In neuem Licht

Verpackungslogistik auf dem Prüfstand

Im Zuge der Digitalisierung kommt der Logistik und ihren Unterdisziplinen verstärkt Aufmerksamkeit zu. Neben ­Supply Chain Management und Intralogistik zählt dazu auch die Verpackungslogistik, die im Umfeld von E-Commerce und Industrie 4.0 in ganz neuem Licht erscheint.

In Plastik eingepackte Weltkugel

Die Verpackung schützt nicht nur den Inhalt, häufig macht sie das Packgut auch besser handhabbar.

Die meisten für den Transport vorgesehenen Güter und Waren müssen verpackt werden. Die Verpackung schützt nicht nur den Inhalt, häufig macht sie das Packgut auch besser handhabbar, sorgt für Staubarkeit und Kennzeichnung. So weit, so unspektakulär – doch modernen Verpackungen kommt neben den klassischen Aufgaben auch eine neue Rolle zu, denn Globalisierung und weltweiter Handel stellen immer höhere Ansprüche: „Das Wachstum des globalen Handels und die Weiterentwicklung von Verpackungssystemen sind seit jeher eng miteinander verbunden, da zuverlässige, robuste und kostengünstige Verpackungen ihren Beitrag leisten, dass Güter und Waren der verschiedensten Industrien über immer größere Distanzen ausgetauscht werden können“, erläutert Michel Heck, Innovation Manager bei DHL Customer Solutions & Innovations. Verpackungssysteme seien dabei eine inzwischen hochkomplexe Angelegenheit, die über die Logistikbranche hinausgehe, da weitere Akteure wie z.B. produzierende Unternehmen, Einzelhändler oder Konsumenten spezifische Ansprüche stellen, erklärt der Experte. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass einer DHL-Umfrage zufolge neun von zehn Unternehmen dem Thema in den kommenden drei bis fünf Jahren eine wichtige Rolle zuweisen.

Der Kunde als Treiber

Selbstverständlich ist der Wandel im Markt geprägt von den Anforderungen, die der boomende E-Commerce mit sich bringt, denn, wie Heck hervorhebt, hat dieser als präferierter Vertriebskanal für viele Produktkategorien grundlegende Auswirkungen auf die Ver­packungsanforderungen. Die Branche stehe nun vor der Herausforderung, den veränderten Bedürfnissen des E-Commerce gerecht zu werden. „Gestiegene Kundenerwartung im Hinblick auf kurze Lieferzeiten, Bequemlichkeit und geringe Toleranz gegenüber beschädigten Sendungen haben direkten Einfluss auf die gewählten Verpackungsformen und deren Kosten“, erklärt der DHL-Experte. Zu einer optimierten Customer Experience zählen außerdem die Nachfrage nach umweltschonendem Material und der öffentliche Diskurs um Verpackungsmüll. „Verschwenderische und ineffiziente Verpackungen führen vermehrt zu Unmut bei Kunden, welcher zunehmend auch auf den gängigen Social-Media-Kanälen geäußert wird“, führt Heck aus – ergänzt aber, dass Kunden laut einer DHL-Studie zwar zunehmend nachhaltige Verpackungsmaterialien präferieren, die Bereitschaft, einen finanziellen Beitrag zu aktuell noch teureren nachhaltigen Verpackungsformen zu leisten, derzeit allerdings gering sei. Interessanterweise lässt sich laut Heck auch beobachten, dass B2B-Unternehmen, wie z.B. Hersteller von Ersatzteilen oder Maschinen, ihre Packaging-Aktivitäten nun vermehrt hinsichtlich einer B2C-Erfahrung ausrichten, sich also selbst in diesem Bereich stärker an den Bedürfnissen ihrer Abnehmer orientieren.

E-Commerce und Digitalisierung sieht auch Marc Hübner von Deufol, einem globalen Dienstleister im Bereich der Verpackung und angrenzender Services, als Treiber für weitere Entwicklungen in seinem Sektor. „Die Uhr dreht sich heute wesentlich schneller als früher. Wenn dringend benötigte Teile rasch verpackt werden mussten, handelte es sich früher meist um Einzelfälle, weil bei irgendeinem Endkunden auf dem Globus eine Maschine defekt war und ein Ersatz angefordert wurde“, beobachtet der Head of Business Development. Heute sei alles eilig und den eben genannten Trend von B2B-Unternehmen, sich an den Anforderungen des Consumer-Markts zu orientieren, erkennt auch er. Das Problem daran sei, dass ein Produktionsbetrieb oft von seinen Lagerkapazitäten eingeschränkt werde und gar nicht so viel bei sich unterbringen könne, wie er produzieren möchte. „Hier springen wir in der Verpackungslogistik für unsere Kunden ein und bieten Lager- und Kommissioniermöglichkeiten an und entlasten somit die Produktionsflächen unserer Kunden. Wir verpacken die eingelagerten Waren bei Bedarf auf Abruf, erstellen Packlisten und Versanddokumentation und arrangieren den Weitertransport weltweit“, führt Hübner aus.

