Brücke zwischen IT und Konnektivität

Wie Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben

Im Interview gibt Prof. Dr. Kai Höhmann, Geschäftsführer der Gesellschaften TÜV Rheinland Consulting und TÜV Rheinland Personal im Geschäftsbereich ICT & Business Solutions des TÜV-Rheinland-Konzerns, einen Ausblick auf die Netze der ­Zukunft, deren Rolle für das Internet der Dinge und darauf, wie Unternehmen die ­Digitalisierung am besten vorantreiben können.

Kai Höhmann, TÜV Rheinland

Kai Höhmann, TÜV Rheinland

IT-DIRECTOR: Herr Höhmann, seit gut einem Jahr sind Sie als verantwortlicher  Geschäftsfeldleiter für den Bereich Telko Solutions, Business & Engineering Services bei TÜV Rheinland an Bord. Welche Schwerpunkte setzen Sie?
K. Höhmann:
Unsere ICT-Beratungssparte, zu der wir gehören, ist auf verschiedene Themen spezialisiert, darunter IT-Sicherheit, Telekommunikationslösungen, Forschungs-Management und Business-Consulting. Darüber hinaus existieren im Gesamtkonzern zahlreiche weitere Bereiche, die sich mit den Themen IT und Digitalisierung beschäftigen, beispielweise die Sparten, die in Machine-to-Machine- (M2M)- und Industrie-4.0-Umgebungen den Einsatz von Hard- und Software überprüfen und zertifizieren.

IT-DIRECTOR: Die gesamte Firmengruppe beschäftigt weltweit rund 20.000 Mitarbeiter. Wie gestaltet sich dabei die Konzernstruktur?
K. Höhmann:
TÜV Rheinland gliedert sich in sechs Geschäftsbereiche, wobei die Kfz-Sparte im Bereich Mobilität, die für die Hauptuntersuchungen von Fahrzeugen zuständig ist und die TÜV-Plaketten vergibt, wohl die bekannteste ist.

Hinzu kommt der Industrie-Service, der bereits 1872 im Zuge der Überprüfung von Dampfkesseln gegründet wurde. Heute ist diese Sparte auf Sicherheitskon-trollen und Abnahme von Industrieanlagen spezialisiert. Des Weiteren zertifiziert unser Bereich Produkte sowohl Industriekomponenten als auch Konsumprodukte nach diversen Standards. Die Sparte „Academy & Lifecare“ konzentriert sich neben den Themen Aus- und Weiterbildung auch auf Arbeitssicherheit und arbeitsmedizinische Dienste. Die fünfte Säule, der Geschäftsbereich „Systeme“, übernimmt in der Regel nach ISO-Standard die Zertifizierung von Management-Systemen im Qualitäts-, Informationssicherheits- oder Umwelt-Management.
Im sechsten Geschäftsbereich, zu dem wir gehören, bündelt TÜV Rheinland schließlich sämtliche ICT-Themen inklusive Cyber-Sicherheit, IT-Services sowie Telco Solutions und Business Consulting. Bei Letzterem stehen Telekommunikationslösungen und -dienstleistungen, Management-Systemberatung und Forschungs-Management im Mittelpunkt, wobei hier besonders aktuelle Entwicklungen rund um Digitalisierung und Industrie 4.0 im Fokus stehen.

IT-DIRECTOR: Auf welche Weise begleiten Sie die Kunden beim digitalen Wandel?
K. Höhmann:
Wir selbst bieten keine eigenen Software-Lösungen an, sondern schlagen vielmehr die Brücke zwischen vorhandenen IT-Prozessen und der Konnektivität. Dabei sehen wir insbesondere breitbandige Netze als wichtige Lebensader für Digitalisierung, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge. In der Praxis werden Verantwortliche in Unternehmen oftmals mit ihren Digitalprojekten allein gelassen. Diesen stehen wir beratend zur Seite, nehmen Analysen vor und zeigen ihnen auf, an welchen Stellen Potenziale oder Chancen für die Digitalisierung bestehen.

IT-DIRECTOR: Können Sie ein Beispiel nennen?
K. Höhmann:
Viele Verantwortliche implementieren Software oder mobile Apps und meinen, sie hätten damit umfänglich digitalisiert, wundern sich aber gleichzeitig darüber, dass sich ihre Prozesse kaum verbessert haben. Dies kommt nicht von ungefähr, denn stattet man seine Außendienstmitarbeiter allein mit Tablets und Smartphones aus, rufen sie zunächst nur ihre E-Mails von unterwegs ab und surfen im Internet. Erst die nahtlose Verknüpfung mit weiteren Applikationen, etwa mit der Warenwirtschaft und der Live-Zugriff auf Kundendaten sorgen, für spürbare Verbesserungen.

