Baustoffspezialist Sto

App-Einführung sorgt für besseren Kundenservice

Fassadendämmsysteme, Putze und Farben zählen zu den Hauptprodukten der Sto-Gruppe. Parallel dazu legt der Mittelständler großes Augenmerk auf die eigenen IT-Prozesse, die teils selbst entwickelt und im internen Rechenzentrum betrieben werden. Dr. Andreas Rebetzky, Vice President IT & Organisation bei der Sto-Gruppe erläutert im Gespräch die wichtigsten Schritte bei der App-Einführung.

  • Dr. Andreas Rebetzky Vice President Organisation & IT Sto-Gruppe

    „Industrie 4.0 stellt zunehmend ein wichtiges Thema für uns dar. Dabei ist die nahtlose Vernetzung der Produktiob mit den Kundenbedürfnissen wichtig.“ Dr. Andreas Rebetzky

  • Dr. Andreas Rebetzky Vice President Organisation & IT Sto-Gruppe

    „Unsere Apps im Außendienst und im Kundenservice müssen auch offline funktionieren, da es auf vielen Baustellen keine guten Internetverbindungen gibt.“ Dr. Andreas Rebetzky

  • Informationstablet Sto-Gruppe

    Im Besucherzentrum kann man sich auf vielfältige Weise – etwa mit einem überdimensionalen Tablet – über die Geschichte, die Lieferkette, die Fertigung, die Standorte oder die Produktpalette des mittelständischen Familienunternehmens informieren.

  • Dr. Andreas Rebetzky Vice President Organisation & IT Sto-Gruppe

    Am Hauptsitz in Stühlingen betreibt das mittelständische Unternehmen nicht nur eigene Server, sondern auch ein entsprechendes Backup-Rechenzentrum.

  • Dr. Andreas Rebetzky Vice President Organisation & IT Sto-Gruppe

    „Die IT im Mittelstand muss sich künftig gravierend transformieren. Dabei wird die Digitalisierung unsere Ansicht nach stark von der Software-Seite getrieben.“ Dr. Andreas Rebetzky

Apps, Smartphones, Tablets und Co.: Um mobile Prozesse kommt heutzutage kaum ein mittelständischer Betrieb mehr herum. Dies war auch bei dem Baustoffspezialisten Sto der Fall, wo sich ein Team aus IT, Marketing und Vertrieb bereits vor einigen Jahren dazu entschlossen hatte, spezielle Apps für die Endkunden und den eigenen Außendienst aufzusetzen. Da man hinsichtlich professioneller App-Entwicklung bis dato kaum Erfahrungswerte sammeln konnte, setzte der im süddeutschen Stühlingen ansässige Mittelständler auf externe Unterstützung seitens der Telekom-Tochter T-Systems Multimedia Solutions (MMS) aus Dresden.

Im Gespräch mit IT-MITTELSTAND erläutert Dr. Andreas Rebetzky, Vice President IT & Organisation bei der Sto-Gruppe, die wichtigsten Schritte bei der App-Einführung, worauf es bei der Zusammenarbeit mit T-Systems ankam und wie sich die mobilen Apps nahtlos in die Gesamt-IT des Unternehmens einbetten lassen.

ITM: Herr Rebetzky, welchen Stellenwert besitzt die IT in Ihrem Unternehmen?
Andreas Rebetzky:
Unser Geschäftsmodell ist tief im konservativen Branchenumfeld der Baustoffe und hier vornehmlich im Bereich Farben und Putze verwurzelt. Dabei agieren wir als Vollsortimentanbieter, d.h. Baufirmen oder Handwerker können bei uns nicht nur Farben, sondern auch die zur Verarbeitung benötigten Gerätschaften kaufen. Aufgrund dessen besitzen wir eine breite Produktpalette mit über 20.000 Artikeln.

Darüber hinaus agieren wir als klassischer Logistiker und transportieren jährlich etwa eine Million Tonnen Material per Bahn, Lkw, Schiff oder Flugzeug. Nicht zuletzt ist die Lagerverwaltung enorm wichtig, die u.a. das Hochregallager in Stühlingen mit 8.000 Stellplätzen steuert. Generell besitzen wir eine hohe Komplexität, was die Abwicklung unserer Fertigungs-, Lager-, Logistik- und Vertriebsprozesse anbelangt. Um dabei reibungslos ablaufende und kostengünstige Prozesse zu ermöglichen, setzen wir verschiedene IT-Systeme u.a. von SAP ein.