Darüber hinaus werden Logistik-Hubs installiert, um Lieferungen intelligent zu zentralisieren. Auch eine weitgehende Standardisierung sei hilfreich, denn gerade bei Massen- und häufig aufkommenden Produkten lohne es sich zu analysieren, wo Prozesse verschlankt werden können. „Zwar sind größere Anlagenprojekte jeweils individuell, doch auch diese Projekte enthalten jede Menge kleinere Komponenten mit immer wiederkehrenden Maßen und Gewichten, für die sich eine standardisierte Verpackung eignet“, ergänzt er. Um Kunden mit hohem Reaktionsbedarf schnell versorgen zu können, stelle der Anbieter z. B. Containerpaletten bereit, die in hoher Stückzahl an dessen Produktionsstandorten produziert werden und vielseitig einsetzbar seien.

Packaging und Industrie 4.0

Industrie-4.0-Szenarien werden nicht nur immer gängiger, sondern bringen auch für das Packaging-Gewerbe neue Bedingungen mit sich. „Die Verpackungslogistik sorgt nicht nur allein für eine beförderungsgerechte Verpackung, sondern beginnt in Industrie-4.0-Szenarien schon weit früher“, stellt Deufol-Experte Hübner fest. Die Verpackungslogistiker seien hier oft schon in die Bestellprozesse der Kunden einbezogen, nehmen Kontakt mit Lieferanten auf, übernehmen die vorerfassten Waren bereits systemseitig über ein virtuelles Lieferantenportal, stellen die Anwendungen und Anbindung zum Erfassen und Verwalten zur Verfügung und generieren Labels für den Versand zum Kunden oder zum Verpackungsbetrieb, erklärt er – und das alles, noch bevor überhaupt jemand die Ware gesehen habe.

Um alle erforderlichen Teile zur rechten Zeit am rechten Ort bereitzustellen, sei gerade in Großprojekten des Maschinen- und Anlagenbaus, bei denen Anlagen aus einer Vielzahl einzelner Losteile bestehe, eine umfassende Katalogisierung nötig. Diese Katalogisierung geschehe bei Deufol über eine eigens entwickelte Software, über die die Erfassung der Einzelteile erfolgt und die die Ware vom Lieferanten oder der Produktion zur Verpackung begleitet, über den Transport bis zum Empfänger und angeschlossenen Magazinmanagement z.B. auf einer Baustelle im Empfangsland. So hätten alle Beteiligten jederzeit volle Transparenz über den aktuellen Status eines jeden Losteils, angefangen von der Bestellung, über Vortransport, Lagerumschlag, Verpackung, Versand, Verzollung bis hin zur Einsortierung im Lager des Endkunden, führt Hübner aus.

Zunehmende Automatisierung

Selbstverständlich spielt in industriegetriebenen Prozessen Automatisierung zunehmend eine Rolle. „Sie wird in den unterschiedlichen Phasen des Verpackungslebenszyklus immer mehr Einzug halten“, prognostiziert DHL-Mann Heck und hat dabei z.B. automatisierte Entladeprozesse und Etikettiersysteme, Endverpackungsanlagen oder den Einsatz von kollaborativen Robotern im Bereich des Co-Packing im Sinn. Ihm schwebt dabei vor allem eine Entlastung saisonaler Personal- und Verpackungsengpässe vor, die Unternehmer unterstützt, dem wachsenden Online-Markt und einer alternden Arbeitnehmerschaft zu begegnen.

Auch Marc Hübner erkennt in der Automatisierung in erster Linie eine Lösung, die hilft, auf die Entwicklungen des angespannten Fachkräftemarkts zu reagieren. In erster Linie gelte in seinem Unternehmen aber das Motto „Work smarter, not harder“, sprich Standardisierung und Automatisierung sollen helfen, Jobs einfacher und mit weniger Aufwand zu erledigen und Prozesse für alle Beteiligten zu erleichtern.

