Flexibler VerbundStoff für die Prozesse

Angepasste Software bei der Wuppertaler Hühoco-Gruppe

Von der Stange passt nicht immer: Wie wichtig es sein kann, wenn sich ein ERP-Anbieter im Rahmen seiner Präsentation auf die Prozesse des potentiellen Anwenders einstellt, zeigt das Beispiel des bergischen Mittelständlers.

  • Produktionsprozesse bei Hühoco

    Klaus-Peter Schönfeld (re.) und Mike Schirrmacher schauen sich die Produktionsprozesse genau an und nehmen Anpassungen bei Bedarf selbst vor.

  • Klaus-Peter Schönfeld und Mike Schirrmacher

    „Vielleicht sind wir zu traditionell, aber wenn man sich nur die Datenvorfälle der letzten 24 Monate anschaut, zeigt das, dass das Thema Datensicherheit bei weitem nicht gelöst ist.“ Mike Schirrmacher (re.)

  • Prozessoptimiereung bei Hühoco

    „Möchte ein Nutzer in einem Prozess nicht mehr fünfmal klicken, fragen wir ihn, wie oft er den Prozess denn bedient. Ist es einmal im Monat, muss er weiterhin fünfmal klicken ...“ Klaus-Peter Schönfeld (re.)

  • Klaus-Peter Schönfeld

    „Die zentrale Rolle spielte das Coil, um das sich sprichwörtlich alles drehte. Deshalb sollten uns die drei verbliebenen Anbieter erklären, was ein Coil eigentlich ist.“ Klaus-Peter Schönfeld

  • Mike Schirrmacher

    „Für kleinere Anbieter sprachen der direkte Kontakt sowie die versprochenen Reaktionszeiten, sowohl bei kleineren Änderungen als auch im Gesamtprojekt.“ Mike Schirrmacher

  • Metallbänder im Coil-Coating-Verfahren

    Die Hühoco GmbH beschichtet seit bereits 80 Jahren in Wuppertal unterschiedliche Metallbänder im Coil-Coating-Verfahren.

  • Produktionshallen Hühoco

    Heute veredeln am Standort Wuppertal 150 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ca. eine Mrd. Meter Metallband pro Jahr.

Hohe Spezialisierung ist typisch für deutsche Mittelständler. Dies trifft in besonderem Maße auch auf die Wuppertaler Hühoco-Gruppe zu, deren Fokus auf der Bearbeitung sogenannter Metall-Coils liegt. Da die wenigsten direkt etwas mit dem Begriff anfangen dürften, wurden die drei infrage kommenden Anbieter bei der Auswahl eines neuen ERP-Systems denn auch vor die Aufgabe gestellt, eben jenes Coil in den Mittelpunkt ihrer jeweiligen Produktpräsentationen zu stellen. Einem ERP-Hersteller gelang dies besonders gut, wie die IT-Verantwortlichen Klaus-Peter Schönfeld und Mike Schirrmacher berichten.

ITM: Herr Schönfeld, Herr Schirrmacher, Sie sind beide für den IT-Betrieb zuständig. Wie ist die Rollenverteilung?
Mike Schirrmacher:
Ich bin seit 2008 im Unternehmen, komme aus dem IT-Bereich und wurde als Unterstützung für Herrn Schönfeld eingestellt. Die Arbeitsbereiche sind nicht explizit aufgeteilt, vielmehr decken wir beide weitgehend das gesamte Spektrum ab: neben dem First- und Second-Level-Support vor allem die Weiterentwicklung des ERP-Systems. Vor meinem Wechsel hatte ich bereits mit ERP-Implementierungen und -Programmierung zu tun.

Klaus-Peter Schönfeld: Ich bin IT-Quereinsteiger und seit 1991 im Unternehmen. Eingestellt wurde ich als gelernter Werkstoffprüfer. 1997 qualifizierte ich mich dann zunächst zum Werkzeugtechniker weiter, bevor ich zusätzlich den Lehrgang zum Qualitätsmanagementbeauftragten (QMB) absolvierte. Mit diesem Know-how stieg ich in die Leitung der Qualitätssicherung ein.

