Betriebssysteme für die Fertigung

Android für die Industrie

Der Maschinenbauingenieur Maximilian Fischer hatte die Idee, ein Betriebssystem für Fabriken zu entwickeln. Im Interview erklärt der Mitgründer des Start-ups Actyx, wie der industrielle Mittelstand davon profitiert.

  • RPA-Lösungen schaffen wichtige Schnittstellen im industriellen Umfeld.

    RPA-Lösungen schaffen wichtige Schnittstellen im industriellen Umfeld.

  • Maximilian Fischer

    „Durch eine Steigerung der Produktivität kann Verschwendung vermieden und mehr Wohlstand generiert werden.“ (Maximilian Fischer)

ITM: Herr Fischer, Ihr Unternehmen spricht davon, ein „Android für Fabriken“ etablieren zu wollen. Was ist darunter zu verstehen? Wie kann dies die Industrie 4.0 auch im Mittelstand vorantreiben?
Maximilian Fischer:
Unsere Software-Plattform ist eine einheitliche Infrastruktur, die es ermöglicht, Apps auf verschiedensten Endgeräten unterschiedlicher Hersteller laufen zu lassen. Die Plattform verteilt automatisch die Daten auf die verschiedenen Geräte und speichert sie dort ab. Entwickler können sich dadurch komplett auf die Entwicklung von wertschöpfenden Apps konzentrieren und haben keinen Aufwand mit dem Aufsetzen der Infrastruktur. Auf unserer Plattform programmiert man Apps für Maschinen auf die gleiche Art und Weise wie für Menschen. Wir bieten dadurch eine einheitliche Entwicklererfahrung über die gesamte Fabrik hinweg, so wie das Android für verschiedene mobile Endgeräte schafft.

Das ist insbesondere interessant für den Mittelstand, da es eine deutlich schnellere Entwicklung von Software ermöglicht. Anstatt monatelang eine Lösung zu programmieren, geht das auf unserer Plattform innerhalb weniger Tage oder Wochen. Zudem arbeiten wir gerade an einem Marktplatz, auf dem Anbieter standardisierte Apps anbieten können. Dadurch wird Software zugänglicher und man kann ähnlich wie im Google Play Store fertige Lösungen einfach kaufen und installieren.

ITM: Welche Bedeutung haben RPA-Lösungen im industriellen Umfeld?
Fischer:
RPA-Lösungen schaffen Schnittstellen, wo es vorher keine gab, und reduzieren dadurch den Aufwand für die manuelle Übertragung von Daten. Mitarbeiter können sich so mehr auf die Auswertung und Analyse von Daten konzentrieren und beispielsweise Soll-Abweichungen oder Ungereimtheiten feststellen. Mitarbeiter werden dadurch produktiver und müssen weniger repetitive Aufgaben erledigen.
 
ITM: Industrie 4.0 ist zum Schlagwort geworden und auch große Techkonzerne bemühen sich, Lösungen dafür zu entwickeln. Wie können Start-ups wie Ihres dennoch punkten und was haben sie den „Großen“ voraus?
Fischer:
Als Start-up kann man nur punkten, wenn man einen grundsätzlich anderen Ansatz anbietet, der erhebliche Verbesserungen ermöglicht. Fünf bis zehn Prozent besser zu sein als etablierte Konzerne, reicht für ein Start-up nicht aus, um zu überleben. Unser IT-Ansatz, bei dem es keinen zentralen Server gibt und Daten und Logik ausschließlich dezentral liegen, bietet völlig neue Möglichkeiten. Die Lösungen sind ausfallsicherer, robuster und skalierbarer. In unseren Augen wird Software Papier in der Fabrik erst dann ersetzen, wenn sie annähernd so zuverlässig ist. Zentralistische IT-Systeme sind in unseren Augen zu fragil und komplex, daher verfolgen wir einen anderen Ansatz. Bei uns läuft die Software immer, solange das Endgerät Strom hat: dieser Ansatz ist bisher in der Industrie einmalig.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.



ITM: Haben wir schon bald alle unseren eigenen Bot?
Fischer:
Berufsbilder werden sich durch die Digitalisierung ändern. Das muss, wenn es richtig gemacht ist, nicht unbedingt schlecht sein. Wir merken gerade in Zeiten wie Corona, wie wichtig Fabriken für unsere Gesellschaft sind, aber auch, dass Produktionsprozesse sehr starr sind. Selbst ein Land wie Deutschland, das wahrscheinlich die komplexesten Maschinen der Welt baut, hat Schwierigkeiten, relativ einfache Produkte wie Atemschutzmasken schnell in großen Stückzahlen zu produzieren. Digitale Helfer können beim Erlernen neuer Tätigkeiten unterstützen und so die Flexibilität steigern.
 
ITM: RPA und Automatisierung verändern die Arbeitswelt grundlegend – zulasten menschlicher Arbeitskräfte?
Fischer:
Es wäre falsch zu behaupten, dass sich Berufe nicht verändern und gewisse Tätigkeiten auch wegfallen werden. Hier muss man versuchen, Mitarbeiter mit Weiterbildungen für andere Aufgaben zu qualifizieren. Wir sehen aber auch, dass sich Fabriken sehr schwertun, Fachkräfte zu finden. Stellen können teilweise nicht nachbesetzt werden und Unternehmen sind froh, wenn sie durch Automatisierung die Produktivität ihrer Mitarbeiter erhöhen können. Durch eine Steigerung der Produktivität kann Verschwendung vermieden und mehr Wohlstand generiert werden. Ein Nebeneffekt kann auch sein, dass die Vier-Tage-Woche, wie sie in der Indus-trie durch Corona vorübergehend umgesetzt wird, mehr und mehr zum Standard werden kann, natürlich dann zum gleichen Lohn wie bisher.

Bildquelle: Gettyimages/iStock; Actyx

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