Was braut sich da zusammen?

Was die Digitalisierung ausbremst

Die Zeichen stehen auf Digitalisierung. Doch Weltpolitik, drohende Handelszölle und hausgemachte Probleme wie der hierzulande herrschende Fachkräftemangel könnten die Entwicklung ausbremsen.

Die künftigen Aussichten hinsichtlich der Digitalisierung sind weniger optimistisch.

Was braut sich da zusammen? Die künftigen Aussichten hinsichtlich der Digitalisierung sind weniger optimistisch.

Bereits seit einigen Jahren treiben die Verantwortlichen Themen wie Digitalisierung, Digitale Transformation und disruptive Geschäftsmodelle um. Dabei ist das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht. Zahlreiche Experten gehen vielmehr davon aus, dass wir uns gerade am Anfang eines neuen digitalen Zeitalters befinden, das allein in den nächsten Jahrzehnten bahnbrechende Innovationen hervorbringen soll. Die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich Künstlicher Intelligenz oder rund um das Autonome Fahren geben einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte.

Wirft man in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Firmen, die die Digitalbranche dominieren, dann fallen einem zunächst US-Techgiganten wie Amazon, Apple oder Google ins Auge. Daneben tummeln sich jedoch auch in Deutschland unzählige Anbieter in diesem Segment. Dazu gehören zum einen traditionsreiche Anbieter wie SAP oder die Software AG. Zum anderen machen auch zig Neueinsteiger von sich reden. Bei Letzteren handelt es sich entweder um brandneue Start-ups oder um Traditionsunternehmen, die ihr angestammtes Geschäftsfeld um Digitallösungen erweitern. Hierzu zählen ursprüngliche Einzel- bzw. Versandhändler wie die Otto Group oder Industriebetriebe wie Bosch oder Kuka.

Dass die Geschäfte in der digitalen Wirtschaft prächtig laufen, unterstrich der Anfang Juni 2019 veröffentlichte Digitalindex von Bitkom und dem Ifo Institut. Trotz allgemeiner Konjunkturrisiken beurteilen die Unternehmen der IT und Telekommunikation (ITK) die Geschäftslage als sehr gut. Dabei stieg der Index von April auf Mai um 2,2 Punkte auf 27,0 Punkte. Die auch zuvor bereits sehr gute Geschäftslage verbesserte sich somit um 2,8 auf 46,7 Punkte. Zukünftig könnten sich die Zeiten laut dem Index jedoch ändern, denn zukünftig sind die Aussichten weniger optimistisch. Zwar gibt es bei den Erwartungen für die kommenden Monate einen Anstieg um 1,7 auf 8,8 Punkte. Dies sei aber einer der niedrigsten seit der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009. Die Erwartungen für die Entwicklung von Beschäftigung (32 Punkte) und Preisen (11,4 Punkte) liegen jeweils nahe am langjährigen Maximalwert. „Wir stellen mit dem Digitalindex erstmals einen maßgeblichen Indikator für das Geschäftsklima in der ITK-Branche vor“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Aktuell wird viel über Konjunkturrisiken wie den Handelskonflikt zwischen den USA und China, den Brexit und die Umwälzungen in der Automobilindustrie sowie bei Banken diskutiert. Trotz allem ist die Geschäftslage in der Digitalbranche weiterhin sehr gut. Auffällig ist, dass die Unternehmen seit einigen Monaten vorsichtiger in die Zukunft schauen. Derzeit gilt: Die Lage ist besser als die Stimmung.“

Doch nicht nur die internationale politische und wirtschaftliche Großwetterlage könnte dem einen oder anderen digitalisierungswilligen Unternehmen einen Knüppel zwischen die Beine werfen. Vielmehr wurde zuletzt auch auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene nicht alles erdenklich Mögliche unternommen, um die Digitalisierung voranzutreiben. Manche Kritiker führen an dieser Stelle den zögerlichen Breitbandausbau an, andere wiederum verweisen auf fehlende Fördermittel für Innovationen oder die unzeitgemäße Ausbildung junger Menschen. Man denke nur an das Gezerre um den Digitalpakt, der erst nach dem Gang durch juristische Instanzen und einer Grundgesetzänderung im März 2019 endgültig beschlossen wurde und die Freisetzung der damit verbundenen notwendigen Mittel erfolgte.

Apropos Ausbildung. Wie wichtig diese für die Digitalisierung ist, zeigt eine im Mai 2019 veröffentlichte Studie des E-Commerce-Dienstleisters Diva-e. Sie brachte zutage, dass das größte Digitalisierungshindernis für 71 Prozent der deutschen Chief Digital Officers (CDOs) die fehlenden digitalen Fähigkeiten von Mitarbeitern und Führungskräften sind. Im Rahmen der Studie „CDO Insights“ wurde beleuchtet, woran sich erste Erfolge des allgemeinen Digitalisierungstrend zeigen und was die Chancen und Hürden der Digitalisierung in deutschen Unternehmen sind.