Nach krankheitsbedingter, längerer Abwesenheit 2007 bat mich die Geschäftsführung anschließend, die IT-Leitung zu übernehmen. Der Hintergrund: Wir hatten eine ziemlich veraltete ERP-Software im Einsatz, die ersetzt werden musste – ein unix-basiertes Buchhaltungsprogramm von Ende der 70er Jahre, das Warenwirtschaft nur rudimentär beherrschte. Zudem war die Dokumentation eher spärlich, sodass selbst der Ersteller und einzige Programmierer der Software Fehlerquellen häufig nicht erklären konnte.

ITM: Wann begann der Auswahlprozess?
Schönfeld:
Die Entscheidung für die Auswahl eines neuen Systems war schon vor 2007 mehr als überfällig, das Auswahlverfahren war bereits im Gange, bevor ich mit der IT-Leitung betraut wurde. In Zusammenarbeit mit allen Abteilungen erstellten wir ein Lastenheft, um den späteren Soll-Zustand der Software zu evaluieren. In diesem Rahmen werden natürlich viele Wünsche und Anforderungen formuliert, die man nach Wichtigkeit sortieren muss.

Es war klar, dass wir ein System benötigten, das in der Grundausstattung viele Funktionalitäten bereits im Standard abdeckt. Anders als die vorherige Software, für die wichtige Funktionen mit Excel oder Access hinzuprogrammiert wurden. Diese Eigenentwicklungen stammten größtenteils von mir, was auch der Auslöser dafür war, mir die IT-Leitung zu übertragen.

ITM: Bevor wir näher auf die ERP-Auswahl eingehen, erklären Sie uns doch bitte das Tätigkeitsfeld von Hühoco.
Schönfeld:
Wir stellen hier am Wuppertaler Standort beschichtete Metall-Coils in unterschiedlichen Größen, Dicken, Stärken und Breiten her. Man stelle sich überdimensionierte Tesa-Rollen vor, auf denen sich als Trägerwerkstoff entweder Aluminium oder Edelstahl befindet, den wir im µm-Bereich (zwischen 6 und 150 µm) beschichten. Bei diesem sogenannten Coil-Coating-Verfahren drehen sich eine Gummirolle und das zu beschichtende Stahlband gegenläufig. Über der Gummirolle sitzt eine Stahlrolle, dazwischen befindet sich eine Lackschicht, die entsprechend dem eingestellten Spalt zwischen den Rollen auf das Metallband aufgetragen wird.

Unsere Produkte werden größtenteils in Automobilen verbaut und besitzen die Eigenschaft, in einem Extrusionsprozess eine Haftung zu einem Gummi oder einem Kunststoff einzugehen. So entsteht ein Sandwich aus Metallträger und Gummi bzw. Kunststoff. Wir entwickeln auch selbst Systeme für neu auf den Markt kommende Kunststoffe und sind mit dieser Entwicklung im Grunde deutschland- und europaweit marktführend.

Zudem fertigen wir einige dekorative Artikel, die teilweise nur einseitig mit Haftmittel versehen sind, z.B. Einstiegszierleisten für Autos. Dabei stellen wir nicht die Zierleiste her, sondern nur das Metallband, das wir unseren Kunden schicken, die wiederum die Automobilindustrie beliefern. Auf der Unterseite der Zierleiste befindet sich ein Kunststoffhaftvermittler, der ohne Schraube oder Niete mit dem Kunststoff im Spritzwerkzeug eine Haftung eingeht.

Ein weiteres Feld unserer Tätigkeit ist das Gummieren von Metallbändern. Unsere Kunden stellen aus diesen Bändern Zylinderkopf-, Klima-, Getriebe- und weitere Nebendichtungen her. Auch kommen diese im Bremsenbereich zum Einsatz, dort dienen sie der Geräuschverminderung. Für die Entwicklung dieser Bänder halten wir eigene Bremsenprüfstände vor.

