Schwelle zur digitalen Wirtschaft

Blühende Landschaft an Open-Source-Anbietern

Im Interview betont Jeffrey A. „Jam“ McGuire, Open-Source-Evangelist bei Acquia, dass IT niemals gratis ist. Und auch Open Source sei nicht kostenlos. Bei Open Source werden die Kosten jedoch zum Vorteil des Unternehmens umverteilt.

Jeffrey A. „Jam“ McGuire, Acquia

„Professioneller Support ist auch im Open-Source-Bereich wichtig“, betont Jeffrey A. „Jam“ McGuire von Acquia.

ITM: Herr McGuire, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Jeffrey A. McGuire:
Open Source ist mittlerweile selbst zu einer Standardlösung geworden und wird von vielen Entscheidern in Unternehmen und öffentlichen Institutionen wegen seiner Vorteile geschätzt. Schon jetzt basieren 2,5 Prozent des gesamten Webs alleine auf dem CMS Drupal. Große Unternehmen wie Pfizer und Sony Music, aber auch öffentliche Einrichtungen wie die australische Regierung vertrauen darauf.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Interesse des Mittelstands an Content-Management-Systemen auf Open-Source-Basis?
McGuire:
Drupal z.B. wird von Mittelständlern sehr geschätzt. Denn Open-Source-CMS bieten durch ihre hohe Flexibilität und Skalierbarkeit unschlagbare Kosten- und Effizienzvorteile. Anstatt Geld für Lizenzen eines Systems auszugeben, das meine Anforderungen eventuell gar nicht komplett erfüllen kann, investiere ich mit Open Source gezielt in die Bereiche, die für mein Unternehmen zielführend sind. Zudem gibt es seine blühende Landschaft an Open-Source-Dienstleistern, die stets eine qualitativ hohe Leistung erbringen. Denn hier bin ich als Auftraggeber nicht durch das so genannte „Vendor Lock-in” gefangen. Das heißt, ich kann, wenn ich nicht zufrieden bin, jederzeit zu einem anderen Dienstleister wechseln, ohne wieder bei Null anzufangen.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
McGuire:
Große Anbieter und Marken stehen bei vielen Entscheidern noch für Investitionssicherheit und Qualität, während Open Source als komplex gilt und mit Unsicherheiten behaftet ist – zu unrecht. Mit diesem Mythos sollten wir aufräumen. Jeder, der das Internet nutzt, nutzt auch Open-Source-Lösungen. PHP, eine reine Open-Source-Programmiersprache, steht z.B. hinter 80 Prozent des gesamten Internets. Open-Source-Lösungen gelten oft als nicht professionell und ungeeignet für den Unternehmenseinsatz. Das ist zum einen falsch – Open Source und Drupal sind bei Großkonzernen, Mittelständlern und kleinen Unternehmen im Einsatz –, zum anderen ist es etwas, woran die Open Source Community härter arbeiten muss, um das Wissen um Open-Source-Lösungen zu verbessern.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten bieten sich jenen Unternehmen, die auf Open-Source-CMS vertrauen?
McGuire:
Open Source unterstützt und ermöglicht Innovation. Das ist aus meiner Sicht der größte Vorteil heute, da wir an der Schwelle zur digitalen Wirtschaft stehen. Mit Open-Source-Lösungen kann ich flexibel und skalierbar jederzeit das entwickeln, was für meinen Markt und mein Unternehmen erfolgversprechend ist, ohne auf irgendwelche Release- und Versionszyklen von Standard-Software-Anbietern warten zu müssen. So investiere ich jederzeit gezielt in Entwicklung und Tools und nicht in Lizenzen. Und schließlich verringert Open Source mein Risiko: Denn ich weiß immer, was auf meinen Systemen läuft, und kann das überprüfen. Dadurch kann ich risikoärmere Entscheidungen treffen.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
McGuire:
Hier muss ich mit einem Missverständnis aufräumen: IT ist niemals gratis, und auch Open Source ist nicht kostenlos. Bei Open Source werden die Kosten jedoch zum Vorteil des Unternehmens umverteilt. Das Geld, das sonst in ein bloßes Nutzungsrecht für eine Standardlösung fließt, wird hier punktgenau in die Entwicklung meiner Lösung und meiner Features investiert. Die Flexibilität ist echt und ergibt sich aus zwei Faktoren: Zum einen kann Drupal sich mit anderen Systemen und Datenquellen integrieren und mit bestehenden Systemen weiterarbeiten. Das heißt, meine bisherigen Investitionen gehen nicht verloren. Zum anderen kann ich jederzeit den Dienstleister wechseln, neue Features entwickeln lassen, mit meinem Unternehmen z.B. in neue Märkte gehen und dafür meine Webseiten mitwachsen lassen.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
McGuire:
Wenn man Open-Source-CMS nutzt, bekommt man kein schlüsselfertiges Haus, sondern einen Bausatz mit diversen Elementen. Einfach nur anschalten und loslegen geht also nicht. Man braucht schon jemanden, der sich mit dem CMS und seinen Möglichkeiten auskennt und das Wunschhaus baut. Diese Kompetenzen hat nicht jedes Unternehmen inhouse. Allerdings gibt es dafür eine Fülle von Dienstleistern, die das CMS immer besser machen und Innovationen voranbringen. Allein hinter Drupal steht eine Community von 30.000 Entwicklern und tausenden Beratungs-und Service-Unternehmen.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
McGuire:
Mit einem guten, zeitgemäßen CMS sollte man Seiten erstellen können, die Usern Spaß machen. Das Stichwort lautet hier „CCC“: die Integration von Content, Commerce und Community. Das heißt, die Inhalte müssen spannend, relevant und aktuell sein. Und dem User muss es so leicht und natürlich gemacht werden wie möglich, mit der Website zu interagieren, Inhalte zu lesen oder Videos zu schauen, ein Produkt einzukaufen oder mit dem Unternehmen in Kontakt zu treten. Kurz: Der User bzw. der Kunde steht bei einem guten CMS absolut im Vordergrund. Dazu gehört natürlich, dass das CMS in der Ausführung schön und responsiv gestaltet ist und sicher läuft.

