Die schöne neue Welt der Lagerlogistik

Was kann Google Glass?

Aktuell werden verschiedene Entwicklungsprojekte angeschoben, bei denen der Einsatz von Datenbrillen – wie beispielsweise Google Glass – in der Lagerlogistik erprobt wird.

Google Glass

Was bringt der Einsatz von Google Glass in der Logistik?

Der blinde Chefingenieur Geordi Laforge des Sternenflottenschiffs Enterprise in der Science-Fiction-Serie Star Trek trug eine. Arnold Schwarzenegger im Kinofilm Terminator profitierte von ihr. Wenn es nach Lagerlogistikexperten geht, sollen nun Lagerarbeiter eine tragen. Die Rede ist von einer Datenbrille. Die Brillen aus Star Trek und Terminator standen Pate für Googles Datenbrille „Glass“. Nun soll Google Glass die Lagerlogistik revolutionieren. Nicht mehr und nicht weniger. Der Technologie „Augmented Reality“, die die Realität computergestützt erweitert, sei Dank.

Wurde die Datenbrille Google Glass anfangs häufig als Spielerei im Freizeitbereich abgetan, die allenfalls als Navigationsgerät oder als Kamera zum freihändigen Fotografieren taugt, so entdecken nun Unternehmen die Funktionalitäten für sich. So zum Beispiel in der Lagerlogistik. Eine der zentralen Aufgaben in der Lagerlogistik ist die Kommissionierung. Weit verbreitet ist heute die Kommissionierung über Barcodescanner. Diese führen den Lagerarbeiter zum Lagerfach, damit er die angezeigte Menge der gewünschten Ware entnimmt und zur Datenverarbeitung einscannt (Pick-by-Scan-Verfahren). Barcodescanner sind flexibel und rentabel, jedoch fehleranfällig. Die sprachgesteuerte Kommissionierung über ein Headset (Pick-by-Voice-Verfahren) hingegen wartet mit einer geringeren Fehlerquote und einer höheren Kommissionierleistung auf, weil sie eine höhere Konzentrationsfähigkeit des Trägers erfordert.

Datenbrillen vereinen beide Verfahren miteinander. Man spricht vom „Pick-by-Vision-Verfahren“. Das Zusammenspiel visueller und akustischer Informationen, die zudem um virtuelle Informationen angereichert werden, führt zu einer nie dagewesenen Optimierung der Prozesse. Die Technologie, die die Realität computergestützt erweitert, heißt „Augmented Reality“. Sie stellt dem Datenbrillenträger kontextbezogene Informationen zur richtigen Zeit und am richtigen Ort bereit, sodass die reale und virtuelle Welt zu einer Einheit verschmelzen. Mit dieser neuen Realität kann der Datenbrillenträger in Echtzeit interagieren. Obwohl die Vorteile dieser Technologie auf der Hand liegen und es auch schon ausgereifte Konzepte gibt, konnten sich bisherige Datenbrillen vor allem aus ergonomischer Sicht nicht etablieren. Neue leichte, ergonomische Datenbrillen wie Google Glass könnten nun zum Siegeszug des Pick-by-Vision-Verfahrens verhelfen.