ITM: Können Sie weitere Produktgruppen nennen?
Schönfeld:
Da wären z.B. Fensterzierleisten, Fensterschachtabdichtungen, Gummiabdichtungen im Kofferraumbereich oder die Dichtungen von Motorhaubenklappen, die alle Metallseelen besitzen. Wir sind nahezu in allen Automobilen verbaut, auch im Fahrwerksbereich mit umgeformten Teilen. Wir produzieren also nicht nur endlose Ringware, sondern übernehmen in Zusammenarbeit mit spezialisierten Stanzbetrieben auch Teilefertigung. Heraus kommen dann z.B. Schwingungstilger: Überall dort, wo Querlenker verbaut sind, stößt nicht Metall auf Metall, vielmehr nehmen zwischengelagerte Gummi-Metall-Verbundprodukte die Vibrationen auf.

Die Metallteile stammen von uns und sind mit Haftvermittlern versehen. Das Besondere ist, dass die Teile erst nach dem Coil Coating gestanzt und gebogen werden. Der von uns eingesetzte Gummihaftvermittler macht diese Behandlung anstandslos mit, eine aufwendige nachträgliche Stücklackierung der gestanzten Teile entfällt.

ITM: Welche ERP-Anbieter haben Sie sich angesichts dieses Produktportfolios angeschaut?
Schönfeld:
Die großen Anbieter schlossen wir im Grunde von Beginn an aus. Von der Informationslage her war es schon recht schwierig, ein System zu bekommen, das einfach zu verändern ist und das man eventuell auch selbst anpassen kann. Es blieben am Ende drei Anbieter im Rennen.

ITM: Welche waren denn die entscheidenden Faktoren bei der Auswahl?
Schönfeld:
Die zentrale Rolle spielte das Coil, um das sich sprichwörtlich alles drehte. Deshalb stellten wir den drei verbliebenen, kleineren Anbietern die Aufgabe, uns zu erklären, was ein Coil eigentlich ist. Zum Präsentationstermin eine Woche später wussten alle, dass es sich um ein aufgewickeltes Metallband handelt. Das war schon einmal gut. Zwei Anbieter hatten das Coil auch mit Bild in ihre Präsentationen integriert.

Der dritte Anbieter war aber noch die entscheidenden Schritte weitergegangen, indem er uns in einem Testsystem bereits eine fertige Transaktion rund um unser Coil zeigen konnte. Damit war die Transaktion geboren, mit der wir heute die gesamten Coil-Daten vorhalten – im Grunde die Coil-Stammverwaltung.

ITM: Wer war dieser Anbieter?
Schönfeld:
Das war IAS. Sie vermochten es, sich innerhalb einer Woche recht tief in die Materie hineinzudenken. Die Transaktion beinhaltete auch nicht nur drei oder vier Felder, sondern besaß wirkliche Funktionalität, inklusive Speichern, Selektieren und Werteeintragen. Einige Felder waren bereits überwacht, sodass bei abweichenden Eingaben Warnungen erfolgten. IAS hatte als einziger Anbieter wirklich verstanden, was wir tun, und ist auf unsere Belange eingegangen. Entscheidend war, dass sich der Anbieter selbstständig kundig gemacht und versucht hatte, unsere Fragen in seinem System zu beantworten.

Sie waren vorher noch nie mit Coils in Berührung gekommen, wussten aber schnell, was einen Coil eigentlich ausmacht. Da kommen etwa 300 bis 400 Daten zusammen, von denen sie sich die maßgeblichen herausgriffen. Auch haben sie sich die Fachbegriffe angeeignet. Und genauso wurde präsentiert. Dies überzeugte uns, sie als System-Partner zu wählen.

ITM: Sollten IT-Dienstleister, die ERP-Anbieter ja nun einmal sind, nicht immer derart vorgehen?
Schönfeld:
Natürlich. Wer etwas bewegen möchte, muss zuerst sich selbst bewegen.

