Rechenzentrumstrends

Weit mehr als nur Colocation

Jens-Peter Feidner, Managing Director Germany bei Equinix, erklärt im Interview, welche Rechenzentrumstrends und -Services derzeit bei Kunden gefragt sind.

Jens-Peter Feidner, ­Managing Director Germany bei Equinix

Laut Jens-Peter Feidner, ­Managing Director Germany bei Equinix, wird es immer wichtiger, mit einer lokalen Präsenz möglichst nah an der „Digital Edge“ vertreten zu sein.

ITD: Herr Feidner, worauf sollten Unternehmen derzeit besonders achten, wie sie die Leistungen eines Rechenzentrumsbetreibers in Anspruch nehmen?
Jens-Peter Feidner:
Rechenzentren können und sollen Unternehmen weit mehr als nur Colocation-Services bieten. Daher sollten Unternehmen, wenn sie ihre Infrastruktur in externen Rechenzentren ansiedeln, sicherstellen, dass sie nicht einfach nur zusätzliche Rechenleistung mieten, sondern darüber hinaus auch einen direkten Zugang zu einem breiten, digitalen Ökosystem an Partnern, Clouds, Netzwerken und Services erhalten. Diese privaten Verbindungen mittels „Interconnection“ garantieren geringe Latenzen bei der Datenübertragung und eine hohe Ausfalls- und Zugriffssicherheit. Sie ermöglichen zudem die flexible Nutzung von Clouds und SaaS-Applikationen anstelle eigener Rechner und Software.

ITD: Welche Leistungen sind aktuell besonders gefragt?
Feidner:
Das Marktforschungsunternehmen Gartner schätzt, dass bis 2025 80 Prozent der Unternehmen weltweit vollständig von ihrer lokalen Infrastruktur auf Colocation und in die Cloud migrieren werden.  In diesem Kontext sind Anbindungen an die Cloud gefragter denn je. Auch andere software-basierte Produkte wie Software-defined Networking (SDN) oder Virtual-Cross-Connects (VXC) werden bei Unternehmen immer beliebter, da sie die ortsunabhängige Vernetzung mit Partnern deutlich vereinfachen und Kapazitäten an der „Edge“, sprich wo lokal benötigt, ermöglichen.

ITD: Es wird nach wie vor viel über die Energiebilanz und Nachhaltigkeit von Rechenzentren gesprochen. Was hat sich hier in der letzten Zeit getan?
Feidner:
Bessere und standardisierte Konzepte im Design helfen dabei, Rechenzentren effizienter zu gestalten. In Deutschland beziehen wir zudem bereits im achten Jahr zu 100 Prozent Ökostrom, was durch ein sogenanntes Grünstromzertifikat garantiert wird. Außerdem prüfen wir ständig Möglichkeiten, unsere Energiebilanz zu verbessern, wie z.B. die Abwärme von Rechenzentren für städtische Fernwärmenetze nutzbar zu machen. Hier gibt es noch viel weiteres Potenzial, das wir gerne erschließen möchten. Eine stärkere Nutzung von „Nebenprodukten“ der Rechenzentren bedingt aber auch, dass etwa Fernwärmenetze besser ausgebaut sind. Ähnlich verhält es sich mit der Kühlung durch Wasser, was die Energiebilanz weiter verbessern würde, aber durch die vorhandenen Netze und Kapazitäten limitiert ist.

ITD: Welche Trends beobachten Sie aktuell sonst noch in der Branche?
Feidner:
Ein maßgeblicher Trend kann einfach zusammengefasst werden: „Was mit Software geht, sollte mit Software gemacht werden.“ Soll heißen: Neue Produkte werden künftig weniger hardware-intensiv sein und Nutzern dabei noch mehr Flexibilität bieten. Lösungen wie die eben erwähnten SDN- oder VXC-Applikationen sind hier erst der Anfang. Diese „Virtualisierung“ ursprünglich hardware-lastiger Aufgaben reduziert Kosten, beschleunigt die Einführung neuer Produkte und ermöglicht die schnelle Skalierung der Unternehmensleistungen.

ITD: Equinix hat kürzlich ein neues Rechenzentrum in Hamburg eröffnet. Was bietet der Standort im Vergleich zum Hotspot Frankfurt?
Feidner:
Unser neues Rechenzen-trum HH1 ergänzt unser Angebot in Deutschland. Mit unseren derzeit vier regionalen Standorten in Frankfurt, München, Düsseldorf und bald auch in Hamburg bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, die Digitalisierung „vor Ort“, also an der „Edge“, voranzutreiben. Frankfurt wird wohl auf absehbare Zeit der deutsche Hotspot für Rechenzentren und Konnektivität bleiben. Die anderen Standorte ermöglichen es unseren Kunden jedoch, ihre Infrastruktur noch näher an der „Digital Edge“ anzusiedeln. Gerade lokal angesiedelte, aber global agierende Firmen im Mittelstand erhalten so die Möglichkeit, sich untereinander und mit anderen Kunden zu vernetzen – über die Schaffung von digitalen Ökosystemen.

ITD: Gibt es weitere Städte in Deutschland, die an Attraktivität gewinnen?
Feidner:
Frankfurt wird aufgrund der Dichte an Rechenzentren und Verbindungen für Equinix immer einen Spitzenplatz innehaben. Allerdings wird es immer wichtiger, mit einer lokalen Präsenz möglichst nah an der „Digital Edge“ vertreten zu sein. Daher sind potenziell alle großen Metropol- und Industrieregionen interessant als Standorte für kleine bis mittlere Rechenzentren, über die dann Anbindungsmöglichkeiten zu globalen Standorten und Services bestehen.

ITD: Wie würden Sie Deutschland im internationalen Vergleich als RZ-Standort einordnen?
Feidner:
Während Unternehmen in die Cloud wechseln und ihre IT-Infrastrukturen an die neuen digitalen Anforderungen anpassen, sichern sich Cloud-Provider zunehmend Kapazitäten, um den steigenden Bedarf im Markt abdecken zu können. Gleichzeitig nehmen frühere Bedenken bezüglich der Cloud kontinuierlich ab. Ein Ende dieses Wachstums ist momentan nicht abzusehen.
Der deutsche Markt ist aufgrund mittelständischer Unternehmen, die sich im Zuge der Digitalisierung neu aufstellen, höchst interessant.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Für Rechenzentrumsbetreiber ist der Markt aber auch mit Herausforderungen verbunden. So sind die Strompreise im europäischen Vergleich immer noch sehr hoch. Zudem fehlt es dem Bund und vielen Städten an Strategien, wie mit dem rasanten Wachstum der Rechenzentren umgegangen werden kann und muss. Auch die Suche nach passenden Grundstücken, die über geeignete Strom- und Glasfaseranschlüsse verfügen, ist zu einer Herkulesaufgabe geworden. Und doch: Beim Rollout der Cloud-Provider lag Deutschland zunächst hinter den Standorten London und Amsterdam, hat inzwischen aber einen Spitzenplatz inne. Wir haben vor Kurzem im Rahmen unseres Global Interconnection Index eine Umfrage unter deutschen IT-Entscheidern durchgeführt. Dabei gaben 41 Prozent der Befragten an, dass Deutschland aufgrund seiner florierenden Rechenzentrumsbranche der beste Ort in der EMEA-Region ist, um sich mit Partnern und Services zu vernetzen.

Bildquelle: Equinix

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