Wer hat die Nase vorn?

Wettlauf um die KI-Vorherrschaft

Wer hat in Sachen Künstliche Intelligenz (KI) die Nase vorn? Gemäß aktuellen Studien zeichnet sich für China und die USA ein Vorsprung ab, während die Europäische Union und Deutschland an Boden verlieren.

Wer hat die Nase vorn in Sachen „Künstliche Intelligenz“?

Wer hat die Nase vorn in Sachen „Künstliche Intelligenz“?

Anfang Juni 2018 veröffentlichte die Unternehmensberatung PwC eine Studie über das Marktpotential von Künstlicher Intelligenz mit für Deutschland teilweise ernüchternden Zahlen. So soll das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufgrund von KI zwar bis zum Jahr 2030 um 11,3 Prozent steigen, was einer Summe von rund 430 Mrd. Euro gleichkäme. Allerdings werden diese Zuwächse mit Blick auf das weltweite KI-Potential relativiert: Denn dieses soll bei 15,7 Billionen US-Dollar liegen, was einem Anstieg von rund 14 Prozent bis 2030 entspräche.

Im Ländervergleich dürften China und die USA am stärksten vom KI-Boom profitieren. Für China haben die PwC-Experten errechnet, dass die Wirtschaft bis 2030 allein durch KI um mehr als ein Viertel wachsen dürfte. Das entspricht einem Potential von 7 Billionen US-Dollar. In Nordamerika sind es immerhin noch 3,7 Billionen US-Dollar (knapp 15 Prozent).

Die skizzierten Tendenzen unterstreicht auch der jüngst von Hampleton Partners herausgegebene M&A-Marktreport (Mergers & Acquisitions) mit Fokus auf Künstlicher Intelligenz. Demnach wollen insbesondere die in den USA beheimateten größten IT-Anbieter der Welt – nämlich ­Google, Apple, Microsoft, Intel, Facebook, Twitter und Salesforce – in innovative Start-ups rund um Künstliche Intelligenz nicht nur investieren, sondern diese auch erwerben und absorbieren.

Laut Hampleton Partners betrafen die weltweiten KI-Akquisitionen und -Beteiligungen der letzten beiden Jahre vor allem die Bereiche maschinelle Datenanalyse sowie die Verarbeitung natürlicher Sprache und Bildverarbeitung. Dabei erwies sich die maschinelle Datenanalyse als die Kategorie, die mit der Hälfte aller Transaktionen (49 Prozent) die meisten Käufer anzog.

Generell umfasst die maschinelle Datenanalyse sämtliche Business- und Datenanalysen, Prognosemodelle, Big Data Machine Learning, Statistikerkennung und Vorhersagen. Hier sei der größte Deal im ersten Quartal 2018 die Übernahme von Flatiron Health durch Roche für 1,9 Milliarden US-Dollar gewesen. Der Wert dieses auf die Onkologie spezialisierten Unternehmens liege darin, unstrukturierte Daten zu erfassen und mit Electronic Medical Records (EMR) zu kombinieren, heißt es.

Gefragt: Maschinelle Datenanalyse


Der nächstgrößte Akquisesektor ist die industrielle Bildverarbeitung mit 31 Prozent der Transaktionen in den letzten 24 Monaten. Video- und Bilderkennung sowie Bildanalyse spielen in viele Bereiche hinein – von der Werbung über Robotik und physische Sicherheit bis zur Gesundheitsanalyse. Als aktiver Käufer in diesem Sektor erweist sich der chinesische Technologie­konzern Baidu, der das US-Start-up xPerception erworben hat. Durch Objekterkennung und Tiefenwahrnehmungstechnologie soll es ihm beim Aufbau seiner autonomen Fahr- und Augmented-Reality-Lösungen helfen.

Heiko Garrelfs, Director bei Hampleton Partners, kommentiert die Marktsituation im KI-Bereich wie folgt: „Es ist aufschlussreich zu sehen, dass Anbieter von maschineller Datenanalyse am stärksten von Käufern angesprochen werden. Das erste Quartal 2018 übertrifft dabei schon das erste Halbjahr 2017. Zudem wissen die IT-Giganten um die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für die Datenanalyse, die durch große Datenmengen und günstige, skalierbare Rechenleistung ermöglicht wird und die ihr Geschäft grundlegend verändern.“ Dass auch in Zukunft mit weiteren, teils spektakulären KI-Akquisitionen zu rechnen sein wird, machte kürzlich Google-CEO Sundar Pichai deutlich, der Google als „AI first“-Unternehmen bezeichnete und behauptete, dass KI mehr für die Menschheit tun werde als Feuer oder Strom.

EU will massiv investieren


Trotz der erwähnten KI-Dominanz von China und den US-Größen scheint Europa nicht ganz abgeschlagen zu sein. Aktuell bastelt man dort eifrig an Ansätzen, um KI-Marktanteile zu gewinnen, und präsentierte im April 2018 erste Maßnahmen: Laut EU-Kommission sollen im KI-Bereich bis 2020 mindestens 20 Mrd. Euro investiert werden. Die Behörde selbst stelle dafür in diesem Zeitraum 1,5 Mrd. Euro zur Verfügung. Damit will man vorrangig Projekte im Gesundheitswesen, im Verkehrssektor und in der Industrie unterstützen. Mehrere Zentren für Künstliche Intelligenz sollen dabei vor allem kleinere und mittlere Unternehmen bei der Einführung künstlich-intelligenter Technik unterstützen. Bis Ende 2018 will die Brüsseler Behörde zudem ethische Richtlinien für den Bereich vorstellen.

