14.08.2017 Teure Fehlentscheidungen vermeiden

Was IoT-Plattformen können müssen

Von: Harry Jacob

Das Internet der Dinge ist momentan eines der komplexesten Themen für die ­Industrie. Rund 380 Plattformanbieter buhlen um deren Gunst, wobei sich mit der richtigen Vorbereitung teure und zeitraubende Fehlentscheidungen bei der ­Plattformauswahl vermeiden lassen.

Das Internet der Dinge ist mehr als eine Evolution der Steuertechnik.

Beim Aufbau der eigenen Cloud-Lösung für das Internet der Dinge nutzen Unternehmen IoT-Plattformen.

enn uns das automatische Rollo vor Sonne schützt, die Hightech-Armbanduhr darüber Auskunft gibt, welches Pensum noch zu laufen ist oder das Auto weiß, wie sich der Stau umfahren lässt – dann sind wir von „smarten“, also intelligenten Geräten umgeben, die anhand vorgegebener Regeln flexibel auf Umwelteinflüsse reagieren können. Für das Internet of Things (IoT) bedarf es dreier Elemente:
– physischer „Dinge“ (Geräte oder Maschinen), die mit Sensoren, Aktoren, entsprechender Firmware und Datenübertragungsfähigkeit (Connectivity) ausgestattet werden;
– Web-Applikationen oder mobiler Apps, welche Daten der „Dinge“ auf Endgeräten (z.B. Smartphones, Tablets oder PC) zugänglich machen und ggf. eine Steuerung erlauben;
– einer IoT-Cloud-Plattform, die Daten sowie Steuerungssignale der Anwender speichert, nach vorgegebenen Regeln verarbeitet und verschiedene Administrationsmöglichkeiten bereitstellt. Sie verbindet also die „Dinge“ mit den Anwendern.

Beim Aufbau der eigenen Cloud-Lösung für das Internet der Dinge nutzen Unternehmen IoT-Plattformen. Diese stellen bereits grundlegende Funktionen bereit, die man nicht mehr aufwendig selbst programmieren muss. Zu den elementaren Funktionalitäten zählen Connectivity, Datenstandardisierung und -management, Datenvisualisierung, Device- und Service-Management, externe Schnittstellen, Entwicklungsunterstützung und Sicherheits-Features. Vor diesem Hintergrund hat die Digitalagentur Tresmo über 380 Angebote solcher IoT-Plattformen identifiziert.

Auf der Suche nach der geeigneten IoT-Plattform sind wichtige Fragen zu klären:
– Welche Funktionen bieten die Plattformen an, wie ist die Servicequalität, sind die Angebote ausreichend skalierbar und ist der Anbieter bzw. seine Plattform überhaupt zukunftssicher?
– Bedeutet die Festlegung auf einen Anbieter ein Vendor-Lock-in oder kann man ohne Probleme auf Alternativangebote umsteigen? Unter Umständen sind tiefgreifende Implikationen mit der Entscheidung verbunden, z.B. bei den zu verwendenden Protokollen und Bibliotheken.
– Wie ist das Kostenmodell? Skalieren die laufenden Kosten mit der Menge der übertragenen Daten?
– Wo sind die Cloud-Daten gespeichert und sind sie vor fremden Zugriffen geschützt? Immer mehr Anbieter, aber noch lange nicht alle, setzen für hiesige Kunden auf deutsche Rechenzentren. Wer international tätig ist, muss die Frage ebenso für andere Regionen stellen: In China und Russland dürfen die Daten aus rechtlichen Gründen das Land nicht verlassen.

Eine Fehlentscheidung kann für den Gerätehersteller teuer werden, weiß Tresmo-Geschäftsführer Bernd Behler: „Schlimmstenfalls müssen sie in ihrem Projekt wieder bei null anfangen, beispielsweise wenn sie mit dem Anbieter auch das Protokoll für die Datenübertragung ändern und dafür die Firmware des Gateways anpassen müssen. Das dauert lang und kostet sehr viel.“

Die Digitalagentur führt eine laufend aktualisierte Datenbank der ihr bekannten IoT-Plattformen mit den jeweiligen zentralen Eigenschaften. Wenn die Rahmenbedingungen des Kundenprojekts geklärt sind, kann darüber eine erste Eingrenzung vorgenommen werden. Die infrage kommenden Lösungen können dann genauer betrachtet werden, um das Angebot herauszufiltern, das nach Abwägung aller Aspekte am besten passt. Die zentralen Kriterien für einen Vergleich der Plattformen wurden in einer Checkliste zusammengestellt.

Wer jedoch nur auf die technischen Aspekte seines Produkts sieht und glaubt, allein daraus die richtige Entscheidung treffen zu können, der greift zu kurz. Geklärt werden muss beispielsweise, wie viele „Dinge“ mit dem IoT verbunden werden. Ebenso macht es einen Unterschied, welche Datenmengen nur lokal verarbeitet werden sollen und wie viele in der Cloud gesammelt werden. „Ob man 10.000 Geräte hat, die täglich jeweils ein Binärsignal senden oder ob mehrere Millionen von Geräten permanent dutzende Datenpunkte senden, die dann in Echtzeit verarbeitet werden müssen, macht einen riesigen Unterschied für die Plattformentscheidung“, erläutert Bernd Behler.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Spätestens hier geht es nicht mehr um die Technik, sondern um die Strategie des Unternehmens. Das Internet der Dinge ist mehr als eine Evolution der Steuertechnik. Es legt die Basis für datenbasierende Services, die neue Ertragsmöglichkeiten schaffen und damit das Geschäftsmodell wandeln können. Meist lassen sich erst durch diese Veränderungen die Investitionen in ein solches Projekt wirtschaftlich begründen.


Checkliste für den Kauf von IoT-Plattformen

Beim Vergleich von IoT-Plattformen sollte man u.a. folgende Punkte berücksichtigen:

  •   Bietet die IoT-Plattform ein Software Development Kit (SDK) für die Ziel-Hardware und das Zielbetriebssystem?
  •   Welche Kommunikationsprotokolle werden unterstützt?
  •   Ist es möglich, eigene Geschäftsanwendungen und Dienste neben der IoT-Plattform zu betreiben?
  •   Sind APIs vorhanden, um Administrationsfunktionen in bereits bestehende Unternehmensanwendungen zu integrieren (z.B. CRM- oder ERP-Systeme)?


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