Datenwissenschaftler

Vorsicht vor Big Data-Schnellschüssen

Data Scientists sind in Zukunft gefragt, doch rasante Kurzzeitausbildungen und rasche Umschulungen werden leicht zum Schnellschuss ins eigene Bein.

Big Data unter dem Mikroskop: Wissenschaftler sind gefragt

Der Lieblingscherz aller Statistikdozenten an deutschen Unis ist seit Jahrzehnten der folgende Zusammenhang: In den 1970er Jahren gingen in Norddeutschland die Geburtenzahlen kontinuierlich zurück. Eine andere Kennzahl sank ebenfalls: Die Anzahl der Störche verringerte sich von Abertausenden auf wenige Dutzend.

Das ist eine Korrelation, die (mit anderen Parametern) viele Leute zu einem klassischen Fehlschluss verleitet: Sie vermuten eine Kausalität. In diesem Fall wird also ein Zusamenhang der Art “Da der Storch die Kinder bringt, sinkt die Geburtenrate, wenn es weniger Störche gibt” vermutet.

Natürlich ist in diesem Fall sofort erkennbar: Das ist Quatsch, ebenso wie der Schluss “Im Sommer esse ich viel Eis und habe oft Sonnenbrand, also löst Eis Sonnenbrand aus”. Es gibt jedoch zahlreiche Fälle, in denen solche Fehlschlüsse nicht so leicht aufzudecken sind.

Wissen und Erfahrung

Dazu gehört nämlich statistisches Wissen und Erfahrung im “Zahlenkneten”. Leute, die so etwas in Unternehmen machen, sind Datenanalytiker oder auf neudeutsch: Data Scientists. Sie suchen zum Beispiel in Marketingdaten interessante Zusammenhänge, damit das Management passende Maßnahmen einleiten kann.

Ein ausgedachtes Beispiel: “Weit entfernt wohnende Kunden kaufen mehr ein, also lohnt es sich, größere Einkaufswagen anzuschaffen”. Das zeigt schon, worum es in erster Linie: Sowohl Produktangebot als auch Service sollen verbessert werden, damit die Kunden zufrieden sind und dem Unternehmen ein Umsatzwachstum verschaffen.

Unternehmen werten zu diesem Zweck immer mehr Daten aus, etwa bereits vorhandene Angaben, Informationen aus sozialen Netzwerken oder dem Customer Tracking sowie aus allgemein verfügbaren Quellen und selbst erhobenen Marktforschungsdaten.

Die Menge der verfügbaren Daten steigt seit Jahren an, so dass inzwischen von “Big Data” die Rede ist, wenn es um die Auswertung von Massendaten dieser Art geht. Da sind Datenanalytiker besonders gefragt. Der bis vor wenigen Jahren eher seltene Beruf gilt inzwischen als Boomjob mit stetig wachsendem Bedarf.

Es gibt inzwischen sogar spezielle Schulungen und (in den USA) Studiengänge zum Data Scientist. Damit wird auf einen steigenden Bedarf reagiert, der in Zukunft sogar noch stärker anwachsen wird. Und in Kürze können die Unternehmen hunderte Datenwissenschaftler einstellen?

Solide wissenschaftliche Ausbildung

Vorsicht, mahnt der erfahrene Datenanalytiker Dr. Gerald Fahner im Interview mit it-director.de. Ein Data Scientist sei eben genau dies: Ein Wissenschaftler. Ohne solide wissenschaftliche Ausbildung mit statistisch-mathematischer Ausrichtung sei die Gefahr groß, dass grobe Fehlschlüsse geschehen und das Unternehmen auf Irrwege geleitet wird.

Ein unerfahrener Analytiker wird aus Daten praktisch alles herauslesen können - vor allem, wenn die empirische Basis eine auf tönernen Füßen stehende Marktforschung ist. So geschah es einem Lebensmittelhersteller, der seine Kunden eines Tages fragte: “Würdet ihr für Bioprodukte einen leicht höheren Preis akzeptieren?”

Wer sagt da schon Nein? Und nach Markteinführung sackte der Umsatz ins Bodenlose, da natürlich jeder bei der Kaufentscheidung einen guten Grund für die Wahl des billigeren Produkts der Konkurrenz hat. Das Unternehmen ist nur um Haaresbreite an einer Insolvenz vorbei geschlittert.

Fehler bei der Erhebung und Auswertung von Daten können enorme Folgen haben - gerade im Big-Data-Zeitalter. Da sollte eine gründliche und auf hohem wissenschaftlichen Niveau vorgehende akademische Ausbildung eigentlich selbstverständlich sein.

Bildquelle: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Links:

  • Allgemeinverständliche Informationen über Scheinkorrelationen

  • So sieht und erklärt es der Statistiker

  • Hier noch eine Scheinkorrelation als Ad-Hoc-Erklärung

  • Data Scientist Gerald Fahner über seinen Beruf

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