Interview

Yvonne Hofstetter über die IT-Industrie im globalen Wettbewerb

Im Interview bewertet Buchautorin Yvonne Hofstetter die Marktposition der deutschen bzw. europäischern IT-Industrie, erläutert die Chancen der Anwenderunternehmen, sich gegen Wirtschaftsspionage zu wehren, und erklärt, warum sie gegen die Abschaffung von Google & Co. ist.

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    Nur wer laut Yvonne Hofstetter über große Marketingbudgets verfügt, kann Produkte so in den Markt drücken, wie es die Amerikaner tun.

  • Yvonne Hofstetter

    „Ich bin nicht für die Abschaffung von Google & Co.“, betont Buchautorin Yvonne Hofstetter.

IT-DIRECTOR: Frau Hofstetter, wie bewerten Sie die Marktposition der deutschen bzw. europäischen IT-Industrie im globalen Wettbewerb?
Y. Hofstetter:
Als IT-Standort hat sich Deutschland international keinen Namen gemacht. Im Gegenteil, Deutschland hat in den vergangenen 15 Jahren Schlüsseltechnologien der Informationstechnologie verloren bzw. abgebaut. Die Motivation: Steigerung des Shareholder-Value; das Ergebnis: Es bleibt viel Mittelmaß zurück.

Wenn etwa die Siemens AG die einzige Computerproduktion Europas (Siemens-Fujitsu) aufgibt, kurz vor dem Smartphone-Boom die Handysparte (BenQ, zuvor Private Netze PN) einstellt, die Halbleiterherstellung (Infineon) ausgliedert und deren Memory-Spin-off Qimondo insolvent wird, dann weiß man: Deutschland spielt bei diesen Technologien keine Rolle mehr.

Das sieht man auch am MSCI-Index: Europa ist abgeschlagen im Vergleich zu den USA oder BRIC-Staaten. Dort wird in Infrastruktur investiert, während Europa auf niedrigem Niveau stagniert. Auch ein guter Indikator ist der hohe Handelsbilanzüberschuss Deutschlands: Investiert wird im Ausland, nicht im Inland.

IT-DIRECTOR: Gibt es weitere Gründe?
Y. Hofstetter:
Zunächst sehe ich die anhaltende Effizienzsteigerung in Unternehmen und Konzernen, was im übrigen nicht nur für die IT-Industrie gilt: Festangestellte werden durch billige Arbeitskräfte, bevorzugt Praktikanten, ersetzt. Ich habe deutsche IT-Teams aus Unternehmen ausscheiden sehen, weil sie durch preiswertere ausländische IT-Consultants ersetzt werden konnten. Schaut man sich die Stellenausschreibungen von Konzernen an, wird man häufig folgendes finden: 300 Ausschreibungen, darunter 280 Praktikanten und 20 Stellen für die Adminis-tration – keine Ingenieure, keine Spezialisten, keine festangestellten Tekkies. Warum? Zu teuer. Wie aber soll ein Konzern mit Praktikanten und Subunternehmern (Hoch-)Technologie bauen? Die Qualität der IT-Systeme lässt dann zu wünschen übrig, der Leidtragende ist der Kunde.

IT-DIRECTOR: Wenn wenig investiert wird, findet wohl auch wenig IT-Forschung in diesen Unternehmen statt?
Y. Hofstetter:
Es geht wieder um das liebe Geld. Microsoft hat uns schon vor 20 Jahren gesagt, dass 90 Prozent der technologischen Entwicklungen in der Schublade verschwinden. Vielleicht braucht man sie nochmals, vielleicht aber auch nie mehr. Dieses Vorgehen muss man sich leisten können. Deutsche Unternehmen leisten es sich nicht. Vielleicht gibt es einige Ausnahmen in der Automobilbranche oder im Maschinenbau, aber flächendeckend ist die Forschung in Unternehmen nicht (mehr). Und tolle Autos alleine helfen diesem Land nicht bei der digitalen Transformation.

IT-DIRECTOR: Wie ist es um die Ausbildung bestellt?
Y. Hofstetter:
Hier beobachte ich seit Jahren eine ungute Entwicklung: Einerseits kenne ich eine Vielzahl gut ausgebildeter Physiker, Informationstheoretiker oder Mathematiker aus der Generation der Baby Boomers, also aus den 60er Jahren. Im Grunde ist diese Generation ja auch die erste digitale Generation, nicht die sogenannten „Digital Natives“. Denn die Baby Boomers haben das Internet quasi erfunden, haben die künstliche Intelligenz und das maschinelle Lernen pioniert, so wie wir sie bei US-amerikanischen Big-Data-Unternehmen in Einsatz gehen sehen.

Als „Digital Native“ gilt aber trotzdem derjenige, der unreflektiert bunte Gadgets nutzt, aber de facto keine Ahnung hat, wie die Prozesse und Infrastrukturen hinter dem Bildschirm aussehen. Hier stimmt die Wahrnehmung in unserer Gesellschaft ganz sicher nicht.

Mit anderen Worten: Die Baby Boomers sind qualifiziert für die IT, aber zu teuer. Deshalb sind manche arbeitslos oder werden in billigen Programmierjobs, die ihren Fähigkeiten nicht entsprechen, verheizt. Die zweite Seite der Medaille ist der Nachwuchs, den die Bologna-Reform hervorbringt. Mathematik, wie sie in der IT für Big Data und Industrie 4.0 gebraucht wird, wird nicht mehr gelehrt. Man lehrt Statistik, Wirtschaftsmathematik/Ökonomie und Technomathematik. Was fehlt, ist der theoretische Unterbau: Kategorientheorie oder Non-Standard-Analysis.

IT-DIRECTOR: Die Hochschulen tragen also eine Mitschuld?
Y. Hofstetter:
Was die Bologna-Reform mit ihren verschulten, kurzen und möglichst praxisnahen Ausbildungen aus dem Bildungssystem auswirft, sind moderne Arbeiter für die Industrie, die Ausbildung mit Einarbeitungszeit verwechselt und schnell preiswerte junge Kräfte will. Hochtechnologie zu bauen wird auf diese Weise jedoch nur schwer möglich sein. Wenn alles zusammentrifft – Praktikanten, keine eigene Forschung und Entwicklung und zu wenig ausgebildeter Nachwuchs –, dann kommt speziell bei Softwareprojekten ein Code heraus, der jenseits dessen ist, was gute Qualität bedeutet.

IT-DIRECTOR: Ohne Geld funktioniert eben auch die Forschung nicht …
Y. Hofstetter:
Speziell deutsch ist ein Mangel an Risikobereitschaft in der Bevölkerung. Man könnte meinen, dies hinge mit der Überalterung der Gesellschaft zusammen, weil derjenige, der in Rente geht, keine Risiken mehr eingehen will.

Aber das täuscht, wie die Berufswünsche der Studentengeneration 2014 zeigen: 30 Prozent der deutschen Studenten möchten für die öffentliche Hand arbeiten, 19 Prozent in Wissenschafts- und 17 Prozent in Kultur­einrichtungen. Heißt: Zwei Drittel der Studenten wünschen sich eine unkomplizierte, risikolose Zukunft staatlicher Provenienz.

Mitten hinein in dieses Gegenteil der Silicon-Valley-Dynamik, in das Unbehagen einer abenteuerreichen Zukunft, platzt Big Data: Gesundheitsarmbänder mit Anweisungen für ein längeres Leben, autonome Haustechnik und künstliche Intelligenz, die bei Unsicherheit besser entscheidet als der Mensch. Jeder weiß, was er zu tun hat; und noch viel besser: Statt meiner entscheidet ein anderer. Intelligente Maschinen geben Handlungsempfehlungen oder führen die optimale Entscheidung gleich selbst aus.

Deutschland lebt von seiner Substanz und will sich selbst verwalten. Doch wer heute keine (IT-)Produkte baut und kein unternehmerisches Risiko eingeht, hat morgen nichts mehr in der Auslage. Dann wird es nichts mehr zu verkaufen und nichts mehr zu verwalten geben.

IT-DIRECTOR: Keine Risikokultur bedeutet auch keine Risikokapitalkultur?
Y. Hofstetter:
Der Mangel an deutschem Risikokapital ist ein enormes Problem. Die großen Venture Capitalists (VC) sitzen im anglo-amerikanischen Raum. Wenn ein IT-Mittelständler Geld braucht, muss er ein Office in UK oder USA eröffnen und dort einen Ansprechpartner haben. Dann besteht die Chance, dass er einen VC findet. Wer das nicht tut, wird immer zu wenig Geld haben, um mit Überseegeschäftsmodellen und Investitionen in Forschung und Entwicklung zu konkurrieren. Nach Medienberichten investiert Google jährlich ca. 8 Mrd. Dollar in Forschung und Entwicklung; in Deutschland diskutiert die Politik über Investitionen in IT-Sicherheit von 100 Mio. Euro – verteilt auf fünf Jahre. Lobenswert, aber ein Tropfen auf den heißen Stein.

