Noch fehlendes Vertrauen

All-IP lässt einige Fragen offen

„Es gibt immer noch Zweifel an der neuen Technik ‚All-IP’, da einfach noch die Erfahrung und damit das Vertrauen fehlen“, meint Martin Wittig, Vertriebsleiter bei der Consense GmbH, im Interview. Zudem seien meist noch ein paar letzte Unklarheiten übrig, die die Unternehmen noch zögern ließen.

Martin Wittig, Consense

„Der Kunde braucht eine IP-fähige Telefonanlage, entweder vor Ort oder aus der Cloud, und genügend Bandbreite seiner Datenleitung, um die Telefonie abbilden zu können“, betont Martin Wittig von Consense.

ITM: Herr Wittig, welche Chancen bietet der Übergang von ISDN zu All-IP für den deutschen Mittelstand?
Martin Wittig:
IP-Telefonie kommt und das war auch abzusehen. Dieser Schritt der Umstellung auf IP-Telefonie ist evolutionsbedingt der richtige. Unternehmen profitieren dabei von den sehr günstigen Grundgebühren und Minutenpreisen eines IP-Anschlusses. Zudem bringen neue Telefonanlagen, die aufgrund der „Zwangsumstellung“ erworben werden müssen, auch neue Funktionen mit sich, die die Unternehmenskommunikation zusätzlich verbessern.

ITM: Inwieweit haben Mittelständler das Thema „All-IP“ überhaupt auf dem Schirm und sind sich über dessen Bedeutung bewusst?
Wittig:
Nach unserer Erfahrung ist das Thema „All-IP“ bei vielen Unternehmen angekommen und ihnen ist dessen Wichtigkeit bewusst. Natürlich gibt es auch die beiden Extreme, dass einige Unternehmen schon jetzt stark auf eine Umstellung drängen, während andere es eher etwas schleifen lassen. Der Großteil befindet sich jedoch aktuell in der Planungsphase, was definitiv richtig ist.

ITM: Wie weit ist die Umstellung auf All-IP konkret im Mittelstand vorangeschritten?
Wittig:
Die meisten Unternehmen beginnen jetzt damit zu planen, welche Lösung sie in Zukunft nutzen möchten. Daher sind die meisten derzeit dabei, sich zu informieren und letzte Unklarheiten zu beseitigen. Einige arbeiten auch schon daran, Lösungen auf Kompatibilität mit internen Systemen zu testen.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch davon ab, auf All-IP umzusteigen?
Wittig:
Es gibt immer noch Zweifel an der neuen Technik, da einfach noch die Erfahrung und damit das Vertrauen fehlen. Zudem sind meist noch ein paar letzte Unklarheiten übrig, die die Unternehmen noch zögern lassen. Hier müssen Anbieter und Vermittler jetzt Aufklärungsarbeit leisten, um den Kunden abzuholen.

ITM: Welche Anforderungen müssen für einen Umstieg auf All-IP zunächst erfüllt sein?
Wittig:
Der Kunde braucht eine IP-fähige Telefonanlage, entweder vor Ort oder aus der Cloud, und genügend Bandbreite seiner Datenleitung, um die Telefonie abbilden zu können. Als Faustregel gilt ca. 100 kbit/s pro Gespräch im Up- und Download. Zudem muss die interne Infrastruktur IP-ready sein, also Switches, Firewall, usw. Das sind die wichtigsten Kriterien für die Telefonie. Allerdings gibt es besondere Punkte, die bei jedem Unternehmen individuell zu betrachten sind, wie etwa Faxgeräte, Gegensprechanlagen, Alarmanlagen und Notrufsysteme.

ITM: Wie „einfach“ ist der eigentliche Wechsel tatsächlich? Sprich: Mit welchen zeitlichen, personellen und finanziellen Herausforderungen müssen die Anwender beim Umstieg rechnen?
Wittig:
Das hängt ganz davon ab, für welche Lösung sich ein Unternehmen entscheidet. Wir entlasten unsere Kunden, indem wir sie bei der Koordination unterstützen und im Vorfeld alles prüfen, sodass ein Standort an einem Tag umgestellt werden kann. Die Planungen sollten mindestens ein halbes Jahr vor der Umstellung beginnen, um notwendige Kündigungen und Portierungen einzustellen. Am Tag der Umstellung wird dann die neue Anlage von uns in Betrieb genommen, konfiguriert und die Endgeräte getauscht. Wie bei Umstellungen bzw. Anpassungen allgemein üblich, benötigen Menschen etwas Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Auch bei der Umstellung auf IP-Technologie wird es eine Weile dauern, bis alle im Unternehmen sicher im Umgang sein werden. Hierbei helfen und unterstützen begleitende Schulungen.

