Lösen die Fiori-Apps das SAP-GUI ab?

Blumen für die Nutzer

SAP hat sein Designkonzept geändert und bemüht sich nun darum, die Anforderungen der Anwender bezüglich besserer Bedienbarkeit verstärkt zu berücksichtigen. So jedenfalls sieht es Christoph Preiß, der die Anwender des Kölner IT-Beratungshauses Kheto Consulting GmbH rund um das Thema Fiori unterstützt.

  • Ein Mann hält einen Blumenstrauss

    SAP will mehr auf die Wünsche der Anwender hören. ((Bildquelle: Getty Images/iStock))

  • Christoph Preiß von dem Kölner IT-Beratungshaus Kheto Consulting.

    Christoph Preiß von dem Kölner IT-Beratungshaus Kheto Consulting. ((Bildquelle: Kheto Consulting GmbH))

ITM: Herr Preiß, bitte erklären Sie, wofür SAP Fiori entwickelt wurde?
Christoph Preiß: Seit 1990 gibt es die SAP GUI, das Realtime-System der SAP in seinen verschiedenen Versionsständen. Die Oberfläche und das Aussehen hatten sich über die Jahre hinweg nur marginal verändert. Dies führte zu wachsender Kritik an der Bedienbarkeit, weil die Nutzer im privaten Sektor zunehmend von Apps verwöhnt waren. Gerade das flächendeckende Aufkommen des Smartphones veränderte das Nutzerverhalten grundlegend.

Dies registrierte man auch bei SAP und gestand sich ein, seine Business-Software in dieser Richtung vernachlässigt zu haben. Daraufhin wurde das bis dahin geltende Designkonzept radikal umgeworfen und ein neues Framework eingeführt.

ITM: Ein Framework, mit dem die Anwender Apps selbst entwickeln können?
Preiß: Nicht die Endnutzer oder Key User, schon aber die Software-Entwickler, die die IT-Projekte technisch verantworten. Sie haben die Möglichkeit, mit entsprechenden Werkzeugen Apps zu bauen.

Das Framework-Werkzeug heißt SAP UI5, was für User Interface 5 steht. Es basiert auf Standard-Web-Technologie, sprich HTML 5 und Javascript. Und darin liegt auch schon einer der Hauptnutzen, dass man nämlich mit über die Jahre bewährter und standardisierter Software arbeiten kann. Für SAP ging es natürlich darum, ein SAP-eigenes Produkt zu bieten. So entstand Fiori, welches das Ergebnis diverser, im Vorfeld festgelegter Design-Richtlinien ist.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Um welche Art von Richtlinien handelt es sich?
Preiß: Die Software soll rollenbasiert, adaptiv – auf jedem Device lauffähig –, einfach, kohärent und letztlich ansprechend für den End-User sein.

ITM: Also eigentlich alles das, wofür SAP bislang eher nicht steht.
Preiß: Die Verantwortlichen erkannten, dass die Software für viele Anwendungsfälle im Management-, Controlling- und Finanzbereich funktional zu überfrachtet war. Die angestrebte Einfachheit ist demnach ein ganz entscheidender Punkt bei Fiori. Es wurde die 1-1-3-Devise ausgegeben, die besagt, dass ein User für einen bestimmten Anwendungsfall maximal drei Bildschirmwechsel vornehmen muss. Dies war ja bislang eigentlich undenkbar.

Um die Anzahl der Bildschirmwechsel drastisch zu reduzieren, rückte man ab von der auf Funktionalität fokussierten Betrachtungsweise und stellte erstmals die Anwenderperspektive in den Mittelpunkt.

ITM: Welche sind denn die Voraussetzungen, um Fiori einsetzen zu können, wenn man z. B. eine ältere Version von SAP nutzt?
Preiß: Da war SAP erfinderisch und klug zugleich: Sie haben eine alte Krücke reaktiviert: das Netweaver Gateway, das etwas in Vergessenheit geraten war und nun wieder auflebt.

ITM: Wofür wird Netweaver benötigt?
Preiß: Fiori ist browser-basiert, die Daten befinden sich also außerhalb der SAP-GUI. Dies bedeutet, dass man ein Gateway benötigt, das dafür sorgt, die Daten aus dem Backend in ein webbrowser-fähiges Protokoll zu übersetzen. Diese Aufgabe übernimmt SAP Netweaver Gateway. Die Backend-Logik soll natürlich für alle Nutzungsfälle erhalten bleiben, auch in der Cloud.