Die Hauptaufgabe des CDO ist – zumindest sehen 72 Prozent der Befragten dies so – die Formulierung einer klaren, übergreifenden Digitalstrategie für das eigene Unternehmen. Mehr als zwei Drittel der Befragten konnten dies schon erfolgreich realisieren. In 28 Prozent der Firmen gehe der digitale Wandel momentan weniger strukturiert vonstatten, da es noch keine übergreifende Digitalstrategie gibt. Überdies steht für die Realisierung ihrer Ziele etwa 40 Prozent der CDOs ein Jahresbudget von bis zu 10 Mio. Euro zur Verfügung, weitere 32 Prozent verantworten gar mehr als 10 Mio. Euro. Dass das Topmanagement die hohe Relevanz digitaler Bemühungen erkannt hat, sieht man daran, dass das Budget bei rund der Hälfte der Befragten jährlich um zehn Prozent zum Vorjahr stieg.

Keine Hauruckmentalität


Trotz sinnvoller Strategien und höherer Investitionsbereitschaft skizziert die Umfrage auch mehrere ­Herausforderungen. So sehen 71 Prozent der Verantwortlichen die fehlenden digitalen Fähigkeiten von Mitarbeitern und Führungskräften als Hindernis für ein schnelles Voranschreiten der Digitalisierung. Rund zwei Drittel der Befragten halten die herrschenden Firmenstrukturen nach wie vor für zu starr. 61 Prozent empfinden eine Art Hauruckmentalität als hinderlich: Sie kritisieren, dass zu viele digitale Projekte gleich­zeitig gestartet werden oder zu viele Prioritäten miteinander konkurrieren.

„Das jährlich wachsende Millionenbudget zeigt: CDOs kommt eine Schlüsselrolle bei der Digitalisierung in deutschen Unternehmen zu. Einige Hürden der Digitalen Transformation – etwa ein fehlendes digitales Mindset – sind nur mittel- bis langfristig signifikant lösbar, weshalb die Relevanz der Position eines CDOs als digitale Triebfeder noch einige Jahre erhalten bleiben wird“, ergänzt Albert Brenner, Head of Strategy Consulting bei Diva-e.

Eine weitere Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass Innovation für viele Unternehmen das Mittel der Wahl ist, um schnelleres Wachstum, höhere Umsätze oder entscheidende Wettbewerbsvorteile zu erzielen. Parallel dazu zeigt die im April veröffentlichte Studie des Beratungshauses Accenture jedoch auch, dass Unternehmen beim Innovationsmanagement häufig falsche Schwerpunkte setzen. Befragt wurden rund 260 Führungskräfte aus dem verarbeitenden Gewerbe, der Dienstleistungsbranche sowie Handel und Verkehr in Deutschland. Dabei wurde klar: Oft liegt der Antrieb für Innovation darin, Bewährtes zu sichern, anstatt Neues zu entwickeln und Veränderung auf technologischer, organisatorischer oder sozialer Ebene zuzulassen. Zu groß ist die Angst davor, Fehler zu machen oder ein Risiko einzugehen, wie die Antworten der befragten Manager zeigen: 82 Prozent der Entscheidungsträger sehen in Innovationen primär die Möglichkeit, bewährte Produkte und Dienstleistungen zu optimieren und effizienter zu gestalten.

Für 72 Prozent der befragten Unternehmen steht die Sicherung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit im Fokus und nicht die Entwicklung neuer visionärer Produkte oder Dienstleistungen. Und nur zwölf Prozent der befragten Firmen stufen sich als Innovationsführer ein, während sich 55 Prozent als Innovationsfolger und weitere 33 als Nachzügler einschätzen. „Deutsche Betriebe schauen zu sehr darauf, was andere machen“, sagt Sigrid Stinnes, Innovation Lead bei Accenture. „Ideen zu übernehmen, kann kurzfristig Erfolg bringen. In Zeiten der Digitalisierung sind allerdings die Unternehmen erfolgreicher, die als erste am Markt sind und ihre Innovationen schnell in die Breite bringen – und das weltweit. Allein durch eine Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit den Status quo zu wahren, kann nicht der Anspruch sein.“ Als größte Herausforderungen bezeichneten die befragten Manager die Etablierung einer Innovationskultur (61 Prozent), aus Ideen echte Werte zu schaffen (59 Prozent), die Koordination verschiedener Innovationsinitiativen (52 Prozent) sowie die Begeisterung der Belegschaft für Innovation zu wecken (50 Prozent). Nur jedes dritte Unternehmen plant allerdings daraus abgeleitete Veränderungen im Management oder in der Organisation. Dies ist jedoch die Voraussetzung, um Innovationen in konkrete neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu übersetzen.

