Intelligenz aus der Wolke

Cloud-basierte BI-Lösungen

Welcher Mittelständler möchte seine Kunden nicht besser verstehen und auf breiter Grundlage bessere Entscheidungen treffen? Business-Intelligence-Lösungen (BI) aus der Cloud sollen dies nun auch kleinen und mittleren Unternehmen ermöglichen – und das ohne hohe Investitionen in hauseigene BI-Infrastrukturen. So lautet zumindest das Versprechen. Doch wie weit ist der Markt wirklich? Und welche Regeln gilt es vor und während der möglichen Nutzung cloud-basierter BI-Lösungen zu beachten?

Eigentlich ist es kaum vorstellbar, dass cloud-basierte BI-Lösungen für den Mittelstand gefragt sein sollen. Kommt doch selbst die Auslagerung unkritischer Geschäftsprozesse und Daten in die Dienstleistungswolken der Anbieter trotz der propagierten Vorteile wie skalierbare Ressourcen, hohe Verfügbarkeit und angepasster Abrechnung nach wie vor im mittelständischen Umfeld nur zaghaft voran. Die Nutzung cloud-basierter Dienste geht weiterhin mit dem Unbehagen einher, die Datenhoheit zu verlieren. Rechtliche Unsicherheit durch das Ende des Safe-Harbor-Abkommens mit den USA, aus denen nun einmal viele Software-Lösungen stammen, tragen aktuell dazu bei.

Doch die Cloud-Anbieter versuchen umtriebig, durch die begriffliche Trennung in Public, Hybrid und Private Cloud sowie durch Sicherheitszertifikate Vertrauen zu gewinnen. Zudem suggerieren sie, durch die Nutzung von neuen Rechenzentren auf europäischem, meist sogar deutschem Boden, Vertrauen durch geografische Nähe. Freilich ist der Standort des RZ im Fall einer juristischen Auseinandersetzung nicht entscheidend, sondern der Stammsitz des Anbieters.

Dr. Marcus Dill, CEO des BI-Beratungshauses Mayato, fasst die Marktlage hinsichtlich BI-Lösungen aus der Cloud denn auch reserviert zusammen: „Es gibt in allen Bereichen von BI durchaus interessante Cloud-Lösungen. Allerdings weisen die meisten doch hier und dort funktionale Einschränkungen gegenüber den On-Premise-Varianten auf. Dies und unverändert die Sorge vor dem Verlust der Hoheit über die eigenen Daten bremst nach wie vor die Bereitschaft vieler Mittelständler, diesen Weg zu beschreiten.“

Daten aus dem Haus geben

Es gibt sicherlich Bereiche, in denen Unternehmen bereit sind, Daten aus dem Haus zu geben: Marketing-Bereiche praktizieren z. B. die Auftragsdatenverarbeitung durch Analytics-Dienstleister. Auf diese Weise benötigen sie weder interne Analysefähigkeiten noch die zumeist teuren Werkzeuge. „Cloud-Angebote können hier die Abwicklung erleichtern, sind heute aber trotzdem eher noch die Ausnahme“, so Marcus Dill.

Naturgemäß sehen die Anbieter die Marktlage dennoch rosig: Andrew Lampitt, Senior Director Cloud Analytics bei Tibco Software, sagt: „Bildlich gesprochen explodiert im Moment der deutsche Cloud-Markt.“ Er schreibt diese Entwicklung auch zum Teil dem neuen Amazon-Rechenzentrum für Amazon Web Service (AWS) in Frankfurt zu. „Wir rechnen damit, dass dieser Trend weiter anhält, denn wir werden sicherlich in Zukunft noch weitere Rechenzentren neben denen in Deutschland und Irland in der Europäischen Union sehen“, so Lampitt.

Auch Thorsten Röscher, Pre-Sales Principal Consultant bei Fico, bestätigt aus der Erfahrung der vergangenen Jahren den Trend, dass grundlegende IT-Systeme wie CRM- oder HR-Systeme ausgelagert werden. „Im Bereich Analytik wird der Weg wohl ein ähnlicher sein“, prognostiziert er.

