Industrial Security: Interview mit Dieter Wegener, Siemens

Vernetzung der Maschinen dank Industrie 4.0

Interview mit Prof. Dr. Dieter Wegener, Technologiechef Sector Industry bei Siemens, über die Vision der Produktion der Zukunft sowie wichtige Sicherheitsmaßnahmen im Rahmen von Industrie 4.0

Dieter Wegener, Siemens

Dieter Wegener, Technologiechef Sector Industry bei Siemens

IT-DIRECTOR: Herr Wegener, was steckt hinter dem Begriff „Industrie 4.0“? Handelt es sich um eine weitere Marketingphrase der IT-Branche?
D. Wegener:
Der Begriff „Industrie 4.0“ steht für eine Vision der Produktion in der Zukunft, die sich aus der Hightech-Strategie der Bundesregierung entwickelt hat. Die Vision baut auf dem „Internet der Dinge und Dienste“ auf und sieht eine integrierte Vernetzung und Kommunikation zwischen Personen, Produkten, Materialien und Maschinen vor. Damit sollen Produktionsnetzwerke dynamisch, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, geknüpft werden und eine optimierte Fertigung mit höchster Produktivität erreicht werden. Dazu sind Technologien aus der IT-Branche erforderlich, die schon seit vier Jahrzehnten die Automatisierungstechnik befruchten. Der Begriff wird von allen beteiligten Branchen genutzt und definiert, von den Automatisierern und Maschinenbauern wie von den IT-Spezialisten. Hinter der Vision stehen entsprechend auch die Verbände Bitkom, Zvei und VDMA, die gemeinsam die Plattform Industrie 4.0 betreiben.

IT-DIRECTOR: Geht es bei Industrie 4.0 allein um die Ausstattung von Maschinen mit IP-Adressen? Oder inwieweit findet in diesem Zusammenhang eine Umwälzung innerhalb der Fertigungsprozesse von Industriebetrieben statt?
D. Wegener:
Die Vernetzung – und damit die Vergabe von IP-Adressen an Maschinen oder auch Werkstücke – ist nur ein Teilaspekt von Industrie 4.0. Ebenso wichtig sind Elemente wie Cyber Physical Systems (CPS), also sich zum Teil selbst steuernde Prozesse in der Fertigung, eine durchgängige Datenhaltung und IT-Systeme, die einen digitalen Workflow vom Design der Produkte über die Produktion bis hin zur Koordination und Optimierung der Prozesse und umgekehrt ermöglichen. Erst damit lassen sich Produkt- und Produktionslebenszyklen miteinander integrieren und dadurch optimieren. Als Ziel – in etwa 20 Jahren sehen wir das – steht eine Produktionslandschaft, in der sich Wertschöpfungsketten dynamisch in Echtzeit entsprechend der aktuellen Anforderungen herausbilden. Und das sogar über Unternehmensgrenzen hinweg. Das wird Auswirkungen auf Geschäftsmodelle haben, auf Organisationen und kaum einen Aspekt moderner Produktionsbetriebe auslassen.

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile können sich die Anwenderunternehmen von Industrie-4.0-Einsatzszenarien respektive M2M-Technologien versprechen?
D. Wegener:
Aus unserer Sicht steht für die Industrieunternehmen eine Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit an erster Stelle, die im Zuge von Industrie 4.0 vor allem durch eine größere Flexibilität und eine höhere Produktivität erreicht werden soll. Diese Unternehmen können ihren Kunden weitgehend individualisierte Produkte anbieten, die zu kostengünstigen Massenfertigungskonditionen hergestellt werden.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt der Einsatz mobiler Devices innerhalb moderner Industrieprozesse? Können Sie uns bitte ein kurzes Einsatzszenario beschreiben?
D. Wegener:
Mobile Endgeräte sind bereits seit Jahren in der Industrie im Einsatz. Zumeist handelt es sich dabei um Produkte, die auf die spezifischen Anforderungen der Industrie – wie etwa Stoßfestigkeit – ausgelegt sind. Parallel ist durchaus zu beobachten, dass Mobile Devices wie Tablets und Smartphones im Umfeld der Industrie immer stärker genutzt werden. So bietet Siemens etwa diverse Apps für Servicepersonal an oder Adaptionen von Designanwendungen (CAD/CAE) für mobile Endgeräte. Der Produktdesigner muss heute nicht mehr zwangsläufig an seinem Büroarbeitsplatz sitzen, um seine Ideen darzustellen, mit anderen zu teilen oder gar zu simulieren, etwa: welche Auswirkungen auf die Aerodynamik hat ein geänderter Verlauf des Frontflügels an einem Auto. Ganze Teams arbeiten heute schon weltweit verteilt an der Entwicklung eines Produktes und an der Entwicklung der entsprechenden Produktionstechnik, und viele davon sind mobil integriert.

