Eine Lösung, aber kein Problem

Was bringt die Blockchain im Big Business?

Hinsichtlich der Blockchain ist noch einige Aufklärungsarbeit notwendig. Denn kaum jemand weiß, was genau hinter diesem Konzept steckt, wie es funktioniert und welche konkrete Potentiale sich dahinter verbergen.

Die Potentiale der Blockchain-Technologie

Die Blockchain-Technologie gilt als unveränderlich, transparent und unzerstörbar.

Der Tech-Investor Frank Thelen, bekannt aus der TV-Show „Die Höhle des Löwen“ sorgte jüngst für Aufsehen als er auf dem EHI-Kartenkongress 2018 deklarierte: „Jeder Banker ab der mittleren Managementebene, der Blockchain nicht erklären kann, sollte sofort seinen Job verlieren. Das ist Basiswissen.“ In der Bankenbranche gilt die Blockchain als Revolution. Für sie hat die Technologie das Potential, die gesamte Weltwirtschaft zu verändern. Gleichzeitig ist die Technologie für den Großteil der Menschen immer noch kaum greifbar und zudem stellt sich die Frage, nach konkreten Anwendungsfällen.

Wie bei so vielen Trends ist erstmal einiges an Aufklärungsarbeit notwendig. Es ist wichtig zu wissen, was genau hinter diesem Konzept steckt, wie es funktioniert und welches konkrete Potential sich hinter dieser Technologie verbirgt. Das amerikanische Business-Magazin Fortune definiert Blockchain als eine „Methode, Daten zu strukturieren […], bestehend aus verketteten Blöcken von Transaktionen, um ein digitales Verzeichnis über ein Computernetzwerk zu teilen, ohne eine zentrale Autorität zu benötigen.“ Das klingt immer noch nicht ganz erhellend. Der Einfachheit halber kann man sich Blockchain als Datenbank vorstellen.

Die Blockchain – mehr als eine Datenbank

Aber dieser Hype, nur wegen einer Datenbank? Schließlich gibt es bereits eine Reihe von Datenbanken verschiedenster Anbieter, die die in modernen Unternehmen anfallenden Massen von Daten speichern und archivieren sollen. Nein, ganz so einfach ist die Sache nicht. Eher ist die Blockchain eine Liste von miteinander verketteten Datensätzen, die verschlüsselte Transaktionen an vielen Stellen aufzeichnet. So entsteht – und das ist das Besondere – eine fälschungssichere Datenbank.

Das Problem bei traditionellen Datenbanken ist nämlich, dass es sehr schwierig ist nachzuvollziehen, was bei einem bestimmten Datensatz zum Zeitpunkt X korrekt ist und was wann von Person Y geändert wurde. Mit Blockchain aber kann ein Datensatz, sobald er einmal gesetzt ist, nicht mehr bearbeitet werden, ohne dass jeder, der Zugriff auf diesen Teil der Blockchain hat, darüber informiert ist. Das liegt daran, dass die Daten bzw. der Block, der platziert wurde, tatsächlich aus jedem Block besteht, der vor ihm platziert wurde – und wiederum Teil eines jeden nachfolgenden Blocks wird. Es ist das Prinzip des Unveränderlichen, was die Blockchain-Technologie so besonders macht.

Angriffe auf Kryptowährungen

Ein weiterer Grund für den Hype ist, dass Blockchain quasi nicht zu hacken ist. Durch die Distributed-Ledger-Technologie gibt es so gut wie keinen Angriffspunkt für Hacker. Ja, theoretisch könnte eine Blockchain gehackt werden, aber um das zu tun, müssten mindestens 50 Prozent der Computer attackiert werden. Unmöglich ist das aber nicht, wie die Erfahrung zeigt, denn es gab tatsächlich schon Angriffe auf kleinere Kryptowährungen.

Fassen wir zusammen: Blockchain ist sicher, kann nicht unbemerkt verändert werden, und ist zudem transparent, so dass jede einzelne Partei sehen kann, wo, wann und von wem Daten erstellt wurden. Das sind gleich mehrere positive Eigenschaften. Eine gewisse Euphorie für die Technologie ist also durchaus verständlich. Doch warum ist aber aus dem schon länger bestehenden Hype noch keine massenwirksame Realität geworden? Kann es sein, dass der Bedarf nach einer fälschungssicheren Datenbank doch nicht so groß ist wie man meinen möchte? Ist die Blockchain etwa eine Lösung auf ein Problem, das gar nicht wirklich existiert?