ITM: Wie geschieht dies?
Preiß: Das Protokoll auf Backend-Seite heißt OData und kann in zwei Formaten übermittelt werden. Eins davon ist JSON, welches zu 100 Prozent im Frontend verwendet wird. Diesen Aspekt führt SAP auch als eines seiner Hauptargumente gegenüber anderen Software-Anbietern ins Feld.

ITM: Gibt es weitere benötigte Komponenten?
Preiß: Es gibt auch ein neues Frontend. Mit Fiori 2.0 wurde ein eigener Frontend-Server (FES) als Software-Komponente für bestehende ABAP-Systeme erstellt. Diese Software-Komponente lässt sich herunterladen.

Vor FES musste man etliche Software-Komponenten herunterladen, um Fiori auf dem Server simulieren zu können, der Frontend-Server aggregiert diese Komponenten nun.

ITM: Und dann sind die Fiori-Apps über jedes Gerät abrufbar?
Preiß: Erst einmal stimmt das so. Man öffnet den Browser auf einem beliebigen Gerät wie Smartphone, Tablet, Notebook, Desktop-Rechner und mittlerweile sogar Flatscreens, sodass sich auch Gantt-Charts in der Produktionslinie anzeigen lassen. Um diese Daten auf die verschiedenen Geräte zu transferieren, braucht es jedoch das angesprochene Gateway.

ITM: Wie viele Apps gibt es mittlerweile?
Preiß: Seit 2014 gibt es sogenannte „Waves“, in denen Standard-Apps in kürzeren Zeiträumen als früher ausgerollt werden. Auf Basis der neuesten Anwenderanforderungen wurden sogenannte „Use Cases“ erstellt, die in mittlerweile über 11.000 Apps mündeten.

ITM: Wie bezieht man diese Apps?
Preiß: Über die Fiori Apps Library. Dort müssen zunächst die jeweiligen Systemvoraussetzungen eingegeben werden, und zwar entweder die IT-Komponenten, die im Einsatz sind, oder diejenigen, mit denen man für die Zukunft plant. Im Gegenzug sagt einem die Library, welche Komponenten benötigt werden und welche Berechtigungs- und App-Knotenpunkte aktiviert werden müssen. Hat man diesen Business Content aktiviert, lässt sich die App nutzen.

ITM: Was heißt das für S/4 Hana? Wenn die Software noch nicht eingesetzt, dies aber geplant ist, muss man dann später erneut aktiv werden?
Preiß: Richtig. In der Regel muss man den Frontendserver und gleichzeitig das Backend patchen. Der Schritt von Nicht-Hana-Systemen auf Hana an sich ist jedoch die eigentliche Hürde.

ITM: Weshalb sich viele Anwender noch davor scheuen. Wird der Aufwand noch größer, wenn man zusätzlich Fiori nutzt?
Preiß: War zuvor gar kein SAP-System im Einsatz, ist die Installation von Fiori sehr einfach. Aber ohne die Backend-Logik ist das wenig sinnreich. Das ist in meinen Augen der kritische Punkt, an dem wir Berater aktiv werden. Es gibt einen Frontendserver, der sich mit sehr vielen Backend-Systemen verbinden lässt. Es gibt damit nur einen Single Point auf Access, mit dem sich auf alle Systeme zugreifen lässt. Oder man wählt den Weg in die Cloud. Dann wird kein Frontend-Server benötigt, stattdessen stellt SAP die Apps über das cloud-basierte Fiori Launchpad bereit. Die Anwender selbst geben nur die Backend-Daten frei. Es kommt darauf an, was man da möchte, und natürlich auch darauf, was man auszugeben bereit ist.

ITM: Wie hoch ist die Nachfrage nach Fiori und wie lange dauert die Inbetriebnahme?
Preiß: In meinen Augen ist die Nachfrage wohl noch nicht so hoch, wie vielleicht im Vorfeld erhofft. Das Konfigurieren der Standard-Apps ist nicht das Problem, dafür gibt es genügend Anleitungen im Netz. Hinzu kommt, dass inzwischen jeder Student Javascript beherrscht. Damit sinken die Personal- und Entwicklungskosten im Vergleich zu früher, weil nicht für jede Kleinigkeit ABAP-Spezialisten gebraucht werden.