„Smart Packaging“

Wie von den meisten Gebrauchsgegenständen wird von Verpackungen heute ebenfalls erwartet, dass sie mehrwertig sind und somit mehr als nur eine Funktion erfüllen. Die eingangs zitierte DHL-Studie belegt Michel Heck zufolge, dass die Befragten die Implementierung von intelligenten Verpackungslösungen als eine der drei wichtigsten Prioritäten sehen. Produktschutz, die Sicherstellung der Transportfähigkeit und die Vermittlung von Marketingbotschaften – diese klassischen Funktionalitäten werden durch neue Digitaltechnologie ergänzt, die z.B. versucht, über die Verpackung mit dem Verbraucher in Interaktion zu treten. Hier lautet das Stichwort „Brand Experience“: Barcodes oder RFID-Chips können etwa zum Produkt passende Informationen über eine App bereitstellen. Die Nutzung der Verpackung für Digitalmarketing beschäftigt auch Heck, der dabei Gamification-Elemente, die NFC- oder Augmented-Reality-Technologie (AR) nutzen, weit vorn sieht. Eingebaute NFC-Chips können u. a. durch das Smartphone ausgelesen werden und dem Nutzer ein einfaches Nachbestellen des Produkts ermöglichen, während AR-Visualisierungen z. B. Gewinnspiele oder virtuelle Rundgänge attraktiver machen.

Daneben gibt es natürlich zudem für Produzenten eine Vielzahl an denkbaren smarten Funktionen, wie Heck erklärt: „Die gegenwärtigen Fortschritte in Sensor-, Serialisierung- und Telekommunikationstechnologien eröffnen neue Anwendungsfelder im Verpackungsbereich, die Mehrwerte in den Bereichen ,End-to-End-Visibility‘ und Rückverfolgbarkeit in zunehmend komplexeren und längeren Lieferketten offerieren.“ Und Marc Hübner ergänzt: „Heute genügt oft nicht nur die Zusicherung an den Endkunden, dass die Ware ordnungsgemäß und sicher verpackt wurde, man möchte auch sicherstellen, dass äußere Einwirkungen während des Transports nichts an diesem Zustand ändern.“ Dazu seien intelligente Lösungen wie z. B. die „Photo-Documenta­tion“ nötig, bei der jeder Schritt der Ware entlang der Lieferkette bildtechnisch festgehalten werden könne.

Integrierte Sensoren können zudem den Zustand des Füllguts überwachen und Informationen über z.B. Dichtheit, Temperatur oder Frische liefern. Die Indikatoren bzw. Sensoren können an der Außenseite platziert werden oder sich im Verpackungsinneren befinden. So lässt sich z.B. nachhalten und dokumentieren, ob bei einem Medikament die Kühlkette durchbrochen wurde oder ein Plastikbauteil unzulässigen Temperaturen ausgesetzt war. Doch, wie Heck anmerkt: „Sensoren und Smart Labels für die Erfassung von Position, Temperatur, Schock und Feuchtigkeit finden heute jedoch weiterhin vorherrschend nur bei hochwertigen Sendungen Anwendung.“

Das Internet der Pakete

In RFID und Big Data sieht der Deufol-Experte Marc Hübner mehr als nur einen aktuellen Trend, da sich diese bereits in der Verpackungslogisik etabliert hätten: RFID ermögliche ein kontinuierliches Tracking, während Big Data Standardisierungen voranbringe. Vielversprechende Synergieeffekte erhofft er sich aber vor allem von der weiteren Verbreitung des Plattformgedankens, bei dem Kunden offener werden und bereit sind, sich intelligent zu vernetzen, um Transporte und logistische Abläufe zu optimieren.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Erst das Internet macht Verpackungen „intelligent“: Beliebige Dinge des Alltags erhalten digitale Identitäten und können somit vernetzt werden. Über RFID, QR-Codes, NFC oder Cloud-Dienste können smarte Pakete Kosten senken, zusätzliche Informationen liefern und Fehlerquellen identifizieren. Eine Vision, die DHL-Experte Heck im Blick behält: „Neue Anbieter im Bereich der intelligenten Verpackungstechnologie beginnen langsam zu entstehen und bringen stetig das lang erwartete ,Internet of Parcels‘ einen Schritt näher an die Realität.“

Wandel der Packaging-Funktionalitäten

Verpackungen übernehmen heute mehr Aufgaben als früher.

Grundlegende Funktionen traditioneller Verpackungen

  • Schutz
  • Transportabilität
  • Kommunikation

Zusätzliche Funktionen moderner Verpackungen

  • Markenerfahrung
  • Sicherheit und Nachverfolgbarkeit
  • Vernetzung

Quelle: DHL Trend Report


Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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