Industrie 4.0 und Automatisierung

Von der Fließbandkraft zum Selbsthilfe-Guru?

Industrie 4.0 ist gekennzeichnet durch einen hohen Grad an Vernetzung und Automatisierung. Der Volkswirt Professor Dr. Klaus Prettner von der Universität Hohenheim beleuchtet die Konsequenzen für Jobs, Mitarbeiter und Löhne.

Professor Dr. Klaus Prettner

Professor Dr. Klaus Prettner gehört der volkswirtschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim an.

ITD: Herr Professor Dr. Prettner, was verbinden Sie spontan mit dem Begriff „Industrie 4.0“?
Klaus Prettner:
Mit dem Begriff Industrie 4.0 verbinde ich die Weiterführung der Automatisierung dahingehend, dass gesamte Produktionsprozesse mithilfe von modernen IKT vernetzt werden, um dann mittels intelligenter Technologien gesteuert und optimiert werden zu können. Der Produktionsprozess wird somit immer autonomer und auch effizienter. In manchen Bereichen geht dies in Richtung der so genannten „menschenleeren Fabrik“ obwohl derzeit immer noch sehr viele Aufgaben nicht vollständig automatisiert werden können.

ITD: Die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts wird als deutlicher Einschnitt empfunden und als solcher auch in den Geschichtsbüchern wahrgenommen. Denken Sie, der Digitalisierung wird retrospektiv eine ähnlich massive Bedeutung zukommen?
Prettner:
Die beiden Phasen sind nur bedingt vergleichbar. Die Umwälzungen, die durch die Industrielle Revolution ausgelöst wurden, hatten auch sehr starke soziale und politische Implikationen, die sich in der Form nicht wiederholen können. Ich denke aber insgesamt schon, dass den gegenwärtigen Entwicklungen in Zukunft große Bedeutung beigemessen werden wird. Vieles wird davon abhängen, ob/wie wir es schaffen mit den potentiell negativen Effekten der Automatisierung und der Digitalisierung umzugehen und ob/wie wir es schaffen sicherzustellen, dass die breite Masse von den technischen Entwicklungen profitiert und nicht nur kleine Teile der Bevölkerung.

ITD: Manche Industriejobs lassen sich bei zunehmender Automatisierung nicht mehr aufrechterhalten. Häufig wird dann als Argument angeführt, dass dies die unvermeidlichen „Kosten des Fortschritts“ seien, der sich nicht aufhalten lasse. Sehen Sie dies ebenso?
Prettner:
Es ist richtig, dass im Zuge des Technischen Fortschritts immer wieder manche Jobs gänzlich wegfallen, denken Sie beispielsweise an die Heizer in Dampflokomotiven oder die „Liftboys“ in Aufzügen. Insgesamt stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll wäre das Wegfallen dieser Jobs aufhalten zu wollen. In Großbritannien sind aufgrund von gewerkschaftlich durchgesetzten Regeln Heizer auch auf Elektrolokomotiven lange Zeit mitgefahren. Die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen kann man bezweifeln und andere Möglichkeiten den Transformationsprozess sinnvoll zu gestalten, wie beispielsweise Umschulungen, sind vermutlich sinnvoller.

Typischerweise werden aber die meisten Jobs gar nicht als Ganzes obsolet. Beispielsweise führte der mechanische Webstuhl dazu, dass die Produktivität der Arbeitskräfte in der Textilindustrie in Großbritannien sehr stark anstieg. Man benötigte aber immer noch Menschen, um die Webstühle zu bedienen. Nachdem die Nachfrage nach Textilien aufgrund von höheren Einkommen und einem Fallen der Preise von Textilien stärker stieg als die Produktivität, stieg die Beschäftigung in der Textilindustrie langfristig sogar an. Ähnlich verhielt es sich mit der Anzahl der Bankangestellten nach der Einführung des Geldautomaten, welche ebenso anstieg. Die Bankangestellten erledigten dann aber immer weniger Standardtätigkeiten wie Auszahlungen, sondern kümmerten sich immer mehr um speziellere Wünschen der Kundinnen und Kunden. Es kam also in gewissem Sinne zu einer Verschiebung der Wichtigkeit einzelner Tätigkeiten im Rahmen eines Jobs weg von jenen Tätigkeiten, die leicht zu automatisieren sind und hin zu Tätigkeiten, die schwer zu automatisieren sind.