ITM: Sind Eigenentwicklungen eher die Regel oder die Ausnahme?
Preiß: Ich bin seit 2014 im Fiori-Bereich aktiv und habe bisher noch kein Anwenderunternehmen angetroffen, das sich auf die Standard-Apps beschränkt hätte.
 
ITM: Geraten die Anwender damit nicht doch wieder in das SAP-typische Funktionalitäten-Karussell?
Preiß: Schon. Ein Beispiel: Ich bewege mich häufig in der Retail-Branche. In diesem Umfeld gibt es nur einige Standard-Apps, für den Bereich Finance and Controlling hingegen sind es Tausende. Dies bedeutet, dass der Bedarf an Eigenentwicklungen im Retail-Umfeld wesentlich höher ist. Für einen unserer Kunden haben wir eine App entwickelt, in der wir drei Funktionen bzw. drei isolierte Prozesse aus eigentlich drei Apps in einer App für mobile Endgeräte zusammengefasst haben. Diese Komplexität ist das Gegenteil von dem, wofür Fiori entwickelt wurde. Aber die Unternehmensstrategie des Anwenders ist nun einmal seit Längerem auf Mobilität ausgelegt.

Sobald der Startschuss in eine bestimmte Richtung gegeben wurde, wird auf dem Entwickelten natürlich weiter aufgebaut, weil bereits hierin investiert wurde und Kapazitäten sowie Ressourcen fest eingeplant sind. Circa 2.000 Filialen des besagten Unternehmens wurden bereits mit Smartphones ausgerüstet, die die alten MDE-Geräte ablösten. Hat man sich einmal entschieden, diesen Weg zu gehen, wird er fortgeschritten, um die Investitionen nicht zu verlieren.

ITM: Womit ist entwicklungstechnisch demnächst zu rechnen?
Preiß: Mittelfristig könnte der Plan sein, die SAP GUI komplett durch Fiori zu ersetzen. Nach dem Prinzip, dass wenn etwas für mobile Endgeräte funktioniert, es auch immer für Desktop-Rechner und Laptops funktioniert – dann bräuchte man das SAP GUI nicht mehr zwingend.

ITM: Warum sollten sich Mittelständler mit Fiori beschäftigen?
Preiß: Die Kernfrage lautet, ob man seine Anwendungen über die Cloud beziehen und bedienen möchte – und zwar mit dem Smartphone oder einem PDA und nicht mit speziellen Devices, die 5.000 Euro das Stück kosten und auf irgendeiner Windows-Basis laufen.

In den angesprochenen rund 2.000 Filialen waren zuvor jeweils zwei MDE-Spezialgeräte à 5.000 Euro im Einsatz. Diese Geräte konnten jetzt durch Android-Smartphones für wenige 100 Euro ersetzt werden. Zudem müssen die Mitarbeiter noch nicht einmal geschult werden, denn jeder kennt das Bedienkonzept aus dem privaten Bereich. Dieses Intuitive ist natürlich ein Vorteil, ebenso wie die integrierte Peripherie mit Bluetooth, WLAN oder Kamera.

ITM: Wie berechnet SAP Fiori?
Preiß: Soll ein bereits eingesetztes SAP-System fiori-fähig gemacht werden, kosten die eigentlichen Apps nichts zusätzlich, sondern nur die Lizenzen. Die Apps werden über die SAP-eigene browser-basierte Entwicklungsumgebung „Web IDE“ entwickelt, was den Nachteil hat, dass nicht offline gearbeitet werden kann. Die Web IDE ist aber zu 100 Prozent ein Puzzlestück des Gesamt-Cloud-Angebots. Damit kommen wir zum Lizenzmodell: Wer produktiv Apps entwickeln will, muss zunächst die Cloud-Plattform erwerben und muss dann Pakete für 50, 100 oder 200 User kaufen. Die Lizenzkosten sind also zunächst abhängig von der Anzahl der Nutzer. Dafür bekommt man dann allerdings einiges an Optionen inklusive, z.B. die Virtualisierung der Datenbank oder die Möglichkeit der Hana Cloud Integration (HCI). Man kann diese Zusatzmöglichkeiten auch ablehnen und stattdessen nur fertige Apps nutzen.

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