Breitbandstrategie: Interview mit Hans Joachim Wolff, DVPT

Wer finanziert den Netzausbau?

Interview mit Hans Joachim Wolff, Vorstand beim Deutschen Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation e.V. (DVPT), darüber, wer im Rahmen der Breitbandstrategie der Bundesregierung bis 2018 den Netzausbau bezahlt?

Hans Joachim Wolff, DVPT

Hans Joachim Wolff, Vorstand beim Deutschen Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation e.V. (DVPT)

IT-DIRECTOR: Herr Wolff, gemäß der Breitbandstrategie der Bundesregierung sollen flächendeckend allen Haushalten in Deutschland bis 2018 Bandbreiten von 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen. Wie ist der momentane Stand bei diesem bundesweiten Breitbandausbau?
H. J. Wolff:
In den letzten Jahren sind große Anstrengungen unternommen worden, den Netzausbau voranzutreiben. Mit Sicht auf 2018 stellt sich aber dennoch die Frage, wer das Netz finanziert, das die Bundesrepublik braucht, um im internationalen Wettbewerb weiter vorne dabei zu sein. Die Anbieter betonen immer wieder, dass die Ziele ohne maßgebliche Zuschüsse seitens der Bundesregierung nicht zu erreichen sind. Diese will ihrerseits aber nicht mit den hohen erforderlichen Summen in die direkte Finanzierung einsteigen und mit flankierenden Maßnahmen Anreize setzen.

IT-DIRECTOR: Wie schätzen Sie aktuell die Rolle der Politik – sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene – hinsichtlich des Breitbandausbaus ein? An welchen Stellen läuft es gut? Wo besteht dringender Handlungsbedarf?
H. J. Wolff:
Im Moment schieben sich alle Beteiligten gegenseitig den schwarzen Peter zu. Es bleibt die Frage: Wer zahlt den Netzausbau? In der Vergangenheit sind viele herausragende Musterprojekte durch das Engagement von Gemeinden, Kommunen etc. durchgeführt worden. Auch hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, dass es nicht den „Königsweg“ gibt, sondern dass individuelle Lösungen in den jeweiligen Fällen gefunden werden müssen. Dennoch fehlt eine Strategie, die auch zukünftige Netzausbaustufen über die nächsten Jahrzehnte hinaus sicherstellt. Mit Blick auf das Ziel in 2018 und darüber hinaus, wird das Flankieren und Unterstützen durch Einzelaktionen der Bundesregierung so wie die letzten Jahre sicherlich nicht reichen.

IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert nehmen im Rahmen des Netzausbaus die modernen Mobilfunktechnologien LTE sowie Voice over LTE ein?
H. J. Wolff:
Funktechnologie eignet sich als Ergänzung zu den anderen Übertragungstechnologien. Dadurch, dass sich die Bandbreite auf die Nutzer in der jeweiligen Funkszelle aufteilt, sind verlässliche Bandbreiten nicht darstellbar.

IT-DIRECTOR: Wie können Anwenderunternehmen, deren Standorte noch nicht von den Vorzügen des Breitbandausbaus profitieren können, dennoch für stabile und schnelle Netzverbindungen sorgen?
H. J. Wolff:
In erster Linie ist der Bedarf natürlich auch abhängig vom jeweiligen Geschäftsmodell des Anwenderunternehmens. Wenn der Netzausbau vor Ort nicht die gewünschten Ergebnisse bringt, kann versucht werden, direkt mit Netzbetreibern zu verhandeln, eventuell mit einem Nachbarunternehmen zusammen, um das Volumen zu erhöhen. Die Netzbetreiber bauen Infrastruktur auch nach Anfrage. Hier müssen die Kosten dann aber von dem Unternehmen selbst getragen werden. Gegebenenfalls muss das IT-Konzept (zentral/dezentral) angepasst werden, wenn die entsprechende Infrastruktur nicht verfügbar ist.

IT-DIRECTOR: Wie können stark netzabhängige Technologien wie Unified Communications oder Virtual Desktop Infrastructure (VDI) für Home-Office-Arbeitsplätze erfolgreich eingebunden werden?
H. J. Wolff:
Diese Technologien leben von Echtzeitkommunikation und schneller Anbindung. VDI lösen nicht das Problem einer zu geringen Bandbreite. Hier hilft nur, eine konkrete Anforderungsmatrix zu erarbeiten und sich so weit wie möglich bei den Anbietern abzusichern, welche Bandbreiten für einen stabilen Betrieb benötigt werden. Die Bandbreitenentwicklung und das Nutzungsverhalten muss immer wieder im Auge behalten und ggf. nachgesteuert werden. Generell sind für eine stabile Anbindung Geschäftskundenprodukte besser als Privatkundenprodukte geeignet.

IT-DIRECTOR: Aufgrund der aktuellen Trends hin zur mobilen Arbeitsweise, zum Internet of Things oder zur Industrie 4.0 werden Privathaushalte wie auch Unternehmen immer leistungsfähigere Netze benötigen, um die Daten schnell von A nach B zu senden. Inwieweit trägt die derzeitige Breitbandstrategie diesen Entwicklungen bereits Rechnung?
H. J. Wolff:
Bei allen von der Bundesregierung genannten Breitbandzielen muss man sich mit Blick auf 2018 darüber klar werden, dass „weiße Flecken“ gar nicht geschlossen werden können. Weiter wachsende Bandbreitenanforderungen verursachen natürlich immer wieder neue Lücken über die Jahre. Hinzu kommt, dass wir in der Vergangenheit online gegangen sind, aber zukünftig mit allen diesen genannten Dingen immer online sein werden, und das, ohne dass der Anwender es merkt. Das alles zusammengenommen wird in der Zukunft zu einem riesigen Datenvolumen führen, das durch die geplanten Maßnahmen schwer abzudecken sein wird.

Wie lautet Ihre Einschätzung: Kann der geplante Netzausbau diese zukünftig exorbitante Datenlast locker stemmen? Oder werden die Infrastrukturen über kurz oder lang darunter zusammenbrechen?
H. J. Wolff:
Auch wenn der Ruf nach der einhundertprozentigen Netzneutralität immer laut sein wird, dauerhaft werden wir um Qualitätskriterien nicht herum kommen. Um hochperformante Anwendungen zum Kunden zu bringen, ist dies zukünftig unumgänglich. Heute stellt sich die Frage, wer die Verantwortung trägt, wenn der über das Internet bestellte Film nicht ruckelfrei abgespielt wird und somit die gekaufte Leistung nicht geliefert werden kann? Stand heute handelt es sich hierbei um eine Grauzone. Diese Frage wird aber mit steigender Nutzung und zunehmendem Angebot zukünftig eine immer wichtigere Rolle spielen. Abschließend lässt sich sagen, dass der Netzausbau weitergeht weiter und immer mehr Bandbreite ermöglichen wird. Immer alles zur gleichen Zeit an jedem Ort verfügbar zu haben, wird dennoch auch zukünftig nahezu undenkbar sein.

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