ITD: Die Stellmacher im 19. Jhdt. wurden später zu gefragten Waggonbauern. Heute hört man oft, dass diejenigen, deren Jobs wegbrechen, ebenfalls neue Möglichkeiten nutzen könnten, um sich für gefragtere Arbeitsplätze zu qualifizieren - quasi als "Chance". Wie ist dieses Argument zu bewerten?
Prettner:
Dieses Argument ist sicher bis zu einem gewissen Grad valide. Vor 200 Jahren noch arbeitete der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Wenn man damals vorhergesagt hätte, dass es zweihundert Jahre später vielleicht noch 2% sind, wäre man wahrscheinlich für verrückt erklärt worden. Die große Frage wäre vermutlich nicht unähnlich zur heutigen Diskussion der Automatisierung gewesen: Was machen dann all die Arbeitslosen? Heute wissen wir, dass ein gesamter Sektor entstanden ist, der Dienstleistungssektor, in welchem heutzutage der überwiegende Teil der Bevölkerung arbeitet. Vor 200 Jahren hätte man sich schwer vorstellen können, dass man regelmäßig auswärts isst, in Kinos geht, sich in Fitnesscentern coachen lässt, die Kinder in der Kita und die Eltern im Altersheim betreut werden, etc. All diese Service-Aktivitäten (und viele mehr) sind personalintensiv. Das Entstehen dieser Aktivitäten ist letztlich ein zentraler Grund warum wir trotz der massiv gestiegenen Produktivität in der Landwirtschaft und im Produktionssektor keine Rekordarbeitslosigkeit haben, sondern, im Gegenteil, derzeit Rekordbeschäftigung beobachten können.

ITD: Automatisierung kann auch dazu führen, dass Mitarbeiter von ermüdenden Aufgaben entlastet werden und somit Potenzial für „kreativere“ oder gehaltvollere Aufgaben freisetzen können. Denken Sie, dass diese Einschätzung auf die Mehrheit der betroffenen Arbeitsplätze zutrifft?
Prettner:
Ich denke, dass an diesem Argument insgesamt etwas dran ist, dass wir aber nicht davon ausgehen dürfen, dass dies für die überwiegende Mehrheit der Menschen gilt. Manche Menschen werden eine zusätzliche Ausbildung oder eine Umschulung machen können, andere werden sich vielleicht kreativ betätigen und wiederum andere werden aus dem Produktionssektor in persönliche Dienstleistungen wechseln, wenn ihre Tätigkeiten automatisiert werden. Allerdings wird man nicht alle freigesetzten Fließbandarbeitskräfte beispielsweise in IT-Spezialisten, Pflegepersonal oder Selbsthilfegurus umschulen können. Meines Erachtens bedarf es daher auch eines starken sozialen Sicherungssystems, welches in der Lage ist, jenen Menschen, die es nicht schaffen sich den technischen Veränderungen erfolgreich anzupassen, entsprechend unter die Arme greift. Hier ist wiederum darauf zu achten, dass nicht die falschen Anreize gesetzt werden. Es sollten jene Menschen, die sich selbst aktiv verändern wollen, dabei unterstützt werden und nicht durch falsche Anreize und durch überbordende bürokratische Regelungen davon abgehalten werden.

ITD: Die Bundesregierung hat Ende 2018 ihre KI-Strategie vorgestellt und räumt besonders dem Thema „Industrie 4.0“ einen sehr hohen Stellenwert ein – und reagiert damit nicht zuletzt auch auf öffentlichen Druck. Wie sehen Sie das Vorgehen des Bundes? Leisten derartige Signale einer Substituierung von Menschen durch Maschinen und Algorithmen Vorschub?
Prettner: Abschotten wird man sich von den weltweiten Entwicklungen in der Automatisierung/Digitalisierung nicht können. Ohne eine Strategie in diesem Bereich würden wir sehr schnell durch die Vorreiter (vor allem die USA und China) abgehängt und könnten nur mehr vom Rande des Spielfelds aus zusehen, wie die Zukunft anderswo gestaltet wird. Meine Befürchtung ist diesbezüglich eher, dass wir bereits in der Vergangenheit stark abgehängt wurden und Europa hier zu zögerlich agiert. In der Lissabon Strategie sprachen wir beispielsweise bereits im Jahr 2000 davon, dass wir in den kommenden 10 Jahren zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum“ der Welt werden wollen. Passiert ist nichts, während China und die USA massiv in Forschung und Entwicklung investierten und dort prosperierende moderne Unternehmen entstehen konnten, die wir alle täglich nutzen. Europa und Deutschland sollten hier entschlossen agieren, um zumindest den Anschluss nicht ganz zu verlieren.

