Unabdingbare Notwendigkeit?

Cloud: Das Vertrauen steigt langsam!

Laut Dr. Martin Wunderli, CTO bei der Trivadis AG, ist Cloud Computing mittlerweile in Unternehmen jeder Größenordnung vertreten. Es gebe nur noch wenige, die komplett auf die Vorteile verzichten würden.

Dr. Martin Wunderli, CTO bei der Trivadis AG

„Beim richtigen Einsatz überwiegen die Vorteile der Cloud-Nutzung bei weitem alle Risiken“, ist sich Dr. Martin Wunderli, CTO bei der Trivadis AG, sicher.

ITM: Herr Dr. Wunderli, wie viel Vertrauen schenkt der Mittelstand anno 2019 dem Cloud Computing?
Dr. Martin Wunderli:
Das Vertrauen steigt langsam, aber sicher in dem Maße, wie Cloud-Services für Unternehmen zu einer unabdingbaren Notwendigkeit werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Public-Cloud-Anbieter verfügen über Angebote, die ein Unternehmen selbst oft gar nicht mehr darstellen kann. Tools und Anwendungen für IoT, KI, Big Data sind viel einfacher und kostengünstiger als Services zu beziehen, als sie selbst zu entwickeln, einzurichten, zu betreiben und zu warten. Auch skeptische Unternehmen sehen deshalb mittlerweile ein, dass die Cloud mehr Vorteile als Nachteile bietet.

ITM: Inwieweit hat sich hier die Einstellung der Unternehmer zu Cloud Computing in den letzten zwei, drei Jahren gewandelt?
Wunderli:
Cloud Computing ist mittlerweile in Unternehmen jeder Größenordnung vertreten. Es gibt nur noch wenige, die komplett auf die Vorteile verzichten. Zu bedeutend sind mittlerweile Anwendungsszenarien, die vor allem durch Projekte der digitalen Transformation bestimmt sind, die ohne Cloud und entsprechende Services undenkbar wären. Dazu zählen IoT-Projekte, aber auch Big-Data- und Analytics-Anwendungen. Neu hinzu kommen KI-Projekte, die mittlerweile auch in vielen Unternehmen direkt oder indirekt Einzug halten, sei es über Service-Bots oder Machine-Learning-Anwendungen. Selbst in Unternehmen, die aus Sicherheitsgründen Netze abgeschottet vom Internet und der Außenwelt betreiben, finden sich mittlerweile einzelne Geschäftsbereiche, die Cloud-Services beziehen, etwa in weniger sicherheitsrelevanten Bereichen wie Vertrieb oder Marketing. Das zeigt, dass sich der Cloud-Einsatz von einem IT-Angebot hin zu einer Business-Anforderung nach bestimmten Anwendungen oder Services wandelt.

ITM: Welche konkreten Chancen und auch Risiken sehen die Anwender in Cloud-Lösungen?
Wunderli:
Unternehmen erreichen, dass Spielräume frei werden, um sich mit Anwendungen und Services zu beschäftigen, die der Weiterentwicklung des Kerngeschäfts und Innovationen zu Gute kommen. Rein auf die Kostensenkungen zu spekulieren, erscheint in vielen Fällen kurzfristig gedacht, zumal die Kosteneinsparungen nicht immer so deutlich ausfallen, wie erhofft. Zu den Risiken, die man fürchtet, gehören neben Sicherheitsbedenken auch die Angst vor der Abhängigkeit von einem Cloud-Provider. In punkto Sicherheit entpuppen sich viele Ängste oft als irrational, vor allem weil mit den Security-Resourcen der Cloud-Anbieter einerseits und mit modernen Identity- und Access-Management-Lösungen andererseits allen Aspekten der Datensicherheit und des Datenschutzes Rechnung getragen werden kann. Insbesondere Multi-Cloud-Lösungen bieten sich an, um die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter zu reduzieren.

ITM: Welche Cloud-Variante ist für Mittelständler besonders sinnvoll und woran wird das festgemacht: Private Cloud, Public Cloud, Hybrid-Cloud, Multi-Cloud...?
Wunderli:
Wir sehen ganz klar den Trend zu Multi-Cloud-Umgebungen. Selten sind Unternehmen so einfach strukturiert, dass nur ein einziger Cloud-Anbieter alle Bedürfnisse abdeckt. Die Anforderungen verschiedener Abteilungen sind unterschiedlich: Vielfach sind Services erforderlich, die nur aus verschiedenen Public Clouds zu beziehen sind, man denke an die vielen Services, die Microsoft Azure, Google Cloud, Amazon Web Services etc. bereithalten, etwa für IoT, KI und Big Data. Für die Hybrid-Cloud spricht, dass manchmal immer noch Sicherheits- oder Verfügbarkeitsaspekte ins Spiel kommen, die nur mit einer Private-Cloud-Lösung abgedeckt werden können. Für das Management komplexer Cloud-Umgebungen sowie die Orchestrierung und Integration verschiedener Services werden Unternehmen künftig verstärkt auf die Expertise externer Partner zugreifen.

