Software-Umstellung

Ab mit den alten Zöpfen

Anfang Februar gab SAP bekannt, dass es die Mainstream-Wartung für Kernanwendungen seiner Business Suite noch bis Ende 2027 bereitstellen wird. Für viele erscheint das tröstlich, ist der Umstieg auf S/4Hana doch alles andere als trivial. Weshalb sich die ERP-Transformation dennoch lohnen kann, erklärt Marco Lehmann, Head of ERP Consulting beim Beratungsunternehmen KPMG, im Interview.

  • Frau mit langem Haar schneidet sich den Zopf ab

    Es wäre besser jetzt schon an eine Umstellung zu denken aber viele Unternehmen sehen den konkreten Nutzen, den die S/4Hana-Transformation als Projekt stiften soll, noch nicht.

  • Marco Lehmann, KPMG

    „Die Implementierung von S/4Hana ist eines der komplexesten Projekte, das Unternehmen in den nächsten Jahren vor sich haben, und viele unterschätzen im Vorfeld den Zeit- und Ressourcenaufwand.“ (Marco Lehmann, KPMG)

ITM: Herr Lehmann, was sollte aus Ihrer Sicht ein ERP-System heutzutage mitbringen, um auch in einigen Jahren noch aktuell zu sein?
Marco Lehmann:
Das ERP-System und die gesamte IT-Architektur soll das Unternehmen in die Lage versetzen, auf erwartbare Veränderungen der Geschäftsmodelle und Kundenbedürfnisse ebenso wie auf noch unbekannte Veränderungen schnell und effektiv reagieren zu können. Dafür braucht es ein „atmendes“ System. Dies ist von Anfang an mit zu bedenken – also schon bei Strategie, Roadmap und Design der ERP-Transformation. Zudem sollte man das System ab Tag eins weiterentwickeln und kontinuierlich optimieren.

ITM: Die Integration von Elementen wie einem CRM-System oder Online-Shop ist heute oft geschäftsentscheidend – ab wann lohnt es sich nicht mehr, diese zu integrieren?
Lehmann:
Da SAP die Wartung seiner aktuellen ERP-Generation spätestens 2030 beendet, lohnt sich die Implementierung des Nachfolgersystems. Dies gilt auch aus einem weiteren entscheidenden Grund: Die heutige Systemwelt genügt den wachsenden Anforderungen schon jetzt vielfach nicht mehr. Häufig wird dann mit Workarounds und Notlösungen gearbeitet, die die Prozesse unnötig komplex machen. Es wäre sinnvoll, diese Workarounds zügig zu beseitigen – indem man auf einen Greenfield-Ansatz oder Kombinationen aus Green- und Brownfield setzt. 

ITM: R/3 gilt als ERP-Klassiker, dem SAP seinen Erfolg zu verdanken hat. Heute gilt S/4Hana als die Essenz des Unternehmens. Was ist das Besondere an dem System?
Lehmann:
Mit S/4Hana muss SAP stets die Balance finden: alte Zöpfe abschneiden, neue Standards etablieren und vor allem technisch auf den neuesten Stand setzen. Zugleich war R/3 aus gutem Grund durch Kunden stark nachgefragt und nun gilt es, den Kern dieser Verlässlichkeit und den hohen Grad an Integration auch mit neuer Technik beizubehalten. Ein ERP-System lebt davon, die Unternehmensprozesse möglichst umfassend abzudecken und die Zusammenarbeit intern wie extern zu verbessern: SAP verspricht mit seinem Investment in S/4Hana eine kontinuierliche Weiterentwicklung und dient sich den Kunden als Partner für die nächsten Dekaden an. Ich glaube, das nehmen viele Unternehmen auch als positiv wahr.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Woran liegt es, dass die Implementierung von S/4 Hana auch fast fünf Jahre nach der Markteinführung bislang eher schleppend verläuft? Ist die Suche nach einem passenden Dienstleister ein Hemmnis?
Lehmann:
Für die bislang niedrige Implementierungsquote gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens erscheint die Zeit, bis SAP den Support für die aktuelle Business Suite einstellt, vielen Unternehmen noch sehr lang. Daher wird oftmals kein Druck empfunden, die Implementierung jetzt schon anzugehen. Außerdem sehen viele Unternehmen den konkreten Nutzen, den die S/4Hana-Transformation als Projekt stiften soll, noch nicht. Aus dieser Sicht erscheint es wenig attraktiv, sich jetzt schon um S/4Hana zu kümmern.

Der zweite Grund: Viele Unternehmen, die sich mit S/4Hana befassen, erkennen, wie komplex die Aufgabe ist. Das ERP-System wirkt als integriertes System in alle Units hinein, von der Beschaffung über Produktion, Vertrieb, HR und Finance bis hin zur Steuerfunktion und Corporate Governance. Entsprechend lauern einige Fallstricke in dem Transformationsprojekt. Das schreckt ein wenig ab – zumal der Umstieg auf S/4Hana bei laufendem Betrieb geschehen muss. Der von Ihnen genannte Aspekt spielt aber auch eine Rolle. Der Dienstleister sollte nicht nur ERP-Spezialist sein, sondern sich mit den diversen Unternehmensbereichen und Geschäftsprozessen auskennen und das nötige Business-Know-how mitbringen.

ITM: Otto, Haribo, Revlon und zuletzt der langjährige AS/400-Anwender Liqui Moly – die Schlagzeilen um gescheiterte und kostenintensive ERP-Projekte versetzen viele Unternehmen in Angst und Schrecken. Weshalb können selbst bei den „Großen“ solche Projekte ausufern?
Lehmann:
Grundsätzlich lässt sich sagen: Die Implementierung von S/4Hana ist eines der komplexesten Projekte, das Unternehmen in den nächsten Jahren vor sich haben, und viele unterschätzen im Vorfeld den Zeit- und Ressourcenaufwand. Oder sie nehmen sich zu viel vor, was dann dazu führt, dass die Projekte ausufern. Man muss im Rahmen der S/4Hana-Einführung nicht zwingend alles vom Kopf auf die Füße stellen, sondern sollte sich ambitionierte, aber realistische Ziele setzen.

ITM: Wie können Sie Anwendern diese Ängste nehmen?
Lehmann:
Entscheidend ist, vorab zu analysieren, wie weitreichend und umfangreich die Transformation tatsächlich sein muss bzw. sein kann. Unternehmen sollten sich zu Beginn z.B. fragen, ob die Lösungen von heute sich so weiterentwickeln lassen, dass sie die Herausforderungen von morgen noch meistern. Und ob lediglich Störfaktoren beseitigt werden sollen oder im Zuge der ERP-Umstellung die Unternehmensprozesse neu aufgestellt werden. Das hilft, von vorneherein verlässliche Abläufe zu gewährleisten und so das Transformationsprojekt zu meistern. 

Bildquelle: GettyImages/iStock/KPMG

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok