Nachhaltigkeitsstrategien für Mittelständler

Auf grünen Pfaden

In Anbetracht des Klimawandels ist es wichtig, dass vor allem Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen und entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien in der IT umsetzen. Doch hinterlässt der Mittelstand bereits einen grünen Fußabdruck?

Noch immer steht die Hochwasserproblematik im Süden und Osten Deutschlands stark im Fokus der Medien. Zahlreiche Ortschaften und Stadtteile wurden in den letzten Wochen von den Wassermassen der anschwellenden Flüsse heimgesucht. Besonders schlimm traf es etwa Passau und Deggendorf, aber auch die Einwohner von Großstädten wie Dresden und Halle hatten bisher viele Sandsäcke zu schleppen und Keller auszupumpen. Noch scheint eine Rückkehr zum normalen Alltag unmöglich. Ebenso in den USA. Dort haben die Menschen derzeit nicht nur mit Überschwemmungen, sondern vor allem mit Wirbelstürmen zu kämpfen. Zuletzt traf es die US-Bundesstaaten Oklahoma und Missouri – zahlreiche Häuser wurden von den Tornados zerstört. Naturkatastrophen scheinen also derzeit weltweit auf dem Tagesplan zu stehen. Alles Folgen des Klimawandels?

Um diesem grundsätzlich entgegenzuwirken, sollte sich jeder mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ befassen. Das gilt insbesondere auch für Unternehmen, die nicht nur jede Menge Strom verbrauchen, sondern gleichzeitig einen Großteil zur CO2-Emission beitragen. Zahlreiche Firmen scheinen das Thema „Nachhaltigkeit“ bereits auf dem Schirm zu haben, wie etwa das „Cool IT Leaderboard“-Ranking von Greenpeace im April 2013 verdeutlichte. Das sechste Ranking bewertete 21 globale Technologie- und Kommunikationskonzerne zum einen danach, inwiefern sie Lösungen entwickeln und bereitstellen, um den Energiebedarf der gesamten Wirtschaft zu reduzieren. Zum anderen nahm es den Energiehaushalt der Firmen unter die Lupe und untersuchte, inwieweit die Unternehmen ihren Einfluss geltend machen, um sich auf politischer Ebene für erneuerbare Energien und Energieeffizienz einzusetzen. Den ersten Platz dieser Rangliste teilen sich Google und Cisco, während Ericsson und Fujitsu den dritten und vierten Platz belegen. Im europäischen Vergleich zeichnen sich die deutschen Unternehmen laut der Green-IT-Studie 2012 von Devoteam durch ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein aus. Das gelte sowohl für Großunternehmen als auch für Mittelständler.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor

Das Cleanenergy Project, eine Initiative der Globalcom PR-Network GmbH aus München, führte bereits 2007 eine Umfrage unter 440 europäischen IT-Unternehmen durch, um herauszufinden, ob sie „grüne“ IT-Maßnahmen planen und wann sie diese gedenken umzusetzen. „36 Prozent der Befragten hatten damals bereits Pläne für ein grüneres Rechenzentrum (RZ), 29 Prozent waren dabei, eine Strategie zu diskutieren, und 29 Prozent hatten dieses Thema noch nicht diskutiert“, erinnert sich Wibke Sonderkamp vom Cleanenergy Project by Globalcom PR-Network. „Wenn sich der Trend der Studie entsprechend fortgesetzt hat, sollte das Thema mittlerweile definitiv auch in mittelständischen Unternehmen angekommen sein.“ Das kann Prof. Dr. Klaus Fichter, Gründer und Leiter des Borderstep Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit in Berlin, bestätigen. Für Unternehmen werde das Thema des nachhaltigen Betriebs zum Wettbewerbsfaktor, betont er. „Viele mittelständische, insbesondere inhabergeführte Unternehmen zeichnen sich durch eine auf Nachhaltigkeit orientierte Geschäftsführung aus – deutlich mehr als große Unternehmen.“

Dass kleine und mittlere Unternehmen verstärkt auf nachhaltige IT setzen, ist laut Dr. Georgios Rimikis, Senior Manager Solutions Strategy bei Hitachi Data Systems (HDS), aber keine Reaktion auf einen Hype. „Nachhaltigkeit wird inzwischen meist schlicht und einfach vorausgesetzt“, bemerkt er. „Strompreise mögen diese Diskussion weiter angefacht haben, mittlerweile wird jedoch Nachhaltigkeit in einem größeren Kontext gesehen.“ Außerdem gibt es Gesetze und Richtlinien, denen sich die Unternehmen nicht entziehen können. Dazu gehören laut Bernd Kosch, Head of Environmental Technology bei Fujitsu, Belange wie Energiesteuererstattung, Berichterstattung und Auditierung. Die Gesetze dahinter seien beispielsweise die Energy Efficiency Directive (EED) der Europäischen Union, die derzeit auf die nationale Gesetzgebung heruntergebrochen wird, sowie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und das Stromsteuergesetz.