ITM: Sto wurde 1955 gegründet. Wie vereinbaren Sie Tradition und Moderne?
Rebetzky:
Indem Innovationen in unserem Unternehmen eine wichtige Rolle spielen. Aus diesem Grund betreiben wir am Hauptsitz in Stühlingen eine zentrale Abteilung für Forschung und Entwicklung mit rund 100 Mitarbeitern. Sie tüfteln Neuheiten aus oder entwickeln alte Produkte weiter. Denn insbesondere seitens der EU gibt es regelmäßig neue Vorgaben, die wir bei bestehenden Produkten berücksichtigen müssen, beispielsweise was den Schadstoffgehalt oder das Recycling anbelangt.

ITM: Können Sie ein Beispiel für jüngste Innovationen aus Ihrem Hause nennen?
Rebetzky:
Mit „StoColor Dryonic“ haben wir eine Fassadenfarbe entwickelt, die sehr schnell trocknet und dadurch einen Algenbefall verhindern kann. Überdies legen wir besonderes Augenmerk auf den Fertigbau. Während Fertighäuser früher allein auf vorgegebenen Standards basierten und meist nur wenige Modelle lieferbar waren, können sie heute deutlich individueller gestaltet werden – auch was die Fassaden, Putze oder Wandfarben im Innenbereich betrifft.

Zunehmend stellt Industrie 4.0 ein entscheidendes Thema für uns dar. Dabei ist uns die nahtlose Vernetzung unserer Produktion mit den Kundenbedürfnissen extrem wichtig. Das heißt, sobald die Kunden eine Bestellung aufgeben, werden im Hintergrund die dafür notwendigen Prozesse innerhalb der Materialbeschaffung, Produktion und Logistik angestoßen.

ITM: Gibt es konkrete Beispiele für Industrie 4.0?
Rebetzky:
In einem aktuellen Projekt geht es uns um die Verbesserung der Fertigungsintegration. Zum Hintergrund: In unserer Fertigung werden Farben und Putze nicht nur entsprechend gemischt, sondern sie erhalten per Körnung auch bestimmte Strukturen. Die zugrundeliegenden Rezepturen sind – z.B. was Temperaturen oder Rührgeschwindigkeiten anbelangt – sehr komplex. Dabei wurden die Behälter, in denen mehrere Tonnen Farbe angerührt werden, früher manuell und per Elektronik eingestellt. Heute funktioniert dies umfänglich automatisiert per Software. Daher verschwinden in der Fertigung zunehmend die großen Elektronikschränke, da deren Aufgaben von Rechnern bzw. der Rechenleistung aus dem Data Center übernommen werden.

ITM: Worin liegen hierbei die größten Herausforderungen?
Rebetzky:
Industrieanlagen besitzen komplett andere Lebenszyklen als Computer oder Server. So existieren bei uns Fertigungsstraßen, deren Ursprung schon über 20 Jahre alt ist. Im Sinne der Modernisierung – wir nennen es Retrofit - haben wir damit begonnen, sämtliche Maschinen zu digitalisieren. Dabei werden die Anlagen künftig Schritt für Schritt mit immer mehr Sensoren ausgestattet, die kontinuierliche Messungen vornehmen und entsprechende Daten erheben. Auf diese Weise weiß unser zentrales ERP-System stets, in welchem Zustand die Maschinen sind, wann sie gewartet werden müssen oder welcher Bestand gerade wo für welche Produktion eingesetzt wird.

ITM: Wie laufen die typischen Fertigungsprozesse ab?
Rebetzky:
Konkrete Fertigungsprozesse werden durch die über den Vertrieb bei uns eingehenden Aufträge und Bestellungen angestoßen. Natürlich gibt es auch Lagerfertigung, deren Bedarf wir in den modernen Werken automatisch ermitteln. Gleichzeitig haben unsere Fertigungsleiter stets einen groben Bedarfsplan im Kopf, wie die Produktion abhängig von den Jahreszeiten, den Wetterverhältnissen und der aktuellen Wirtschaftslage gestaltet werden sollte. Wir optimieren stetig

ITM: Nutzen Sie an dieser Stelle bereits Prognose-Software oder sogenannte Big-Data-Analysen?
Rebetzky:
Dies könnten wir machen, zwingend notwendig ist es jedoch nicht. Denn es macht für uns keinen großen Unterschied, ob die Bausaison schon am 20. oder erst am 30. März beginnt, da wir bereits im Januar die entsprechenden Vorbereitungen treffen.

