Unbekanntes Terrain erkunden

Wie KI die klassischen ERP-Hersteller umtreibt

Mit dem Begriff Künstliche Intelligenz (KI) verbinden viele zunächst Trends wie Autonomes Fahren, Chatbots oder Robotik. Doch zunehmend treibt KI auch die Hersteller klassischer Software-Systeme um – so etwa im ERP-Umfeld.

Unbekanntes Terrain erkunden

Zunehmend dringt die KI auch in bislang unbekanntes Terrain ein – das ERP-Umfeld.

Hinter dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ verbergen sich unterschiedliche Technologien, darunter maschinelles Lernen (Machine Learning, ML), neuronale Netze oder Natural Language Processing (NLP). Die diversen Spielarten von KI finden dabei Eingang in verschiedene Software-Anwendungen. Zuletzt beschäftigten sich auch viele ERP-Anbieter verstärkt damit. Diese Einschätzung bestätigt der Digitalverband Bitkom, der im April 2019 ein Papier zum Thema „Künstliche Intelligenz und ERP“ veröffentlichte. Laut dem Verband sammeln sowohl Anwender als auch ERP-Anbieter gerade erst erste Erfahrungen mit KI. „ERP-Systeme als der digitale Prozess- und Daten-Hub in Unternehmen werden immer stärker mit KI-Technologien angereichert“, berichtet Dr. Frank 
Termer, Bereichsleiter Software beim Bitkom. „Aktuell ist das Angebot der ERP-Anbieter jedoch noch überschaubar und die Zahl der Anwendungsfälle auf Kundenseite noch eher klein. Dennoch ist absehbar, dass KI künftig tief in den Kernprozessen verankert sein und auch zu voll automatisierten Prozessen führen wird.“ Gleichzeitig macht der Verband einige Hemmschuhe für eine schnelle Verbreitung von KI im ERP-Umfeld aus. So benötigen KI-Systeme möglichst viele Daten, mit denen die Algorithmen trainiert werden. Gerade Anwender, die nur wenige Daten bzw. keine konsistente Datenbasis besitzen, stehen hier vor Pro-blemen. Zudem seien KI-Lösungen heute keine Out-of-the-Box-Lösungen und müssten individuell konzipiert und programmiert werden, was angesichts der Kosten das eine oder andere Unternehmen zögern lässt. Schließlich fehlt es in den Firmen oftmals an KI-Know-how und -Experten. Und: Je komplexer die KI-Lösung wird, desto häufiger stellen sich Haftungsfragen, beispielsweise wenn die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen fehlt. Vor diesem Hintergrund gibt der Verband zu bedenken: „KI bietet enorme Chancen. Zur Optimierung einzelner Aufgaben und Prozesse sind die Lösungen heute schon relativ gut“, so Termer. „Von einem selbststeuernden ERP-System, das eigenständig komplexe Unternehmensprozesse managt, sind wir aber sicherlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entfernt.“

Abschließend gibt das Positionspapier Hinweise, wie die Anwender ihre KI-Projekte angehen sollten. Dabei geht es um die Verantwortlichkeiten im Unternehmen, aber auch um das Trainingsdatenmanagement, d.h. um die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass ausreichend viele und gute Daten für das KI-System bereitgestellt werden. Hierzu betont Termer: „Unternehmen sollten in einer KI-Governance relevante Rollen und Verantwortlichkeiten im KI-Kontext definieren, einen KI-Strategieprozess etablieren und Vorgaben zum Monitoring und Reporting der laufenden KI-Aktivitäten machen.“

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dass die Einschätzung des Bitkom alles andere als aus der Luft gegriffen ist, bewiesen zuletzt gleich mehrere ERP-Anbieter, die mit neuen KI-Lösungen aufwarteten – allen voran die SAP AG. Laut den Walldorfern soll die Anfang April vorgestellte neueste Version von SAP Hana Geschäftsanwendern „noch schneller bessere und intelligentere Entscheidungen erlauben“. Die Aktualisierungen umfassen nicht nur eine erweiterte Cloud-Unterstützung und die Unterstützung der Persistent-Memory-Technologie mit Intel, sondern auch intelligente Empfehlungen für effizientes Datenbankmanagement sowie neue Funktionen auf Basis von maschinellem Lernen. „Mit dieser Version können Unternehmen das Potential von Daten und der In-Memory-Informationsverarbeitung voll ausschöpfen, weil sie damit tiefere Einblicke in ihre Geschäftsabläufe gewinnen und somit rasch die richtigen Entscheidungen treffen können“, erklärt Gerrit Kazmaier, Senior Vice President für den Bereich SAP Hana and Analytics.