In Deutschland wurde die EU-Ankündigung verhalten aufgenommen. So begrüßte der Digitalverband Bitkom die EU-Pläne zur Förderung von Künstlicher Intelligenz zwar grundsätzlich, fordert zugleich aber noch größere Anstrengungen, damit Europa die angestrebte weltweite Führungsrolle bei dieser Schlüsseltechnologie auch tatsächlich erreichen kann. „Künstliche Intelligenz steht vor dem Durchbruch und wird sich schon in wenigen Jahren in nahezu jedem Produkt und jeder Dienstleistung wiederfinden“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Europa und ganz besonders Deutschland waren in den vergangenen Jahrzehnten in der KI-Entwicklung weltweit in der Spitzengruppe, nun geben Länder wie die USA und China das Tempo vor. Dass die EU-Kommission mit einer eigenen KI-Strategie nachlegt, ist richtig“, so Berg weiter.

Allerdings blieben die angekündigten Maßnahmen noch hinter den hochgesteckten Zielen zurück. Denn wer A sagt und an die Weltspitze will, muss auch B sagen und die dazu nötigen Mittel bereitstellen und Maßnahmen ergreifen. „Viel wollen und wenig tun – das wird nicht funktionieren“, gibt Achim Berg zu bedenken. Die zunächst hoch erscheinende Investitionssumme von 20 Mrd. Euro wird von Berg en détail aufgebröselt und damit relativiert: Im Mittelpunkt der EU-Ankündigungen stehen bis 2020 jährliche Investitionen in Höhe von 500 Mio. Euro für allgemeine Forschung und Entwicklung im Bereich KI. Daneben sollen für diesen Zeitraum insgesamt 500 Mio. Euro über den Europäischen Fonds für strategische Investitionen für KI-Projekte mobilisiert werden. Für den Zeitraum 2021 bis 2027 seien weiter steigende Ausgaben angekündigt, ohne diese näher zu beziffern.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 06/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Diese Summen können nur der Anfang sein und müssen im nächsten Haushalt deutlich angehoben werden. Im internationalen Vergleich bewegt sich Europa mit dreistelligen Millionenbeträgen nicht auf Augenhöhe“, betont Berg. Auch gemessen an den europäischen Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung sei der Anteil zu niedrig, insbesondere wenn man bedenkt, welche herausragende Bedeutung KI für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Wirtschaft haben wird, fährt Berg fort. So betrage allein das Budget für Forschung und Innovation innerhalb des EU-Programms „Horizon 2020“ im Zeitraum 2014 bis 2020 mehr als 10 Mrd. Euro pro Jahr. Daher fordert Berg: „Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip in der Förderpolitik und hin zu einer Konzentration auf die wichtigsten Technologien mit der größten Hebelwirkung. Und da steht KI ganz vorn.“


Schlechtes Image für KI

Jedem zweiten volljährigen Berufstätigen bereiten Veränderungen im Arbeitsleben durch Künstliche Intelligenz Sorgen, wie die Studie „Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz 2018“ zeigt. Zwar bleiben Androiden, die von echten Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind, auf absehbare Zeit weiterhin Science-Fiction. Aber Computer, die Krankheiten diagnostizieren, selbstfahrende Autos und Software, die Stimmen oder Gesichter erkennt, sind dank Künstlicher Intelligenz bereits Realität. Und diese Fortschritte treiben auch die Arbeitswelt um. Grundsätzlich soll die KI am Arbeitsplatz nützlich und hilfreich sein – die Hälfte der volljährigen Arbeitnehmer in Deutschland sieht in ihr aber eine potentielle Bedrohung: Mit 63 Prozent gaben die meisten „Besorgten“ das Fehlen einer „menschlichen Komponente“ als Grund für ihre Befürchtungen an. 55 Prozent sehen in KI-Anwendungen eine „billige Konkurrenz“, die zu sinkenden Löhnen für menschliche Arbeit führen wird. Jeweils 46 Prozent bemängeln, dass unklar bleibt, wie eine Künstliche Intelligenz Entscheidungen trifft, oder dass Programmierfehler schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. 41 Prozent befürchten den Verlust ihres eigenen Arbeitsplatzes, 39 Prozent meinen, KI mache individuelle, kreative oder außergewöhnliche Lösungen für Aufgaben unmöglich. 36 Prozent aller Arbeitnehmer teilen diese Ängste explizit nicht. Vier Prozent erwarten sogar gar keine Veränderung des Arbeitslebens durch Künstliche Intelligenz. Der verbleibende Rest hat keine klare Meinung zu diesem Thema.
Im Internet: www.imwf.de


Bildquelle: Thinkstock/DigitalVision

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