Nachgefragt bei Dr. Daniel Holz, SAP

„Auf einem guten Weg zum Status quo“

Interview mit Dr. Daniel Holz, Leiter Vertrieb Manufacturing und Automotive und Mitglied der Geschäftsleitung der SAP Deutschland AG & Co. KG

Daniel Holz, SAP

„Mobility ist eine unverzichtbare Komponente, um Mitarbeiter und Maschinen miteinander zu vernetzen“, betont Daniel Holz, Leiter Vertrieb Manufacturing und Automotive und Mitglied der Geschäftsleitung der SAP Deutschland AG & Co. KG.

ITM: Herr Dr. Holz, „Industrie 4.0“ war das Schlagwort auf der diesjährigen Hannover Messe. Laut einer VDE-Studie von Anfang April 2013 lässt „Industrie 4.0“ allerdings vorerst auf sich warten. Wie schätzen Sie die Lage ein? Ist eine „Integrated Industry“ noch eine Vision oder bereits Status quo?
Dr. Daniel Holz:
Der Weg zu „Industrie 4.0“ ist ein evolutionärer Prozess, denn es müssen vorhandene Basistechnologien und Erfahrungen auf die jeweiligen Besonderheiten der Produktionstechnik und des Produktionsablaufs angepasst werden. Die Umsetzung der „Integrated Industry“ erfolgt bereits und wird in den nächsten Jahren verstärkt ausgebaut. Durch technologische Neuerungen, wie smarte Produkte bzw. Maschinen, die miteinander kommunizieren können, entsteht eine hyper-konnektierte Welt, in der umfangreiche Daten durch neue Analysemöglichkeiten ausgewertet werden und Entscheidungen schneller und pro-aktiv getroffen werden können. Durch dieses flexible Konzept der „Industrie 4.0“ entstehen neue Formen der Wertschöpfung und neuartige Geschäftsmodelle. Mit dem Zukunftsprojekt „Industrie 4.0“ unterstützt die Bundesregierung diesen Prozess. Wir sind, so denke ich, auf einem guten Weg zum Status quo.

ITM: Welches Potential bietet „Industrie 4.0“? Welche Ziele werden konkret damit verfolgt?
Holz:
Produktionsprozesse und -stätten sollen nachhaltig vereinfacht und optimiert werden. Das führt zu merklich schnelleren Reaktionszeiten, somit zu geringeren Störfällen und dadurch letztlich zur Kostenreduzierung. Dies ermöglichen innovative Technologien, wie RFID, Robotik und smarte Sensorik, die die Kommunikation und den Informationsaustausch zwischen Anlage, Maschine und Bauteil realisieren. Hieraus lassen sich wiederum weitere Potentiale schöpfen, wie die Umsetzung individueller Kundenbedürfnisse, zeitnaher Entscheidungen und einer ressourceneffizienteren Produktion. Das Ziel der SAP im Zuge dessen ist, den Unternehmen die beste Software für diesen Umbruch zur Verfügung zu stellen und ihnen langfristig beste Wettbewerbsfähigkeit und neue Geschäftsmodelle zu garantieren. Mit SAP Hana haben wir hierfür den Grundstein gelegt.

ITM: Doch was sind die aktuellen Bremsklötze?
Holz:
Ich würde in diesem Zusammenhang vielmehr von Herausforderungen als von „Bremsklötzen“ reden. Die Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft hat gemeinsam mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaft, kurz Acatech, aktuelle Herausforderungen und Handlungsempfehlungen ausgearbeitet. Im Fokus stehen heute verstärkt die Themen Sicherheit, eine gemeinsame Anwendersprache und Referenzarchitektur innerhalb des Wertschöpfungsnetzes sowie die Weiterbildung der Mitarbeiter, um die neuen Systeme schnellst- und bestmöglich in die Arbeitsabläufe zu integrieren.

ITM: Welche Relevanz bringt „Industrie 4.0“ grundsätzlich für den MES-Markt mit sich?
Holz:
Der MES-Markt ist grundlegend auf die lokalen Fabriken ausgerichtet und damit natürlich relevant für „Industrie 4.0“. Es geht speziell darum, dass globale Entscheidungen, die letztlich lokal ausgeführt werden, flexibel und anpassbar gehandhabt werden. MES unterstützt die Themen Flexibilität, Anpassbarkeit und eine schnellere Entscheidungsunterstützung in der Produktion. Es geht demnach nicht um die Frage der Relevanz, sondern vielmehr darum, wie durch neue IT-Systeme Prozesse bestmöglich unterstützt werden.