IT-DIRECTOR: Welche Einsatzmöglichkeiten sind für neue Endgeräte wie Wearables oder Datenbrillen denkbar?
D. Wegener:
Ähnlich wie bei mobilen Endgeräten ist zu erwarten, dass auch andere neuartige Devices in Bereichen wie Service und Maintenance oder in der Planung Verwendung finden. Um diese Geräte in der Produktion einzusetzen, müssen jedoch zahlreiche spezifische Eigenschaften wie Sicherheit, Robustheit oder aber der garantiert störungsfreie Betrieb im Industrie-Umfeld gegeben sein.

IT-DIRECTOR: Und welche Bedeutung besitzen Softwaretechnologien wie Big-Data-Analysen im Industrie-4.0-Umfeld?
D. Wegener:
Datenanalyse wie auch Industrie 4.0 sind im Zusammenhang mit dem generellen Trend zur Digitalisierung der Produktion zu sehen. Je stärker IT-basierte Anwendungen und Komponenten in der Produktion eingesetzt werden, umso mehr Daten werden generiert und stehen für anschließende Analysen bereit. Wir tragen dieser Entwicklung bereits heute mit Plant Data Services, also besonderen Dienstleistungen rund um die Erfassung und Auswertung von Daten aus der Produktion Rechnung.

IT-DIRECTOR: Welches sind die größten Risiken bei der Anwendung dieser Technologien?
D. Wegener:
Mit der zunehmenden Digitalisierung, Vernetzung und Durchdringung mit Technologien der Informations- und Kommunikationsbranche hat sich im Produktionsumfeld über die letzten 40 Jahre das Angebot an Schnittstellen und die Vielzahl an Softwareprodukten gleichermaßen erhöht. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden 20 Jahren – auf dem Weg zu Industrie 4.0 – fortsetzen. Damit diese Schnittstellen und Softwareprodukte nicht zu Schwachstellen und damit zu einem Sicherheitsproblem werden, bieten wir seit langem umfangreiche Konzepte zur Erhöhung der Industrial Security an. Wir haben beim Thema Industriesicherheit drei wirksame Maßnahmen ergriffen. Erstens: Wir haben ein umfassendes Industrial-Security-Konzept entwickelt, das das Thema ganzheitlich, angefangen beim Zugangsschutz, betrachtet. Zweitens: Wir bauen verstärkt Sicherheitsfunktionen in unsere Komponenten ein und bauen unser Portfolio an spezialisierten Sicherheitskomponenten beständig aus. Drittens: Wir geben unser Know-how auf dem Gebiet der Industrial Security in Form von Services und Training gezielt an unsere Kunden weiter.

Industrial Security ist kein Produkt, das man von der Stange kaufen kann sondern eine Managementaufgabe, die konsequent und nachhaltig umgesetzt werden muss. Die zunehmende Vernetzung und der vermehrte Einsatz von Industrial-IT in der Produktion sorgen dafür, dass Industriesicherheit immer wichtiger wird. Anwender und Anbieter werden daher dieses Thema zukünftig stärker und umfassender angehen müssen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Dafür sind Komponenten nötig, die über integrierte Sicherheitsmechanismen verfügen und die einfach in der Handhabung sind.

IT-DIRECTOR: Worauf sollte man unter Sicherheitsaspekten bei der Vernetzung sämtlicher Maschinen und Fertigungsprozesse vor allem achten? Wie können Sicherheitsangriffe bereits im Keim erstickt werden?
D. Wegener:
Industrial Security ist in erster Linie eine Managementaufgabe und kein Produkt, das man von der Stange kaufen kann – das trifft auch auf Industrie 4.0 zu. Es geht bei Industrial Security darum, allen Beteiligten bewusst zu machen, wo die Unsicherheit anfängt – und dies beginnt bei der Zugangskontrolle an der Pforte und endet beim Einsatz immer aktueller Sicherheitsmaßnahmen, etwa Virenscanner und Firewalls. Deshalb muss ein Security-Management-Prozess installiert und ein Sicherheitskonzept erarbeitet werden. Anschließend müssen die erarbeiteten Lösungen lückenlos umgesetzt werden. Dazu gehört, dass man sie ständig auf Aktualität prüft. Ein Beispiel dafür heute ist das Security Incident und Event Monitoring (SIEM). Mit diesem System können Daten der Automatisierung auf Angriffe hin untersucht werden. Statistiken helfen folglich, künftige Angriffe im Vorfeld zu erkennen. Es geht also darum, Produkte und Lösungen in Anlagen zu etablieren, die eine integrierte Sicherheitsfunktion innehaben.

IT-DIRECTOR: Wie kann die nahtlose Anbindung von „Industrie 4.0“ an die im Unternehmen vorhandenen (Alt-)Systeme gewährleistet werden? Auf welche Standards kommt es in diesem Zusammenhang an?
D. Wegener:
Industrie 4.0 integriert die virtuelle und die reale Welt, die Produktentwicklung mit der Produktionsentwicklung. Dafür ist das von uns als „Digital Enterprise Platform“ bezeichnete Angebot an Hardware und Software erforderlich. Vorhandene Produkte und Angebote können in diese Plattform integriert werden, wenn sie über standardisierte offene Schnittstellen verfügen.

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