Klaus Müller, Telekom und Bernd Büttner, Bintec Elmeg im Interview

Best Practices: So gelingt der Umstieg auf All-IP

Zu den Herausforderungen des Umstiegs auf All-IP befragten wir zwei Experten – um die Chancen zu verbessern, mit dem Umstieg auch einen Schritt in Richtung Arbeitsplatz der Zukunft zu gehen.

  • Aus für ISDN: So gelingt der Umstieg auf All-IP

    Aus für ISDN: So gelingt der Umstieg auf All-IP

  • „Dass ISDN auch als ein robustes Medium für Datentransport genutzt wird, liegt oftmals an der Art der Anwendung und den infrastrukturellen Gegebenheiten.“ Bernd Büttner, Direktor Strategisches Marketing bei Bintec Elmeg

  • „Für kleine Unternehmen ist die Umstellung meist einfacher. Neun von zehn Kunden schaffen den Umstieg sogar ohne die Hilfe eines Technikers.“ Klaus Müller, Leiter Geschäftskunden Transformation bei der Telekom Deutschland

Pro Woche stellt die Deutsche Telekom nach Schätzungen von Insidern rund 70.000 ISDN-Anschlüsse auf IP um und rückt damit ihrem Ziel immer näher, das ISDN-Netz bis Ende 2018 komplett abzuschalten. Auch wenn andere Provider, wie etwa Vodafone, ISDN auch noch über 2020 hinaus unterstützen wollen, steht das Ende von ISDN weit oben auf der Agenda der IT-Chefs.

Jedenfalls all der IT-Chefs, die diesen Umstieg noch nicht gemeistert haben. Es ist ja durchaus „tricky“, die firmeneigene Kommunikationsinfrastruktur für All-IP zu rüsten. Denn Geräte wie Telekommunikationsanlagen (TK), Telefone und Faxe sind in vielen Fällen nicht mit der IP-Technologie kompatibel; auch die Alarm- und Notrufübertragungstechnik gilt es umzustellen, falls sie auf ISDN basiert. Manchmal taugt sogar das ganze Firmennetzwerk nicht für den zuverlässigen IP-Betrieb mit vernünftiger Sprachqualität.

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Seit den Pioniertagen von „Voice over IP“ hat sich die VoIP-Technologie aber enorm weiterentwickelt. Die Internet-Telefonie kann heute die unbestritten sehr hohe Sprachqualität des ISDN erreichen. Sie kann aber auch nur so gut sein, wie das Übertragungsnetz es erlaubt – sowohl bei Internet-Anbindung als auch im firmeneigenen Netzwerk.

Dafür gibt es „Best Practices“ zur Qualitätssicherung der Internet-Telefonie und moderne VoIP-Systeme, die robust auch bei höheren Verlustraten von Sprachdatenpaketen verkraften und mit ausgefeilten Mechanismen zur Fehlerverschleierung arbeiten. So werden Störungen nicht deutlich – und man kann mit guter Sprachqualität telefonieren.

Zu den Herausforderungen des Umstiegs auf All-IP befragten wir zwei Experten – um die Chancen zu verbessern, mit dem Umstieg auch einen Schritt in Richtung Arbeitsplatz der Zukunft zu gehen.

ITM: Weil die Deutsche Telekom bis Ende 2018 ihre ISDN-Infrastruktur abschalten will, werden auch Ihre mittelständischen Kunden ihre Daten über andere Wege verschicken müssen. Welchen Weg empfehlen Sie den Kunden – und warum?
Klaus Müller:
An IP führt kein Weg vorbei; es ist auch für Mittelständler langfristig die beste Lösung. Das Internet-Protokoll ist ein einheitlicher Übertragungsstandard für Daten aller Art – Sprache, Video oder Text. Ein Netz auf dieser Basis sorgt dafür, dass sich Datenpakete mit völlig unterschiedlichen Inhalten über eine einheitliche Netzplattform verteilen und mit verschiedenen Geräten wie Telefon, Smartphone oder PC nutzen lassen.

Komplexe Netzinfrastrukturen wie ISDN nutzen mehrere Technologien gleichzeitig und stehen dadurch dieser Entwicklung im Weg. So sind in der ISDN-Welt die Netze in verschiedene Kanäle aufgeteilt, einer davon ausschließlich für die Sprache. Das blockiert Bandbreite, die für andere Nutzungsarten nicht zur Verfügung steht, selbst wenn gerade nicht telefoniert wird. Das IP-Netz dagegen nutzt für alle Datenformate einen gemeinsamen Kanal. Wird nicht telefoniert, kann die Bandbreite anderweitig genutzt werden.

Hinzu kommt: Für die ISDN-Vermittlungstechnik werden bald gar keine Ersatzteile mehr hergestellt. Die Technik stammt aus den 1970er Jahren. Die Entwickler, die damit gearbeitet haben, gehen gerade in den Ruhestand. Somit verabschiedet sich auch das Fachwissen. Der Nachwuchs ist auf digitale Technik getrimmt.

Bernd Büttner: In den vorangegangenen 25 Jahren ist im Umfeld von ISDN eine ganze Menge zusammengekommen. Neben einer Vielzahl von TK-Systemen unterschiedlicher Hersteller und deren jeweiligen Ausprägungen existieren auch eine ganze Reihe unterschiedlicher Applikationen, die auf Basis von ISDN betrieben werden. Dass ISDN auch als ein robustes Medium für Datentransport genutzt wird, liegt oftmals an der Art der Anwendung und den infrastrukturellen Gegebenheiten.

Dennoch gibt es bereits heute adäquate Alternativen, die ISDN in Sachen Bandbreite um ein Vielfaches übertreffen. Auch die Verfügbarkeit der xDSL-basierten Breitbandzugänge hat sich stark verbessert. Dennoch argumentieren Kritiker nach wie vor mit der höheren Verfügbarkeit seitens ISDN. Für Umgebungen, die dies verlangen, können Redundanzkonzepte – also mehrere Zugänge oder alternative Zugangswege etwa via Mobilfunk – zum Einsatz kommen. Intelligente Router- und Gateway-Lösungen erkennen den Zustand der primären Breitbandzugänge und schalten automatisch auf die Ersatzwege um bzw. auch wieder zurück, sobald die Verfügbarkeit wiederhergestellt ist.

ITM: Viele Mittelständler haben über die Jahre eine gut funktionierende ISDN-Infrastruktur von der Nebenstellenanlage in der Zentrale bis zum Telefon auf dem Schreibtisch etabliert und ausgebaut, mit der sie zufrieden sind. Was können diese Unternehmen tun, um ihr Investment zu schützen und dennoch die Modernisierung ihrer TK-Infrastruktur mit der gebotenen Behutsamkeit und ohne unnötige Risiken voranzutreiben?
Büttner:
In solchen Fällen böte sich die Möglichkeit einer ISDN/All-IP-Migration mittels eines Media-Gateways an. Das Media-Gateway übernimmt dabei aus Sicht der TK-Anlage die Rolle des ISDN-Amtsanschlusses – und vermittelt ein- und ausgehend zwischen den beiden Technologiewelten. Der Vorteil dieses Migrationspfads liegt vor allem in der Tatsache, dass die bestehende TK-Anlage unberührt bleibt – somit ein „Zero Touch“-Ansatz. Das heißt, es müssen keine Konfigurationsänderungen am laufenden System vorgenommen werden. Das Media-Gateway wird dabei zwischen TK-Anlage und All-IP-Breitbandanschluss positioniert.

Die Herausforderung besteht in der Anpassung und funktionellen Integration des Media-Gateways in dieses Szenario. Hierbei verlangen einige Parameter besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei der Planung und Konzeption. Eine grundlegende Ressource bildet selbstverständlich die zur Verfügung stehende Bandbreite. Wird eine Sprachqualität vergleichbar mit der des ISDN angestrebt, so können ca. 100 kbit/s pro Sprachkanal als Faustformel angesetzt werden – natürlich bidirektional im Up- und Downstream.