ITM: Inwiefern ist das Thema schon bei den mittelständischen Anwendern/Produktionsbetrieben angekommen? Inwieweit gestalten sie ihre Unternehmensstruktur bereits „4.0“-fähig?
Holz:
Wir sehen, dass sie dafür offen sind, aber noch effektiver darauf vorbereitet werden müssen. Der Umbruch, vor dem wir stehen, ist letztlich ein evolutionärer Prozess, da in Betrieben und Industriebereichen stets unterschiedliche Geschwindigkeiten vorherrschen. Die SAP entwickelt heute mit ihren Partnern individuelle Software und Lösungen für KMUs, mit denen sie sämtliche Prozesse in ihre unternehmensinternen Abläufe integrieren können. Wir geben kleinen und mittelständischen Unternehmen damit das Werkzeug an die Hand, um „4.0“-fähig zu werden.

ITM: Welche technologischen und organisatorischen Anforderungen bringt „Industrie 4.0“ grundsätzlich sowohl für die Anbieter als auch Anwender mit sich? Und ist die Aufrüstung generell verpflichtend?
Holz:
Nein, die Aufrüstung ist nicht verpflichtend. Sie ist eine Chance, deren Rentabilität eigenständig abgeschätzt werden muss. Entscheidet sich ein Unternehmen für die Umgestaltung ihrer Prozesse, gibt es zwei Faktoren, die miteinfließen: Zum einen müssen sie Mitarbeiter im Umgang mit der neuen Technologie schulen. Zum anderen geht mit „Industrie 4.0“ eine noch engere Vernetzung der Firmen mit Partnern, Zulieferern usw. einher. Das ermöglicht zügigere Abläufe, bedarf aber auch einer starker Vertrauensbasis. Der Umgang mit großen Datenvolumina und schnelllebigeren Abläufen verlangt Vertrauen gegenüber Themen wie Finanzen, Haftung oder auch Risiko.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Umrüstung einer Produktionsanlage bzw. eines Produktionsplanungssystems auf „4.0“ verbunden? Und worauf müssen die Anwender achten?
Holz:
Der Aufwand besteht nicht in der Umrüstung der Produktionsanlage an sich, sondern in der Installation neuer Software, die Datenanalyse und -auswertung sowie Maschine-zu-Maschine-Kommunikation in Echtzeit realisiert. Auf Grundlage unserer Echtzeitplattform Hana bieten wir unseren Kunden schon heute vollständige Architekturen mit Datenbanken, Middleware, Applikationen und Business Intelligence (BI), die mit wenig Aufwand implementiert werden können.

ITM: Mit welchen Kosten haben sie zu rechnen?
Holz:
Dazu kann ich pauschal keine Antwort geben, da Kosten immer in Abhängigkeit zum Kunden und deren aktuellen Situation stehen.

ITM: Wie kann eine durchgängige Integration des MES im Sinne von „4.0“ in die Unternehmens- und Produktionsprozesse gewährleistet werden? Wie gestaltet sich beispielsweise die Verknüpfung von MES und ERP?
Holz:
MES- und ERP-Systeme werden miteinander nahtlos verbunden, um sämtliche Anforderungen an die Prozesse von „Industrie 4.0“ zu unterstützen. MES-Systeme sind heute sehr lokal fokussiert und haben die Optimierung in der Fabrik zum Ziel. Die ERP-Systeme konzentrieren sich auf die Orchestrierung der Auftragsbearbeitung im globalen Firmenkontext. Beide Systeme verbinden gemeinsam die globale Planung und Steuerung mit der lokalen Optimierung der einzelnen Fabriken.

ITM: Welche Rolle spielt das Thema „Mobility“ bei dem Ganzen?
Holz:
Mobility ist eine unverzichtbare Komponente, um Mitarbeiter und Maschinen miteinander zu vernetzen. Anwendungen, wie SAP Asset Information Management, übermitteln den Mitarbeitern über mobile Geräte entscheidende Informationen; beispielsweise über Wartung oder Reparatur. Das minimiert Stillstandzeiten, Zeit und Kosten und vereinfacht die Informationsbeschaffung und Fehlervermeidung. Dies lässt sich auch auf den Außendienst übertragen. Mitarbeiter bekommen unverzügliche Informationen zum Kunden und dem geforderten Service. Reaktionszeit und Vor-Ort-Dienste werden auf diese Weise schneller umsetzbar.

ITM: Wie kann bei der Vernetzung der gesamten Produktionsanlage mit dem Internet höchstmögliche Sicherheit gewährleistet werden?
Holz:
Entscheidend ist, dass bereits vor der Implementierung von vernetzten Systemstrukturen entsprechende Sicherheitsstandards vorgenommen werden. Die Forschungsunion und Acatech empfehlen in diesem Zusammenhang, eine eigene Security-Industrie aufzubauen. Die Schwerpunkte liegen hierbei in der Einrichtung von Sicherheitsarchitekturen, die einen Gesamtüberblick ermöglichen und alle Komponenten innerhalb der Produktion identifizieren. Zudem bedarf es einer Sensibilisierung aller Mitarbeiter auf das Thema Datenschutz.

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