IT-DIRECTOR: Wenn hier wegen Geldmangels nicht entwickelt werden kann, gehen die Entwickler eben?
Y. Hofstetter:
Deutschland hat mit intellektueller Abwanderung zu kämpfen. 2014 hat Google drei europäische Start-ups gekauft, die alle über eine Schlüsseltechnologie für Big Data verfügen, nämlich Machine Learning.
Zwei der Start-ups wurden von deutschen Forschern mitgegründet. Sie hatten Deutschland den Rücken gekehrt und sich in UK angesiedelt und anglo-amerikanisches Risikokapital bekommen. Google ist übrigens nicht nur internationaler Hochtechnologiekonzern, es ist auch Risikokapitalinvestor. Im Falle der ersten Akquisition im Januar 2014 – DeepMind – soll Google 400 Mio. Britische Pfund bezahlt haben. Und das Start-up, gegründet 2011, war bereits mit 50 Mio. Britischen Pfund finanziert. Das wäre in Deutschland undenkbar.

IT-DIRECTOR: US-Unternehmen beherrschen das Internet, die führenden Betriebssysteme und auch gefühlte 90 Prozent der Server- und Netzwerkkomponenten kommen aus den USA. Welche Auswirkungen hat dies auf den Datenschutz und die Sicherheit von Geschäftsdaten in Deutschland bzw. Europa?
Y. Hofstetter:
Deutschland und Europa besitzen keine eigene Internetinfrastruktur. Also müssen wir nehmen, was wir kriegen können – Geräte aus den USA oder Asien. Dazu erhalten wir die passenden Geschäftsmodelle gleich mit. Konkret: Überwachung ist das Geschäftsmodell der digitalen Revolution. Die Geräte sind so konstruiert, dass sie die Überwachung ermöglichen, Daten absaugen und Kapitalakkumulationen der Anbieter – Umsätze und Gewinne – ermöglichen.

Weil die ausländischen Geräte ausländische Zielvorstellungen verfolgen – sie machen die Gerätenutzer zu Rohstoffträgern, Personen zu den Inhabern der „neuen Währung Daten“ und damit zu Objekten des Wirtschaftens – und deshalb keine Rücksicht auf andere Rechtssysteme oder Verfassungen nehmen, verstoßen sie zwangsläufig gegen europäisches/deutsches Recht, insbesondere deutsches/europäisches Verfassungsrecht mit seinen Garantien, die in der Menschenwürde wurzeln. Danach ist der Mensch kein Objekt (der Wirtschaft). Er ist Rechtssubjekt – Träger von Rechten auf Privatsphäre, Kontrollrechten über seine persönlichen Daten, Herrschaftsrechten in Bezug auf seine Zukunftsgestaltung. Es kommt hier zwangsläufig zum kulturellen Konflikt.

IT-DIRECTOR: Und wirtschaftlich?
Y. Hofstetter:
Was wir eigentlich beobachten, ist die Perfektionierung der kapitalistischen Idee anglo-amerikanischer Prägung – nicht die unserer sozialen Marktwirtschaft. Die ausländischen Geräte haben uns zur Ware gemacht, zum Objekt der Wirtschaft – wir sind schon längst keine Kunden der Internetgiganten mehr. Wir haben keine Rechte mehr.

Datenschutz müsste ja richtigerweise „Grundrechtsschutz“ heißen. Und diese Grundrechte werden durch die aktuellen Geschäftsmodelle und Geräte, die nicht aus unserem Rechtsraum stammen, schlicht massiv verletzt. Sie könnten nur garantiert werden, wenn es eine eigene, grundrechtssichere europäische Infrastruktur gäbe. Dazu wäre übrigens mindestens der deutsche Staat grundgesetzlich verpflichtet. Digitale Infrastruktur ist inzwischen systemrelevant, so wie die Wasser- und Stromversorgung. Die Grundrechtssicherheit des Internets wäre eigentlich durch unseren Staat zu gewährleisten – aber praktisch unmöglich, weil nicht unter seiner Kontrolle.