ITM: Warum schieden die großen Anbieter aus?
Schönfeld:
Große Anbieter erschienen uns zu starr. Auch wenn die meisten Produkte über Partner vertrieben werden, hatte es mit der Größe der Unternehmen zu tun, die hinter den jeweiligen Produkten stehen. Wir sahen die Gefahr, dass bestimmte Anfragen einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Ursprünglich spielte das damals noch eigenständige Navision eine Rolle in unseren Überlegungen. Als Navision jedoch von Microsoft gekauft wurde, fiel es für uns heraus.

Schirrmacher: Für einen kleineren Anbieter sprachen die Nähe, der direkte Kontakt sowie die versprochenen Reaktionszeiten, die sowohl bei kleineren Änderungen als auch im Rahmen der Gesamtprojektentwicklung definitiv schneller sind als bei einem großen.

Schönfeld: Ein Beispiel: Nach einem Release-Wechsel stellten wir fest, dass unter bestimmten Umständen gewisse Transaktionen nicht funktionierten, weil der neue Interpreter einen Fehler produzierte. Sieben Stunden später hatten wir wieder einen lauffähigen Interpreter installiert. Der Fehler war mit höchster Priorität direkt an die Entwicklung weitergeleitet und der reparierte Interpreter dann remote in unser System eingespielt worden. Versuchen Sie dies einmal bei einem der großen Anbieter ...

IAS will mit den Kunden zusammenarbeiten und übernimmt viele Kundenanpassungen in den Standard seines ERP-Systems Canias. So profitieren die Anwender voneinander, das macht es fast wie Open Source, aber mit festgelegten Regeln. Die Flexibilität und die Möglichkeit, im Bedarfsfall selbst eingreifen zu können, sprachen zudem für die Software. Die Geschwindigkeit, Funktionalitäten und Prozesse eigenständig erstellen und berichtigen zu können, ist rückblickend das Beste, was uns passieren konnte.

ITM: Flexibilität heißt für Sie also, Dinge in Eigenregie umsetzen zu können? Brauchen Sie dazu einen Berater des Anbieters?
Schirrmacher:
Zu Beginn arbeiteten wir sehr intensiv mit IAS zusammen, weil die Anpassungen recht umfangreich waren. Im Laufe der Zeit konnten wir dann jedoch immer mehr selbst übernehmen. Zu Beginn waren wir so eingespannt in die Begleitung der Einführungsphase, dass gar keine Zeit blieb, selbst an den Entwicklungen teilzunehmen. Im Laufe der Zeit reduzierte sich dieser Aufwand dann jedoch natürlich, weswegen wir uns selbst mit Projekten befassen und programmieren konnten.

ITM: Dies lässt das System also in großem Maße zu?
Schirrmacher:
Ja, es gibt einige andere kleinere Anbieter, die dies ebenso zulassen, allerdings unseres Wissens nicht in dem Maße wie IAS. Wir haben Zugriff auf den kompletten Source Code. Zudem ist die Unterstützung sehr gut, Eigenentwicklung wird in keiner Weise blockiert.

ITM: Ergibt sich daraus kein Problem mit der Release-Fähigkeit?
Schirrmacher:
Nicht, wenn man gewisse Regeln einhält. Die Änderungen werden nicht am Original-Source-Code durchgeführt, sondern werden über sogenannte Überlagerungen erreicht. Das Original verbleibt unverändert, es wird jedoch von der individuellen Funktionalität überlagert. Dabei hat man immer die Möglichkeit, den Original-Code aufzurufen.

ITM: Wie lange dauerte es, bis Sie die Systematik Ihres ERP-Systems verinnerlicht hatten?
Schönfeld:
Wir haben den Aufbau unseres Systems ja von Beginn an begleiten dürfen und wissen, wie die Rädchen ineinandergreifen. Deshalb fällt es hinterher leicht, relativ komplexe Programmierungen durchführen zu können. Das macht einfach nur Spaß.

Für sämtliche Module haben wir wie gesagt den gesamten Source Code mit erstanden, wodurch wir Veränderungen schnellstens durchführen können –
ohne Umwege, ohne Zeit- und Informationsverlust und ohne Missverständnisse. Dies ist ein riesiger Vorteil. Nachdem wir mit der Veränderung von Feldern begonnen hatten, können wir inzwischen immer weiterreichende Anpassungen vornehmen. Momentan sind wir dabei, die noch vorhandenen Insellösungen ins System zu integrieren.

ITM: Welche Insellösungen sind dies beispielsweise?
Schönfeld:
Derzeit arbeite ich an der Kalkulation. Unser Kalkulations-Tool ist älteren Datums und arbeitet mit nicht aktuellen Grunddaten. Ziel ist es, mit unserer bestehenden Datenmatrix und den gültigen Einkaufsinfodatensätzen eine Vorkalkulation auf Basis von Echtwerten aufzubauen. Neben der Kalkulation gehen wir gerade in den QS-Bereich, wo wir noch Daten in externen, früher aufgebauten Datenbanken pflegen müssen, z.B. die Sperrlagerverwaltung.

Schirrmacher: Wir gehen sukzessive vor, weil wir es anfangs nicht zu kompliziert machen wollten. Das Schöne an unserem System ist, dass wir noch keine Grenzen entdeckt haben. Spätestens im dritten Anlauf funktionieren die Dinge.

ITM: Und das verleitet nicht dazu, unnötige Schleifen zu drehen?
Schönfeld:
Die Nutzer tendieren schon dazu, zu wollen, was möglich ist. Wir reduzieren es jedoch immer auf das, was nötig ist. Es ist immer die Abwägung zwischen den Kosten und dem Nutzen. Wenn ein Nutzer in einem bestimmten Prozess nicht mehr fünfmal klicken möchte, fragen wir ihn, wie oft er diesen Prozess denn bedient. Wenn es einmal im Monat ist, muss er weiterhin fünfmal klicken ...

ITM: Sind Sie auch bei der Einführung schrittweise vorgegangen?
Schirrmacher:
Die Abbildung des Datenflusses erfolgte sukzessive gemäß dem betrieblichen Ablauf von hinten nach vorn. Begonnen haben wir mit der Fibu als Rechnungsschreibung, dann folgten die Packstückerstellung und die Rückmeldung an den Maschinen zur Erstellung der Packstücke in Verbindung mit Fertigungsaufträgen. Schließlich kamen Einkauf, Disposition und Vertrieb hinzu. Insgesamt benötigten wir etwa anderthalb Jahre.

ITM: Inwieweit spielte Branchenfunktionalität im Auswahlprozess eine Rolle?
Schönfeld:
Der große Vorteil unseres Systems ist sein modularer Aufbau und dass es im Standard bereits viele Funktionen abdeckt. Unser Wunsch war die Etablierung eines Kernsystems, das wir später ohne weitere Insellösungen nutzen können. Verschiedenste Module konnte man ohne großen Aufwand sofort einsetzen, um sich von dieser Basis aus weiterzuentwickeln.

Fakt ist, dass wir nach zehn Jahren Zusammenarbeit mit IAS und durch Eigenentwicklung selbst eine Branchenlösung rund um Coils geschaffen haben. Wir zeigten IAS anfangs den gesamten Prozess, inklusive Lackierbühnen und Eingangsprüfprozessen. Wir zeigten ihnen, wie man Reißproben durchführt, was chemische Analysen sind und wie sich die Analysen und die zugrundeliegenden chemischen Elemente infolge der Nutzung unterschiedlicher Grundwerkstoffe ändern.

Mittlerweile sind die gesamten Prozesse verinnerlicht, weswegen die Kommunikation im Laufe der Zeit immer leichter fiel. Diese Kommunikation setzt sich aus den Grundwerten unserer Technologie und der Sprache der Programmierung zusammen. Wenn wir mit den IAS-Leuten reden, schalten alle anderen am Tisch ab, weil sie es nicht verstehen können.

ITM: Die Software musste sich also sehr weitgehend dem Unternehmen anpassen lassen. Gab es denn keinerlei Branchen-Software aus den Bereichen Fertigung, Beschichtung und/oder Metallverarbeitung?
Schirrmacher:
Es war keine Software verfügbar, die mit nur leichten Anpassungen direkt einsatzfähig gewesen wäre. Dass man lediglich einige Normen in die Prüftabellen zu integrieren bräuchte oder dass man einfach ein Bild oder Logo für den Ausdruck des Lieferscheins hinzufügen müsste, wäre schön, ist aber absolut fern jeder Realität.

