FTTH-Glasfaserinfrastruktur vonnöten

Bloße Optimierung alter Telefonkabel reicht nicht!

In Zeiten von Industrie 4.0 ist die bloße Optimierung alter Telefonkabel durch Vectoring keine nachhaltige Option, meint Christof Sommerberg, Leiter Public Affairs bei Deutsche Glasfaser. Mittelständler bräuchten heute eine reine FTTH-Glasfaserinfrastruktur, um morgen wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur dieses Netz werde langfristig Geschwindigkeiten im Terabit-Bereich möglich machen.

Christof Sommerberg, Deutsche Glasfaser

„Ein kurzfristiger Anschluss an das Glasfasernetz ist oftmals eine existentielle Frage“, betont Christof Sommerberg, Leiter Public Affairs bei Deutsche Glasfaser, im Interview.

ITM: Herr Sommerberg, im internationalen Vergleich soll Deutschland in Sachen Breitbandausbau und schnelles Internet bekanntlich weit zurückliegen. Wie schätzen Sie selbst die Lage ein?
Christof Sommerberg:
Diese Aussage ist zu pauschal. Deutschland hängt, wie einige andere europäische Staaten, speziell beim Ausbau von Glasfaseranschlüssen bis in die Häuser und Unternehmen hinterher, nicht jedoch notwendigerweise beim Breitbandausbau generell. Gleichwohl muss Deutschland das Ausbautempo genau dieser Glasfaserinfrastruktur erhöhen, um mit Blick auf den rapide steigenden Bandbreitenbedarf eine Grundlage zu legen, die zukunftssicher ist.

ITM: In welchen konkreten Regionen hierzulande müssen die Unternehmen bislang mit digitalen Kriechspuren auskommen?
Sommerberg:
Die Frage hinsichtlich der Regionen ist schwer zu beantworten. In vielen Regionen sind bereits Gewerbegebiete mit kupferfreien, reinen Glasfasernetzen versorgt – z.B. in Nordrhein-Westfalen durch Deutsche Glasfaser im Münsterland oder am Niederrhein. Zudem gibt es zwischen einer Kriechspur und der sechsspurigen digitalen Autobahn ohne Tempolimit noch einige Abstufungen. Fakt ist, dass deutsche Unternehmen die Glasfaserautobahn brauchen, um künftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Der deutsche Mittelstand ist auf dem Land zuhause. Wir bauen gerade auf dem Land unsere Netze aus und es ist spannend zu beobachten, wie gerade ländliche Regionen beim Breitbandausbau gegenüber den Großstädten langsam, aber stetig zum Überholen ansetzen.

ITM: Wer oder was sind die Bremsfaktoren beim Breitbandausbau in Deutschland?
Sommerberg:
Das anfängliche Vertrauen der Politik in die Vectoring-Technologie hat den Breitbandausbau der nachhaltigen Glasfaserinfrastruktur sicherlich verzögert. Mit der neuen Bundesregierung hat sich diese Sichtweise jedoch positiv hin zu einer echten Glasfaserperspektive geändert. Um hier noch mehr Fahrt aufnehmen zu können, gibt es gerade im Bereich der Ausbauverfahren noch einiges zu tun. Zum Beispiel sollte der flächendeckende Einsatz innovativer Verlegetechniken zum Standard werden. In diesem Zusammenhang muss auch der Umfang behördlicher Genehmigungsverfahren dazu kritisch überprüft werden. Zudem empfehlen wir, die Aus- und Weiterbildung der damit verbundenen Berufszweige zu stärken – wir brauchen mehr Fachleute, die mit den modernen und schnellen Verlegemethoden arbeiten können.

ITM: Warum sind auch Deutschlands Mittelständler auf eine schnelle Internetleitung angewiesen?
Sommerberg:
Gerade der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Kleine und mittelständische Betriebe tragen seit jeher den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Sie erwirtschaften mehr als jeden zweiten Euro. In Zeiten von Industrie 4.0 ist daher die bloße Optimierung alter Telefonkabel durch Vectoring keine nachhaltige Option. Sie brauchen heute eine reine FTTH-Glasfaserinfrastruktur, um morgen wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur dieses Netz wird langfristig Geschwindigkeiten im Terabit-Bereich möglich machen.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich für Unternehmen, wenn die Glasfaserkabel bis zur Anschlussbuchse im Büro reichen (Stichwort FTTH)?
Sommerberg:
Ein direkter Anschluss an ein kupferfreies Glasfasernetz ermöglicht einen schnellen und verlustfreien Datentransfer. Dieser ist Voraussetzung für eine Vielzahl an Online-Anwendungen. Neben neuen digitalen Geschäftsmodellen und Echtzeit-Backup-Services sind u.a. Software-Updates, Fernwartungen von Maschinen und Standortvernetzungen nur mit einem stabilen und störungsfreien Glasfasernetz möglich. Letztendlich sparen die Unternehmen durch schnellere und effizientere Geschäftsabläufe bares Geld.