Bislang gibt es für die Blockchain keine wirkliche Killerapplikation, die ihr zum totalen Durchbruch verhelfen würde. So wie bei Mobiltelefonen das Revolutionäre war, dass Menschen von überall auf der Welt miteinander telefonieren und sich dabei frei bewegen konnten, ohne in einer Telefonzelle eingesperrt zu sein (sofern Empfang besteht). Cloud Computing wiederum befreite Unternehmen von der Notwendigkeit, ihre IT physisch unterzubringen. Blockchain behebt dieses eine kritische Geschäftsproblem (noch) nicht.

Mehr Transparenz bei Lebensmitteln

Das heißt jedoch nicht, dass die potentiellen Nutzungsmöglichkeiten unbedeutend sind. Von der Supply Chain bis zum Finanzbereich – für jeden Geschäftsbereich, bei dem Vertrauen und die Herkunft der Daten eine wichtige Rolle spielen, kann eine blockchain-basierte Technologie großes Potential bieten.

Es gibt heute bereits genug Anwendungsfälle, die darauf hindeuten, dass sich die Blockchain vom derzeitigen Hype zu einer größeren Akzeptanz entwickelt. Allein hinsichtlich der Supply Chain gibt es eine Vielzahl von Initiativen, um den gesamten Prozess effizienter und transparenter zu gestalten: So verfolgt der globale Diamantengigant De Beers mithilfe der Blockchain seine Diamanten von der Mine bis zum Einzelhändler. Neben einer erhofften Effizienzsteigerung in der Lieferkette möchte De Beers auch das Vertrauen der Öffentlichkeit stärken, dass seine Diamanten keine Konflikte in Krisenregionen verursachen. Auch Walmart setzt auf die Blockchain. Der Großhändler ist bestrebt, dadurch die Lebensmittelsicherheit und Rückverfolgbarkeit seiner Produkte zu verbessern.

Nun kann man sich die Frage stellen, warum nicht einfache QR Codes, die ja weit verbreitet sind, für die Rückverfolgbarkeit ausreichen? Nun, die Blockchain ist dezentral redundant und vor allem manipulationssicher, ganz im Gegensatz zu einem QR Code. Den Code kann man sehr einfach manipulieren und auch die dahinter liegende Datenbank wird von einer Instanz betrieben und kann somit einfach manipuliert werden.

Echtheit von Transaktionen sicherstellen

Deutsche Banken setzten bereits in größerem Maßstab Blockchain in ihren Laboren ein. Ein großer Nutzen für die Banken ist heute, dass sie die Echtheit von Transaktionen sicherstellen und nicht nur für den Geldtransfer Sorge tragen, sondern auch das Vertrauen in das System des Geldtransfers sicherstellen. In einer Blockchain würde das Vertrauen aber nicht auf einem oder mehreren „Wächtern“ des Systems basieren, sondern auf dem direkten Vertrauen der Personen, die Transaktionen untereinander durchführen

Im juristischen Umfeld wird Blockchain in sogenannten Smart Contracts eingesetzt. Das sind digitale Verträge, die nicht nur unveränderlich sind, sondern automatisch vertragliche Vereinbarungen freisetzen, sobald die vereinbarten Bedingungen erfüllt sind. Beispiele hierfür sind der Erwerb von Eigentum (sei es ein Haus oder ein Auto) oder bei der Freigabe von Geldern (zum Beispiel wenn eine bestimmte Leistung erbracht wurde).

Der wohl bekannteste Anwendungsfall von Blockchain sind Kryptowährungen, mit Bitcoin als prominentestes Beispiel. Allerdings hält zum einen die Volatilität des Wertes von Bitcoin einige davon abhält, es als Zahlungsmethode zu verwenden. Zudem gibt es generell grundlegende Probleme mit Währungen, die auf verteilter Ledger-Technologie basieren. So muss jede auf einer Kryptowährung basierende Transaktion warten, bis sie in einen Block kodiert und an jeden Besitzer dieser bestimmten Währung repliziert wird. Bitcoin muss sich dementsprechend über eine beträchtliche Anzahl von Computern auf der ganzen Welt replizieren, was eine lange Wartezeit nach sich zieht und es als schnelle Retail-Transaktion gänzlich unbrauchbar macht.