ITM: Gibt es denn gar keine denkbaren Einsatzszenarien für Big Data?
Rebetzky:
Sicherlich könnten wir langfristige Wettervorhersagen in unsere Fertigungsprozesse einbeziehen. Dadurch ließen sich im Voraus Prognosen erstellen und entsprechende Planungen vornehmen. So wüssten wir beispielsweise früh genug, dass es im November und Dezember extrem kalt werden könnte, so dass unsere Kunden einen Putz wählen sollten, der auch bei tiefen Außentemperaturen bzw. bis zum Frostbereich weiterverarbeitet werden oder noch trocken kann.

ITM: Neben der Fertigung spielt die Logistik eine wichtige Rolle. Worauf kommt es dabei besonders an?
Rebetzky:
Unsere Farb- und Putzeimer besitzen ordentlich Gewicht und bringen zwischen 20 und 30 Kilogramm auf die Waage. Entsprechend kommt eine Palette davon auf rund 600-800 Kilogramm. Dabei verlassen in der bei uns von April bis Oktober andauernden Hochsaison täglich rund 50 Lkw unseren Firmenstandort in Stühlingen. Sie fahren entweder die Vertriebsstandorte oder direkt die Baustellen der Kunden an. Allein in Deutschland besitzen wir über 20.000 Kunden, was eine entsprechende Feinlogistik erfordert.

ITM: Wirft man einen Blick in Ihren Produktkatalog, bieten Sie nicht nur Fassadenfarben und -putze an, sondern auch eine große Farbvielfalt für den Innenbereich ...
Rebetzky:
Sowohl für den Außen- als auch Innenbereich besitzen wir zum einen eine Standardfarbpalette, zum anderen gibt es weitere rund 5.000 Farben, die für unsere Kunden nach Belieben gemischt werden können. Alle dabei entstehenden Rezepturen verwalten wir im SAP-System, sodass dort bereits ca. elf Millionen Farbrezepturen hinterlegt sind.

ITM: Wofür braucht man so viele verschiedene Nuancen?
Rebetzky:
Lassen sich Handwerker oder Bauherren eine besondere Farbe mischen, möchten sie haargenau denselben Farbton auch Jahre später noch nachbestellen können. Da alle jemals angeforderten Rezepturen online vorgehalten werden, können unsere Vertriebskollegen die Wunschfarbe mit wenigen Klicks per Internet problemlos nachbestellen. 

ITM: Sie sprachen die Online-Verfügbarkeit der Farbpalette an. Inwieweit nutzen Sie beim IT-Betrieb auch Cloud-Services?
Rebetzky:
Wir betreiben die meisten unserer IT-Systeme selbst am Standort in Stühlingen und halten sie dort auch redundant vor. Zwar nutzen wir einige Cloud-Services, die großen SAP-Systeme hingegen laufen nach wie vor auf dedizierten Servern in unseren Rechenzentren – und zwar für alle 40 Tochtergesellschaften und 300 Standorte weltweit. Generell steuern wir von der Software-Entwicklung bis hin zum Rollout der Applikationen bei den Endnutzern alles zentral. An den weltweiten Standorten und in den 24 Fertigungsstätten in Asien, Europa, Südamerika und USA haben wir dezentral allein die Helpdesk-Systeme sowie Client- und Büro-Hardware organisiert.

ITM: Wie groß ist Ihre IT-Abteilung?
Rebetzky:
Wir betreuen mit einer überschaubaren IT-Betriebsmannschaft rund 5.300 Mitarbeiter, die allesamt auch SAP-Nutzer sind. Dies bedeutet: Allein zwei Mitarbeiter aus unserer IT betreuen die Basis für rund 15.000 Endgeräte.