Müller: Es gibt viele Faktoren, die bei der IP-Umstellung eine Rolle spielen. Wie groß ist ein Unternehmen? Wie viele Standorte sollen umgestellt werden? Welche Router und welche Telefonanlage werden genutzt? Sind Sonderdienste wie EC-Terminals oder Alarmanlagen im Einsatz?

Für kleine Unternehmen ist die Umstellung meist einfacher. Neun von zehn Kunden schaffen den Umstieg sogar ohne die Hilfe eines Technikers. Die einzige Voraussetzung für den erfolgreichen Umstieg ist ein IP-fähiger Router. Wenn das vorhandene Gerät IP-fähig ist, muss der Kunde am Tag der Umstellung häufig nur die Verkabelung verändern und den Router neu konfigurieren. Mehr ist nicht nötig, denn nahezu alle ISDN- und fast alle modernen Hybrid-Telefonanlagen funktionieren auch am neuen IP-basierten Anschluss. Bei mittelständischen Unternehmen ist die Umstellung häufig etwas komplexer. Wir wissen: Keine Migration gleicht der anderen. Als Partner begleiten wir deshalb unsere Kunden bei Bedarf durch alle Phasen der Umstellung – von der technischen Bestandsaufnahme und Planung über die Umsetzung bis hin zum Betrieb.

ITM: Speziell für EDI-Anwendungen hat sich das ISDN-Netz als höchst zuverlässige und qualitativ hochwertige Plattform flächendeckend bestens bewährt, während Internet längst noch nicht überall stabil die notwendigen Datenraten bietet. Daher empfehlen manche Experten den Einsatz von EDI-Konvertern in der Cloud, zumindest als Übergangslösung. Was ist davon zu halten?
Büttner:
Mit Cloud-Services lassen sich EDI und viele weitere IT-Dienste an externe Dienstleister auslagern. Daten, Software, Plattformen oder auch Rechenleistung befinden sich ausgelagert beim Cloud-Anbieter und werden über das Internet genutzt. Dabei kann eine optimal abgestimmte Auswahl der benötigten Dienste und Services getroffen werden und der jeweilige Anbieter sorgt auch für Verfügbarkeit und Betriebssicherheit.

Bei diesem Betriebsmodell haben Unternehmen stets Zugang zur neuesten Technologie, welche die zahlreichen technischen Standards und Handelsvorschriften unterstützt. Eine Cloud-Lösung bietet je nach Kundenanforderungen verschiedene Service-Optionen für den Betrieb der EDI-Lösung im externen Rechenzentrum.

Müller: Das Internet-Protokoll blickt auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück. Es ist die Sprache des Internets und zwar aus gutem Grund: IP ist ein sehr einfacher Mechanismus, um Daten zu übertragen. Dank seiner Offenheit lässt es sich in jedem Netzwerk sowie für jede Anwendung einsetzen und verbindet Geräte mit allen Betriebssystemen. Unser EDI-System Businessmail X.400 etwa läuft bereits seit 1994 auf dem Internet-Protokoll. Auch andere Anbieter von EDI-Systemen haben Lösungen, die auf IP basieren.

Möchte ein Kunde sein EDI-System auf IP umstellen, muss er diesbezüglich seinen Dienstanbieter frühzeitig ansprechen. Darüber hinaus gibt es Unternehmen, die EDI-Konverter anbieten. ISDN-Anwender können es damit auch über einen IP-basierten Anschluss nutzen – ohne dass sie am EDI-System selbst etwas ändern müssen. Dabei handelt es sich aber um eine Notlösung. Meine Empfehlung lautet: auf IP umsteigen und mit dem Dienstanbieter sprechen. Schließlich ist das Ende von ISDN besiegelt.

Bildquelle: Telekom / Bintec Elmeg

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