IT-DIRECTOR: Welche Chance haben Anwenderunternehmen hierzulande überhaupt, sich durch gezielte Anbieterauswahl gegen (eingebaute, US-legitimierte) Wirtschaftsspionage – Stichwort Backdoors – zu wehren?
Y. Hofstetter:
Ich bin geneigt zu behaupten, dass wir aktuell keine Alternative haben. Beispiel Router: Größte Anbieter sind Cisco (USA) oder Huawei (China). Ein Bundestagsabgeordneter stellte die Frage, ob nicht eine Telekom/Siemens-Konstellation einen grundrechtssicheren Router deutscher Provenienz bauen könnte? Sie könnten schon, gaben Unternehmenslobbyisten zur Antwort. Aber dazu bräuchte man mehr Geld – Subventionen – vom Staat. Einerseits tritt hier wieder die leidige Geldfrage auf. Andererseits bin ich sicher, auch der deutsche Mittelstand könnte technologisch grundrechtssichere Router bauen. Diesbezügliche Aktivitäten werden nur dort extrem schwierig für den Mittelstand, weil es zur Wettbewerbsverzerrung kommt, wenn Konzerne und nicht der Mittelstand subventioniert werden.

IT-DIRECTOR: Welche Initiativen wünschen Sie, um die Position der deutschen IT-Wirtschaft zu stärken?
Y. Hofstetter:
Der Staat muss erkennen, dass ihn unsere Verfassung dazu verpflichtet, grundrechtssichere Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Ich bin nicht für die Abschaffung von Google und Co., schließlich müssen Menschen auch die Freiheit haben, selbstbestimmt in die Fremdbestimmung zu gehen. Aber wer das nicht will, braucht eine Alternative. Deshalb werden wir um eine eigene digitale Autonomie nicht herumkommen.

Mir schwebt ein duales System vor – wie beim Fernsehen (ARD/ZDF versus Privatsender). Ich bin optimistisch, dass so etwas umsetzbar wäre – und zwar durchaus mit amerikanischen Partnern, etwa mit der künstlichen Intelligenz von IBM. Für IBM wäre so eine Zusammenarbeit mit Europa eine tolle Sache, das Unternehmen spielt weit unter seinen Möglichkeiten.

IT-DIRECTOR: Wie lang würde es dauern, eine US-unabhängige IT-Industrie in Europa aufzubauen? Die Chance dazu ist/war doch recht gut infolge der NSA-Datenschnüffelei?
Y. Hofstetter:
Die deutschen Technologen sind eigentlich hochmotiviert. Das Problem ist aber auch hier die Finanzierung. Obwohl ich sicher bin, dass man für den Start keine Milliarden bräuchte. Wichtig wäre, den Mittelstand zu aktivieren und ihm die volle Unterstützung der Politik zuzusichern.

Von Konzernen darf man nicht zu viel Innovation erwarten. Innovation im Konzern ist höchstens kontinuierlich, selten verdrängend. Für verdrängende Neuerung muss man auf die Kleinen schauen – auf die Garagenfirmen. Trotzdem würde es einige Jahre in Anspruch nehmen, eine digitale Autonomie aufzubauen – Wissen müsste anders als bisher strukturiert werden, etwa unter Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Aber weil KI sowieso Grundsätzliches verändern wird, könnten wir mit der digitalen Autonomie auch gleichzeitig Know-how bei KI aufbauen und führende Nation bei dieser digitalen Schlüsseltechnologie bleiben.

IT-DIRECTOR: Wie erklären Sie sich, dass Errungenschaften und Erfindungen erst dann den globalen Durchbruch schaffen, wenn sie aus Silicon Valley kommen – selbst wenn sie von Fraunhofer entwickelt wurden?
Y. Hofstetter:
Wieder dieselbe Antwort: Geldmangel. Nur wer über große Marketingbudgets verfügt, kann Produkte so in den Markt drücken, wie es die Amerikaner tun. Mit anderen Worten: Die Erforschung oder Erfindung ist das eine, der Vermarktungserfolg das andere. Die Amerikaner leben nach dem Motto: Viel hilft viel. Damit sind sie durchaus erfolgreich. 

„Think big“ ist auch ein Google-Motto. Das ist alles andere als effizient, aber effektiv. Effizienz ist unsere  deutsche, europäische Stärke – aber im Wettbewerb um die digitale Transformation entpuppt sie sich als große Schwäche. Zu überwinden, was derart tief in der deutschen Seele steckt, wird hierzulande die größte Herausforderung in der digitalen Transformation.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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