ITM: Setzen Sie als SAP-Anwender Hana-Technologien ein?
Rebetzky:
Nein, noch nicht. Zwar haben wir die Einführung bereits vor anderthalb Jahren geprüft, allerdings war uns Hana zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ausgereift genug. Da unsere Prozesse überdies eine sehr hohe Integrationstiefe ins SAP-System besitzen, hätten wir alles entsprechend neu anpassen müssen. Dieser Aufwand war uns damals deutlich zu hoch. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass wir in Zukunft auf Hana umsteigen werden.

ITM: Mit welchem SAP-Partner arbeiten Sie zusammen?
Rebetzky:
Wir besitzen ein eigenes starkes SAP-Team, welches das ERP-System in Eigenregie weiterentwickelt, betreibt und sämtliche Implementierungen und Rollouts vornimmt. Darüber hinaus arbeiten wir bei speziellen Aufgaben mit SAP-Partnern zusammen, etwa mit Axians im CRM-Bereich oder mit T-Systems, wenn es um Frontend-Entwicklungen geht.

ITM: Wo finden Sie benötigte SAP-Fachkräfte?
Rebetzky:
Dies gestaltet sich momentan als ein schwieriges Unterfangen, weshalb wir verstärkt auf eine Ausbildungsstrategie setzen. So liegt der Anteil an Auszubildenden und Studenten an unserer Belegschaft bei rund sieben Prozent. Da sich unser Hauptsitz in der südlichsten Ecke des Schwarzwaldes befindet, verirren sich Fachkräfte selten zu uns, weshalb wir eigene Spezialisten heranbilden müssen. Dennoch spricht viel für unseren Hauptstandort, da man von hier aus schnell am Bodensee, in Österreich oder der Schweiz ist.

ITM: Sie sprachen T-Systems an. Welche Projekte haben Sie gemeinsam mit dem IT-Dienstleister realisiert?
Rebetzky:
Wir nutzen zwei Apps für die Vertriebssteuerung. Die eine App präsentiert auf Basis von iOS unsere Produkte für die Endkunden. Bei der anderen App handelt es sich um eine ausschließlich von unserem Außendienst genutzte Applikation für das Customer Relationship Management (CRM).

ITM: Was war ausschlaggebend für die Entwicklung der mobilen Applikation für die Endkunden?
Rebetzky:
Die vor rund fünf Jahren initiierte Sto-App mit der Abbildung des Produktkatalogs war unsere allererste mobile Entwicklung. Vor allem unsere Vertriebskollegen drängten darauf, den Kunden eine iPad-App zur Verfügung zu stellen, da damals schon viele Architekten mit Tablets und digitalen Produktkatalogen arbeiten wollten.

ITM: Wie umfangreich ist der gedruckte Katalog?
Rebetzky:
Wir besitzen 20.000 Artikel, sodass der Katalog rund 800 bis 900 Seiten stark ist. Nach wie vor drucken wir diesen auch, da insbesondere die ältere Handwerksgeneration noch nicht umfänglich mit digitalen Lösungen arbeitet. Anders bei den jüngeren, online-affinen Kunden, die im Internet bestellen und sich über elektronische Kanäle über unser Portfolio informieren.

 

Die Sto SE & Co. KGaA ...

... ist ein internationaler Hersteller von Produkten und Systemen für Gebäudebeschichtungen. Führend ist der Anbieter eigenen Angaben zufolge im Geschäftsfeld der Wärmedämm-Verbundsysteme. Zum Kernsortiment gehören außerdem hochwertige Fassadenelemente sowie Putze und Farben, die sowohl für den Außenbereich als auch für das Innere von Gebäuden angeboten werden. Weitere Schwerpunkte sind die Bereiche Betoninstandsetzung/Bodenbeschichtungen, Akustik- und vorgehängte Fassadensysteme.

Gründung: 1955
Hauptsitz:
Stühlingen
Branchen:
Baustoffe, Bauchemie
Mitarbeiter:
rund 2.900 Mitarbeiter in Deutschland; ca. 5.300 weltweit

 

ITM: Wie aufwendig gestaltete sich die App-Entwicklung?
Rebetzky:
Wir haben dafür mit T-Systems Multi Media Solutions ein agiles Software-Entwicklungsprojekt aufgesetzt. Bereits zuvor hatten unsere IT, der Vertrieb und das Marketing innerhalb weniger Monate beschlossen, wie und in welchem Umfang wir das Projekt umsetzen wollten. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch kaum Erfahrungswerte mit mobilen Apps besaßen, unterstützte uns die Tochter der Deutschen Telekom beratend, u.a. hinsichtlich des responsiven Designs.

