viel Glück, dass wir uns auf diese Umgebung bei den Wirtschaftswissenschaften beziehen, das Projekt aufgrund dessen zeitnah durchsetzen und die Lösungen implementieren konnten. Heute profitieren und lernen wir umfassend von der vorhandenen Expertise und die beiden Kollegen aus den Wirtschaftswissenschaften stehen uns jederzeit für Rat und Tat zur Seite. Dafür bin ich sehr dankbar, denn aus eigener Kraft hätten wir das nicht geschafft – hierfür fehlte uns schlicht und einfach das Know-how.

IT-DIRECTOR: Haben Sie Tipps, wie ein solches Projekt angegangen werden sollte?
A. Kreft:
Eine der wenigen Weisheiten, die ich mir im Leben zurechtgelegt habe: Das einzig wirklich beständige auf dieser Welt ist Veränderung. Deshalb haben wir den Wandel als natürlichen Prozess und Notwendigkeit und weniger als lästige Pflicht gesehen. Auch eine Uni ist manchmal eine konservative, träge Institution, weshalb jemand, der etwas bewegen möchte, durchweg auch Durchhaltevermögen benötigt. Er sollte sich außerhalb seines normalen Themenfeldes mit Neuerungen befassen und schauen, wie er von solchen Entwicklungen auch in seinem eigenen Bereich profitieren kann. Gegenüber einem klassischen Wirtschaftsunternehmen ist eine Uni kein Top-down-Unternehmen. Als Rektorat kann man einiges beschließen, aber ob das in den einzelnen Arbeitsgruppen wirklich umgesetzt wird, steht auf einem anderen Papier. Das heißt, man muss Leute wirklich überzeugen und mitnehmen, man kann nicht einfach von oben hinweg entscheiden. Eine Uni ist ein sehr demokratischer Laden mit vielen Entscheidern und Ebenen, man muss viel auf Konsens setzen, es gibt kaum ein „reines Bestimmen von oben“. Dafür braucht man neben der nötigen Überzeugung für eine Sache auch viel, viel Durchhaltevermögen.

IT-DIRECTOR: Sollten gerade IT-Verantwortliche besonders motiviert sein, große, neue Projekte anzustoßen?
D. Schwarze:
IT-Verantwortliche brauchen vielleicht ein Quäntchen mehr Ausdauer, um in ihrer Organisation einen wirklichen Wandel voranzutreiben. Die IT ist ein recht komplexer Fachbereich, in den sich ein Geschäftsführer, CEO oder eben ein Dekan nicht ohne weiteres einarbeiten kann. Deshalb gilt es hier erst recht, auf ein bestimmtes Ziel beständig und geduldig hinzuarbeiten.

S. Troche: Um künftig erfolgreich zu sein, müssen Universitäten die Digitalisierung vorantreiben, indem sie dazu beitragen, bestehende Modelle sowie die Art und Weise des Arbeitens zu überdenken, und neue Technologien einsetzen, die die digitale Transformation unterstützen.

IT-DIRECTOR: Das ist Ihnen mit Ihrem Projekt gelungen. Zudem haben Sie gezeigt, dass es hierfür nicht notwendig ist, ein Einzelkämpfer zu sein.
A. Kreft:
Genau, es ist immer gut, Verbündete zu haben. Unsere Kooperation mit den Wirtschaftswissenschaften war die Grundlage, auf der etwas später, zusammen mit den Bauwissenschaftlern, der „Competence Cluster Virtual Systems” (CViS) gegründet wurde. Der Vorteil des Zusammenschlusses: Unserer kollegialen Zusammenarbeit wurde ein offizieller Rahmen gegeben, dadurch hat sich unsere Durchsetzungskraft verstärkt, wir werden gemeinsam eher gehört und können den Studierenden einen besseren Mehrwert leisten. Zum Beispiel können wir gemeinsam als CViS sehr viel einfacher Forderungen und Wünsche gegenüber dem Rektorat durchsetzen und beispielsweise Budget für neue Projekte beantragen.

IT-DIRECTOR: Und dass Sie mittlerweile Besuch von IT-Verantwortlichen anderer Universitäten oder dem Fraunhofer Institut bekommen, zeigt, dass der Zusammenschluss ein großartiger Erfolg ist.
D. Schwarze:
Ja, der CViS ergänzt die interne Zusammenarbeit durch Kooperationen mit externen Partnern. Aber das ist es in unseren Augen auch, was Change-Agenten ausmacht. Den Wandel nicht nur in der eigenen Organisation voranzutreiben, sondern auch andere auf ihrem Weg zu unterstützen.

Bildquellen: Universität Duisburg Essen

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