ITM: Was gilt es bei der Migration auf jeden Fall zu beachten? Welche Stolpersteine können auftreten?
Wittig:
Es müssen u.a. die Laufzeiten der bestehenden Anschlüsse im Blick behalten werden, da diese eventuell gekündigt und portiert werden müssen. Bei mehreren Standorten sind oftmals unterschiedliche Laufzeiten vorhanden, das muss beachtet werden. Analoge Endgeräte wie etwa Faxe oder Alarmanlagen werden von der IP-Technik nicht mit hundertprozentiger Funktionsgarantie unterstützt. Hier müssen entweder Endgeräte getauscht werden oder analoge bzw. digitale Gateways zum Einsatz kommen. Darüber hinaus sollten Alarmanlagen nach VDE-Empfehlung generell nicht an Telefonanlagen angeschlossen werden. Da diese Themen sehr komplex sein können, kann man hier leider keine pauschale Aussage treffen, und Unternehmen sollten sich bei Unklarheiten professionelle Unterstützung ins Boot holen.

ITM: Wie gestaltet sich die Integration von Mobilgeräten in eine All-IP-Umgebung?
Wittig:
Abhängig vom verwendeten System lassen sich Mobilgeräte als Nebenstelle in die Telefonanlage mit einbinden. Entweder als Weiterleitung oder mit einer App, die auf dem Smartphone installiert wird. Über eine Datenverbindung (z.B. WLAN oder LTE) kann der Nutzer mit seinem Smartphone Anrufe seiner Festnetznummer annehmen und absetzen. Zudem sind meistens auch Präsenzinformationen von Kollegen sowie Zugriff auf ein globales Telefonbuch vorhanden.

ITM: Wie ist es hierbei um die Sicherheit bestellt?
Wittig:
Die Sicherheit der Telefonie, ob nun mobil oder stationär, ist nicht schlechter als bei bisherigen Telefonanlagen. Zum heutigen Zeitpunkt wird ISDN-Telefonie nicht verschlüsselt, von daher ist IP-Telefonie genauso „sicher“ oder „unsicher“ wie bei ISDN. Gespräche bei IP-Telefonie können bei den meisten Systemen auf Wunsch verschlüsselt werden, um eine zusätzliche Sicherheit zu gewährleisten, dies erhöht aber den Bandbreitenbedarf pro Gespräch. Um sich vor schädlichen Angriffen abzusichern, sollten alle Systeme mit komplexen Passwörtern geschützt werden. Zudem empfiehlt es sich auch hier, sich entsprechend des eigenen Bedarfs professionellen Rat bei der Absicherung der Telefonie zu holen.

ITM: Ein Begriff, der in Zusammenhang mit All-IP häufiger fällt, lautet „Next Generation Network“ (NGN). Was verbirgt sich dahinter? Nur eine Marketing-Phrase?
Wittig:
Beim NGN werden verschiedene Netze der Netzbetreiber auf eine Netzebene zusammengefügt. Somit sind dann alle Netze IP-Netze. Für die Anbieter erleichtert das Wartung und Pflege ungemein. Zudem sind dadurch Kostenersparnisse möglich, die wiederrum in einen dringend benötigten Netzausbau investiert werden können.

ITM: Welche Problematiken sehen Sie noch bis 2018 bzgl. All-IP auf die Unternehmen zukommen?
Wittig:
Unternehmen müssen die passende Lösung für sich finden, die dann wiederum für ein paar Jahre Bestand haben wird. Hier muss genau abgewogen werden, ob die Lösung zum Unternehmen passt und sich auch in Zukunft flexibel erweitern lässt. Zudem muss die interne Infrastruktur IP-ready gemacht werden. Das bedeutet, sowohl Hardware als auch Firewalls müssen auf ihre IP-Tauglichkeit geprüft werden.

Bildquelle: Consense

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