Potentialträchtige Anwendungen

3D-Druck: Ist der Hype wirklich vorbei?

Der Hype um 3D-Druck hat sich ein wenig verflüchtigt und doch stehen wir laut Florian Reichle, Geschäftsführer der Trinckle 3D GmbH, „erst am Anfang der Möglichkeiten dieser Technologie“. Im Interview erklärt er, warum das so ist.

Florian Reichle, Trinckle 3D

Laut Florian Reichle, Geschäftsführer der Trinckle 3D GmbH sollte die 3D-Technologie grundsätzlich anhand der gewünschten Produkteigenschaften gewählt werden.

ITM: Herr Reichle, inwieweit ist das Thema „3D-Druck“ bereits im Mittelstand angekommen?
Florian Reichle:
Noch vor drei bis vier Jahren mussten wir jedem erst einmal die Grundidee von 3D-Druck erklären. Heute hatten fast alle Unternehmen schon erste Berührungspunkte mit der 3D-Drucktechnologie. Wir merken besonders, dass sich gerade im letzten Jahr sehr viel getan hat. Wir treffen nun immer häufiger auf mittelständische Unternehmen, die sich eingehend mit 3D-Druck und den vielfältigen neuen Möglichkeiten beschäftigen.

ITM: Was (welche Nachteile) hält den einen oder anderen Mittelständler bisher davon ab, sich mit 3D-Druckern zu befassen?
Reichle:
Mangelndes Bewusstsein hinsichtlich der Vorteile der 3D-Drucktechnologie. Erst langsam fließen die neuen Möglichkeiten in die Ausbildung der angehenden Konstrukteure und Designer. Zudem wird noch häufig befürchtet, dass die Qualität der Bauteile nicht mit konventionell gefertigten Bauteilen mithalten kann. Auch die Preise werden häufig noch als zu hoch angesehen.

ITM: Für welche Bereiche bzw. Branchen ist 3D-Druck jedoch grundsätzlich interessant? Welche Möglichkeiten eröffnen sich den Unternehmen durch 3D-Druck?
Reichle:
Aktuell sind Medizintechnik, die Luft und Raumfahrt und mehr und mehr die Automobilbranche die größten Treiber der 3D-Drucktechnologie. Grundsätzlich aber ist 3D-Druck für alle Unternehmen interessant, die von den neuen Individualisierungsmöglichkeiten (passgenaues Hüftgelenk), den Designfreiheiten (z.B. Hinterschneidungen, Hohlstrukturen) oder der Production on Demand profitieren.

ITM: Welche 3D-Druckverfahren gibt es generell und welche Materialien kommen hier zum Einsatz?
Reichle:
Die 3D-Drucktechnologie macht derzeit gewaltige Fortschritte. Brancheninterne und -externe Player investieren zunehmend größere Summen in den 3D-Druck. Grundsätzlich lässt sich aber unterscheiden:
•    FDM – Hier wird Kunststoff mittels einer computergesteuerten „Heißklebepistole“ in Schichten zu einem Objekt aufgespritzt.
•    SLA – Hier wird meist ein Kunstharz mit Licht schichtweise erhärtet.
•    SLS – Hier wird ein Pulver (Kunststoff, Metall) mittels Laser selektiv verschmelzt.
Darüber hinaus gibt es verschiedenste Varianten dieser Verfahren (SLM, Clip, etc.)

ITM: Welche Objekte können mit einem 3D-Drucker hergestellt werden und welche Eigenschaften bringen diese mit sich?
Reichle:
Grundsätzlich lassen sich alle Objekte mit einem 3D-Drucker herstellen, solange sie homogen aus einem Material gefertigt werden können. Die Eigenschaften der gedruckten Objekte hängen stark von der Methode und dem Material ab. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass sich fast alle wünschenswerten Eigenschaften mithilfe zumindest einer Drucktechnologie abbilden lassen (beispielsweise elastisch, steif, leichtbeständig, hitzebeständig, Oberflächeneigenschaften, etc.).

ITM: Inwieweit sind mit 3D-Druckern Massenproduktionen möglich?
Reichle:
Die Serienproduktion wird mit 3D-Druck zunehmend die Regel, besonders dann, wenn die Vorteile die Kosten übersteigen (beispielsweise kundenindividuelles Hüftgelenk). Es ist davon auszugehen, dass die Preise weiterhin stark sinken und immer mehr Massenanwendungen rentabel werden.

ITM: Wie ausgereift ist die Technologie Stand heute? An welchen Stellen hapert es häufig noch bzw. gibt es Verbesserungsbedarf?
Reichle:
Die SLS-Technologie ist derzeit die wohl am weitesten verbreitete Technologie. Sie ist in vielen Belangen konventioneller Produktion bereits überlegen. Einer der wichtigsten Verbesserungen bei dieser Technologis ist die Erhöhung der Fertigungsgeschwindigkeit und damit einhergehend, eine weitere Absenkung der Kosten.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Angebot an 3D-Druckern auf dem Markt?
Reichle:
In den nachgefragten Technologien muss tatsächlich mit längeren Wartezeiten gerechnet werden. Es ist aber davon auszugehen, dass sich dies bald bessern wird. Zahlreiche große Unternehmen haben den 3D-Druckmarkt für sich entdeckt (HP, Canon, Ricoh, GE, Siemens). Aber auch neue Unternehmen entstehen derzeit fast schon regelmäßig.

ITM: Worauf sollten Nutzer bei der Auswahl von Anbieter, Gerät und entsprechender Software achten?
Reichle:
Grundsätzlich sollte die Technologie anhand der gewünschten Produkteigenschaften gewählt werden. Es ist dringend zu raten, sich selbst darüber hinaus einen breiten Marktüberblick zu verschaffen. Denn der Markt ist noch sehr intransparent und die wenigsten Akteure wissen um die gesamten Möglichkeiten. Zudem sollte man nicht unterschätzen, wie wichtig das Thema Software für die eigentliche Produktion wird. Ein 3D-Drucker fertigt irgendwann die gewünschten Objekte. Aber ein Großteil der kontinuierlichen Arbeit entfällt auf den Prozess der Designdatenerstellung, der Individualisierung, der Datenaufbereitung und dem Datenmanagement.

ITM: Welche Kenntnisse benötigt ein Mittelständler beim Umgang mit einem 3D-Drucker?
Reichle:
Das hängt sehr von der Technologie ab. Es gibt Einsteigerdrucker für wenige tausend Euro, mit denen man recht schnell einen Umgang mit 3D-Druck lernen kann. Nicht zu unterschätzen ist allerdings der Aufwand, mit professionellen Industriedruckern zu starten. Hierfür sollten im Vorfeld Schulungen und Beratung eingeholt werden.

ITM: Welche Rolle wird 3D-Druck zukünftig im Zusammenhang mit Industrie 4.0 spielen?
Reichle:
Eine sehr große, da 3D-Druck das Verbindungsstück zwischen virtueller und physischer Welt darstellt. Durch 3D-Druck wird die Hürde physische Produkte herzustellen, deutlich abgesenkt. Wir haben bereits Kunden, die verschiedene Produkte entwickeln und erfolgreich verkaufen, ohne mit der Produktion je in Berührung gekommen zu sein. Im Extremfall reicht heute eine Laptop, um selbst Produzent zu werden.

ITM: Wie schätzen Sie generell die Entwicklungen im 3D-Druck-Bereich ein?
Reichle:
Wir haben zu Beginn einen großen Hype um das Thema 3D-Druck erlebt. Dieser hat viele Übertreibungen verursacht, aber unzählige Ideen und große Mengen an Geld freigesetzt. Mittlerweile hat sich der Hype verflüchtigt und es entstehen in den verschiedenen Branchen äußerst potentialträchtige Anwendungen. Ich bin mir sicher, dass wir trotzdem erst am Anfang der Möglichkeiten dieser Technologie stehen. Mit einem wachsenden Bewusstsein und dem Fortschritt der Technologie wird in fast allen Branchen ein Mehrwert durch 3D-Druck möglich sein.

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