Fachkräftemangel reloaded

Unternehmen machen Fehler bei der Personalsuche

41.000 offene IT-Stellen: Das ist kein Fachkräftemangel, das ist ein Bewerbermarkt. Aber Unternehmen müssen Fehler vermeiden, sonst bleiben die Bewerbungen aus.

41.000 offene IT-Stellen machen Karriereplanung leicht

Der Fachkräftemangel ist wieder da, jedenfalls als Diskussionsthema. Seit Jahren schon wogt die Debatte hin und her. Gibt es ihn, den aus demografischen Gründen stetig zunehmenden Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften in der Wirtschaft?

Kassandra und die Untergangsorgel

Vor allem große Konzernarbeitgeber sowie Arbeitgeber- und Berufsverbände hauen regelmäßig fest auf die Tasten der Untergangsorgel und beschwören das Ende des Wohlstands. Eine verlässliche Kassandra ist auch der IT-Branchenverband Bitkom. Nach einer aktuellen Studie werden In Deutschland derzeit rund 41.000 IT-Spezialisten gesucht, ein Wachstum der offenen Stellen im Vergleich zum Vorjahr um rund 5 Prozent.

Die unbesetzten Stellen verteilen sich dabei etwa im Verhältnis 2:3 auf IKT-Unternehmen (16.500) und Unternehmen aus anderen Branchen (24.500). Quelle dieser Zahlen sind Interviews mit mehr als 1.500 Geschäftsführern und Personalverantwortlichen von Unternehmen aller Branchen.

Sie suchen in erster Linie Entwickler, fast drei Viertel der Unternehmen haben mindestens eine offene Stelle dieser Art. Doch auch andere Berufsfelder sind gesucht, zum Beispiel Administratoren (21%), IT Berater (18%) oder Projektmanager (15%). Besonders gefragt sind im Moment IT-Sicherheitsexperten: 15% der befragten Unternehmen nach Spezialisten für das Thema.

Zunächst einmal handelt es sich hier nicht um Fachkräftemangel, sondern lediglich um unbesetzte Arbeitsplätze. Von einem Mangel kann nur dann die Rede sein, wenn eine Mehrheit dieser Stellen über einen längeren Zeitraum nicht besetzt werden kann. Das setzt natürlich voraus, dass die Unternehmen eine offene Stelle tatsächlich besetzen wollen und sie nicht nur aus Prestige-Gründen pro forma ausschreiben.

Zahlen zu diesen beiden Phänomenen geben die Bitkom-Pressemitteilung nicht her. Doch aus der Statistik lassen sich sehr gut die derzeit angesagten IT-Themen ablesen, in den naturgemäß ständig Arbeitskräfte gesucht werden. So hat zum Beispiel die große Dynamik bei Enterprise Mobility für eine erhöhte Nachfrage nach Entwicklern gesorgt. Und die NSA-Affäre hat als Spätfolge einen erhöhten Bedarf an entsprechenden Experten.

Offene Stellen bilden IT-Trends ab

Diese Trends sind hervorragend für alle Mitarbeiter mit den entsprechenden Qualifikationen. Immerhin dürfte die von Bitkom ermittelte Anzahl der offenen Stellen besser die Wirklichkeit abbilden als die Daten der Bundesagentur für Arbeit. Sie gelten als unzuverlässig, da nicht alle Unternehmen ihre offenen Stellen beim „Amt“ melden.

Deshalb ist zum Beispiel die Engpassanalyse der Arbeitsagentur nur mit Vorsicht zu benutzen. Für 2013 gibt es eine ausführliche Analyse von Mangelberufen, die nach Qualifikationsstufen sortiert sind. Hier finden sich zwar auch die Informatiker, aber eine genauere Aufschlüsselung nach Fachgebieten und Spezialisierungen findet nicht statt.

Zu den Engpassberufen gehören einerseits recht exotische Berufsbilder wie zum Beispiel „Experte für Luft und Raumfahrttechnik“ und andererseits Allzeitklassiker wie „Fachkraft für Altenpflege“, „Spezialist für Fachkrankenpflege“ und „Fachärzte für innere Medizin“.

Hieraus einen flächendeckenden Fachkräftemangel abzuleiten, sei unseriös, meint die Hamburger Karriereberaterin Svenja Hofert in einem Artikel in ihrem Karriereblog. Ihre Erfahrungen in der praktischen Arbeit sind andere: Auch Fach und Führungskräfte im unproblematischen Altersbereich der 30er und 40er müssen mit mindestens einem Jahr Zeit für die Jobsuche rechnen.

„Meine Sicht ist die: Der Fachkräftemangel ist eine reine Erfindung von Menschen, die ein Interesse daran haben, die „Basisrate“ ihrer Bewerber hochzuhalten“, schreibt Hofert. „Man möchte perfekte Leute, die zu 100% einsetzbar sind und alles beherrschen – was aber aufgrund der zunehmenden Nischenbildung immer schwieriger wird.“

Die HR-Sünden der Unternehmen

Dieser Unwille, zu 90% passende Leute weiterzubilden und einzuarbeiten, ist nur eine Art, in der sich Unternehmen bei der Suche nach Mitarbeitern selbst boykottieren. Beliebt sind auch abschreckende Stellenanzeigen, ein schlechtes Image als Arbeitgeber und vieles mehr.

Bereits seit einiger Zeit lassen sich alle Sünden der Unternehmen in einem Buch nachlesen: Martin Gaedt, Mythos Fachkräftemangel. Der erfahrene Personalberater Gaedt kommt wie Svenja Hofert zu dem Schluss: „Es gibt keinen allgemeinen Fachkräftemangel.“ Das Gejammer von Unternehmen und Verbänden liege in erster Linie daran, dass die Bewerber den Firmen nicht mehr wie früher die Türen einrennen.

Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, mit der viel zitierten Entwicklung des Unternehmens zu einer Arbeitgeber-Marke qualifizierte Bewerber anzuziehen. Eine Studie des Beratungsunternehmens Towers Watson kommt zu dem Ergebnis, dass viele Unternehmen bei der Personalsuche Chancen vergeben.

Zwei Fehler seien besonders häufig: Die mangelnde Bereitschaft zu Kompromissen beim Gehalt und die fehlende Werbung mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes. Außerdem unterschätzen deutsche Arbeitgeber die Bedeutung der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes und vor allem die motivierende Funktion von eigenständigem Arbeiten und einer herausfordernden Aufgabe.

Bildquelle: Uwe Wagschal / pixelio.de

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