Drei Aspekte im Fokus

Die Umsetzung von IT-Nachhaltigkeitsmaßnahmen erfolgt dabei unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten. Beim ökologischen Aspekt geht es etwa um den Einsatz umweltfreundlicher Hardware. „Weiterhin stehen der Produktionsstandort und damit die gesamte Skala von Produktion, Gebäudetechnik und Life Cycle Assessment (LCA) auf dem Prüfstand“, erklärt Bernd Kosch. Ökonomisch betrachtet sei es aufgrund der gestiegenen Energiekosten erforderlich, diese Kosten zum einen genauer zu untersuchen und zum anderen nachhaltig zu reduzieren. Ökologie und Ökonomie seien nicht mehr unabhängig voneinander zu betrachten. Beim sozialen Aspekt gehe es indes um den Nachweis, dass die beschafften Waren unter sozial verträglichen Kriterien gefertigt wurden. Zudem positioniere man sich als attraktiver Arbeitgeber im Kampf um die besten Talente und biete daher innovative Arbeitsmodelle an.

„Wer sich als Unternehmen mit ‚Green IT’ auseinandersetzt, folgt in der Regel auch den Idealen des ehrbaren Kaufmanns – in ihm sind also soziale und ökologische Haltungen vereint“, fügt Georgios Rimikis an. „Die reale Umsetzung erfordert aber ebenso eine ökonomische Realisierbarkeit. Kurz: Es zählen alle drei Aspekte, jedoch an verschiedenen Stellen eines Entscheidungsprozesses.“ Gleiches bestätigt David Snelling, EMEA Technical Work Group Vice beim Non-Profit-Konsortium The Green Grid: „Alle diese Aspekte werden Brennpunkte zu einem gewissen Grad sein, aber es hängt oft von dem Stadium ab, in dem sich ein Unternehmen auf seiner Reise hin zu immer mehr Energieeffizienz befindet.“ In der Regel konzentrieren sich die Unternehmen, die immer umweltbewusst waren und bereits über einen längeren Zeitraum hinweg daran gearbeitet haben, energieeffizienter zu werden, weniger auf den wirtschaftlichen Aspekt, sondern mehr auf die ökologischen und sozialen Aspekte.

Laut der erwähnten Studie von Cleanenergy Project steht bei der Planung und Umsetzung von IT-Nachhaltigkeitsmaßnahmen der finanzielle Aspekt an erster Stelle. Gefragt sind laut Wibke Sonderkamp Referenzmodelle, die trotz oder gerade mit nachhaltigen Initiativen und Umstellungen Erfolge erzielt haben, die sich auch im Gewinn widerspiegeln. Es gebe aber gerade auch im Mittelstand erfolgreiche Unternehmen, die aus Engagement und Überzeugung umweltfreundlich agieren.

Welchen Einfluss mag hier der Klimawandel auf die IT-Nachhaltigkeitsgedanken der Anbieter und Anwender nehmen? „Der Klimawandel ist ein leider alltägliches, aber wegen seiner globalen Ausmaße dennoch relativ abstraktes Thema“, weiß Georgios Rimikis von HDS. „Der Einzelne fühlt sich da ein wenig machtlos.“ Daher sei es nicht so einfach, eine direkte Verbindung zwischen eigener nachhaltiger IT und Klimawandel herzustellen. Lokale bzw. regionale Bezüge spielen eine größere Rolle, z.B. die Vermeidung von Emissionen vor Ort im Sinne einer guten Nachbarschaft. Das könne schon so etwas Einfaches wie eine Klimaanlage sein, die wegfällt und damit keinen Lärm mehr produziert.

„Der Klimawandel ist Realität“, bemerkt auch Klaus Fichter vom Borderstep Institut. „Das bestätigt die Klimaforschung und wir sehen es beinahe täglich in den Nachrichten.“ Daraus würden sich zwei Herausforderungen ergeben: Erstens muss der Ausstoß klimaschädlicher Gase verringert werden. Zweitens müssen sich alle darauf einstellen, dass sich das Klima verändert. So müssen für unternehmenskritische IT-Infrastrukturen Lösungen entwickelt werden, damit sie z.B. mit zunehmenden Extremwetterereignissen zurechtkommen. „Hieraus können sich aber auch Chancen für neue Geschäftsfelder ergeben“, weiß Fichter. Als Beispiele nennt er Kühlungs- und Klimatisierungslösungen auf Basis erneuerbarer Energien und IT-gestützte Frühwarnsysteme für eine ausfallsichere Beschaffungs- und Auslieferungslogistik.