Canias ist breit aufgestellt und stellte für unsere definierten Anforderungen die geeignete Basis dar, auf der wir aufsockeln konnten. Wir wollten uns keinem System anpassen, wie wir es bei SAP wohl zwangsläufig hätten tun müssen. Wir wollten eine anpassungsfähige Software, die wir zu Hühoco-ERP formen konnten.

ITM: Was haben Sie denn so extrem angepasst gegenüber
dem ausgelieferten Standard?
Schönfeld:
Eine Hauptaufgabenstellung war, dass wir mit Eingang eines Vertriebsauftrages wissen wollten, wann wir das Vormaterial bestellen müssen und wann welche Maschine mit welcher zu erwartenden Kapazität belastet wird. Mit dieser Maßgabe haben wir uns den Standard vorgenommen. Es existierte dort bereits eine Disposition, die sowohl über mehrere Stücklisten hinweg berechnen und Bestellzeitpunkte ermitteln konnte. Das waren schon einmal ganz gute Voraussetzungen.

Daneben gab es den Ansatz, über einen Arbeitsplan einen Fertigungsauftrag zu erstellen. Jedem Verkaufsmaterial haben wir einen Standardarbeitsplan zugeordnet, was heißt, dass wir neue Tabellen erzeugt und sie einem Material zugeordnet haben. Der Standardarbeitsplan definiert die gesammelten Abläufe inklusive der Transporte zur Herstellung eines Materials. Dieser Arbeitsplan wird mit Varianten eingegeben, sodass man hinterher noch dispositiv bzw. kapazitiv entscheiden kann.

Der Auftrag wird dann vielleicht nicht wie ursprünglich vorgesehen komplett in Wuppertal gefertigt, stattdessen übernimmt unser Werk in Bad Salzungen einige Arbeitsschritte, wenn diese Maschinen durch den Kunden freigegeben sind. Da wir die Maschinenkapazitäten bereits bei der Auftragsannahme einsehen können, lassen sich Aufträge viel verlässlicher und schneller bestätigen.

ITM: Heute wird oft über Big Data und Industrie 4.0 geredet. Könnten Sie sich vorstellen, Produktionsdaten zu sammeln, um dann vorausschauend besser planen zu können?
Schirrmacher:
Ganz klar, wir haben unser System von etwa 100 Maschinen- und Arbeitsplandaten auf mittlerweile 500 bis 600 erweitert. Unsere Controlling-Abteilung visualisiert und wertet alle Daten aus, die vom ERP-System während der Produktion gesammelt werden. Demzufolge sind wir in der Lage, unsere Auslastung und den Fertigungsstand exakt zu bestimmen. Zudem geht es darum, zu ermitteln, ob wir unsere vorab definierte Leistung und unsere hinterlegten Ziele erreichen.

ITM: Das ist eher der interne Blick. Wäre es auch denkbar, Kunden und Zulieferern Daten zur Verfügung zu stellen, etwa in Sachen Rückverfolgbarkeit?
Schönfeld:
Die Rückverfolgbarkeit ist zu 100 Prozent gegeben, worauf ich in meiner Eigenschaft als QMB natürlich stark geachtet habe. Einer unserer Leitwerte ist es, Transparenz in das System zu bringen. Egal welchen Bezug mir ein Kunde hinsichtlich einer vermeintlich nicht intakten Lieferung nennt: Wir können jederzeit über den gesamten Fertigungsprozess bis hin zum Wareneingang und zur Bestellung Auskunft geben. Deswegen war das Vorhandensein eines Prozesskenners im Bereich Qualitätssicherung und -management bei der Planung und Implementierung unseres ERP-Systems extrem von Vorteil.

Sich dort auf einen reinen ITler zu verlassen, der von den Prozessen und Normierungen ja gar keine große Ahnung haben muss, führt meiner Meinung nach zum Scheitern.