Die Kunden sollen von intelligenten Features profitieren, die IT- und Data-Science-Vorgänge durch die automatische Verarbeitung von Analyse- und Transaktionsdaten in Echtzeit für beliebige Datentypen beschleunigen. Python und R, die neuen APIs für maschinelles Lernen, ermöglichen Datenwissenschaftlern, direkt in der vertrauten Arbeitsumgebung auf Daten und leistungsstarke, datenbankinterne ML-Funktionen zuzugreifen.

Neben SAP präsentierte auch der ERP-Anbieter 
Epicor mit dem Epicor Virtual Agent (EVA) im April neue KI-Funktionen. Der Agent soll die Nutzer bei ihrer Arbeit unterstützen und dabei helfen, unternehmensweit die Prozessgeschwindigkeit zu steigern. Er wurde für die Ausführung von Aufgaben entwickelt sowie für Empfehlungen, Vorhersagen und Anpassungen von Aktionen innerhalb gesetzter Parameter. Auf Bildschirmen erscheint er als virtueller Assistent, auf die Anwender über Text- oder Spracheingaben Zugriff haben, heißt es. Neben kognitiven Fähigkeiten wie Text und Sprache könne das Tool für eine intuitive Benutzerführung auch Daten visualisieren, um Aktionen auf zugehörigen Geräten durchzuführen. Mithilfe von Sprachtechnologie (Natural Language Processing, NLP) erhalten die User über mobile Geräte Zugang zum EVA und zugleich zielgerichtete Informationen für bessere sowie schnellere Entscheidungen.

Entwickelt auf Basis der KI-Services von Microsoft Azure ergänzt der Agent alle Epicor-ERP-Implementierungen unabhängig von Größenordnung und Typ – ob on-premise oder in der Cloud. Dafür präsentierte der Hersteller während der jüngsten Anwenderkonferenz in Las Vegas auch gleich mehrere Einsatzszenarien. So könne der Agent etwa in der Fertigung für die Erkennung von Anomalien bei Produktionsmaschinen sorgen, die, wenn sie unbeachtet bleiben, zu ungeplanten Stillständen oder Qualitätsmängeln bei Produkten führen könnten. Daten von Maschinen und IoT-Sensoren sollen kombiniert mit Epicor ERP ein virtuelles Nervensystem ermöglichen, das KI-getriebene Alarme vom Agenten an mobile Geräte sendet. Mit wenigen Klicks kann ein Produktionsleiter dann die Empfehlungen bestätigen, um die präventive Wartung einer Maschine zu planen und die Produktion auf andere verfügbare Anlagen zu verlagern.

Die aktuell beachtlichen Fortschritte in Sachen KI waren für den ERP-Anbieter Asseco bereits Ende 2018 ausschlaggebend, die Mehrheitsbeteiligung an dem österreichischen KI-Spezialisten Salesbeat zu erwerben. Dessen Lösung Insights ist nun vollständig im ERP-System APplus integriert und soll mithilfe neuronaler Netze den Vertriebsmitarbeitern helfen. Laut Asseco greift die Lösung auf moderne KI-Technik zurück, um Vertriebler in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen. Das Tool sei in der Lage, öffentlich zugängliche Informationen zu Unternehmen – wie PR-Texte oder Beiträge in sozialen Medien – zu sammeln und zu analysieren. Mithilfe neuronaler Netze wird der Inhalt sprachlich interpretiert und in seiner Relevanz kategorisiert. Die Lösung bereitet das Ergebnis übersichtlich und in Echtzeit für die Vertriebsmitarbeiter auf. Entsprechend würden diese von Routinearbeiten bei der Informationssammlung zu Kunden und Interessenten entlastet. Gleichzeitig bleiben sie jederzeit auf dem aktuellsten Stand zu Neuigkeiten wichtiger Unternehmen, um diese als Kontaktanlässe zu nutzen und Gesprächsfäden aufzugreifen. „Zur Analyse der gesammelten Texte verbinden wir mehrere Techniken und Methoden des Natural Language Processing, das eine maschinelle Verarbeitung natürlicher Sprache ermöglicht. Im zweiten Schritt übernehmen die eingesetzten neuronalen Netze die Erkennung von Zusammenhängen und Mustern in den großen Datenmengen“, erklärt Philipp Schachinger, CEO und Mitgründer von Salesbeat. „Die eingesetzte KI-Technik wurde von uns konzipiert und entwickelt. Während zunächst noch reines maschinelles Lernen zum Einsatz kam, stellte sich bald heraus, dass neuronale Netze und Deep Learning im Bezug auf die Analyse und das Verständnis von Texten viel bessere und akkuratere Ergebnisse erzielen“, so Schachinger. 

Durch den Zugang zum Experten-Know-how von Salesbeat will Asseco die Grundlage für die Realisierung weiterer KI-Szenarien in der Praxis legen. „KI ist für uns ein strategisches Thema, auf das wir 2019 einen zentralen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt legen“, betont Asseco-Vorstand Ralf Bachthaler. 

Bildquelle: Getty Images / iStock

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