Passende Maßnahmen umsetzen

Ein naheliegender Schritt für alle Mittelständler ist, bereits bei der Beschaffung von IT-Hardware auf Nachhaltigkeit zu setzen. Produkte, die in der Anschaffung etwas teurer sind, bringen im laufenden Betrieb oft ein Vielfaches an Einsparungen. Zu achten ist generell auf den Energieverbrauch, aber auch auf die verwendeten Materialien und unter welchen Bedingungen produziert wurde. „Der Einsatz von Produkten, die als umweltfreundlich ausgezeichnet sind, wie z.B. mit dem Label ‚Der Blaue Engel’, kann einen wesentlichen Unterschied für die Effizienz eines Unternehmens ausmachen“, betont David Snelling von The Green Grid.

Darüber hinaus können Unternehmen einfach und schnell eine „Inventur“ vornehmen. Hierbei stellt sich oft heraus, „dass sie z.B. Speichersysteme über Virtualisierungsinstrumente wie Thin Provisioning oder Dynamic Tiering optimieren können“, weiß Georgios Rimikis. Bisweilen könne auch zugewiesener, aber nicht genutzter Speicher verfügbar gemacht werden – Stichwort „Reclaim“.

„Kleinigkeiten im Unternehmensalltag lassen sich häufig schnell durch geschulte Wahrnehmung anpassen“, ergänzt Ulf Kottig, Senior Marketing Manager Manufacturing Integration bei der Trebing & Himstedt Prozeßautomation GmbH & Co. KG. „Muss das Licht brennen, wenn ich das Büro (länger) verlasse? Muss der Rechner oder der Server über Nacht laufen? Um systematisch Einsparungen vorzunehmen, bedarf es aber oftmals einer Optimierung der bestehenden Prozesse, um beispielsweise im Produktionsprozess ressourcenschonender zu arbeiten.“ Diese Umstellungen müssen langfristig und strategisch umgesetzt werden – genauso wie die Konzeption und Installation eines strategisch in Richtung Nachhaltigkeit konzipierten Rechenzentrums. Das verschlingt Zeit –  so ist es oft sinnvoll, auf größere Systemwechsel zu warten.

Langfristig nachhaltig denken


Der Technologiekonzern Fujitsu setzt nach eigenen Aussagen schon seit einigen Jahren auf die Themen „Green IT“ und „Nachhaltigkeit“. „Wir verstehen Umweltpolitik als Kernprozess“, so Bernd Kosch. „Mit Umweltzielen für alle Geschäftsbereiche führen wir sämtliche Geschäftstätigkeiten in einer nachhaltigen Art und Weise durch, um mit IT-Innovationen den ökologischen Fußabdruck der Gesellschaft zu reduzieren.“ Der Storage-Anbieter Hitachi Data Systems wiederum folgt nach eigenen Angaben mit hohen Ansprüchen der Konzernmutter, die bereits in den 1960er Jahren eine Umweltstrategie fest im Unternehmen verankert hat. „Hitachi hat sich z.B. das Ziel gesteckt, bis 2015 vollständig emissionsneutral zu sein“, betont Georgios Rimikis.

Derweil sorgt Trebing & Himstedt mit seinen SAP-MES-Lösungen für nachhaltige Produktionsprozesse bei Mittelständlern. „Mit unseren Produkten und Lösungen können wir Unternehmen helfen, ihre Prozesse zu analysieren und zu optimieren“, erläutert Ulf Kottig. Neben einer Digitalisierung des Informationsflusses einer papierlosen Produktion sei vor allem die Analyse der Effizienz einer Produktion wichtig, um so Stillstände und Ausschuss-quoten zu verringern.

Doch grundsätzlich bedeutet jede Art von Produktion einen Verbrauch von Ressourcen. „Wir sind in einem extremen Wachstumsmarkt“, erklärt Rimikis, „die weltweiten Datenbestände nehmen exorbitant zu – und damit auch die Nachfrage nach Speicher.“ So gesehen bestünde in erster Linie Handlungsbedarf, das Datenwachstum per se in den Griff zu bekommen. Klaus Fichter von Borderstep warnt indes, dass eine instabile Stromversorgung in Zukunft ein Risikofaktor für Unternehmen sein wird. Dabei sei es vergleichsweise leicht, den zunehmenden Ressourcenverbrauch der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) zu stoppen. Allerdings erfordere es gemeinsame Anstrengungen von Politik, Anbietern und Anwendern. Doch: „Wenn die Unternehmen am Thema ‚Nachhaltigkeit’ interessiert sind, dann sollten sie unbedingt den gesamten Lebenszyklus hinterfragen“, so Georgios Rimikis abschließend. Grüne IT ist also erst dann nachhaltig, wenn der gesamte Produktlebenszyklus von den ersten Skizzen über die Fertigung und den Betrieb bis hin zum Recycling den Ansprüchen an Nachhaltigkeit genügt.

Bildquelle: © Thinkstock/Zoonar

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