ITM: Wie wurde das Projekt abgewickelt?
Rebetzky:
Wir arbeiteten mit Scrum-Teams und konnten innerhalb von sechs Monaten die erste Version der App inklusive aller Bugfixes und Tests sowie aller notwendigen Schnittstellen umsetzen.

ITM: Wie sah die Kunden-App schließlich aus?
Rebetzky:
Sie bildet unsere Produkthierarchie entsprechend ab: Wir teilen Putze in bestimmte Typen und diese wiederum nach Farben, Korngrößen oder Verpackungseinheiten auf. Das heißt, wir besitzen rund 2.000 Produkte, die entsprechend ca. 20.000 Artikel ergeben.

Generell existiert ein Stammsortiment, wobei einzelne Ländereinheiten eigene Artikelschwerpunkte setzen. Die diversen nationalen Sortimente werden im SAP-System abgebildet, sodass die App in Österreich für die Kunden andere Produkte anzeigt als etwa in Deutschland oder der Schweiz. Dabei werden die aktuellsten Daten jeweils über eine eigens entwickelte SAP-Schnittstelle in Echtzeit übermittelt.

ITM: Welche weiteren Anforderungen gab es?
Rebetzky:
Die App sollte auch offline funktionieren, denn auf vielen Baustellen gibt es keine guten Internetverbindungen. Da in der App jedoch hochaufgelöste Bilder zu sehen sind, werden diese bei schlechter Verbindung nur langsam oder gar nicht aufgebaut.

ITM: Neben der Mobillösung für die Endkunden haben Sie eine CRM-App umgesetzt. Was hat es damit auf sich?
Rebetzky:
Seit über sieben Jahren nutzen wir SAP CRM als Kundenmanagement- und Vertriebssystem, wobei die Lösung nicht unbedingt mit einer modernen, intuitiven Benutzeroberfläche punktet. Von daher haben wir uns vor drei Jahren dazu entschieden, eine neue Tablet-App auf Windows-Basis zu entwickeln, um CRM-Dienste von unterwegs einfacher bedienbar zu machen. In diesem Zusammenhang wollten wir überdies nicht alle Funktionen des stationären CRM-Systems eins zu eins abbilden, auch da der Außendient nur einen Teil der gesamten CRM-Funktionalität nutzt.

ITM: Warum haben Sie eine Windows-App entwickelt?
Rebetzky:
Unternehmensweit stellt Windows unser Standardbetriebssystem dar, weshalb wir iOS nicht zusätzlich ins Unternehmen holen wollten. Zudem hatten wir zuvor iPads auf ihre Vertriebstauglichkeit überprüft, wobei uns die Testergebnisse nicht überzeugen konnten. Nicht zuletzt müssen wir die Tablets absichern und verwalten können, was unter Windows leichter fällt als bei anderen mobilen Betriebssystemen.

ITM: Worauf kam es im Weiteren an?
Rebetzky:
Auch diese App besitzt Offline-Funktionen. So kommen die Außendienstmitarbeiter auch ohne Netzzugang von unterwegs an die benötigten Kundendaten heran. Allerdings ist die Nutzung bestimmter Funktionen offline nicht möglich. So funktioniert die Angebotserstellung beispielsweise nur online, da hier im Hintergrund komplexe Abläufe zur Preiserstellung ablaufen.

ITM: Welche Hardware nutzen die Vertriebskollegen?
Rebetzky:
Die Standardausstattung sieht Tablets vor, in der Regel mit einer integrierten Tastatur als sogenannte Convertibles. Dabei haben die Tablets im Außendienst sämtliche Laptops ersetzt – da sie mit passender Rechen- und HD-Grafikleistung aufwarten konnten.