ITM: Unter welchen Voraussetzungen bzw. inwieweit sind die Unternehmen gewillt, mit Eigenbeteiligungen den Ausbau zu beschleunigen?
Sommerberg:
Ein kurzfristiger Anschluss an das Glasfasernetz ist oftmals eine existentielle Frage, zumindest was einzelne Unternehmensstandorte angeht. Da ist dann die Frage nach Eigenbeteiligung nicht relevant, zumal die Beteiligung an den Baukosten von den Unternehmen steuerlich geltend gemacht werden kann. Nichtsdestotrotz bieten wir in der Business-Sparte den Netzausbau ohne Kostenbeteiligung an, wenn eine bestimmte Vertragsabschlussquote in einem Gewerbegebiet erreicht wird. Das wird von vielen Firmen in unseren Ausbaugebieten dankbar angenommen.

ITM: Welche Stolpersteine könnte es bei der Glasfaserverlegung jederzeit geben?
Sommerberg:
Aus der gesamtwirtschaftlichen Perspektive sehen wir aktuell keine Stolpersteine. Durch die innovativen Verlegetechniken und neue Marktteilnehmer wie z.B. private Infrastrukturinvestoren sorgt der Wettbewerb für Ausbauanreize – auch und gerade in Gewerbegebieten. Natürlich ist die Frage der mangelnden Tiefbaukapazitäten in Deutschland ein wichtiges Thema. Hier schauen wir über den Tellerrand hinaus und beauftragen Unternehmen aus ganz Europa, die Erfahrung mit dem Ausbau von Glasfasernetzen vorweisen und die hohen Qualitätsstandards erfüllen können. Auf lokaler Ebene machen wir da eher Stolpersteine aus: wenn beispielsweise die Nachfrage in den Gewerbegebieten nicht ausreichend ist oder die Kommune sich gegen die sinnvolle Nutzung innovativer Verlegeverfahren sperrt. Je mehr Engagement vonseiten der Unternehmer, Kommunen und Wirtschaftsförderer wie auch des ausbauwilligen Unternehmens herrscht, desto sicherer ist der schnelle Ausbau der Glasfasernetze.

ITM: Inwieweit sehen sich deutsche Mittelständler stattdessen gezwungen, aus infrastrukturschwachen Regionen wegzuziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben? Kommt so ein Umzug häufiger vor?
Sommerberg:
Wir sehen aktuell eher Beispiele, dass Unternehmen sich bevorzugt in Kommunen ansiedeln, die bereits über glasfaserversorgte Gewerbegebiete verfügen. Als konkrete Beispiele können wir hier die Gemeinde Senden (NRW) oder auch das Gewerbegebiet Dietzenbach (Hessen) nennen. In letzterem hat die von uns vorgenommene Erschließung mit Glasfaser z.B. wesentlich zur Ansiedlungsentscheidung eines neuen Ausbildungszentrums beigetragen.

ITM: Welchen Einfluss haben bis dato etwa die 2014 ins Leben gerufene „Netzallianz Digitales Deutschland“, das 2016 festgelegte „DigiNetz-Gesetz“ oder auch der kürzliche „Relaunch des Breitbandförderprogramms“ auf den Ausbau digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze tatsächlich ausgeübt?
Sommerberg:
Das Bundesförderprogramm Breitband hat – nicht nur mit dem Relaunch – neben den vorausschauenden Programmen einiger Bundesländer sicherlich zur Ausbaudynamik beigetragen. Hauptträger des Ausbaus sind die privaten Unternehmen mit ihren privaten Investitionen. Durch den Wettbewerb und durch die zunehmende Nachfrage nach glasfaserbasierten Produkten werden diese Unternehmen künftig noch mehr zum Ausbau beitragen.

ITM: Die Bundesregierung hat erst im August einem milliardenschweren Fond für den Breitbandausbau zugestimmt. Dieser soll u.a. durch die Versteigerung der 5G-Frequenzen finanziert werden. Wird diese Rechnung aufgehen?
Sommerberg:
Die Mittel aus der Versteigerung stellen ja nur einen Teil der Finanzierung des Fonds, so dass der Fonds unabhängig von den tatsächlichen Versteigerungserlösen arbeiten kann. Unseres Erachtens wird diese Rechnung sehr wohl aufgehen, da der weitaus überwiegende Teil der Investitionen in die neuen Glasfaseranschlussnetze durch private Infrastrukturinvestitionen vorgenommen werden kann und wird. Wenn die staatlichen Mittel flexibel und intelligent an den richtigen Stellen eingesetzt werden, unterstützen sie die privatwirtschaftliche Wettbewerbs- und Investitionsdynamik und stellen so den schnellen und flächendeckenden Netzausbau sicher.

ITM: Wo wird Deutschland Ihrer Meinung nach Ende 2018 in Sachen Breitbandausbau stehen?
Sommerberg:
Je nach verwendeter Maßzahl (50 Mbit/s? Glasfaser? Internetgeschwindigkeit?) können die Ergebnisse unterschiedlich aussehen – sind also letztlich nicht sehr aussagekräftig. Wichtiger ist, dass wir bis Ende 2018 einerseits gemeinsam viele weitere Projekte auf den Weg gebracht haben, welche die weißen Flecken in unserem Land nachhaltig farbig machen. Ende 2018 ist nur eine kleine Station auf dem Marathon bis 2025 und darüber hinaus – bis eine flächendeckende, reine Glasfaserinfrastruktur in Deutschland Unternehmen und private Nutzer nachhaltig für die Zukunft rüstet.

Bildquelle: Deutsche Glasfaser

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