Arbeitsalltag mit Google Glass

Der Arbeitsalltag eines Lagerarbeiters könnte mit Google Glass so aussehen: Die Datenbrille sitzt nah am Auge und übermittelt Arbeitsaufträge in Echtzeit. Sie blendet Informationen über den Lagerort der Ware, den Lagerplatz und die zu packende Anzahl in das Sichtfeld des Brillenträgers ein. Das lange Suchen nach Artikeln gehört damit der Vergangenheit an. Der Lagerarbeiter findet das richtige Lagerfach durch dessen optische Hervorhebung, er gleicht die Ware mit eingeblendeten Bildern des Artikels ab oder das System vergleicht die Artikelnummer der entnommenen Ware mit der Nummer des gewünschten Artikels. So wird die Kommissionierqualität erhöht und Kosten, die durch Reklamationsabwicklungen und Nachlieferungen entstehen, vermieden. Er entnimmt die Ware vom Lagerplatz. Mithilfe der in der Datenbrille integrierten Kamera wird der Barcode eingescannt. Die Warenbewegung wird damit sofort im Lagerverwaltungssystem verzeichnet. Braucht der Lagermitarbeiter zusätzliche Informationen zum Auftrag, fordert er sie über die Sprachsteuerung der Datenbrille an - papierlos und völlig freihändig. Der Lagerarbeiter ist so schneller als jemals zuvor. Indem verschiedene Informationsarten wie zum Beispiel der korrekte Weg und Pickinformationen parallel angezeigt werden, werden Totzeiten reduziert und die Leistung gesteigert. Neue Lagerarbeiter brauchen dank der intuitiven Bedienerführung weniger Einarbeitungszeiten. Studien des Lehrstuhls für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) der TU München belegen, dass die Pick-by-Vision-Methode die Fehlerquote gegenüber einer klassischen Kommissionierung um zwölf Prozent reduziert. Sollten diese Ergebnisse auch bei Google Glass realisiert werden, wird die Einführung bei deutlich geringeren Hardwarepreisen als bei der klassischen Kommissionierung zu einem schnellen Return on Invest führen.

Bevor Google Glass jedoch für Durchblick im Lager sorgen kann, müssen einige Herausforderungen angegangen werden. Damit die Brille die richtigen Informationen bereitstellen und weiterleiten kann, muss sie mit dem Lagerverwaltungssystem kommunizieren. Ähnlich einem Smartphone oder einem Tablet arbeitet auch Google Glass mit spezialisierten Apps. In der Entwicklung dieser Apps muss einiges bedacht werden: Sie müssen die hochgradig individuellen Prozesse im Lager abbilden. Das erfordert eine detaillierte Prozessanalyse und gegebenenfalls das Design von neuen Prozessen und deren Umsetzung. Jedes Unternehmen, das mit dem Gedanken spielt, Google Glass einzuführen, muss sich unweigerlich die Frage stellen, wo seine Daten verarbeitet und gespeichert werden. Diese Frage muss sowohl vor dem Hintergrund der Datensicherheit als auch der Unternehmensstrategie beantwortet werden. Das Potential von Google Glass lässt sich ausschöpfen, wenn die Datenbrille als Interface an das eigene Lagerverwaltungssystem angebunden ist. Darüber hinaus gilt es dem Faktor Mensch Rechnung zu tragen. Die Informationen, die den Lagerarbeitern über die Brille zur Verfügung gestellt werden, werden direkt ins Sichtfeld des Trägers eingeblendet – und dies über ein Display für lediglich ein Auge. Um den Arbeitsablauf nicht zu behindern, müssen die Informationen so minimalistisch wie möglich gestaltet sein. Hier gilt es, noch ausreichend Erfahrungen zu sammeln.

Eine weitere Herausforderung stellt derzeit noch die Akkulaufzeit der Datenbrille dar. Der Akku hält zwei bis drei Stunden lang. Bei entsprechend ausgerüsteten Barcodescannern reicht der Akku dagegen für bis zu vierzehn Stunden aus.
Viele Entwicklungsprojekte werden derzeit angeschoben, Prototypen werden erstellt. So kooperiert zum Beispiel die Mindsquare GmbH mit der Universität Potsdam bei der Entwicklung von Apps für die Lagerlogistik auf Google Glass. Zwar ist der Einsatz von Datenbrillen im Lager noch Zukunftsmusik. In zwei bis drei Jahren könnte sie jedoch Realität werden. Dafür müssen vor allem die Menschen, die im Lager arbeiten mit auf die Reise in die schöne neue Welt der Lagerlogistik genommen werden. Denn, auch die Datenbrillen von Geordi Laforge und des Terminators waren ohne ihre Träger nichts wert. Umgekehrt profitierten beide Figuren von der Datenbrille. Geordi Laforge hatte in einer Folge die Möglichkeit, ohne seine Datenbrille sehen zu können. Er entschied sich für ein Leben mit der Brille.

* Der Autor Johannes Behrndt ist Fachbereichsleiter Mobility bei der Mindsquare GmbH.

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