ITM: Sie sprachen den Open-Source-Charakter Ihres Systems an. Wie verhält es sich mit der Erstellung von Schnittstellen zum Andocken externer oder proprietärer Software?
Schirrmacher:
Im Grunde kann man sagen, dass es normierte Schnittstellen gibt, die jedoch von jedem Anwender dann doch wieder angepasst werden. Die Annahme, dass es z.B. im EDI-Segment vier oder fünf ohne weiteres einsetzbare Kommunikationsprotokolle gebe, stimmt so nicht.

Man muss immer schauen, inwieweit das System des Gegenübers angepasst ist. Einer der beiden muss sich dann bereiterklären, umzustellen oder anzupassen. Man kann also nicht von einer grundlegenden Normierung sprechen.

Schönfeld: An einem Normierungsversuch nehmen wir übrigens gerade teil, und zwar an der ZUGFeRD-Initiative. Wir sind momentan dabei, einen großen Lieferanten in dieser Richtung aufzubauen. Es liegen bereits die ersten Test-PDF-A3 vor.

ITM: Worin liegt der Nutzen von ZUGFeRD?
Schönfeld:
Der Nutzer erhält beispielsweise Rechnungen zur Ansicht als PDF, gleichzeitig werden die Daten revisionssicher im System eingelesen, weil sie als XML im PDF mit hinterlegt sind. Das Verfahren nutzen wir bereits zwischen unseren Niederlassungen als automatisierte Intercompany-Beziehung. Ich gehe davon aus, dass sich dieses Format in Zukunft durchsetzen wird, weil man kein dazwischengeschaltetes Portal für die Übertragung von EDI-Daten benötigt, wie es etwa bei SupplyOn der Fall ist.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


ITM: Betreiben Sie die IT zentral in Wuppertal?
Schönfeld:
Ja. Die anderen Standorte sind per VPN-Tunnel angebunden. Wir haben hier eine 100-Mbit-Leitung, in Bad Salzungen sind es 30 Mbit. Störungen gab es bislang nicht. Der interne Mailverkehr läuft darüber, ebenso greift der andere Standort auf einige Serverlaufwerke zu.

ITM: Ist IT-Auslagerung ein Thema?
Schirrmacher:
Derzeit überhaupt nicht, zum einen wegen der Datenverfügbarkeit am Standort und zum anderen aus Datenschutzerwägungen. Eine extern betriebene IT kann in Sachen Verfügbarkeit dem internen Betrieb nie so weit überlegen sein, dass man große Vorteile hätte. Noch mehr zählt jedoch das Thema Datensicherheit: Wir möchten das Risiko minimieren, indem wir die Daten hier im Hause vorhalten.

ITM: Darauf erwidern die Anbieter, sie könnten dies wohl besser und sicherer als die Anwender im Keller.
Schirrmacher:
... ja, das liest man ständig.

ITM: Vor einigen Jahren konnte sich auch niemand vorstellen, dass das Smartphone unentbehrlich werden würde. Warum sollte analog dazu nicht auch irgendwann das ERP-System aus der Cloud kommen?
Schönfeld:
Das sehe ich nicht.

Schirrmacher: Ich ebenso wenig. Vielleicht sind wir in dieser Hinsicht noch ein wenig zu traditionell, aber wenn man sich nur die Datenvorfälle der letzten 24 Monate anschaut, zeigt das, dass das Thema Datensicherheit bei weitem nicht gelöst ist. Wenn man seine hochsensiblen Daten einem externen Anbieter anvertraut, erfordert dies meiner Meinung nach recht viel Mut.
 
ITM: Betreiben Sie Forschung und Entwicklung in abgeschotteten Systemen?
Schönfeld:
Wir betreiben Forschung und Entwicklung sowohl hier als auch in Bad Salzungen, die Lackentwicklung befindet sich keine zwei Kilometer von hier in unserem Ex-Walzwerk. Diese Systeme sind abgeschottet, die Entwicklungsdaten und Rezepte sind in sich selbst geschützt. Wir haben uns sogar erlaubt, diesen Bereich nicht selbst zu betreuen. Heißt: Wir selbst kennen die Systempassworte nicht und möchten sie auch gar nicht kennen.