ITD: Die Robotisierung hat weitreichende Folgen auf allen Ebenen, eine ist z.B., dass Arbeitnehmer Steuern zahlen und ihren Lohn verkonsumieren – Roboter jedoch nicht. Kann man die möglichen volkswirtschaftlichen Konsequenzen überhaupt zuverlässig modellieren?
Prettner:
Wir haben dies mittels eines Standardmodells der Wachstumstheorie versucht, in welches wir Automatisierung und endogene Bildungsentscheidungen eingebaut haben. Das Modell sagt mehrere Effekte voraus, die wir auch tatsächlich empirisch beobachten können. Beispielsweise führt Automatisierung zu einem Anstieg der Lohnspreizung zwischen schlecht ausgebildeten Arbeitskräften und gut ausgebildeten Arbeitskräften (also zu höherer Ungleichheit), zu einem Sinken der Lohnquote (dem Anteil der Löhne an den gesamtwirtschaftlichen Einkommen), einen Anstieg des Anteils der Menschen mit Hochschulabschluss weil man sich durch Ausbildung fit für die Automatisierung/Digitalisierung machen möchte und zu einem Anstieg der Vermögenskonzentration. Nachdem diese Phänomene in der Realität auch beobachtet werden, das Modell die Realität also einigermaßen akzeptabel widerspiegelt, kann man dieses Modell dann dazu verwenden um Politikmaßnahmen wie eine Robotersteuer, ein bedingungsloses Grundeinkommen, oder Bildungssubventionen zu simulieren. Ich denke, dass viele der Wirkungsmechanismen, die wir in dem Modell abbilden auch in der Realität vorhanden sind, aber natürlich kann man mit einem Modell die Realität nie eins zu eins einfangen, das liegt in der Natur der Sache.

ITD: Auf der anderen Seite werden Konzepte wie die „Robotersteuer“ oder KI-Abgaben diskutiert – können derlei externe staatliche „Negativanreize“ tatsächlich Jobs retten? Könnten sie sich auch negativ auswirken?
Prettner:
In unseren Simulationsrechnungen führt eine Robotersteuer dazu, dass weniger in Forschung zu KI und auch weniger in Ausbildung insgesamt investiert wird. Dadurch steigt die Anzahl der schlecht ausgebildeten Arbeitskräfte, sodass sich mehr Menschen um schlecht bezahlte Jobs konkurrieren und dadurch wiederum die Löhne der schlecht ausgebildeten Arbeitskräfte weiter sinken. Die Robotersteuer schadet also letztlich auch den schlecht ausgebildeten Arbeitskräften und verringert gleichzeitig die Innovation. Allerdings sinken die Löhne der gut ausgebildeten Arbeitskräfte stärker als die der schlecht ausgebildeten. Dadurch sinkt die Ungleichheit, wohlgemerkt bei insgesamt niedrigeren Löhnen. Abgesehen von diesen Effekten gibt es bei der Robotersteuer das Problem, dass, wenn diese nur durch ein Land alleine eingeführt würde, Firmen vermehrt in Nachbarländer abwandern und dort wiederum mit Robotern produzieren könnten. Dadurch hätte man bezogen auf die Erwerbstätigkeit durch die Robotersteuer letztlich kaum etwas erreicht.

Eine Digitalsteuer selbst haben wir uns im Modell nicht simuliert, dafür ist das Modell zu stilisiert. Bei der Digitalsteuer geht es darum, dass Firmen vermehrt dort besteuert werden, wo der Umsatz anfällt und weniger dort, wo sich die Firmenzentrale physisch befindet. Im Zeitalter von Google, Facebook etc. wird es naturgemäß immer schwieriger Gewinne tatsächlich geographisch zuordnen zu können. Dadurch haben Firmen ein vergleichsweise leichtes Spiel sich in Hochsteuerländern „arm zu rechnen“ sodass die Steuern dann eher in Niedrigsteuerländern anfallen. In dem Bereich denke ich, dass in Zukunft etwas passieren muss, idealerweise weltweit koordiniert, um Probleme zu vermeiden, wie es sie derzeit gibt, wenn die USA Gegenmaßnahmen androhen, sobald Länder in der EU eine Digitalsteuer erheben, welche in erster Linie amerikanische Unternehmen wie Facebook und Google treffen würde.