Sebastian Amtage, geschäftsführender Gesellschafter von B.telligent, findet gar, dass gerade kleine und mittelständische Unternehmen cloud-basierten BI-Lösungen offener gegenüberstehen. „Wir haben erste Projekte initiiert, die eine vollständige BI-Lösung in der Cloud zum Ziel haben. Die meisten Anwendungsfälle liegen dabei in der Verarbeitung von Transaktions- und Logdaten und deren Visualisierung.“

In der Tat können aus der Cloud höchst unterschiedliche BI-Lösungen kommen, von Data Warehousing über Reporting bis hin zu Analysen. Andrew Lampitt bestätigt: „Cloud-basierten BI-Lösungen sind nahezu keine Grenzen gesetzt: Cloud-BI kann in vielen unterschiedlichen Projekten und Unternehmen zum Einsatz kommen. Wir wissen aus eigener Erfahrung beispielsweise, dass technisch orientierte Anwender gern mit unseren Analytics-Lösungen über den AWS-Marktplatz arbeiten.“ Für die stündlichen Angebote über den Marktplatz müssen Anwender allerdings technisch versiert sein, daher führt der Weg meist über SaaS-Angebote der Dienstleister, welche die gesamte Infrastruktur managen. Der Vorteil der Marktplätze sei die Möglichkeit, den Service zunächst temporär zu nutzen und etwa einen US-Dollar pro Stunde zu zahlen. „Gegebenenfalls wird daraus auch schnell einmal ein längeres Projekt bzw. es kommt zu einem ­langfristigen Einsatz der Lösung“, so Andrew Lampitt.

Allerdings sei das Bepreisen von cloud-basierten Lösungen nicht immer selbsterklärend, mahnt Sebastian Amtage, zur Vorsicht, „da meistens nutzungsabhängige Kostenbestandteile darin enthalten sind, deren Abschätzung häufig etwas Erfahrung mit der Lösung voraussetzt“.

Neben dem Vorteil der angepassten Abrechnung sind es die skalierbaren Ressourcen und die hohe Verfügbarkeit, mit der cloud-basierte BI-Lösungen locken: „Cloud-basierte Big-Data-Analytik ermöglicht es auch kleineren Unternehmen, trotz geringer finanzieller und personeller Ressourcen große Datenmengen zu nutzen“, so Thorsten Röscher. „Durch die Verfügbarkeit von cloud-basierter Analytik können davon nun auch kleinere Organisationen profitieren und neue Entscheidungsmodelle für jegliche Art von Anwendungen konzipieren, die auf Analysemodellen und Geschäftsregeln basieren.“

Konkrete Beispiele für die Umsetzung einer cloud-basierten BI-Lösung im deutschen Mittelstand konnte oder wollte aber (noch) niemand nennen. Marcus Dill kennt solche Szenarien bei seinen Kunden auch nur als „Experimente in Randbereichen“. Die Cloud-Software im BI-Kontext spielt ihm zurfolge bisher in der Praxis nur als Datenquelle eine Rolle. Viele Marketingtools beispielsweise sind cloud-basiert, z.B. Newsletter oder Umfrage-Tools sowie Web Analytics.

Daten anreichern

Die Cloud als Datenquelle – hierbei ist ein interessanter Aspekt die Möglichkeit der Anreicherung der eigenen, häufig im Mittelstand nicht exorbitanten Daten mit weiteren, externen Daten. Durch eine breitere Datenbasis erhofft man sich aussagekräftigere Prognosen. Auch völlig neue Aspekte können durch die Anreicherung mit externen Daten analysiert werden. Andrew Lampitt sieht im Anreichern von Daten „eigentlich schon die Regel“. Denn es mache durchaus Sinn, für Auswertungen externe Daten wie Branchenkennzahlen oder demografische Daten einzubeziehen.

In vielen Branchen besteht auch Interesse an der Integration von Wetterdaten, wie sie mittlerweile von verschiedenen Quellen im Internet kostengünstig angeboten werden. „Tatsächlich lassen sich in vielen Fällen Zusammenhänge von Absatz und Wetterbedingungen herleiten“, bestätigt Marcus Dill. Spannend sei auch der Datenaustausch zwischen Unternehmen. „Die Konsumgüterhersteller sind sehr interessiert an möglichst detaillierten Daten aus dem Handel.“

Die Hoffnung, mithilfe teurer Angebote externer Datenanbieter die eigene unvollständige Kundendatenbank zu vervollständigen, erweist sich hingegen in vielen Fällen als trügerisch: „Die Daten haben oft nicht die benötigte Qualität oder sind für die relevanten Fragen nicht nützlich“, warnt Dill. „Investitionen sollten in jedem Fall sehr gründlich vorab durch Pilotanalysen geprüft werden.“

Vor der möglichen Anreicherung der eigenen Daten in der Cloud und der Nutzung cloud-basierter BI-Lösungen überhaupt gilt es, die Weichen in drei wichtigen Bereichen richtig zu stellen.