Als Beratungsunternehmen steigen wir bereits in einer frühen Phase in solche Projekte ein. Dabei geht es uns vor allem um die Transformation und Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle und nicht in erster Linie darum, neue IT-Systeme einzuführen. Wir helfen unseren Kunden, die richtigen Weichen – z.B. hinsichtlich der Etablierung von Cloud-Plattformen – für die Zukunft zu stellen.

IT-DIRECTOR: Auf wessen Geheiß kommen Sie in die Unternehmen?
K. Höhmann:
Der Anstoß kommt aus den unterschiedlichsten Abteilungen und allen Management-Ebenen. Haben die Firmen bereits einen Chief Digital Officer (CDO) installiert, wendet sich dieser in der Regel an uns. Ansonsten sind es oftmals CIOs, Geschäftsführer oder die Fachbereiche selbst.

IT-DIRECTOR: Wie groß ist Ihre Beratungsmannschaft?
K. Höhmann:
Im Bereich ICT & Business Solutions beschäftigen wir international rund 600 Spezialisten, die in den verschiedenen Themengebieten unterwegs sind. Sie erwirtschaften etwa 133 Mio. Euro und damit sieben Prozent des gesamten Konzernumsatzes. Ein gutes Ergebnis für unsere junge, aufstrebende Sparte, die erst Anfang vergangenen Jahres in der Form gegründet wurde.

IT-DIRECTOR: Was sprach für die Gründung eines eigenen Geschäftsbereichs?
K. Höhmann:
Informations- und Kommunikationstechnologien fungieren zunehmend als Motor der Megatrends Industrie 4.0, Internet of Things (IoT), E-Health oder Mobilität der Zukunft. Vor diesem Hintergrund beschäftigen wir uns mit Cyber-Sicherheit, der Verfügbarkeit der Netze und mit der Qualität der angebotenen IT-Services und funktionierenden digitalen Prozessen. Nicht zuletzt kommen – mit dem im letzten Jahr verabschiedeten IT-Sicherheitsgesetz hinsichtlich kritischer Infrastrukturen (Kritis) – neue Herausforderungen auf die Betreiber von Telekommunikationsnetzen, in der medizinischen Versorgung und Bereichen wie Transport, Logistik oder die Energie- und Wasserwirtschaft zu. Hierfür wollen wir entsprechende Beratung und Schutzmaßnahmen anbieten.

IT-DIRECTOR: Können Sie dies näher erläutern?
K. Höhmann:
Die Digitalisierung in Unternehmen spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Zum einen auf der Prozess- und Applikationsebene, wo uns unsere historisch bedingten Erfahrungen aus Branchen wie der Automobilindustrie, Transport und Logistik, Gesundheitswesen und der öffentlichen Hand in die Karten spielen. Zum anderen müssen Infrastrukturen und Kommunikationsnetze stimmen, damit Digitalisierung erfolgreich sein kann. In diesem Rahmen kümmern wir uns vor allem um die Telekommunikationsinfrastrukturen, aber auch um intelligente Energienetze wie „Smart Grids“, um das Stromnetz großer Energieversorger zu digitalisieren.

IT-DIRECTOR: Warum zögern die Verantwortlichen noch, neue Digitalisierungsprojekte aufzusetzen?
K. Höhmann:
Sie fürchten mögliche Risiken. Dazu zählen Fehlinvestitionen oder die Ungewissheit, ob Kernprozesse nach ihrer grundlegenden Veränderung weiterhin flüssig ablaufen. Denn misslingen Industrie-4.0-Projekte, steht die Produktionskette still. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollten sich die Verantwortlichen stets bewusst darüber sein, welches das schwächste Glied in den Prozessabläufen darstellt – Datensicherheit, Stabilität der Infrastrukturen oder Verfügbarkeit der Applikationen –, und dieses bevorzugt absichern.
   Generell reicht es bei Weitem nicht aus, allein einen Chief Digital Officer zu bestellen. Vielmehr sollte man sich firmenweit sämtlichen Prozessen und Anwendungen widmen und diese zukunftsfähig gestalten, was insbesondere bei internationalen Großkonzernen kein leichtes Unterfangen ist.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen die Bedeutung von Infrastrukturen im Rahmen des digitalen Wandels an. Wie positionieren Sie sich in diesem Umfeld?
K. Höhmann:
Zwei Drittel der Mitarbeiter aus dem Bereich Telco Solutions & Business Consulting sind ausgewiesene Telekommunikationsexperten, die Projekte von der Beratung über die Implementierung bis hin zum Betrieb vornehmen können. Das Wissen dafür stammt aus verschiedenen Quellen. So erstellen wir seit einigen Jahren im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums den Breitbandatlas für Deutschland und seit kurzem für die EU das sogenannte „EU-Breitband-Mapping“. Zudem realisieren wir seit langem die Entwicklung und Koordination des Telekommunikationsnetzes für die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) wie Bundesgrenzschutz, Polizei, Zoll etc., sodass wir auch hier umfangreiche TK-Expertise gewinnen konnten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Die hieraus gesammelten Erfahrungen führen uns zu der Erkenntnis, dass erfolgreiche Digitalisierungsprojekte stets von der Verfügbarkeit der Daten abhängen. Denn ohne reibungslosen Datenfluss funktionieren weder Apps noch das Internet der Dinge.