Parallel dazu ist unser Vertrieb mit Android-Smartphones ausgestattet. Aus diesem Grund überlegen wir aktuell, Funktionen aus der windows-basierten Tablet-CRM-App auch in die Android-Welt zu bringen. Aller Voraussicht nach werden wir dafür keine native App entwickeln, sondern ein Architektur-Framework nutzen, mit dem sich Apps für alle mobilen Plattformen entwickeln lassen.

Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit T-Systems an der Aktualisierung der Sto-Endkunden-App, sodass diese bis Ende des Jahres neben iOS auch für andere mobile Betriebssysteme verfügbar ist. Auch hierfür nutzen wir mit Ionic ein auf HTML5 basierendes System für die Entwicklung.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Welche Rolle spielt IT-Sicherheit im Rahmen ihrer Entwicklungsprojekte?
Rebetzky:
Sicherheit besitzt für uns einen hohen Stellenwert. Denn im Rahmen der Endkunden-App laufen sämtliche Produktanzeigen und Aktualisierungen mittels direkter Schnittstelle ins SAP-System ab. Es wäre fatal, wenn darüber Schädlinge oder Hacker ins Unternehmen gelangen könnten. Noch kritischer gestaltet sich die Sicherheit unserer CRM-App, da es sich um sensible Transaktionen mit Kundendaten zwischen unseren Hauptsystemen und der App handelt.

Insgesamt bemerken wir, dass Sicherheit für IT-Abteilungen immer wichtiger wird. Deshalb steht Sicherheit bei allem, was wir planen oder entwickeln, im Sinne von „Security by Design“ an erster Stelle. Denn Sicherheit im Nachhinein in fertige Lösungen packen zu wollen, gestaltet sich meist sehr schwierig, weshalb sie von vorneherein in der Architektur der Software verankert sein sollte.

ITM: Ein wichtiger Aspekt, insbesondere wenn es um die Digitalisierung geht ...
Rebetzky:
Das stimmt, denn die IT im Mittelstand muss sich künftig gravierend transformieren. Dabei wird Digitalisierung im Mittelstand unserer Ansicht nach stark von der Software-Seite getrieben. Hat man früher Software von der Stange gekauft, wird der Anteil der Individualentwicklungen künftig weiter zunehmen. In unserem Fall bedeutet dies: Wir nutzen gewisse Basis-Software, entwickeln alle benötigten Besonderheiten jedoch selbst.

ITM: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
Rebetzky:
Verwenden Mittelständler ausschließlich Standard-Software, laufen die Prozesse in allen Betrieben gleich ab, was Differenzierungsmerkmale obsolet werden lässt. Deshalb kann man sich sowohl beim Frontend für die Endanwender oder Kunden als auch bei den darunterliegenden Software-Strukturen von den Wettbewerbern nur unterscheiden, wenn man selbst Hand anlegt.

ITM: Dies spielt den Anbietern von Standard-Software oder Standard-Cloud-Services jedoch alles andere als in die Karten, oder?
Rebetzky:
Genau, weshalb sich ihre Lösungen zu einem gewissen Grad individuell verändern lassen sollten. So hat etwa Salesforce, ein Anbieter cloud-basierter CRM-Software, vier verschiedene Kategorien für seine Systeme im Angebot, wovon eines die hochgradige Anpassung an die Prozesse der Kunden zulässt.

ITM: Worauf kommt es generell bei der Software-Entwicklung im Mittelstand an?
Rebetzky:
Dass sie nicht nur allein an der IT hängt. Vielmehr müssen die Fachbereiche neue Fähigkeiten aufbauen, da sie deutlich mehr über die Kunden- und Verkaufsprozesse wissen und so die Digitalisierung als mächtiges Werkzeug steuern können. Vor diesem Hintergrund arbeitet unsere IT eng mit dem Marketing und dem Vertrieb zusammen, um schnell zu erkennen, an welchen Stellen es Nachholbedarf gibt.

ITM: Gab es solche Abläufe bislang nicht?
Rebetzky:
Früher kümmerten sich IT und Fachbereiche kaum um ein effizientes Zusammenspiel. Beispielsweise gab der Vertrieb die Funktionen vor, die er gerne haben wollte, und die IT entwickelte die Module sozusagen als ausführendes Organ. Inzwischen lernen beide Parteien voneinander: Die ITler erfahren mehr über die Geschäftsprozesse und Kundenwünsche und die Fachmitarbeiter wissen um die Möglichkeiten der Digitalisierung.