ITD: Welche Akteure und Stakeholder sind gefragt, wenn es darum geht, die Digitalisierung und Automatisierung gesellschaftlich nachhaltig zu gestalten?
Prettner:
In erster Linie ist es wichtig bildungspolitisch die Weichen richtig zu stellen: Ausbildungsinvestitionen sollten vor allem auf Kompetenzen die auf absehbare Zeit schwer zu automatisieren sind, bzw. welche von der Digitalisierung profitieren, fokussiert werden. Dies sind zum Beispiel die Informations- und Kommunikationstechnologien, Programmierkenntnisse, MINT Fächer, aber auch Bereiche, welche Eigenschaften benötigen, die Komplementär zu Algorithmen und Maschinen sind und beispielsweise der Empathie bedürfen. Ich denke, im Bereich der Altenpflege und der Kinderbetreuung werden Roboter auf absehbare Zeit eher nur unterstützende Tätigkeiten vollbringen können.

Abgesehen vom Bildungsbereich ist die Ausgestaltung des Sozialversicherungssystems wichtig. Es sollte sichergestellt werden, dass jene, die durch die Automatisierung/Digitalisierung abgehängt werden und sich nicht selbst helfen können, durch das soziale Netz aufgefangen werden. Fatal wäre es hier beispielweise wenn, so wie teilweise in den USA, die Krankenversicherung mit dem Job wegfällt und es auch nur für kurze Zeit Arbeitslosenunterstützung bzw. Sozialhilfe gibt. Als ein zentraler Grund für das in den USA grassierende Phänomen der „Deaths of Dispair“, einem Rückgang der Lebenserwartung, der getrieben ist durch Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie durch Suizide, wird die steigende Ungleichheit gesehen. Dem könnte man durch ein treffsicheres Sozialversicherungssystem sicher in bestimmtem Maße entgegenwirken.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Ausgestaltung des Steuer- und Transfersystems. Derzeit besteuern wir vorwiegend den Produktionsfaktor Arbeit, was negative Anreize schafft und im Zeitalter der Automatisierung mit sinkenden Lohnquoten auch an gewisse Grenzen stößt. Man sollte sich daher überlegen ob es möglich ist, die Steuerlast von Arbeit zu reduzieren und den Einnahmenausfall beispielsweise durch zusätzlichen Steuern auf umweltverschmutzende Aktivitäten zu kompensieren. Eine weitere Idee ist eine stärkere Fokussierung auf die Besteuerung von Konsum. Allerdings ist die Mehrwertsteuer regressiv, das heißt, sie wird überproportional stark von Menschen mit niedrigem Einkommen bezahlt und erhöht so die Ungleichheit. Hier gibt es aber Ideen das Mehrwertsteuersystem progressiver zu gestalten und einige Elemente hierfür könnten ja auch heute bereits angewandt werden wie beispielsweise reduzierte Steuersätze auf Dinge des täglichen Bedarfs und auf Lebensmittel und höhere Steuersätze auf Luxusartikel.

Nicht zuletzt ist die Bereitstellung von adäquater digitaler Infrastruktur von großer Bedeutung. Erstens ist dies wichtig um die Rahmenbedingungen zu schaffen damit die Unternehmen ins Zeitalter der Industrie 4.0 eintauchen können. Zweitens ist eine gute Infrastruktur für die regionale Entwicklung wichtig. So führt beispielsweise ein ungenügender Breitbandausbau in ländlichen Gegenden zu einem Wegzug von Unternehmen und hat damit potentiell negative Auswirkungen auf das Lohn- und Beschäftigungsniveau in einer Region.

ITD: Wo sehen Sie ggf. auch Chancen in der Robotisierung und wie könnte eine verantwortungsbewusste und sozialverträgliche Industrie 4.0 aussehen?
Prettner:
Insgesamt ist die Automatisierung/Robotisierung durchaus etwas Positives, weil sie das Potential hat die Produktivität insgesamt zu steigern und uns bis zu einem gewissen Grad von monotonen Arbeiten zu befreien. Wichtig ist es sicherzustellen, dass es nicht Gruppen in der Bevölkerung gibt, die dadurch massiv verlieren. Derzeit sieht es danach aus, dass schlecht ausgebildete Arbeitskräfte Probleme bekommen werden. Eine sozialverträgliche Industrie 4.0 bedarf daher meines Erachtens die oben beschriebenen Bildungsinvestitionen, ein gut ausgebildetes Sozialversicherungssystem, das tatsächlich treffsicher jenen hilft, die sich nicht selbst helfen können und steuerliche Maßnahmen, die geeignet sind positive Anreize zu setzen, aber gleichzeitig die Ungleichheit senken.

Bildquell: Universität Hohenheim

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