IT-DIRECTOR: Worauf wird es beim Netzausbau ankommen?
K. Höhmann:
Der Breitbandausbau ist in Deutschland nach wie vor eine wichtige Aufgabe, bei der die immer noch existierenden weißen Flecken eine große Herausforderung sind. Außerdem darf man kein Netz etablieren, das nur heutige Anforderungen erfüllt und morgen bereits überholt sein wird. Denn die Datenflut wird im Zuge der Verbreitung des Internets der Dinge, von Smart Meter und M2M-Technologien immer weiter zunehmen. Dabei geht es künftig neben der flächendeckenden Verfügbarkeit der Netze vor allem auch um Echtzeitkommunikation. Ein Beispiel: Kommuniziert ein Werkteil in einer Fräserei nicht wie geplant mit der entsprechenden Maschine, könnten mehrere Tonnen schwere Stahlblöcke unkontrolliert durch die Industriehallen wandern und eine enorme Gefahr darstellen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sollten kritische Daten bei der Übertragung bevorzugt werden und damit die Netzneutralität aushebeln?
K. Höhmann:
Hinsichtlich der Netzneutralität kristallisierten sich zuletzt zwei Lager heraus: Die Befürworter betonen den Versorgungsanspruch der Bevölkerung mit Internet, die Kritiker hingegen pochen auf den Investitionsschutz der Netzbetreiber. Wie so oft scheint der goldene Mittelweg der beste zu sein: Es sollte zum einen die digitale Basisversorgung gewährleistet sein. Zum anderen sollten die Netzbetreiber die Möglichkeit erhalten, ihre Investitionen zu monetarisieren.

IT-DIRECTOR: Greift hinsichtlich der Grundversorgung nicht das Vorhaben der Bundesregierung, bis 2018 für jeden deutschen Haushalt eine 50-MBit/s-Anbindung zu garantieren?
K. Höhmann:
Zunächst handelte es sich dabei um keine Garantie, sondern nur um eine Absichtserklärung der Bundesregierung. Zur Umsetzung allerdings greifen verschiedene Hebel: So gibt es 2,7 Mrd. Euro Fördergelder vom Bundesverkehrsministerium für das Vorhaben; hinzu kommen Gelder der Bundesländer, Landkreise und Kommunen. Zudem fließt der Erlös der Lizenzvergaben von LTE und künftig von 5G in den Breitbandausbau. Da sich die Provider jedoch vorrangig auf Ballungszentren konzentrieren, wird die Versorgung infrastrukturschwacher Regionen mit schnellem Internet auch künftig schwierig sein.

IT-DIRECTOR: Wie können kritische Daten – z.B. rund um autonomes Fahren – künftig übertragen werden?
K. Höhmann:
Man könnte für kritische Datenübertragungen pa-rallel zum Internet ein hochsicheres, allein für diese Dienste reserviertes Netz etablieren. Hinsichtlich des Parallelnetzes sollte dann eine übergeordnete Instanz entscheiden, welche Daten darüber übertragen werden. Denkbar wären Informationen für das autonome Fahren, die Energie- und Wasserversorgung, Transport und Logistik sowie Gesundheitsanwendungen. Letztlich muss diese Instanz auch für den Ausbau und hochsicheren Betrieb beider Netze sorgen.
Neben den Infrastrukturen für die Grundversorgung und für kritische Daten erhalten die privatwirtschaftlichen Netzbetreiber eine dritte Netzebene, eine Art „Überholspur“, um ihren Nutzern mehr Bandbreite und höhere Verfügbarkeit zur Verfügung zu stellen.

IT-DIRECTOR: Welche Ebene übernimmt die Übertragung von Firmendaten?
K. Höhmann:
Es kommt darauf an, wie kritisch die Datenübertragungen für das betroffene Unternehmen und dessen Wertschöpfung sind. Als Schutz vor Datenverlust und Cyber-Kriminalität eignet sich die Etablierung eines eigenen Firmennetzes auf VPN- oder IP-MPLS-Basis (Multiprotocol Label Switching. Eine herkömmliche Internet-Verbindung käme nur dann infrage, wenn die Übertragung der Firmendaten per AES-256-Bit-Verschlüsselung gewährleistet wäre.

Bildquelle: TÜV Rheinland

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