Innovationsplattformen

Austausch von Erfahrungen und Einfällen

Plattformen im Internet sind gut für die Bündelung von Ideen. Aber danach muss sie eine Innovationskultur verwirklichen. Teil 5 einer Artikelreihe über Innovation, die in lockerer Folge erscheint.

Gemessen an der Vielzahl der Innovationsplattformen sind wir Weltmeister des Erneuerns. Im deutschen Internet finden sich einige Dutzend dieser Dienste. Hier können Unternehmen untereinander, aber auch mit Kunden und anderen gemeinsam an Innovationen arbeiten.

Sie tragen sprechende Namen wie Innovationskraftwerk oder Effizienzfabrik. Sie werden von einzelnen Unternehmen, Firmenkonsortien oder öffentlichen Organisationen getragen. Alle haben sich der Vision verschrieben, aus Ideen zukunftsfähige Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Daraus folgt natürlich direkt eine Frage: Ist das nur ein Hype oder eine ernstgemeinte Entwicklung? Denn für die Gesamtwirtschaft ist das Thema noch vollkommen neu und wird erst seit einigen Jahren etwas intensiver diskutiert.

Mit Erfindern zusammenarbeiten

Dabei haben bereits viele Unternehmen positive Erfahrungen mit Open-Innovation-Prozessen gemacht. Ein gutes Beispiel ist der Weltkonzern 3M. Das Unternehmen arbeitet schon sehr lange mit externen Partnern - das ist bei 3M jeder, der eine gute Idee hat.

Ganz generell ist 3M sehr innovativ und der eigentliche Erfinder der 15-Prozent-Regel, die auch bei Google so ähnlich verwirklicht ist. Danach dürfen Mitarbeiter bis zu 15 Prozent ihrer Zeit an selbst gewählten, innovativen Projekten arbeiten. Auf diese Weise sind zahlreiche neue Produkte von 3M entstanden, vom Klebeverschluss über lichtleitende Folie und Glasreparatur-Systemen bis hin zu Verfahren in der Nanotechnologie.

Eine wichtige Quelle für Innovationen sind bei 3M darüber hinaus der Kundendialog und die Zusammenarbeit mit „Erfindern“. Die werden ganz einfach ernst genommen und nicht vorschnell als Spinner abgetan. Denn merke: Auch der berühmte Klebezettel war irgendwann einmal eine schräge Idee.

Viele Innovationen stoßen am Anfang eher auf Unverständnis. So wirkte das erste iPhone anfangs wie die etwas wirre Idee eines Technologie-Propheten: Wer braucht schon ein Telefon mit Touchscreen, wenn Tasten ausreichen? Aber natürlich war das Telefonieren nicht der eigentliche Innovationskern und ist heute eine Nebensächlichkeit.

Zahlreiche Unternehmen setzen inzwischen auf offene Innovationsprozesse, um die Begrenzungen eines internen Innovationsmanagement zu umgehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Traditionsunternehmen Bosch, das sich seit einigen Jahren in einem Wandel befindet, der vom Management engagiert vorangetrieben wird.

So hat Bosch für seinen Automotive-Fachbereich eine Plattform geschaffen, auf der sich Profis aus Autowerkstätten untereinander austauschen und neue Ideen einreichen können. Dabei geht es nicht immer nur um umstürzende Neuerungen, sondern häufig um kleine Verbesserungen für den Alltag.

Plattform für Mikroinnovationen

Ein Beispiel: Ein Mitglied der Plattform regte an, doch zukünftig an den Steckern von Diagnosekabeln eine LED anzubringen, um die Anschlüsse im Fußraum eines Fahrzeugs einfach ausleuchten zu können. Das ist eine von diesen Ideen, bei denen sich jeder wundert, warum noch niemand darauf gekommen ist.

Der Grund ist ganz einfach: Wer jeden Tag mehrmals unter das Armaturenbrett eines Autos kriechen muss, hat einen anderen Blick auf solche Details wie ein Ingenieur, der das Produkt aus der technologischen Stratosphäre betrachtet.

Doch solche Plattformen eignen sich nicht nur für Mikroinnovationen, sondern auch für den großen gesellschaftlichen Entwurf. Das ist jedenfalls die Ansicht der Standortinitiative „Deutschland - Land der Ideen“, die das Innovationskraftwerk ins Leben gerufen haben.

Hier sollen neben Innovationen und Problemlösungen für die Wirtschaft auch wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Fragenbehandelt werden. Entsprechend breit ist das Spektrum der Themen, es reicht von Überlegungen zur Stadt der Zukunft und zur Entwicklung der Pflege im Alter bis hin zu der Frage „Was mache ich aus einem eckigen Glasrohr?“

Die Antworten darauf verblüfften sogar den Spezialglashersteller Schott-Rohrglas: Knapp 800 Teilnehmer reichten mehr als 500 Ideen für Einsatzmöglichkeiten ein. „Mit dem Innovationskraftwerk erreichen wir Menschen mit unterschiedlichsten Lebens- und Erfahrungshorizonten“, betont Schott-Vorstand Dr. Hans-Joachim Konz die Vorteile der öffentlichen Innovationsplattform.

Entscheidend ist der frische und unverstellte Blick auf ein neues Produkt, für das Einsatzbereiche gesucht werden. Sieben Ideen wählte der Hersteller aus und prämierte sie mit Preisen im Gesamtwert von mehr als 15.000 Euro. Darunter waren Überlegungen für Sonnenschutzelemente, Raumtrenner und Lichtinstallationen. Bewertet wurden die Ideen nach Kriterien wie Kundennutzen, technischer Umsetzbarkeit und Marktpotential.

Erfolg durch richtige Rahmenbedingungen

Die Ergebnisse werden sogar umgesetzt, zusammen mit einigen Partnerunternehmen. Denn das ist der Bonus für die erstplatzierten Ideengeber: Ihre Einfälle werden umgesetzt und nicht zu den Akten genommen. Diese Gefahr besteht natürlich immer. Solche Plattformen sind leider davon bedroht, eine Feigenblattfunktion einzunehmen - vor allem ihre internen Varianten.

„Grundvoraussetzung für den Erfolg einer Innovation im 21. Jahrhundert sind die Rahmenbedingungen im Unternehmen“, meint Prof. Dr. Johann Füller, Innovationsexperte an der Uni Innsbruck. „Sie müssen den Innovationsprozess fördern. Hierarchische Strukturen, Bürokratie und festgefahrene Prozesse sind hier fehl am Platz.“

Denn Open Innovation ist anspruchsvoll: Flache Hierarchien, offene Kommunikation und transparente Entscheidungen im Unternehmen sind die Voraussetzung. Doch auch die Beteiligten - Mitarbeiter wie Externe - werden gefordert. Neues in die Praxis umzusetzen ist anstrengend und erfordert viel Einsatz, den „Armchair-Innovator“ gibt es nicht.

Letztlich läuft es auf eine Aufforderung zum freien Experimentieren hinaus. Ohne Erfolgsdruck, ohne irreale ROI-Forderungen, ohne Nachteile beim Scheitern und mit breiter Unterstützung von allen Ebenen des Unternehmens. Johann Füller empfiehlt, es einfach zu versuchen: „Schrittweises Vorgehen kombiniert mit Zufall - oder dem Glück des Tüchtigen - führen oftmals zum notwendigen Heureka und zur eigentlichen Lösung.“

Bildquelle: Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok