Nachgefragt bei Dr. Andreas Kowallik, Deloitte

Wenige Firmen übermitteln Bilanzdaten elektronisch

Interview mit Dr. Andreas Kowallik, Partner und Steuerberater bei Deloitte

Dr. Andreas Kowallik, Deloitte

Dr. Andreas Kowallik, Partner und Steuerberater bei Deloitte

IT-DIRECTOR: Herr Dr. Kowallik, inwieweit sind die Unternehmen und Wirtschaftsprüfer in Deutschland bereits auf die E-Bilanz vorbereitet?
A. Kowallik: Im Rahmen einer bundesweiten Umfrage von Deloitte im April 2011 schätzte von den befragten Unternehmen kein einziges seinen E-Bilanz-Status als sehr gut ein, weniger als ein Viertel als gut oder befriedigend, ein Drittel als ausreichend und mehr als 40 Prozent als ungenügend. Aktuelle Erfahrungen zeigen, dass viele Unternehmen noch in den Vorbereitungen stecken. Steuerberater und Wirtschaftsprüfer gehen davon aus, dass nur ein Bruchteil der Unternehmen bereits für das Jahr 2012 eine E-Bilanz elektronisch übermitteln wird.

IT-DIRECTOR Welche Daten müssen die Betriebe im Rahmen von E-Bilanz nun elektronisch übermitteln?

A. Kowallik: Nach dem BMF-Schreiben vom 28. September 2011 (www.esteuer.de), das den Übermittlungsumfang regelt, fordert die Finanzverwaltung für die E-Bilanz keine Veränderungen im Kontenplan; das technische Übermittlungsformat (Extensible Business Reporting Language, XBRL) ergibt sich aus dem BMF-Schreiben vom 19. Januar 2010. Die E-Bilanz ist aus dem Hauptbuch, den Nebenbüchern und einer maschinellen Auswertung von Buchungsschlüsseln abzuleiten; in der Einführungsphase reicht der Finanzverwaltung eine Ableitung aus den Kontensalden der Hauptbuchkonten. Kann eine durch Mussfelder vorgegebene Differenzierung nicht aus der Buchführung abgeleitet werden, können zur Sicherstellung der rechnerischen Richtigkeit sog. Auffangpositionen verwendet werden.

IT-DIRECTOR: Wo lauern für die Verantwortlichen mögliche Gefahren bei der Umstellung auf die E-Bilanz?
A. Kowallik: Die meisten Unternehmen unterschätzen ihren Aufwand aus dem Abgleich der Bestandskontenpläne und der Steuerbilanzen auf die einschlägige Taxonomie. Diese sind Voraussetzungen für die Implementierung einer technischen Lösung für die E-Bilanz. Sonderthemen ergeben sich bei allen Unternehmen, die keinen HGB-Kontenrahmen, mehr als einen Kontenplan in der Unternehmensgruppe bebuchen oder keine vollständig kontenbasierte elektronische Buchführung in einem System haben (z.B. laufende Buchführung in IFRS mit einer manuellen Überleitung auf HGB außerhalb des Buchführungssystems).

IT-DIRECTOR: Inwieweit kann die E-Bilanz mit bereits vorhandener Finanzsoftware gestemmt werden? Oder müssen Unternehmen eine Aktualisierung Ihrer Finanzsysteme vornehmen bzw. diese um neue Funktionen ergänzen? Wenn ja, um welche?

A. Kowallik: Die Finanzverwaltung fordert keine Anpassungen im Finanzbuchhaltungs- oder ERP-System. Sofern das Unternehmen seine E-Bilanz durch einen Steuerberater zusammen mit der elektronische Steuererklärung erstellen und übermitteln lässt, ist im Regelfall keine neue Software erforderlich. Handlungsbedarf besteht aber, wenn sehr alte Software ohne Exportschnittstellen verwendet wird. Unternehmen, die ihre E-Bilanz selbst erstellen und übermitteln, müssen – mangels eines Angebots der Finanzverwaltung – eine technische Lösung erwerben und sollten mit ihrem Anbieter sprechen, ob ihre Software Schnittstellen hat, die den Einsatz externer XBRL-Lösungen zulassen oder der Software-Anbieter eine eigene Komplett- oder Teillösung für die E-Bilanz anbietet.

IT-DIRECTOR: Wie kann die Sicherheit der Finanzdaten gewährleistet werden – zum einen auf Seiten des Anwenderunternehmens und zum anderen auf der der Finanzbehörde?

A. Kowallik: Die Finanzverwaltung weist darauf hin, dass die mit der E-Bilanz eingereichten Daten dem Besteuerungsverfahren dienen und dem Steuergeheimnis unterliegen. Der Datenschutz sei vollständig gewährleistet, da die Übermittlung der Datensätze als authentifizierte Elster-Übermittlung erfolgt und ein Zugriff durch Dritte nicht vorgesehen sei. Hier wird die Finanzverwaltung aber noch praktische Überzeugungsarbeit leisten müssen, denn in vielen Köpfen steckt noch die Annahme, dass die elektronische Übermittlung nicht vor Cyberangriffen sicher ist oder zumindest Zweifel an der technischen Sicherheit besteht.
 
IT-DIRECTOR: Welche Neuregelungen im Bereich der Finanzbuchhaltung sind vom Steuerbürokratieabbaugesetz (Steubag) in naher Zukunft noch zu erwarten?
A. Kowallik: Nach dem BMF-Schreiben vom 5. Juni 2012 (www.esteuer.de) wird die Finanzverwaltung die Taxonomien regelmäßig prüfen, überarbeiten und aktualisieren. Die Taxonomien fordern Angaben, die in vielen Kontenrahmen oder ERP-Systemen, die zurzeit von den Unternehmen für handelsrechtliche Rechnungslegungszwecke verwendet werden, nicht vorhanden sind. Es gibt bei der Finanzverwaltung – wenn auch in der Einführungsphase Auffangpositionen genutzt werden können – eine Erwartungshaltung, dass mittel- bis langfristig detaillierte Einzelaufgliederungen direkt im Kontenrahmen oder ERP-Systemen abgebildet und auch elektronisch zur Verfügung gestellt werden.

IT-DIRECTOR: Wie ist Deutschland mit den neuen Regelungen zur E-Bilanz im europäischen bzw. internationalen Vergleich aufgestellt?

A. Kowallik: Zur effizienteren Durchführung des Besteuerungsverfahrens treiben viele Staaten Projekte zur freiwilligen oder verpflichtenden Abgabe von elektronischen Steuererklärungen und begleitenden Daten voran. In Großbritannien wurde die E-Bilanz („iXBRL“) ab 1. April 2011 eingeführt und hat bei vielen Unternehmen – wie auch in Deutschland zu erwarten – zur Überforderung und Frustration geführt. Deutschland hat mit XBRL zwar den internationalen technischen Standard bei der E-Bilanz gewählt, hat sich aber gegen ein in anderen Ländern erfolgreich eingesetztes Phasenmodell entschieden – z.B. Einführung zeitlich gestaffelt nach Unternehmensgrößen, was die technischen Umstellungsschwierigkeiten in der ersten Phase auf eine kleinere Gruppe Betroffener mit guter Ressourcenausstattung beschränkt und damit die Akzeptanz der E-Bilanz gegebenenfalls erhöht hätte.

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