Allein der hohe Energiebedarf, der hinter der virtuellen Produktion von Bitcoin steckt, kann ebenfalls ein Hindernis sein. Im Moment entspricht die Strommenge, die für die Rechenleistung zur Herstellung eines einzelnen Bitcoins benötigt wird, ungefähr dem Wert eines einzelnen Bitcoins. So wurde errechnet, dass allein mit der im Mai 2018 durch die Erzeugung von Bitcoin verbrauchten Strommenge die ganze Schweiz mit Energie hätte versorgt werden können.

Damit werden derzeit die Grenzen der Technologie aufgezeigt. Als Gesellschaft sind wir an schnelle Transaktionen gewöhnt. Die EC- oder Kreditkarte garantiert dem Verkäufer eine sofortige Bezahlung, Was nützt ein Währungssystem wenn man einen Tag warten muss bis die Zahlung bestätigt ist? Das moderne Geschäftsleben duldet keine Verzögerungen.

Doch wie sollen nun Unternehmen damit umgehen? Die Technologie wird sich weiterentwickeln. Öffentliche Blockchains werden die Herausforderungen der Transaktionsgeschwindigkeit meistern. Sie müssen, sonst ist das Konzept überflüssig. Doch die Idee von unveränderlichen, transparenten und unzerstörbaren Daten ist zu gut als dass die Unternehmen darauf warten könnten bis die Technologie ganz ausgereift ist. Die Anwendungsbeispiele zeigen vor allem, dass miteinander in Verbindung stehende Geschäftspartner, die jeder für sich selbständig sind, davon profitieren: De Beers mit Diamantenlieferanten, Händlern, Bergwerken und Einzelhändlern; Walmart mit Lebensmittel-produzenten, Logistikunternehmen, Distributionszentren und so weiter.

Es gibt auch noch ein anderes Anwendungsbeispiel, bei dem sich die einzelnen Glieder der Kette nicht zwingend miteinander verbinden müssen: private bzw. interne Blockchains. Private Blockckains werden von großen Organisationen ausschließlich für den internen Gebrauch, höchstens noch mit vertrauenswürdigen Partnern, eingesetzt. Denn diese benötigen den Arbeitsnachweis wie bei Bitcoin nicht, die Kette kann die Daten automatisch identifizieren, über bestehende Unternehmensnetzwerke replizieren, und stellt dennoch sicher, dass die Daten unveränderlich, transparent sowie unzerstörbar sind.

Wenn Unternehmen ihre Anwendungen ausweiten, werden sie verteilte Datenbanklösungen an immer vielfältigeren Stellen im Netzwerk oder in ihrer Anwendungsinfrastruktur benötigen. Der Einsatzbereich von Blockchain in den Bereichen Internet of Things oder Künstliche Intelligenz ist in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich. Denn beide Technologien basieren auf Echtzeitapplikationen mit riesigen Datenmengen, für die sich eher Data-Streaming-Lösungen eignen.

Blockchain kann aber – wenn es richtig eingesetzt wird – dazu beitragen einige der Herausforderungen zu lösen, von denen bestimmte Fachgebiete heute schon betroffen sind. Allerdings ist es nicht für alle Anwendungen oder Bereiche geeignet, und es gibt Einschränkungen, die mit der Art und Weise, wie Unternehmen heute funktioniert, unvereinbar sind. Da die Technologie unveränderlich, transparent und unzerstörbar ist, kann sie dazu beitragen, ein System des Vertrauens zwischen mehreren unabhängigen Parteien aufzubauen, was entscheidend für die Effizienzsteigerung von Lieferketten ist. Gerade in großen Organisationen können Blockchains sehr große Auswirkungen haben. Durch die Unterstützung bei der Speicherung und gemeinsamen Nutzung kritischer Daten im Zuge der Dezentralisierung der unternehmenseigenen Netzwerke hat Blockchain möglicherweise das Problem gefunden, das es lösen kann, und hilft so, den Sprung vom Hype zum Standard zu schaffen.

* Der Autor Martin Niemer ist Solutions Manager bei VMware.

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