ITM: Wie gestaltet sich die jeweilige Kompatibilität/Integrierbarkeit zu/mit anderen Systemen?
McGuire:
Die Integrationsfähigkeit ist einer der größten Vorteile des Open-Source-CMS Drupal. Es kann mit externen Datenquellen wie bestehenden Datenbanken, CRM- und ERP-Systemen sowie Webservices bestens umgehen. Nehmen wir als Beispiel die Espresso-App der Zeitschrift Economist. Hier werden die Inhalte in einer Drupal-Lösung erstellt, gepflegt und dann an eine native App auf iOS oder Android ausgeliefert.

ITM: Welche Anforderungen stellen Open-Source-CMS an die Leistungs- und Konfigurationsfähigkeit eines verwendeten Servers?
McGuire:
Es gibt keine speziellen Anforderungen. Ein Open-Source-CMS wie Drupal läuft in der Cloud genauso wie im Serverraum eines Unternehmens. Gegebenenfalls müssen einige Elemente konfiguriert werden. Das ist aber nichts Ungewöhnliches und für einen Administrator oder IT-Dienstleister kein Problem.

ITM: Wonach entscheidet sich, ob ein Open-Source- oder Standardmodell für ein Unternehmen in Frage kommt?
McGuire:
Eigentlich gibt es auf lange Sicht keinen Grund, nicht mit Open-Source-CMS zu arbeiten. Denn für die Aufgaben, die im Content-Management und E-Commerce auf Unternehmen zukommen, sind Open-Source-Lösungen besser gerüstet, da sie flexibler und kosteneffizienter sind und dadurch mehr Innovation ermöglichen.