Schirrmacher: Es ist ein komplett eigenständiges System, das nicht an unser ERP-System angebunden ist, um Eingriffe von außen zu verhindern.

ITM: Dieses Vorgehen widerspricht ja der allseits propagierten Offenheit mit dauernder Kommunikation über das Internet.
Schönfeld:
Diese Offenheit ist in meinen Augen noch ganz weit weg. Das sehe ich bis zu meiner Rente nicht, und ich habe noch einige Jahre.

ITM: Was bedeutet dies für Szenarien wie Industrie 4.0?
Schönfeld:
Das sollte man realistisch betrachten und die Brille derjenigen aufsetzen, die solche Szenarien mit Hurra propagieren. Man sollte zudem ihre Beweggründe hinterfragen.

Schirrmacher: Normalerweise müsste man heute wieder auf traditionelle Briefpost umstellen, weil E-Mails in hohem Maße kompromittiert sind. Vor einiger Zeit, als sogar der Bundestag und einige große Logistiker von IT-Attacken betroffen waren, kamen renommierte Sicherheitsexperten zu der Schlussfolgerung, dass die elektronische Kommunikation eigentlich komplett abgestellt werden müsste. Damit erübrigt sich für mich im Grunde jegliche Überlegung, die Systeme im Industrie- und Produktionsbereich bedingungslos nach außen zu öffnen.

Natürlich tragen auch unsere Kunden den Wunsch an uns heran, Daten vermehrt elektronisch austauschen zu wollen. Aber derzeit geht es eher um Liefer-Avise oder automatische Änderungen von Bestellungen. Die „große Lösung“ ist auch bei denen noch nicht angekommen. Und das ist vielleicht auch gut so.

ITM: Abschließend: Wo würden Sie Verbesserungspotential für Ihr ERP-System sehen?
Schönfeld:
Das einzig Nennenswerte ist die grafische Darstellung. Das weiß der Anbieter allerdings auch und rät dazu, ein externes System via ODBC-Schnittstelle (Open Database Connectivity) zu nutzen. Bei uns ist dies Qlikview. Damit hat man auf einmal einen umfassenden Grafik- und Auswertekünstler.

Qlikview wird hinsichtlich des Aufbaus und der Cockpits von unserer Controlling-Abteilung betreut, während wir für das Funktionieren und Vorhalten der Datenbasis verantwortlich sind. Man kann verschiedenste Auswertungen in Echtzeit visualisieren und rasch abändern, man kann Monate herausnehmen und hinzufügen, kann sich bestimmte Maschinen separat anschauen, kann sehen, welcher Mitarbeiter zu welchem Zeitpunkt an welchen Maschinen arbeitete. Das könnte man zwar mit einem ERP-System auch bewerkstelligen, allerdings nur mit ziemlich großem Programmieraufwand.

 

Die Hühoco GmbH ...

... beschichtet seit bereits 80 Jahren in Wuppertal unterschiedliche Metallbänder im Coil-Coating-Verfahren und hat sich in dieser Zeit in der Branche zum führenden Anbieter entwickelt.
Heute veredeln am Standort 150 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ca. eine Mrd. Meter Metallband pro Jahr. Dies entspricht einer Beschichtungskapazität von rund 40.000 Tonnen Band, vornehmlich Aluminium, Edelstahl und verschiedenste Kaltbänder.
Diese werden in verschiedenen Abmessungen – die schmalste Fertigbreite liegt bei 1,7 mm – in gespulter Ausführung oder Ringware gefertigt und verlassen den Wuppertaler Standort für den Einsatz in unterschiedlichsten Branchen, von Tiermedizin zu Elektronik, Nahrungsmittel- und Automobilindustrie.
Beim größten Teil der applizierten Beschichtungen handelt es sich um haftvermittelnde Systeme, die im Kundenprozess für die Verbundhaftung zwischen Metallträger und verschiedensten Kunststoffen und Gummisorten verantwortlich ist.

Bildquelle: Hühoco GmbH

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