Digitaler Rückstand

Wir wollen lieber nicht gefunden werden

Die bei der Arbeitsagentur gemeldeten offenen Stellen werden über Suchmaschinen nicht gefunden. Und das ist kein Scherz.

Was macht jemand, wenn er einen neuen Job sucht? Er fragt zuerst Google. Häufig findet er dann Verweise auf kommerzielle Jobbörsen und zum Teil auch auf die Karriereseiten bekannter Unternehmen. Wer die Suche um den Wohnort ergänzt, findet in aller Regel unter den ersten 20-30 Fundstellen eine Vielzahl an Jobs in der gewünschten Region. Was er allerdings nicht findet: Angebote der Arbeitsagentur.

Ungenutzte Möglichkeiten

Auch andere Suchmaschinen werden von der Arbeitsagentur stiefmütterlich behandelt. Das erfuhr auch Robin Eric Haak, Geschäftsführer der Jobspotting GmbH, als er der Bundesagentur eine Kooperation mit seiner Stellensuchmaschine anbot. Basierend auf einem Nutzerprofil mit Angaben zu Kenntnissen, Berufserfahrung und Arbeitsort enthält, schlägt die Suche passende Stellenanzeigen vor.

„Unsere Daten stammen aus mehr als 20 Jobportalen, mit denen wir zusammenarbeiten“, sagt Haak. „Das Ziel dahinter ist, die Jobsuche mithilfe digitaler Technologien zu vereinfachen.“ Um die etwa 800.000 Stellen aus der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit auch in seine Suchmaschine zu integrieren, bot er sogar eine kostenlose Zusammenarbeit an - anders als bei den kommerziell arbeitenden Partnern.

Die Antwort: Eine Indizierung in Suchmaschinen sei ausdrücklich nicht erwünscht. Natürlich gibt es Gründe, bei einer Meta-Suchmaschine nicht mitzumachen. So könnte es sein, dass ein Jobportal die Daten nicht weiterreichen möchte, um eine „Content-Duplizierung“ zu vermeiden, die zu einer Abwertung bei Google führen kann.

Doch dieses Argument sollte bei der Bundesagentur wegfallen: Sie erfüllt eine öffentliche Aufgabe und müsste eigentlich dafür sorgen, dass ihre Vermittlungsangebote rasch und unkompliziert gefunden werden. Aus der Sicht des Jobspotting-CEOs ist das eine ungenutzte Möglichkeit der Digitalisierung.

„Die Suche nach Jobs im Internet beginnt in der Regel mit Suchmaschinen“, sagt Haak. „Das ist eine digitale Lebensrealität. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Diese digitale Lebensrealität scheint aber in Politik und Verwaltung noch nicht angekommen zu sein. Nicht bei Google gefunden zu werden, bedeutet so etwas wie freiwillige Unsichtbarkeit in der digitalen Welt.

Fehlender Sachverstand

Aus Sicht der Arbeitsagentur gibt es dafür gute Gründe. Der Anbieter einer Stelle müsse laut der aktuellen datenschutzrechtlichen Vorgaben selbst über die Weitergabe der Daten entscheiden. „Eine generelle Freigabe aller Angebote an Dritte ohne Zustimmung ist uns nicht gestattet“, so die Antwort der Pressestelle der Arbeitsagentur auf eine Anfrage per E-Mail. „Wir wehren uns nicht generell gegen eine Kooperation mit Unternehmen, sondern müssen die Zusammenarbeit nur in eine juristisch korrekte und für den Stellenanbieter auch nachvollziehbare Form bringen.“

Das ist eine grundsätzlich nachvollziehbare Argumentation, sofern es um Anbieter mit einem ähnlichen Leistungsspektrum geht. Allerdings wird nicht ganz klar, warum dies auch für Google oder andere allgemeine Suchmaschinen gelten soll. So ist zum Beispiel eine Google-Suche nach „Stellenangebote Altenpflege Münster“ nicht auf eine Ergebnisseite in der Jobbörse verlinkt. Für Arbeitgeber wäre eine solche Möglichkeit aber sinnvoll, um das Bewerberpotenzial auszuschöpfen.

Auch die kommerziellen Jobbörsen erscheinen bei Google nicht mit einzelnen Stellenangeboten. Technischer Standard ist hier ein generischer Eintrag, der nach dem Anklicken zu einer entsprechenden Datenbankabfrage führt. Die eigentlichen Stellenangebote sind also für Google unsichtbar, Anfragen führen aber trotzdem zum Erfolg.

Die Arbeitsagentur scheint Google nicht zu bedienen wollen. Für einen Beobachter der Netzpolitik wie dem Politikwissenschaftler Christian Heise von der Leuphana-Universität in Lüneburg ist das nicht besonders verwunderlich: „Die Netzpolitik der schwarz-roten Koalition ist ein Witz. Sie ist gekennzeichnet durch fehlenden Sachverstand und eine grundlegende Abwehrhaltung gegenüber der Digitalisierung“, schrieb er in einem Gastkommentar für die Süddeutsche Zeitung.

Robin Eric Haak möchte es nicht dabei bewenden lassen. In einem offenen Brief an Arbeitsministerin Andrea Nahles und Arbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise ruft er zu einem Gespräch über ungenutzte Möglichkeiten der Digitalisierung auf: „Lassen Sie uns offen über Chancen und Risiken von digitaler Vernetzung, Arbeit in der digitalen Welt und digitaler Teilhabe diskutieren.“ Bisherige Reaktion: Keine.

Bildquelle: Thinkstock

Der offene Brief von Jobspotting-CEO Robin Eric Haak

Christian Heise über die Netzpolitik der Bundesregierung

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