ITM: Welche Möglichkeiten könnten dies sein?
Rebetzky:
Zum Beispiel der Bereich Big Data: Die meisten Mittelständler nutzen Business-Intelligence-Software (BI) seit langem als Reporting-Tool für das klassische Berichtswesen. Sie analysieren und filtern damit Daten aus der Vergangenheit, was jedoch nichts mit Big Data zu tun hat. Denn im Zuge dessen werden verschiedenste Datenquellen angezapft und miteinander in Verbindung gebracht. So korreliert man z.B. Wetterdaten mit Umsatzzahlen und leitet davon Besonderheiten ab.

Generell gestaltet sich die Methodik von Big-Data-Analysen anders als die von Reporting-Tools: Beim Reporting werden Spalten und Zeilen definiert und mit Informationen aus Datenbanken angereichert. Bei Big Data hingegen geht es vorrangig darum, Anomalien zu entdecken und Prognosen zu treffen. Geht es um die Analyse von Kundenverhalten, kann man allerdings schnell in Grauzonen geraten, denn jegliche Analyse von Kundendaten muss mit den ab Mai 2018 in der EU vorgegebenen Datenschutzbestimmungen einhergehen.

ITM: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in der Software-Entwicklung?
Rebetzky:
Momentan zehn Mitarbeiter, die mit unterschiedlichen Sprachen z.B. im SAP-Umfeld mit Abap, aber auch mit Java, HTML5 oder .Net im Microsoft-Umfeld entwickeln. Mit Ionic richtet sich unsere Entwicklungsstrategie in Zukunft ganz klar in Richtung HTML5.

Dabei gestaltet sich der Entwicklungsaufwand bei uns eher harmlos, da wir für unsere Produkte selbst keine Software entwickeln müssen. Anders bei Maschinenbauern oder Automobilherstellern, in deren Endprodukten mittlerweile Millionen an Software-Zeilen verarbeitet werden. Von daher bemerkten wir zuletzt den Trend, dass die meisten Software-Entwickler nicht mehr von der IT-Industrie, sondern von Unternehmen aus der Automobil-, Chemie-, Logistik-, Pharmazie- oder Gesundheitsbranche oder von Maschinenbauern eingestellt wurden.

ITM: Neben Ihrer Rolle als IT-Verantwortlicher bei Sto sind Sie auch Präsidiumsmitglied  des Anwenderverbands Voice. Was hat es damit auf sich?
Rebetzky:
Die Verbandsaktivitäten ermöglichen uns den intensiven Austausch mit anderen Anwenderfirmen. Hierfür betreibt Voice u.a. eine Web-Plattform, Themenforen oder spezielle Interessengruppen, in deren Rahmen sich die Mitglieder austauschen können. Zudem treffen sich die Anwender persönlich. Wir selbst treffen uns mit vielen weiteren CIOs aus der näheren Umgebung regelmäßig zum persönlichen Austausch.

Der Verband agiert herstellerunabhängig, wobei Anbietern der Zutritt bewusst verwehrt wird. Überdies versuchen wir, Einfluss auf die politischen Rahmenbedingungen zu nehmen. Dafür sind wir u.a. beim jährlichen IT-Gipfel der Bundesregierung involviert und mit einem Büro in Berlin vertreten. In der Vergangenheit wurde Voice z.B. seitens des Gesetzgebers darum gebeten, Kommentare und Vorschläge bei der Gestaltung des IT-Sicherheitsgesetzes, kurz Kritis, abzugeben.

ITM: Für wen lohnt sich eine Mitgliedschaft?
Rebetzky:
Für mittelständische Unternehmen jeder Größe, wobei der Mitgliedsbeitrag abhängig von der jeweiligen Firmengröße ist und bei rund 500 Euro im Jahr beginnt. Voice bietet darüber hinaus verschiedene Services an: Ich selbst nutze beispielsweise den Special-Interest-Group-Zugang für rund 4.500 Euro jährlich.  Dadurch können  wir uns einige kostenintensive IT-Beratung sparen, da man sich mit anderen Anwendern zu bestimmten IT-Vorhaben im Detail austauschen kann.

Bildquelle: Claus Uhlendor

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