ITM: Worauf sollten Anwender bei der entsprechenden Vertragsgestaltung achten?
Wunderli:
Wir empfehlen Unternehmen jeder Größenordnung, auf jeden Fall eine Cloud Governance einzuführen; wir sehen darin einen neuen Aufgabenbereich der internen IT-Abteilung oder eines Cloud-Integrators oder Cloud-Managers. Er/sie muss dafür sorgen, dass die Cloud-Nutzung im Unternehmen gemäß Gesetzen, Vorschriften und Regeln stattfindet und auch den internen und branchenüblichen Compliance-Standards genügt. Diese sind von Branche zu Branche, von Unternehmen zu Unternehmen und von Land zu Land sehr unterschiedlich, darum kann man keine allgemeingültige Aussage treffen. Ein maßgeschneiderte Cloud-Policy ist also erforderlich sowie ein zentrales Subscription- und Kosten-Management, um die Transparenz und Verrechnung nach dem Verursacherprinzip jederzeit sicherzustellen. Generell gilt es natürlich, Themen wie Verfügbarkeit, Datensicherheit und Datenschutz, Latenzzeiten und die Möglichkeit des schnellen Umzugs zu einem anderen Cloud-Provider festzuschreiben.

ITM: Wie kann man als Anwender sicher sein, dass auch wirklich keine Unternehmensdaten beim vorherigen Anbieter verbleiben? Wie lässt sich das überprüfen?
Wunderli:
Seriöse Cloud-Provider als Vertragspartner werden sich an die Klauseln und Vereinbarungen halten, die bei der Auflösung eines Vertrages wirksam werden. Falls nämlich herauskommt, dass doch noch Daten „übriggeblieben sind“ und schlimmstenfalls auch der externe Zugriff darauf möglich ist, droht ihnen, neben rechtlichen Konsequenzen, ein erheblicher Reputationsschaden. Denn das Thema Datenschutz ist in Zeiten der EU-DSGVO sehr ernst zu nehmen.

ITM: Wie wirkt sich der Brexit auf die Cloud-Nutzung in Europa aus?
Wunderli:
In den Anfangstagen der Cloud vor knapp 20 Jahren spielte das United Kingdom als Standort von Rechenzentren noch eine Rolle, als die ersten Cloud-Provider im großen Stil von den USA nach Europa drängten. Ohne das United Kingdom kommt den EU-Ländern als Cloud-Standort noch mehr Bedeutung zu, da nur sie einen gemeinsamen Rechtsrahmen gewährleisten können. Unternehmen aus der EU werden es sich sehr genau überlegen, ob sie den formalen Aufwand auf sich nehmen, Daten in einem Nicht-EU-Land zu speichern. Die Diskussionen um das Safe-Harbour-Abkommen mit den USA zeigen, welchen Aufwand bilaterale Abkommen, etwa in punkto DSGVO, bedeuten. Wir gehen davon aus, dass das United Kingdom als Cloud-Standort für Unternehmen aus der EU uninteressant wird. Wir sind gespannt, ob die Nachfrage groß genug ist und wie lange es dauert, dass Rechtsrahmen wie mit den USA oder der Schweiz auch mit dem United Kingdom geschaffen werden. Denkbar ist, dass dieser spezielle Bereich ökonomisch so uninteressant ist, dass es zu gar keiner Vereinbarung kommt, so dass das United Kingdom als Cloud-Standort für Unternehmen aus EU-Ländern praktisch nicht mehr in Frage kommt.

ITM: Was raten Sie mittelständischen Anwendern, die sich anno 2019 für die Cloud entscheiden? Welche Strategie sollten sie fahren?
Wunderli:
Beim richtigen Einsatz überwiegen die Vorteile der Cloud-Nutzung bei weitem alle Risiken. Oder besser gesagt: Wenn man die Risiken absehen kann, kann man sich bei der Planung der Cloud-Nutzung darauf einstellen und sie weitgehend ausschließen oder zumindest extrem minimieren. Unternehmen sollten sich einen erfahrenen Berater und Dienstleister an die Seite holen, der gemeinsam mit ihnen auslotet, wo das Potential der Cloud steckt und wie es optimal ausgenutzt werden kann. Insbesondere Governance-Konzepte, die die Cloud-Nutzung in Unternehmen regeln und damit den Einsatz von Cloud-Services sicher, effizient und kostentransparent gestalten, müssen geschaffen werden. Unternehmen sollten sich nicht auf eine Cloud-Variante einschränken, sondern Multi-Cloud-Konzepte von vorneherein miteinbeziehen. Im Vordergrund sollten aber immer die Services stehen. Wer Infrastruktur oder spezielle Plattformen nicht benötigt, sollte nur in Services denken und den Rest dem Provider überlassen. Micro-Services und Serverless Computing (Stichwort: FaaS, Function as a Service) bieten interessante Entwicklungspfade, sofern man SaaS nicht nutzen kann oder will. Sie schöpfen die Potentiale von Cloud Computing, wie Skalierung und zentrales Management, so richtig aus.

Bildquelle: Trivadis

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