Integration und Standards


Neben dem Mut zur Innovation gilt es, im Zuge der Umsetzung der angedachten Digitalstrategien weitere Hürden zu überwinden. So kämpfen viele Verantwortliche mit der Integration und Modernisierung vorhandener Altsysteme. Denn in der Regel startet Digitalisierung nicht auf der grünen Wiese, sondern muss sich fließend in gewachsene IT-Landschaften einbetten lassen. Um den Anwendern hierbei unter die Arme zu greifen, brachte die Telekom letzten Mai den sogenannten „Digitalisierungs-Dolmetscher“ heraus. Dahinter versteckt sich die cloud-basierte Integrationsplattform „Flowground“, die folgendem Leitgedanken Rechnung trägt: Neue standardisierte Lösungen müssen in historisch gewachsene Systemlandschaften integriert werden. Dabei wächst das Angebot an cloud-basierten Lösungen rasant – und damit die Anzahl an zu integrierenden Datenquellen.

Vor diesem Hintergrund verbindet die Plattform sozusagen als „Datenintegrationsschicht“ Applikationen miteinander, die sonst nicht miteinander „reden“ würden. Über 1.000 nutzbare Konnektoren für gängige Software-Anwendungen stehen laut Anbieter dabei zur Verfügung. So beispielsweise die E-Commerce-Plattform Magento Outlook oder die CRM-Lösung Salesforce. Mit den Konnektoren können Cloud-Lösungen (SaaS) untereinander oder mit bestehenden IT-Systemen im Unternehmen zu einem Datenfluss verbunden werden, heißt es. Die Bereitstellung der Konnektoren erfolgt quelloffen, sodass die Entwickler diese auf eigene Bedürfnisse hin anpassen können. Oder sie entwickeln eigene Konnektoren und stellen diese auf der Plattform bereit. Ist die Software über einen Konnektor mit der Plattform verbunden, lassen sich daraus Integration-Flows erstellen. Auf diese Weise soll der Datenaustausch über Systeme hinweg automatisiert und ohne Medienbrüche stattfinden.

Technologien für das autonome Fahren


Speziell im Automobilsegment will Tüv Süd wichtige Rahmenbedingungen für die Digitalisierung schaffen. Eigenen Angaben zufolge gestaltet man bereits die Regularien für das autonome Fahren an zentralen Stellen mit. Im Fokus: Testmethoden und internationale Standards für automatisierte Fahrfunktionen. Beispiele dafür sind die International Alliance for Mobility Testing and Standardization (IAMTS), der erste Standard für die Entwicklung für automatisierte Fahrzeuge in Singapur TR 68 oder die Leitlinien dafür in Deutschland, die Tüv Süd als Partner im Projekt „Pegasus“ des Bundeswirtschaftsministeriums entwickelt hat. Andere wichtige Themen des Dienstleisters: intermodale Mobilität, Datatrust Center, Künstliche Intelligenz (KI), Hauptuntersuchung und digitale Services für die Autohaus- und Logistikbranche.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 6/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Unsere Digitalisierungsstrategie, die wir seit drei Jahren konsequent umgesetzt haben, trägt Früchte. Mit unseren Experten decken wir den Lebenszyklus heutiger und zukünftiger Fahrzeuge ab“, betont Patrick Fruth, CEO der Division Mobility bei Tüv Süd. Vernetzung mit den unterschiedlichsten Partnern von Mobilitätsprojekten, enge Partnerschaften mit Forschungseinrichtungen, Behörden, Gremien, OEMs und Zulieferern werden mit der Expertise gepaart, die wir durch Kooperationen und Akquisitionen in den vergangenen Jahren hinzugewonnen haben.“


Digitaler als der Rest beim Rechnungswesen?


Den Digitalisierungsgrad des eigenen Rechnungswesens können Unternehmen seit Mitte Mai 2019 in einem Online-Konfigurator nachvollziehen. Mithilfe des Tools soll der Vergleich mit 200 der 700 größten Unternehmen aus Deutschland möglich sein. Die Basis dafür bilden die Ergebnisse einer groß angelegten Studie. In deren Rahmen haben Fraunhofer IAO und Comarch die Firmen zu ihrem Stand bei E-Invoicing befragt.

Quelle: Comarch


Bildquelle: Getty Images / iStock

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