Erstens sollten die eigenen Daten hinsichtlich des Formats zur Verwendung in cloud-basierten Lösungen vorbereitet werden. Sebastian Amtage erklärt: „Die Daten müssen als Textdateien vorliegen. Das Format ist dabei Nebensache, da die meisten Werkzeuge heute die gängigsten Formate verarbeiten können. Idealerweise liegen die Daten als Delta vor, sodass diese ohne große Abgleichlogik verarbeitet werden können.“

Zweitens ist es unabdingbar, vor dem Weg in die Cloud Compliance- und Datenschutzvorgaben zu beachten: Denn in den meisten Fällen, in denen Daten zum Zweck von Analysen ein Unternehmen verlassen, ist aus Datenschutzgründen eine Anonymisierung erforderlich. Zum Einhalten von Compliance- und Datenschutzvorgaben haben sich über die letzten Jahre eine reichhaltige Methodik und ein breites Set an Werkzeugen entwickelt. Marcus Dill konkretisiert: „Mithilfe von Berechtigungs- und  Anoymisierungskonzepten, Testdaten-Management, Audits und diversen Prüfmechanismen lassen sich BI-Lösungen heutzutage grundsätzlich gesetzeskonform betreiben.“

Tatsächlich sei für immer mehr Unternehmen dieser Aspekt ein normaler Bestandteil aller Aktivitäten. Dill empfindet allerdings die Strafen im Datenschutz immer noch als zu niedrig, „als dass hier eine echte Abschreckungswirkung erzielt wird“. Er appeliert: „Bis zu einer flächendeckenden Berücksichtigung von Compliance und Datenschutz sind Gesetzgeber, Software-Hersteller, Berater, aber vor allem natürlich auch die Entscheider in den Unternehmen selbst gefordert.“

Drittens sollten die Endanwender im eigenen Unternehmen vorbereitet werden. Die Fachabteilungen müssen im sinnvollen Einsatz der BI-Lösungen geschult werden. Die Ressourcen hierfür sind im Mittelstand knapp, daher legt Andrew Lampitt Online-Workshops nahe. „Das ist eine effektive und kostenschonende Art und Weise, BI-Lösungen und ihre umfassenden Funktionen zu verstehen und anzuwenden“, so Lampitt. Auch Marcus Dill sieht noch erheblichen Beratungs- und Schulungsbedarf im Mittelstand. Für einfache interaktive Analysen empfiehlt er den Einsatz von Self-Service BI. „Hier gibt es mittlerweile ganz hervorragende Werkzeuge, für die die IT nicht mehr in großem Umfang benötigt wird. Auch für Self-Service BI sollten jedoch Spielregeln festgelegt und überwacht werden“, so Dill.

Die Prozesse im eigenen Unternehmen zu Beginn eines cloud-basierten BI-Projekts unter die Lupe zu nehmen und die IT-Verantwortlichen früh einzubeziehen, dazu rät auch Sebastian Amtage: „Der Prozess, wie SaaS-Lösungen eingekauft werden, ist in vielen kleineren Unternehmen meiner Erfahrung nach nicht klar definiert. Da häufig die Fachabteilung ohne Unterstützung der IT entscheidet, kommt es später, wenn es um die Integration geht, häufig zu Problemen.“

Eigenmächtige Fachabteilungen sind auch ein Risiko, da auf diesen Wegen Datenschutz und Datensicherheit leider schnell einmal übersehen werden. „Es ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten“, so Sebastian Amtage. „Gezielte Schulung und Sensibilisierung sind der erste Schritt. Im Einzelfall mag es aber noch sinnvoller sein, rechtzeitig einen Experten in den Entscheidungsprozess ein­zu­binden.“ So können böse Überraschungen vermieden werden. Dann kann BI aus der Cloud auch klassischen Mittelständlern helfen, Kunden besser zu verstehen und auf breiter Grundlage sinnvolle Entscheidungen zu ­treffen. 

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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