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
McGuire:
Die Technik sollte erst einmal egal sein. Entscheidend ist: Ich muss sicher sein, dass ich am Ende die Weblösung bekomme, die ich brauche. Außerdem sollte ich mich bei dem Dienstleister gut aufgehoben fühlen. Dazu sollte ich den Anbieter ganz klassisch unter die Lupe nehmen: Gibt es Referenzen? Wie viel Erfahrung hat der Dienstleister? Überzeugt mich der kreative Ansatz? Wie sind die kurz- und mittelfristigen Kosten im Vergleich zu beurteilen? Klappt die Kommunikation? Bei Open-Source-Lösungen hat man zudem den Vorteil, dass man eigentlich nie mit nur einem Dienstleister arbeitet. Denn hinter ihm steht in der Regel eine große Entwickler-Community, zu der er freien Zugang hat. Diese arbeiten indirekt immer für mich mit.

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Einführung eines Open-Source-CMS verglichen zu einem Standardsystem verbunden?
McGuire:
Das lässt sich nicht unbedingt verallgemeinern. Je nach Vorwissen und bestehenden Ressourcen kann die Dauer der Setup-Phase natürlich variieren. Drupal ist bekannt dafür, Lösungen mit sehr kurzem Time-to-Market zu liefern, und wenn sie gut gemacht sind, sind spätere Integrationsarbeiten und Wartungen auch meist einfacher, schneller und flexibler.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit sowie Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CMS-Modellen bestellt?
McGuire:
Open-Source-Lösungen sind zukunftsfähig. Dadurch, dass so viele Entwickler an einem Open-Source-CMS wie Drupal mitarbeiten, sind einerseits Innovationslevel und Geschwindigkeit hoch, andererseits ist durch das Mehraugenprinzip die Sicherheit der Features stark.

ITM: Wie gestaltet sich der Support durch den Hersteller bzw. Entwickler bei Open-Source-Modellen?
McGuire:
Professioneller Support ist auch im Open-Source-Bereich wichtig – und jederzeit verfügbar. Unternehmen wie Acquia haben sich auf Entwicklung und Support für Open-Source-CMS spezialisiert und sind mit den Anforderungen von Unternehmen vertraut. Auch im Open Source wird mit klassischen Service Level Agreements (SLA), also Support- und Wartungsverträgen, gearbeitet.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
McGuire:
Der Trend geht eindeutig in Richtung Personalisierung des digitalen Lebens und Erlebens. Unternehmer und CMS-Entwickler arbeiten intensiv an Lösungen, die Besuchern und Kunden relevante Informationen liefern – abhängig von Aufenthaltsort, Tageszeit, aktuellen Lebensumständen und mehr. Dafür ist die Integration vorhandener Daten wichtig. Hier ist der Trend aber nicht Big Data, sondern Smart Data, also der gezielte Zugriff auf unterschiedlichste Datenquellen. Ein weiterer wichtiger Trend ist natürlich Mobilität, hier insbesondere die Darstellung von Content auf unterschiedlichsten mobilen Geräten.


Nachtrag 16.06.2015:


McGuire: Erlauben Sie mir noch eine Anmerkung: Als Argument gegen Open Source werden ab und an hohe laufende Kosten oder mangelnde Adaptionsmöglichkeiten bei Cloud-Lösungen wie der Acquia Enterprise Cloud angeführt. Beides ist nicht zu Ende gedacht. Natürlich sind auch Enterprise-Cloud-Lösungen nicht kostenlos. Sie sind ein wichtiges Investment in die Zuverlässigkeit und Sicherheit von Web-Applikationen. Automatische Backups, professionelle Entwicklerwerkzeuge und die Freiheit, sich nicht um den laufenden Betrieb kümmern zu müssen, ist bereits vielen Unternehmen das Investment wert. Was die Flexibilität anbelangt, so ist Open Source sicher der Inbegriff von Freiheit. Wenn ich an der Software etwas ändern möchte, muss ich niemanden um Erlaubnis bitten, geschweige denn darauf hoffen oder warten, dass der Anbieter irgendwann den Quellcode offenlegt. Dass Standardanbieter dies nun zunehmend tun, begrüßen wir übrigens sehr.

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